Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 573 (3.7.1936)
- Date
- 1936-07-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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x-rr. 573 vom 3. Juli 193« DIE NEUE WELT Seite 9 fokat fttecnfetd himis Ulmtote: Die chassidlsche Bewegung als tchte religiöse Bewegung will den Mensche», dahinbringen, „ans der Kraft des Geheimnisses" zu leben; sie will ihm die Möglichkeit geben, Gott zu begegnen. Ewige Wahrheit Söll Ihn begleiten. Aus dieser Aufgabe entstehen die schwersten Konflikte in der Seele des Chassld, der sich für das Schicksal Gottes in der Welt verantwortlich fühlt. Gott ist schön. Du sollst ihm In Schönheit dienen — durch Tanz und Gesang — nach außen, durch Gerechtigkeit und Verantwortung nach innen. (Eine uralte Idee im Judentum.) Was du tust, ist vielfach der menStihtictien Erfahrung entrückt, nur d&r Ahnung zugänglich. T)as Gewöhnliche deines Brdenwaileils heißt Zeit, das Außergewöhnliche heißt Ewigkeit Du wirst in die Ewigkeit schreiten. Du, Kabbaiist, wirst erkennen, daß Gott sich zur Weit einschränkte, „weil er erkannt, geliebt werden wollte'*. Gott erkennen, heißt schon ihm dienen, Der Jünger der Kabbala liebt Gott, auch der Unvollkommenste und Mangelhafteste hat das Recht, Gott hu Heben. Ein Lichtglanz ist von Gott in die Finsternis gesunken und macht das Grobsinnliche, irdische, Tägliche schön. Die Ghassidim singen, tanzen, beten, ahnen, lieben Gott. Und schließlich noch etwas: Das Schicksal Gottes erfüllt sich (nach der chassldisöhen Lehre) in unserer Welt, und unsere Welt ist die Welt des Mensohen. Daher das Irdische in der chassidischen Legende „Jos che Katb", f>e? böse frieb Boll nicht ertötet werden, man soll Gott Mit Ihin dienen. „Josche Kalb" ist voll von Leidenschaften, bösen, tierischen, rohen. Und doch kann mttn durch die Schate der Leidenschaft zum Kern der Frucht, zu Gott, kommen. # Nuchem verliert sich in seiner Bünde und sucht Gott ... Ihm, dem Sohn des Rächmaniwker Rabbi, wurde Serale, die Tochter dös tijlschewer, zum Weibe gegeben, indes dieser, ein Mann voll 68 Jahren, dreimal Witwer, das arme 'Waisenmädchen Malkale begehrt und zur Frau nimmt. Das Schicksal will es, daß die lebensgierige Malkale sich an dem unerfahrenen, lebensfremden, kabbalabeflissenen Nuchem entzündet und beide in einer schüten Gewitternaoht während einer FeUersbrunst sie hat die „Schul" angezündet — in Liebestrunkenheit Gott und Menschen bergessen. Die Sünde...! Malkale stirbt, mit einem Kind unter dem Herzen, während Nuchem in sclhoerster Herzenspein das Stddtet verläßt, um fern in der Welt, ruhelos wandernd, Buße zu tun. Den Sack auf dem Rücken, den Stock in der Hand, nirgends rastend, kommt er nach Bjalagura, wo er beim Totengräber Kuno Unterkunft findet. Er wird nun Kunes Gehilfe. Hier aber gibt es Kunes Tochter Ziwje, ein tölpelhaftes Ding, das Vater Kuno gern an den Mann bringen möchte. Und da im Ort eine Seuche ausbricht, fällt es nicht schwer, den Büßer Nuchem, der jetzt wegen seines Schweigens und starren Sinnes den Namen „Josche Kalb" bekommen hat, als den Verführer der armen, unschuldigen Ziwje zu bezeichnen. Es gibt eine Abvjehr: Josche Kalb wird mit Ziwje getraut, die Sünde gutgemacht. Aber er, Josche...? verschwindet, irrt weiter umher, bis er wieder nach Njeschewa kommt, an den Hof des Rabbi, seines Schwiegervaters und seiner ersten Erau Serale. In Bjalagura jedoch suoht man den „verstockten Sündei-" und findet ihn schließlich in Njeschewa. Man suchte Josche und fand — Nuchem. Wo liegt die Grenze der menschlichen Vernunft? ist's Josche? ist's Nuchem? Das große Synhedrion mit dem alten Njeschewer an der Spitze soll entscheiden. Ankläger, Richter, Zeugen werden laut. Man hört Worte tiefsten Glaubens und höchsten Zweifels. Josche-Nuchem, er selbst schweigt. Er weiß nicht, wie ihm geschehen. Begreift nicht irdisches Walten. Sucht Gott, der ihn verlassen hat. Der Suchende fühlt sich als ein Nichts, als ein Stein am Weg zu Gott. Wer ihn nicht versteht, begreift kabbalistisches Wesen nicht, begreift frommes Wesen nicht, begreift die Heiligkeit menschlichen Irrens nicht. Dem Synhedrion wird die Urteilsfällung erspart — der Njeschewer bricht zusammen und der Büßer NuchCm- Josche zum Erben und Nachfolger ausgerufen. Und er, der Büßer, setzt seinen Leidensweg fort, verläßt Njeschewa mit Sack und Stab, Erlösung suchend beim Ewigen, der überall zu finden ist... * Dieser Legende wohnt so viel Inbrunst und Kraft, religiöse und animalische Ekstase inne, daß sie sich — trotz der Auslösung in (»6) Bilder — dramatisch gestalten läßt. Wäre Morris Schwartz, der Regisseur des „Josche Kalb", an die Aufgabe mit der Ambition herangetreten, einen — sagen wir es frei heraus — „interessanten" Theaterabend zu gestalten, so hätte er auch zu den „interessanten" Regiemitteln . gegriffen, die heute jedem Allenoeltsregisseur zugänglich sind. Begriffe, wie Tempo, Dynamik, Verxoendung des Tiefenraums, Verschwendung des Lichts, Raffinement In Kostüm usw. sind billig wie Brombeeren, Aber Morris Schwärt» hatte eine Regie -Idee, eine Grundauffassung, ein Stil-Prinzip, dem er alles, wessen sich der Werkpestalter bedienen kann, unterwarf. Mortis Schwarte schuf als Regisseur einen beziehungsreichen Abend und ah — jüdischer Mensch. Als Persönlichkeit mit sittlicher Verantwortung. Als Künstler, der der Welt das tegltMe Theater des jüdischen Volkes zu präsentieren 'den-Mut hatte. AU Gestalter jüdischer Schicksale, d& einzigartig sind Inmitten des profanen Gescheitem unserer Tage; und schließlich als nationalbewußtes Individuum in der Kette der Ahnen und Urahnen. Er fühlte: Jüdisches Theater Ist nicht möglich ohne Wissen um die Gehelmnisse der jüdischen Seele, der jüdischen Vergangenheit, der jüdischen Mission In der Welt. Darum verwendete er alle Mittel des Lichts, der Farbe, der szenischen Uebergäntfe (Vothänge) Und der Tanzrhythmen nicht um ihrer optischen und artistischen Wirkung, sondern auch um ihrer Symbolkraft willen, Es , wäre ernüchternd, ja schamlos gewesen, wenn er uns in ,josche Kalb" nur das Grobe, Sinnliche, Leidenschaftverzerrte hätte geben wollen, vielleicht gar nur die Pein der Kreatur Mensch. Er gab mehr; er gab eine Ahnung von UeberirdiSchem, von dem jüdischen Drang nach Gerechtigkeit; von den Schauem der Erlösung, ohne die kein wahrhaft jüdisches Herz leben kann. Dort, wo diese Intention nicht verstanden wurde, machte sich ein tragisches Mißverstehen geltend. Es fänden sich sogar Menschen Im Publikum, die das Mangelhafte in den Cliarakteren der Figuren (Njeschewer Rebbe, Josche, Ziwje, Malkale) als Nichtachtung jüdischen Wesens ansahen und — ablehnten. Von dorther rührt auch die Starrheit des Publikums, das sogar dem theatralisch Packendsten mit stummen Lippen und Händen begegnete. Die Welt ist reale Substanz, aber in ihr vollzieht sich Gottes Schicksal. Das muß man wissen, wenn man Rosche Kalb" verstehen will.,. . .*. : Soll ich die Schauspieler und ihre Arbeit loben? Die Musiker und die Musik? Die szenischen Werte und ihre Schöpfer? MuSik (Leon Kutsin), Tänze (Lilan Schapiro), Dekoration (TSchertow), Dirigenten M. Lubetzky? Morris Schwarz, als Njeschewer hart und groß und oft grausam in seiner Größe; Ester Goldenberg voll sinnlich betörender Glut; J. Ab arb an ei von edelster Keuschheit; .Izchok^rß-ftudber g als JoScfye Kalb in seiner Askese und Ekstase gleich echt und packend; Alex 3 t e i n in vielfacher Verwendung nobel, sprachlich meisterhaft; Eni LlJ.on erschütternd in ihrer animalischen Bedrängnis; Na^älje,. .L i tj&ß n und .Daniel s ch apirq blendende Chargen;- Eisik Samberg in seinen drastischen Episoden ein-Schauspieler treffsicherer Eigenart; von den „Heimischen" H. Tunis, Lora Glüc k smänn, A. Bell, M. H er s c hk owitz, sch.natman, Sigal im; Rahmen , des großartigen Mörris- Schwartz-Ensembles verdienstvoll.. Einzelne Eindrücke: Der Tanz auf dem Friedhof, das große Synhedrion... Bilder unerhörter Kraft, an Rembrandt und den- Höllenbreughel erinnernd. Man kann nicht alles enoähnen, analysieren, ins Licht rücken. Ins Licht der Kritik oder gar. ins Licht des einfachen Menschenverstandes. Morris Schwartz siegte im Kampf gegen finstere Gewalten. Sein Sieg war ein Protest gegen die Indolenz einer — „Theaterstadt". Aus Halle; Das Landgericht in Halle verurteilte einen jüdischen Angeklagten aus Eisleben wegen Ver^ brechens gegen das Blutschutzgesetz zu einem Jahr und sechs Monaten Zuchthaus und drei Jahren Ehrverlust. Der Angeklagte hatte zehn Jahre lang ein Verhältnis mit einem arischen Mädchen unterhalten. In der Urteilsbegründung betonte der Vorsitzende, die nationalsozialistische Partei habe von Anfang an erklärt, daß. die Reinhaltung deutschen, Blutes einer ihrer obersten Grundsätze und eines ihrer Hauptziele sei. So sei in dieser Hinsicht nicht erst duroh die Nürnberger Gesetze eine Klarstellung erfolgt, sondern dem RechtsbewußtBein des deutschen Volkes habe ein solcher Verkehr zwischen einer. Arierin und einem Juden schön vorher Widersprochen. Deshalb müsse die Strafe abschreckend wirken, denn hier handle es sich um eine Besudelung deutscher Ehre. * Aus Frankfurt a. M.:. Das Landeserbfolge- 'gericht in Celle, das oberste Gericht für Entscheidungen nach dem Reichserbhofgesetz in Preußen, hat laut „Frankfurter Zeitung" einem Bauern, die Bauernfähigkeit aberkannt und ihn für nicht ehrbar erklärt, weil er „jüdis o h e Arbeiter nur gegen Kost und Wohnung beschäftigt, statt deutsche Arbeiter gegen vollen Lohn". * Aus Breslau: In Breslau, wo, wie fast überall in Deutschland, den Juden die Benutzung der Bade- und Erholungsstätten untersagt ibt, hat der jüdische SchwMmvörein ein Gelände als Luft- und Sonnenbad für die Mitglieder der Synagogengemeinde Breslau gepachtet. Verhandlungen über den Erwerb oder die Pacht eines Schwimmbades sind noch nicht abgeschlossen. . , * Aus Nürnberg: Der „Fränkische Kurier" teilt mit: Bei einer Eisenbahnfahrt hatte ein Mann AnstoA erregt, der sich zu zwei Jüdinnen setzte. Fahrgäste hatten ihn für einen SA-Mafln gehalten, weil er Schaftstiefel una eine braune Hose trug. Als Sich höfausstellte, daß der Mann Jude war, kam es zu einer Klage. $s würde festgestellt, daß die Hose, die früher hellbräun gewesen War, schon 1933 auf Verlangen des KfeisleiteFs dunkelbraun gefärbt wurde, daß sie aber dähn durch den Gebrauch wieder heiter geworden sei, sä däß mindesten* grobe Fahrlässigkeit vöriiege. Der Angeklagte erhielt wegen grobenunfugsseehswoehen Häft. fiie Berufungsinstanz bestätigte das urteil. SOGAR DIE PREISE S< HITZE Wöschieidcn bärndl- Sihiirze.........§ Gestickte Dlrftdl BliHft I*80 mit Pütiferi . ...... 8 * Hausod. Gartenkleid |'93 Streifmuster.......5 * Tupf-Kretonne» fr90 Kleid......: . . .S 6 Sehdücrt-Zephlr- £'50 Dirndl ........ .s 9 Gemusterter Sommer- 9'* Schlafrock ....... s 0 Englische Spdrt- 9'** Schoß » . 4 s » Blumen-Dirndl mit 9 90 separ. Waschseidenschürze S " Trachten-Dirndl K*90 mit Seld.-SOhÜ'rze S W 90 Seiden-Jersey Kleid moderne Streilhiuster > . . 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