Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 576 (14.7.1936)
- Date
- 1936-07-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 10 Groschen Dienstag/ den 14« Juli 1036 10* Jahrgang Nr« 576 V« b« fc* Zeitung vom Verleger veraendet „Journal expedle par l'editeur44 E V U E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.60, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monaülch Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 1*^'™$$« jährig Dinar 40.—; Rumänien monaUlch Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Dentschland monatlich Mark 1.—. vierteU&brl« Mark 3.—; Bnlgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monaUlch Lire 6.—. vierteljahrig Lire 14.—i Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.60, vierteljährig Schweizer Francs i.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u.Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, Tel. A-20-2-78 - Erseheint Dienstag u.Freitag ORBIS S POLEN Abfahrt: Jeden Sonntag Anmeldungen: Poin. Reisebüro „O R BIS" I. KärntnerstraQe 41, R-si-s-78 Oesierreichisches Verkehrs-Büro I. Friedrichstrane 7. B.S7-500, i. Graben 20, U-m-o.jj Schweizer Stimmungen um Zu unserem Bericht über den kommenden Prozeß David Frankfurter („Neue Welt" vom 19. Juni 1936) erhalten wir folgenden Bericht aus Genf: Die Schrift des Reichsdeutschen Wolfgang Dierwege „Der Fall Gustloff" hat in der Schweiz einen niederschmetternden Eindruck gemacht. Am tiefsten empört hat die zynische Erklärung des Autors, daß „Gustloff mit seinen Nationalsozialisten der Garant für den Frieden in der Schweiz gewesen" sei. Die „Basler Nachrichten", welche von einem Mitglied der schweizerischen Völkerbunddelegation redigiert werden, haben in einem Artikel DJp^ege und das deutsche Propagandaministerium wegen" seiner unerhörten Stellungnahme in Sachen Frankfurter angegriffen. Andere Schweizer Blätter, wie „Gazette de Lausanne" und „La Libert^'* bezeichnen die öchrflT'^er Fall. Gustloff*'als „die gemeinste Schmähschrift gegen die Schweiz"; „La Travaille", das sozialistische Organ, schreibt: „Nein, Herr Dierwege und Genossen! Das Urteil in Sachen Frankfurter wird nicht so ausfallen, wie Sie es wünschen. Tausende Menschen, am Schicksal des Attentäters teilnehmend und im Notfall auch zu aktiver Beihilfe entschlossen, die eine tiefe Verachtung für das Regime haben, welchem Sie dienen, verlangen von den Graubündener Richtern (im Kanton Graubünden wird der Frankfurter-Prozeß stattfinden. Anm. d. Red.) einen Freispruch, eine offene Demonstration der Demokratie, üie sich gegen die nazistische Verseuchung wehren will." Das ist die Meinung der sozialistischen Kreise, welche in der Schweiz eine gewisse gesellschaftliche Rolle spielen. Die Demokraten gehen in dieser Sache mit der Linken konform, die Liberalen erwarten eine unbeeinflußte Entscheidung. Auf der anderen Seite sind Bemühungen von nationalsozialistischer Seite im Zuge, gegen Frankfurter Stimmung zu machen und ein hartes Urteil iala gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Diese Bemühungen Stammen nicht bloß vom Propagandaministerium Goebbels', sondern auch von der Wilhelmstraße in Berlin. Der deutsche Gesandte in der Schweiz hatte schon mehrere Unterredungen in Sachen Frankfurter mit dem Leiter des schweizerischen politischen Departements, Motta. Die Nationalsozialisten wissen ganz gut, daß ein Freispruch Frankfurters eine unerhörte Blamage, ja Kompromittierung des Hakenkreuzes wäre; daher ihre hemmungslose Propaganda, die sich nicht nur gegen die Linke richtet, sondern iauch gegen die Liberalen und Demokraten, welche im Kampfe gegen den deutschen Nationalsozialismus einen Kampf für die ewigen Menschenrechte sehen. Neue Bfufopfev Aus Jerusalem: Unweit der Straße Jerusalem- Jaffa beschossen arabische Terroristen aus dem Hinterhalt sechs Juden, die von der Arbeit aus einem Steinbruch [heimkehrten. Alle sechs Juden wurden von Kugeln getroffen. Em Jude wurde g e tötet, einer lebensgefährlich, yier. leichter, aber immerhin erheblich verletzt. (J. T. A.); Der 25jährige Elijahu Said wurde heute am 7, Juli Üurch einen aus einer Plantage zwischen Neveshaanan (und dem Hatikwa«Viertel in Tel-Aviv gefeuerten-Pistolenschuß getötet. Eine Durchsuchung der Plantage durch Polizei und Militär blieb erfolglos. Said hinterläßt eine Frau und ein Kind, (Palcor.), Billige und bequeme IRUT-Sonderreisen nach Polen ti. Czemowitz am 19. und 26. Juli 1936 „IRUT", Wien I, Karlsplatz 1. Telephon U-44-5-79 Wien—Berlin und die Juden Nach drei schweren Jahren, innerhalb welcher Oesterreich gegen innen und außen um seine Selbständigkeit kämpfte, ist nun endlich ein Schritt getan worden, der den bisherigen Spannungen zwischen dem Bundesstaat Oesterreich und Deutschland ein Ende machen soll. Die Regierungschefs der beiden Länder haben ein Friedensabkommen getroffen: das Deutsche Reich erklärt, daß es nicht den Willen und die Absicht habe, sich in die inneren Verhältnisse Oesterreichs einzumischen, Oesterreich etwa zu annektieren oder anzuschließen. Deutschland verspricht, Oesterreichs Souveränität nicht anzutasten. Durch diese Verpflichtung werden die politischen Beziehungen normalisiert, die Wirtschaftsbeziehungen ausgebaut und gewisse, bisher bestandene gegenseitige Beschränkungen aufgehoben werden. Die alten Konflikte werden liquidiert, das Anschlußproblem verschwindet aus der internationalen Debatte. Der Grundsatz der Nichteinmischung wird strengstens angewendet werden. Sowohl innenpolitisch als auch außenpolitisch vermag das österreichisch-deutsche Abkommen dem Frieden zu dienen. Da wir jede Aktion, die der Befriedung dient, aufrichtig begrüßen, können wir auch die jüngste politische Aktion mit Genugtuung aufnehmen. Aber wir dürfen hiebei nicht vergessen, daß das Abkommen von zwei Staaten getroffen wurde, von denen der eine, Oesterreich, seinen jüdischen Untertanen volle Gleichberechtigung verbürgt, der andere, Deutschland, die Juden diffamiert und entrechtet. Deswegen haben wir das Recht, die Auswirkungen des Befriedungspaktes mit Besorgnis zu betrachten. Der Bundeskommissär Oberst A d a m erklärte in seiner Erläuterung zum Abkommen: „Das Abkommen verändert keinen Strich an d er Mai verf a s sung de s Jahr e s 193 4," d. i. an der österreichischen Bundesverfassung, die keinen Unterschied des Glaubens, der Sprache, der Abstammung kennt; aber es gibt außerhalb des Gesetzes Möglichkeiten, die jüdische Gleichberechtigung zu untergraben, den jüdischen Staatsbürger in seiner i materiellen und moralischen Existenz zu treffen. Das deutsche Judenschicksal mahnt uns daran, die p r a tischen Auswirkungen des Friedensabkommens in bezug auf die jüdische Frage aufs schärfst« zu beobachten. Was Oesterreich anlangt, wird es ohne Zweifel alle Verpflichtungen aus dem Abkommen loyal erfüllen — allerdings als christlicher, auf ständischer Grundlage aufgebauter Staat, ohne die Verpflichtungen gegenüber den anderen Staaten zu vernachlässigen. Es wird mit Takt und mit Strenge jeden Versuch nationalsozialistischer Infiltrierung abzuwehren haben und darum insbesondere dem angekündigten Einströmen reichsdeutscher Druckerzeugnisse (Bücher und Zeitungen) sein Augenmerk zu* wenden. Denn Kulturaustausch bedeutet nicht wahllose Uebernahme reichsdeutschen Schrifttums und reichsdeutscher Filme, gar etwa Literatur ä la Streichers „Stürmer". Es gilt, die literarischen und filmischen Werke zurückzuweisen, die in harmloser Aufmachung der antisemitischen Propaganda dienen und damit gerade dem Gegenteil dessen gewidmet sind, was durch das Abkommen angestrebt wurde, nämlich der Verhetzung. In der Stunde, wo eine Annäherung Oesterreichs an das Dritte Reich sich vollzogen hat, ist es unsere wichtigste Aufgabe, der Wahrung unserer Rechte als Staatsbürger und als nationale Minderheit volle Aufmerksamkeit zuzuwenden. An Versuchen unbefugter Faktoren, den reichsdeutschen Tendenzen in Oesterreich Widerhall zu verschaffen, wird es vielleicht nicht fehlen. Darum gibt es nur eine Möglichkeit, etwaige Gefahren zu bannen: Zusammenschluß aller Juden, denen ihre nationale Ehre und Würde am Herzen liegt; eine geschlossene jüdische Front, die den Mut hat, den Dingen in die Augen zu sehen; Mobilisierung aller Kräfte zum Schutz der jüdischen Existenz, der jüdischen Gleichberechtigung, der jüdischen Zukunft« o. r, j' Keine Einstellung der jüdischen Einwanderung Aus London wird gemeldet: Im Zusammenhang mit der Meldung des „Daily Herald" betreffs bevorstehender Einstellung der jüdischen Einwanderung nach Palästina (wir bringen diese Meldung an einer anderen Steile des heutigen Blattes. Anmerk. d. Red.) hat die J. T. A. von autoritativer Stelle im Kolonialamt erfahren, daß die Meldung der genannten Londoner Zeitung vollständig unrichtig und grundlos ist. Die J. T. A. wurde dahin informiert, daß die Regierung keinen Beschluß in dem angeführten Sinne gefaßt habe. Lohn für vierzig Ermordete? Durch die Weltpresse geht seit einiger Zelt eine Nachricht, die sich auf die Liquidierung der arabischen Revolte bezieht und darin gipfelt, daß die englische Regierung entschlossen sei, eine Schwenkung in ihrer Haltung bei Beurteilung der Lage in Palästina zu vollziehen, was übrigens in der jüngsten Stellungnahme gewisser Blätter zum Ausdruck kommt; sogar eine Zeitung wie die „Time s", die für eine unentwegt feste Haltung gegenüber den arabischen Forderungen eintrat, findet nun, daß die Zionisten allzu „übereilig" seien und daß das Tempo der jüdischen Einwanderung zu schnell sei. Damit in Zusammenhang steht die zweite Tatsache, daß man der von Jamal Hussein! geführten inoffiziellen palästinensisch-arabischen Delegation in London, der man anfangs keine offizielle Beachtung hat schenken wollen, später dennoch Gelegenheit gab, nicht nur mit Mitgliedern der Regierung zu sprechen, sondern auch die parlamentarischen Kreise, die Presse und die öff&nU liehe Meinung zu beeinflussen. Als drittes Moment kommt hinzu, daß der arabische Generalstreik in Palästina, von dem die britische Regierung zugestandenermaßen wußte, daß er bereits im Zusammenbrechen sei, plötzlich wieder aufflackern, ja kulminieren konnte, was darauf schließen läßt, daß es den Arabern darum zu tun sei, mit dieser neuen Kraftanstrengung eine politische Konjunktur auszunützen. Schließlich geben die ungewohnt pessimistischen Aeußerungen des Kolonienministers Ormsby-Gore in der letzten Sitzung des Unterhauses,, daß die erwartete Besserung der Lage in Palästina nicht eingetreten sei, zu denken. Freitag, 10. Juli, stellt sich , der Jerusalemer Berichterstatter des Londoner Zentralorgans der Labour Party, „Daily H e r a 1 d", mit einer Sensationsmeldung ein, die ein gewisses Licht auf die vorerwähnten Umstände wirft. Der Korrespondent teilt mit, daß die Führer der palästinensischen Araber aus London einen Wink aus britischen Regierungskreisen erhielten, wonach die britische Regierung bereit sei, die Einwanderung von Juden nach Palästina für solange einzustellen, als die königliche Untersuchung^ kommission die Ergebnisse ihrer Untersuchungen nicht bekanntgegeben bat. Es ist wahrscheinlich, daß die Kommission ihre Arbeiten im September beginnen wird. Der „Daily-Herald"-Korrespondent meldet weiter, daß die arabischen Führer entsprechend diesem Wink den Streik und die Terroraktion beenden werden. Die Freunde des jüdischen Palästina-Werkes weisem darauf hin, daß eine wenn auch nur vorübergehende Enw Stellung der jüdischen Palästina-Einwanderung in ekla« tantem Widerspruch mit den wiederholten ErWärungetf