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Die neue Welt · 1936-05-12 · Heft 560 (12.5.1936) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 560 (12.5.1936)
Date
1936-05-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr, 5«d vdm 12. Mal 1Ö36' DIE KEÜE WXLT Seite 3 IftUT-SONDERFAHRT Polen und Czernowitz Abfahrt: 94. Mai, 10 17/trfS vorm., Rückfahrt: S.Juni iSJS JSiZZiflre Fahrpreise und Platzkarten bei »IBUT« RED.ROSEHKRAHZ kgSSr I Die englischen Zeitungen gaben diese Mitteilungen in großer Aufmachung nieder. Heute gab die Agentur Reuter noch folgende zwei Meldungen aus: E« verlautet, daß afif Ersuchen des Hohen Kommissars nach Palästina Verstärkungen entsandt werden. Die durch die Konflikte zwischen den Juden und den Arabern in Palästina hervorgerufene Unruhe hat diese Maßnahme notwendig gemacht. Militär und Luftwaffe haben jetzt in Palästina ununterbrochen Bereitschaft. Diese wurde mit Rücksicht auf die Spannung angeordnet, welche der Generalstreik der Araber .hervorruft. Bisher war aber ein Eingreifen des Militärs zur Wiederherstellung der Ruhe nicht notwendig. Die Nachricht, daß sich Militärverstärkungen auf dem Wege nach Palästina befinden, hat daher in Palästina eine gewisse Ueberraschung hervorgerufen. „Phönix" in Palästina liquidiert Aus Jerusalem (10 Mai); Die Palästina- Regierung ordnete die Liquidation der Palästina-Abteilung der Wiener Lebensversicherungsgesellschaft „Phönix" an und ernannte einen Kommissar zur Durchführung der Liquidierung:. (J. T. A.). Ludwig Hardt, der bedeutendste Rezitator, hat in Wien in den letzten Wochen eine Reihe von Abenden veranstaltet, die in bezug auf die Interpretationskunst wie auf das Programm von gleich' hohem Niveau waren. Der •große Künstler verabschiedet sich nun von Wien. Seine zwei letzten Abende finden im Jüdischen Kulturtheater, I., Kai 3, statt, und zwar mit folgendem Programm: Dienstag, den 12. Mai: „Heitere Dichtungen von Wilhelm Busch bis Ringelnatz";' Mittwoch, den 13. Mai: „J. P. Hebels Schatzkästlein, Matth. Claudius, Kleist (Anekdoten) und Münchhausens tolle Abenteuer." Beginn der beiden Vorlesungen 19.15 Uhr. Karten an der Abendkasse. Prof* Dr* Ludwig Braun Noch nicht sechzig Jahre alt, ist Prof. L. Braun, der Vorstand der internen Abteilung des Wiener Rothschildspitals (Krankenhaus der Kultusgemeinde) in Wien gestorben. Schon frühzeitig betätigte sich Prof. Braun wissenschaftlich hauptsächlich auf dem Gebiet der Herzpathologie. Im Jahre 1910 wurde er ans Rothschildspital berufen, wo er eine höchst erfolgreiche und allseits anerkannte Tätigkeit entfaltete. Prof. Braun war eine Persönlichkeit von ausgezeichnetem Charakter, der schönen Literatur ebenso wie der Philosophie zugetan, ein Mann unermüdlicher Arbei,t. Seit dem Tode seiner Tochter war sein Gemüt umdüstert, aber seine Hingabe an seinen Beruf nicht gemindert. In der letzten Zeit beschäftigte sich der Verblichene intensiv mit der Organisierung der jüdischen Aerzte, die" ih ihm einen hilfreichen, klugen und energischen Freund verloren haben. * Die Bestattung Prof. Brauns fand Montag, den 11. Mai, auf dem Döblinger Friedhof unter Teilnahme wissenschaftlicher, ärztlicher und gesellschaftlicher Kreise statt. Dem Verblichenen wurden Worte der Würdigung für seine großen Verdienste gewidmet. Auf zum Jüdischen Weltkongreß I Von Georg Bernhard (Paris) Verb« d* Judenstaatszioimten Oesterreichs Sektion Prater, IT., Erlaf Straße 5. Donnerstag, den 14. d., halb 9 Uhr abends, Vortrag Dr. Oskar Karbach: „Erinnerungen eines Wiener Zionisten 1918 bis 1927." Sektion XIV/XV., Schanzstraße 32. Dienstag, den 12. d., halb 9 Uhr abends, Vortrag Kultusvorsteher Doktor Sanel Beer: „Nervosität bei den Juden." Mittwoch, den 13. Mai, halb 9 Uhr abends, im Saal des Hotel Continental, IL, Taborstraße, großer Vortragsabend. Redner: Oberbaurat Robert Stricker, Dr. Salomon Wolf. Thema: Die Unruhen in Palästina. — Ihre wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen. — Was nun? . Der . Verband der Judenstaatszionlsten gratuliert seinem Leitungsmitglied Herrn Max Schiffmann zu seiner Vermählung mit Fräulein Olga Lasar aufs herzlichste Professor Georg Bernhard, früher Chefredakteur der „Vossischen Zeitung" und deutscher Reichstagsabgeordneter, lebt jetzt als Emigrant in Paris und leitet dort das „Pariser Tageblatt". Er, der früher als ausschließlich deutscher Politiker und fern vom Judentum wirkte, tritt jetzt für jüdisch-politische Zusammenfassung und Arbeit ein. m Aus Paris wird gemeldet: Die Exekutive des Comit6 des Deiegatiöns Juives und des Jüdischen Weltkongresses hat beschlossen, den ersten Jüdischen Weltkongreß für die Zeit vom 8. bis 14. August .1936 nach Genf einzuberufen. Die Eröffnungssitzung wird am 8. August abends stattfinden. Wären doch die „Weisen von Zion" Wirklichkeit gewesen! Jahrzehntelang hat man die Juden mit diesen gefälschten Geheimprotokollen der zaristischen Geheimpolizei verdächtigt, die den Nachweis dafür erbringen sollten, daß die Juden — und durch die Juden die Welt — von ein paar Männern nach ihrem Belieben regiert würden. Die Geschehnisse des letzten Jahrzehnts bilden den besten Beweis für die Nichtswürdigkeiten dieser Verdächtigung. Denn wenn es diese jüdischen Allbeherrscher wirklich gegeben hätte — als Narren und nicht als Weise von Zion hätten sie sich erwiesen. Aber sie waren eben eine Legende. Und gerade der Umstand, daß das jüdische Volk, das über die ganze Erde verstreut lebt, in Wirklichkeit nicht den mindesten zentralen Zusammenhang hatte, ist zu einem erheblichen Teil an dem jüdischen Unglück der Gegenwart schuld. Von allen Seiten bekämpft und gehetzt, zerfallen die Juden in Hunderte von Landsmannschaften und Klüngel, deren Vielheit und Freude am Bruderkampf uns Heutige lebhaft wieder an die Schilderungen des Flavius Josephus aus der Zeit vor der Zerstörung des Tempels durch die Truppen Vespasians erinnern. Aus dieser Sehnsucht, die Verstreuten zu sammeln, ist der Gedanke des Jüdischen Weltkongresses geboren. Es geht dabei durchaus nicht etwa um die Verschmelzung der verschiedenen Anschauungen zu einem Meinungsbrei, sondern um die Zusammenfassung aller im Judentum wirkenden lebendigen Kräf te. zu. einer Einheit der Abwehr. Es gilt, em Organ zu schaffen, das im Namen des Judentums zu sprechen und zu handeln berechtigt und verpflichtet ist, wenn seine Würde verletzt, seine Leistung bezweifelt, seine Moral verdächtigt wird. für Gelegenheitskäufe Wien VIII, Stadtbahnviadukt 23 bei Lerchenfelderstraße Telephon: A-21-5-31 Es wäre gewiß gut gewesen, eine demokratisch zusammengesetzte Weltvertretung des Judentums hätte schon lange existiert. Aber heute ist sie unerläßlich geworden. Denn auch die Angreifer des Judentums gehen geschlossen vor. Ihr Kampf wird planmäßig durch eine Internationale des Antisemitismus zentral geleitet. Die Zeiten haben sich gewaltig geändert, seitdem der Antisemitismus aus einer Volksleidenschaft zur wissenschaftlichen Doktrin geworden ist. Wenn früher Juden sich zu barmherzigem Werk an den Brüdern zusammenfanden, die bald hier, bald dort Opfer des Hasses geworden waren, der bald hier, bald dort gegen sie aufflammte, so stärkte die Hilfbereiten der Gedanke, daß der Angriff sich nur gegen ihre Glaubensbrüder, nicht aber gegen sie selbst richtete. Der durch Adolf Hitler zu einer politischen Macht erster Ordnung gewordene Rassismus hat mit dieser Illusion gründlich aufgeräumt, Hitler hat den antisemitischen Kampf schon lange über die deutschen Landesgrenzen hinausgetragen. Er richtet sich, wie die Angreifer sich auch gar nicht scheuen, ausdrücklich zu erklären, gegen die Juden der ganzen Welt und gegen die angebliche Minderwertigkeit der gesamten jüdischen Rasse, deren Wirken als in allen Teilen der Welt gleich schädlich für die übrige Menschheit angeklagt wird. Merkwürdigerweise gibt es aber gleichwohl noch immer Juden in der Welt, die glauben, daß ihre persönliche Stellung und die Stellung der mit ihnen in einem Lande wohnenden Judenschaft zu gefestigt sei, als daß die Verleumdungen des rassistischen Antisemitismus an sie heranreichen könnten. Die ' er« schreckenden Fortschritte, die der Kampf gegen die Juden in den verschiedensten Ländern bereits gemacht hat, widerlegen diesen sträflichen Optimismus. Insbesondere sollte jedem Juden in jedem Lande das tragische Schicksal der deutschen Juden eine dringliche Warnung sein. Das unparteiische Urteil der Geschichte wird einst anerkennend klarstellen, welch ungeheure Leistungen auf allen Gebieten des geistigen und materiellen Lebens Deutschlands die deutschen Juden vollbracht haben, darunter Leistungen, die dem deutschen Namen für die Ewigkeit Ehre und Ruhm eintrugen. Und doch haben unendlich viele, e rschreckend viele der Besten unter de« Deutschen es schweigend und widerstandslos geschehen lassen, daß das Hitler-Regime mit einem Federstrich die Rechte aller deutschen Juden von einem Tag zum anderen auslöschte. Keine Hand rührte sich, kaum ein Mund öffnete sich, als jüdische Menschen — mit denen man Gespiele in der Jugend, Genosse der Studien, Kamerad auf den Schlachtfeldern gewesen war — wie räudige Hunde aus der Gemeinschaft ausgestoßen und nicht nur ihr Nam&, sondern auch ihre Religion und sogar die Ehre ihrer ganzen Ahnenreihe besudelt wurden. Wer will da aufstehen und Bürgschaft dafür leisten, daß nicht auch' in anderen Ländern morgen genau das gleiche unter ähnlichen Umständen geschehen könnte! Zumal die Führer dieses Aechtungskampfes gar kein Hehl daraus machen, daß sie e* ate eine ihrer vornehmsten Aufgaben betrachten, all» Volker in der gleichen Weise von der moralischen Aussätzigkeit der Juden zu überzeugen. 40 Millionen Mark im Jahr kann, von anderen noch wesentlicheren Mitteln ganz abgesehen, der Reichspropagandaminister Dr. Goebbels völlig unkontrolliert für eine derartige Auslandspropaganda ausgeben, die sich des Rundfunks, des Buchdrucks und der verleumderischen Agitationsrede in gleich skrupelloser Weise bedient, und deren (in allen Sprachen der Welt verfaßte) Haßtraktate heute schon eine Auflagenziffer von Milliarden erreicht haben. Glaubt man wirklich, daß der einzelne oder eine Landsmannschaft des Judentums allein noch gegen diesen Strom der Lüge, des Hasses und eines pathologischen Fanatismus ankämpfen kann? Wollen vor allem die Juden wirklich noch weiter das schimpfliche Schauspiel dulden oder gar selbst fördern, daß eine ihrer Gruppen gegen die andere von denen ausgespielt werden darf, deren Endziel es eingestandenermaßen ist, sie alle zu verderben? Es gibt eben kein anderes Mittel mehr als den Zusammenschluß des gesamten Judentums, um einheitlich den Verteidigungskampf zu leiten, von dessen siegreichem Ende die Weiterexistenz des Judentums überhaupt abhängt. Diese Emheit ist aber nicht nur für den politischen Kampf notwendig, beinahe noch notwendiger scheint sie für die richtige Verteilung der Geldopfer zu sein, die heute mehr als je von der Judenschaft der Welt für diejenigen gebracht werden müssen, die zunächst von den Schlägen der rassenantisemitischen Haßagitation getroffen werden. Gewiß verfügt heute bereits das Judentum über eine ganze Anzahl von nationalen und internationalen Organisationen, die stets bereit waren — und es auch heute wieder sind — tatkräftig zu helfen. Aber das, was einst wirksame Hilfe war, bedeutet heute nur noch einen Tropfen auf einen sehr heißen Stein, wo Millionen von Juden in den verschiedensten Ländern der Erde gleichzeitig entweder bereits in ihrer Existenz vernichtet oder in ihrer materiellen Zukunft dringend bedroht sind. Deshalb handelt es sich heute auch gar nicht mehr darum, Notleidende durch Almosen zu stützen und ihnen über eine kurze Zwischenzeit des Elends hinwegzuhelfen, sondern es ist eine umfassende und wohldurchdachte konstruktive Hilfe für viele, viel zu viele notwendig. Es müssen neuer Raum und neue Lebensbetätigung für große Teile des jüdischen Volkes in weiser Voraussicht geschaffen werden. Das kann ohne eine Zusammenfassung aller materiellen Mittel und ohne ein organisiertos Zusammenberaten der bereits bestehenden oder neuzuschaffenden Organisationen gar nicht geleistet werden. Heute ist die unorganisierte Ausgabe von Mitteln Verschwendung, und was früher nur unproduktive Doppelarbeit war, führt in diesen Zeitläuften alimählich zur Entstehung unwiederbringlicher Verluste. Vielleicht gibt es immer noch manche unter uns, die zwar den Gedanken der Konzentration und Rationalisierung durchaus billigen, aber der Meinung sind, daß dieses wünschenswerte Ziel doch auch damit erreicht werden könnte, daß ein paar jüdische Notabein von Weltgeltung und die bereits vorhandenen Organisationen sich zusammentun, um über ein gemeinsames Vorgehen zu beraten. Auf solche Weise ist sicher früher manchmal schon Beträchtliches erreicht worden. Aber das würde bedeuten, die lebendigen Massen des Weltjudentums von der Mitwirkung an der Gestaltung ihres eigenen Geschickes fernzuhalten. Das würde heißen, diese Massen, um deren Schicksal es ja heute wesentlich geht, zu Objekten der Beratung herabzudrücken. Und das widerspräche nicht nur der, trotz aller Verdunkelung der Zeit ewigen Idee der demokratischen Gleichheit aller Menschen, sondern das liefe auch der Ethik der jüdischen Religion zuwider, die die Gleich«

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