Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 574 (7.7.1936)
- Date
- 1936-07-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 10 Groschen Dienstag/ den 7« fulf 1930 IC 45HfSai1« Nr« 574 V. b+ b* Zeitung: vom Verleger versende« „Journal exp6dl6 par l'fidlteux4* REVUE HJ5IJAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig ö 4.—. ganzjährig S 16.—j Polen monatlich Zloty l.Bp. vierteljährig Zloty 4.50: TscheetaoslowakM monaüich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar %^ Herteljährig Dinar 40.—{ Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—: Deutschland monatlich M»«* l;--. vierteljährig Mark 3.—: Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweis und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.60. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion U.Verwaltung: lXtUnwersitä1sstr.8,7el.A-20-2-78 - Erscheint Dienstag u.Freitag Oberrab* Dr/Feuditwang Vst Die Judenheit Wiens hat ihren Führer, ihr religiöses Oberhaupt verloren. Der Oberrabbiner Dr. David F eu ch twang ist ihr Sonntag, den 5. Juli, entrissen worden, ihr und allen, denen er ein Symbol strenger Gläubigkeit, edlen Menschentums und geistiger - Kraft gewesen .ist Als NacMolge^ap.großen P. Z.. Chajes s. A. hatte der Verblichene keinen leichten Stand. Denn nichts war natürlicher, als daß Vergleiche gebogen, Erinnerungen ans Licht gebracht, Parallelen versucht .^wurden. Doktor- Feuchtwang hat diese Froben glänzend bestanden. In den Wenigen Jahren, die ihm vergönnt waren, die "Wiener Judenheit zu führen, hat er sich so außerordentlich bewährt, daß er zweifellos in die Reihe der großen österreichischen Rabbiner gestellt werden wird. Dabei darf man nicht vergessen; daß er seines Amtes gerade in einer Zeit waltete, wo die Judennot in aller Welt in unheimlich raschem Tempo anschwoll, wo versucht wurde, jüdische Ehre und Würde .in den Kot zu zerren, Judentum physisch und moralisch zu vernichten — in der Galuth und in Erez Israel. Gerade in solch schwerer Zeit war ein Marin wie Dr. Feuchtwang notwendig. Seine Worte, von der Kanzel herab gesprochen, gälten den Idea2en seiner jüdischen Gemeinschaft;' sie gälten-.'aber .auch den Sorgen des Alltags, den kulturellen, geistigen und in; einem höheren, humaneren, Sinne auch politischen Bedürfnissen der Menschen, die sich seiner sittlich-religiösen Führung anvertrauten; Der Gelehrte Dr. Feuchtwang war ein bedeutender Mensch,- der Mensch ein tapferer-Kämpfer für jüdisches Recht, der Kanzelredner, ein Bekenner: die Verschmelzung von. Tradition mit den . Notwendigkeiten des heutigen Volkstums, kurzum das national jüdische Gefühl im Sinne Theodor Herzls, P. Z. Chajes', Ch. N. Bialiks war ihm Selbstverständlichkeit. So geht sein Name ein in" das Buch der Großen in Israel — unvergessen von allen, die das: Glück hatten, ihm zu begegnen. ' Eine Reihe wertvoller Schriften hat Dr. Feuchtwang zum Verfasser, darunter „Zur Aufklärung über. Bibel und Babel", „Der Tierkreis", Studium zum Buph „Ruth". Nicht minder bedeutend war der Verblichene als Erneuerer des hebräischen Unterrichts, als Förderer des jüdischen, Schulwerks, als religiöser Erzieher-der Jugend, . . .*. Dr. Feuchtwang wurde 1864 in Nikolsburg (Mähren) als Sohn eines Rabbiners geboren, besuchte die Universitäten Wien und Berlin und wurde 1903 von Nikolsburg nach Wien berufen, wo er von 1927 ab mit der Stellvertretung eines Oberrabbiners betraut, 1933 zum Qb'erräbbiner ernannt wurde. Er hinterläßt eine Frau, mehrere Kinder, von denen ein Sohn' und eine Tochter In Palästina leben. * Die Leiche wurde Sonntag nachts in die Stadt-, Wohnung (Wipplingerstraße) überführt und Montag, den 6. d., im Stadttempel aufgebahrt. Die Leichenfeier. findet Dienstag, den 7. Juli, 9 Uhr vormittags, I., Seitenatettengasse 4, die Beerdigung um 11 Uhr vormittags am Zentralfriedhof ' (I. Tor, EhrengraJb) statt. Zwei Demonstrationen Ein Jude und ein Antisemit vor dem Völkerbund Die Vorwoche war für den Völkerbund keine glückliche. Er hatte, nach schwerer diplomatischer Niederlage im Abessinien-Konflikt, die Aktion gegen das siegreiche Italien zu liquidieren. Diese Sache überkam ihn nicht unerwartet. Aber er mußte überdies zwei tiefbeschämende Vorfälle über sich ergehen lassen, die nicht auf der Tagesordnung standen. Die Demonstrationen des Juden Lux und des Antisemiten Greiser. Der jüdische Zeitungsschreiber aus Prag hat sich während der Tagung des Völkerbundrates im Sitzungssaal eine Kugel in die Brust gejagt. Der Grund: Er hat es einfach nicht mehr ertragen, daß der Völkerbund stumm und taub dasitzt, während Hitler-Deutschland einen entsetzlichen, aller menschlichen Hemmungen baren Austilgungskrieg gegen wehrlose Juden führt. Er fand keinen anderen Ausweg mehr und glaubte, hur frisches strömendes Judenblut könne die entsetzliche Starrheit lösen, in welcher der Völkerbund gefallen ist.. Den Aerzten sagte er. zwischen letzten Atemzügen: „Laßt mich sterben! Ich muß sterben,/sonst hat meine Tat keinen Sinn gehabt!" Und einen Brief hat er hinterlassen, worin er erklärte, er sterbeJnicht für die Juden, sondern :für; die Welt, welche vom „Naziregime moralisch vergast';üritT in" 'ein neuesTeurbpäisches Blutbad getrieben wird ..." Kaum war das Judenblut von den Fliesen; im Völkerbündsaal weggewischt, da betrat gespornt und gestiefelt ein wehrhafter Hakenkreuz-Antisemit, der Danziger Senatspräsident und Beauftragte Hitlers, den Raum. Eine lebendige Illustration der Worte, die der, sterbende Jude gesagt hat, als er vom deutschen Hakenkreuz sprach. Auch Greiser hat vor dem Völkerbund demonstriert. Aber anders als der Jude, Er hat auf den Tisch gedroschen, dem Rat seine Verachtung ins Gesicht gespien und getan, was Jungen auf der Gasse tun, wenn sie einen Greis verhöhnen. Er hat der Ratsversammlung eine lange Nase gedreht« ORBIS? POLEN Abfahrt: Jeden Sonntag Anmeldungen: Poln. Reisebüro „ORBIS" l. KärntnerstraOe 41, R-n-iort Oesterreichisches Verkehrs-Büro I. FiiadrlehstraOe 7, B.S7-500,!. Graben 20, U.S9.0-3I Was ist dann geschehen? Nichts! Das Blut des Juden haben die Herren von der Scheuerfrau abwaschen lassen, und was ihnen der Antisemit ins Gesicht gespien hat, haben sie selbst weggetupft. * - So sehr ist der Völkerbund in Schwäche verfallen. Manche meinen, er sei nicht mehr zu retten, andere sägen,4es.;stünde nicht;d'afü^:,.ihn\:zu.;'rett^::' Aber die so meinen und so sagen, vergessen, was der Völkerbund bisher geleistet hat und wohin die; Welt gelangt wäre, wenn es in den Jahren nach dem großen Krieg keinen Völkerbund gegeben hätte. Der Völkerbund muß sein, denn naph ihm kommt ein blutiges Chaos. r.- St»;. Die §dit6M der PaBä§tina*üegierung 4 "• Die in Palästina lebenden Mitglieder des Zionistischen Aktionskomitees haben eine zusammenfassende Schilderung der Vorgänge in. Palästina herausgegeben, in welcher es u. a. heißt: Der in Palästina durchgeführte „arabische Streik" ist aus nationaler Feindschaft geboren;und bezweckt nationale Unterdrückung. Er ist hervorgegangen aus blutigen Ueberfallen auf Menschen, die friedlich ihrer Arbeit und ihren Geschäften nachgehen; und ist durch Handlungen von Nötigung, Einschüchterung und Rache jenen Arabern aufgezwungen worden, die Frieden und die Fortsetzung ihrer Arbeit und ihrer Geschäfte wollen; Er hat fliegende Verbrecher banden großgezogen, die mit Mord und Feuer vorgehen. - Gegen den den jüdischen Bürgern angesagten Vernichtungskrieg, gegen die Entfachung eines Rassen- und Religionshasses bis zum Massen Wahnsinn, der jedes menschliche Gesetz zerstört und jede staatliche Ordnung vernichte*, hat die Regierung keine Mittel ergriffen, die das Uebel an der Wurzel packen. Schwäche, Zögern und Schwanken haben das Land in den heutigen wilden Zustand gebracht. Von all den Jaffaer Mördern, die ihr Werk Öffentlich, in der Nähe der Polizeistation und öffentlicher Dienststellen, verrichtet haben, wurde bisher nur einer verurteilt, Die Mehrheit der Schuldigen, die Menschen umgebracht und Pflanzungen zerstört haben, wurden bisher.nicht vor Gericht gezogen, und die Polizei hat ihre Spuren nicht gefunden. Auf die Forderungeil dier Angegriffenen nach Schutz hat man unzureichend und mit einer Verzögerung von Tagen und Wochen geantwortet. Die Schwäche der Behörden hat den Organisatoren der Greuel Mut und Zeit gegeben, sich der Herrschaft Uber die Massen zu bemächtigen. Die Regierung hat die effektiven Mittel der Aufklärung — Radio, Proklamationen und Presse — vernachlässigt und nichts getan, um die Massen aus den Iiiauen der Verhetzung und des Wahnsinns. zu befreien. „- Infolge der ständigen Benachteiligung -der Juden be.i den staatlichen und städtischen Arbeiten, in den Häfen, bei der Eisenbahn, im Beamtentum, im Gerichtswesen, in der Polizei und im Grenzkorps verlor der staatliche Apparat die Möglichkeit, in diesen Tagen entsprechend zu arbeiten. Wenn der angegriffene Teil einer Bevölkerung nicht in ausreichendem Umfang an den Polizei-'und Sicherheitskräften des Landes .'und den lebenswichtigen. öffentlichen Diensten beteiligt. ist, hat der staatliche Apparat nicht die Möglichkeit, in Not«. Zeiten schleunige Hilfe zu bringen und Unglück zur.•rechten Zeit zu verhüten. Bis zum heutigen Tage ist die Regierung den Bewohnern der Städte und Dörfer, denen Besitz und-die Frucht ihrer Mühe durch Verbrecherhände-v.ernichtet worden ist, nicht zu Hilfe gekommen, ja, sie hat nicht einmal den Familien Hilfe gewahrt, deren Ernährer ermordet oder zu Krüppeln geworden sind. Keine zivilisierte Behörde gibt Menschen der Arbeit .und der Wirtschaft preis, die durch Naturgewalten oder Unruhen im Staate zu Schaden gekommen sind. Um wieviel weniger ist eine Regierung, welche Zerstörung von Menschenleben undVemichtung der Früchte jahrelanger Arbelt nicht verhindert hat, berechtigt, sich ihrer Verpflichtung gegenüber den Opfern der Unruhen zu entziehen. Die Weigerung der Regierung, sich mit dieser Frage sofort zu befassen, muß als eine Hartherzigkeit gegenüber dem Schicksal der geschädigten jüdischen Wirtschaft, als ein Mangel an wirklicher Sympathie für die angegriffenen Menschen der Arbeit und des Friedens angesehen werden. , , Die 65 Tage der Unruhen haben die Größe der Standhaftigkeit des Jischuw bewiesen. Er besitzt die Kraft, im Kampfe auszuhalten. Der Streik hat seine Wirtschaft nicht erschüttert. Gerade die Tage der Not haben die Anstrengungen gefördert, die Landesproduktion zu entwickeln, die jüdische Arbeit zu stärken, den f treffen sich im I bekannten?W Restaurant II, Hammer-Purgstallgasse 7 (Mähe DianabadJ Vorzügliche, abwechslungsreiche Mittag, und Abend-Menüs, schon ab S 1.60, Speisen ä la carte und alle orientalische Spezialitäten am Rost und SpieB. Telephon A-45-5-42