Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 556 (28.4.1936)
- Date
- 1936-04-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 10 Groschen Dienstag/ den £8« April 1936 10 Jahrgang Nr« SS6 V. bb» Zeitung vom Verleger versendet „Journal expddid par l'gditeur" REVU HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.60. vierteljährig Zloty 4.60; Tschechoslowakei monatlich Ko 6.—. vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, viertel' jährig Dinar 40.—; Btun&nien monatlich Lei 40.—, vierteljahrig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—* vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweis und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 160, vierteljährig Schweizer Francs 4.60. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitäfsstr. 8, Tel, A-20-2-78 — Erseheint Dienstag u, Freitag Haivitai oder Zynismus , Eine Antwort des englischen Kolonial« mi'msters Oberst Wedgwood, ein unentwegter Freund des zionistischen Aufbauwerkes, hat die Gabe, durch seine Anfragen im Unterhaus die englischen Kolonienrriinister, die für die Mandatspolitik Palästinas verantwortlich sind, in Verlegenheit zu bringen. Er tut das nicht um dieses Effektes willen. Nein. Er will die britische Oeffentlichkeit über Dinge informieren, die sonst im Dunkel der Akten verbleiben würden. Am 22. April nahm Wedgwood die Gelegenheit wahr, den Kolonienminister Thomas über die Tätigkeit der deutschen Nationalsozialisten in Palästina, besonders in Haifa, schriftlich zu interpellieren. " Ueber die hakenkreuzlerische Agitation im Vorderen Orient hat die ganze Weltpresse geschrieben. Es ist nämlich bekannt geworden, daß aus den in Haifa landenden Schiffen Mengen von Flugzetteln nationalsozialistischer Hetzpropaganda unter den Arabern verteüt wurden und auch Waffen, und man kennt auch die' Folgen dieser Arbeit. Gewisse antijüdische, aber auch antienglische Parolen haben unter den arabischen Massen fruchtbaren Boden gefunden. Die TatsäfiJÖ^v des Besuches Doktor Fricks (in Jerusalem), der dem berüchtigtsten Hetzer in Palästina, dem Gr, o ßmuftivon Jerusalem, eihen; ansehnlichen Geldbetrag ins Portefeuille legte, isfeibezeiph^end für.die^unbekümmerte -Kühnheit, mit dei* die offizielle riazideutsche Propaganda in Palästina; ebenso wie in Aegypten, arbeitet. Man kann aus zahllosen Momenten ersehen, daß es sich bei dieser Propaganda um antijüdische, antizionistische und schließlich; . a n t i e u r o p ä i s c h e Aktionsvorbereitungen handelt. Die Schweiz hat bekanntlich nach dem Attentat auf den reichsdeutschen Gauführer Gustloff in'der-ersten Februarwoche des heurigen Jahres die Nazipropaganda bei sich durch das Verbot nationalsozialistischer Organisationen auf Schweizer Grund unterbunden— trotz der lärmenden Proteste, ja trotz der. Drohungen der reichsdeutschen Stellen. Der kleinen Schweiz hat dieses Verhalten den Respekt der Kulturwelt eingetragen, der kleinen Schweiz neben dem großen Dritten Reich! Herr Kolonienminister Thomas, ein Mann der britischen Rögierung, hat scheinbar den schweizerischen Mut nicht; ja, er wagt, nicht einmal, das schweizerische Beispiel nachzuahmen. Seine Antwort auf Wedgwoods Anfrage ist — wenn wir sie schon nicht schärfer bezeichnen wollen — wohl der Gipfelpunkt der Naivität. Der Oberkommissär von Palästina, erwiderte Thomas, habe ihm (Thomas) berichtet, daß Wohl eine Nazipropag an da in Palästina täti g sei; da sie aber über die dortigen „deutschen Kreise" hinaus nicht wirke, erachte er es nicht für notwendig, spezielle Maßnahmen zu ergreifen. Man muß wahrlich über diese Antwort erstaunt sein. Will das britische Kolonialamt nicht sehen, was das hitleristische Hakenkreuz im Vorderen Orient treibt? Oder wartet er zu, weil es sich vorläufig bloß um eine Agitation gegen die Juden handelt? Naivität steigert sich zu Zynismus, Zynismus zu verbrecherischer Gleichgültigkeit. Die für die Ruhe in Palästina verantwortlichen englischen Faktoren verharren in tatenlosem Zuschauen, sie warten — bis es zu spät sein wird. *; -Die Franzosen haben einen klareren Blick. Bei Besprechung der Ereignisse in Palästina erinnert die .französische Presse an die „dunkle Rolle" Deutschlands bei der Verhetzung der Araber Französisch-Afrikas und richtet an England die Frage, ob jetzt noch Veranlassung vorliege, den Nationalsozia« listen zu trauen. Nach blutigen Tagen Ruhe in Palästina Die Juden rein von Schuld 2x2*8 zwar nicht nach Adam Riese, aber nach Möbel-Winter, VII., Stadtbahnviadukt 23, bei Lerchenfelderstraße-Oürtel,denn jeder Schilling hat bei uns den doppelten Wert. Aus Jerusalem wird unter dem 23. April gemeldet: In öffentlichen Kundgebungen der Palästina-Regierung und der JeWish Agency wird festgestellt, daß jetzt überall in Palästina Ruhe herrscht und daß seit den blutigen Ereignissen am Montag zwischen Jaffa und Tel-Aviv und den am Montag in einigen Teilen des Landes vorgekommenen Ueberfällen auf Verkehrsautobusse keine weiteren Zusammenstöße erfolgt seien. In der Mitteilung der Jewish Agency wird festgestellt, daß von jüdischer Seite nichts getan worden sei, was den Arabern einen Anlaß zu einer blutigen Auseinandersetzung hätte geben können; es handle sich bei den zwei blutigen Angriffen auf die jüdischen Einwohner in Jaffa und in Tel-Aviv um Taten, die durch arabische Agitatoren provoziert wurden; die antijüdische Propaganda gewisser arabischer Kreise sei für das viele vergossene Blut verantwortlich. Die Vorgänge in Palästina Dienstag,, den 28., Ap|fl, Va9 IJnr abends, findet eine Versammlung ,a;l l!&jr 55 i p n i s t i s c h e n Gru p p e^n-ra'ft^^ im Prater' statt. Es sprechen Vertreter aller zionistischen Gruppen über: „W A S GEHT IN PÄLÄ S T IN A V O ß?" Vom Gebäude der Jewish Agency in Jerusalem hängen schwarze Fahnen. Auch andere jüdische Institutionen in Jerusalem und Tel-Aviv haben Trauerfahnen ausgehängt. Der High Commissioner Sir Arthur Wauchope erließ eine Kundgebung, in der er ausdrücklich feststellt, daß die Gerüchte, Araber seien von Juden getötet worden — Gerüchte, die den Anlaß zu den Ausschreitungen in Jaffa gaben —, erfunden. seien. In der Kundgebung wird festgestellt, daß im ganzen übrigen Lande Ruhe herrscht. Aus Haifa wird mitgeteilt, daß es dort zu keinen antijüdischen Unruhen gekommen war. Die von der Agentur Havas aus Kairo gebrachte Mitteilung, daß es auch in Haifa zu Angriffen auf die Juden gekommen war, wobei vier Juden getötet wurden, habe keinerlei Grundlage. Die hebräische Presse weist darauf hin, daß nirgendwo Juden als Angreifer auftraten, daß auch während der arabischen Angriffe, die so viele jüdische Opfer forderten, kein Araber durch Juden getötet worden sei, daß vielmehr amtlich festgestellt wurde, daß die zwei Araber, die am Sonntag während des Marsches arabischer Banden auf Tel-Aviv den Tod fanden, durch den englischen Polizeihauptmann Biggs vom Kriminaluntersuchungsdepartement in Notwehr erschossen wurden. ,Captain Riggs fuhr in seinem Auto von Jaffa nach Tel-Aviv und hatte einen schwerverletzten Juden im Wagen, den er in das Hadassah-Hospital bringen wollte. Er wurde von einer arabischen Menge angehalten, der Jude wurde aus dem Auto gezerrt und Captain Riggs wurde persönlich bedroht. In diesem Augenblick machte er von der Schußwaffe Gebrauch und tötete zwei Araber. Wie nachträglich festgestellt wurde, wurde in Jaffa der Sohn des, schwedischen Videkonsuls /Theodore Larsson durch Araber, die ihn für einen Juden hielten, schwer verletzt. Er befand sich in einem Auto, 4as von dem Engländer Kenneth Maude, Sohn eines Regierung«-. taeamten, gesteuert wurde. Das Auto wurde von den Arabern angehalten und beide Insassen wurden schwer mißhandelt. Auch Maude erlitt Verletzungen, die aber weniger schwerer Natur sind. Bericht der Exekutive In einer in Jerusalem abgehaltenen Konferenz der Führer aller zionistischen Parteien, die dazu einberufen worden war, um die Frage der Schaffung einer einheitlichen jüdischen Organisation in Palästina zu erörtern, erstattete das Mitglied der Exekutive der Jewish Agency Ben Gurion Bericht über die Lage und appellierte an den Jischuw, sich nicht einer Panik hinzugeben, sondern in aufrechtem Geist und Mut die Arbeit fortzuführen. Generalstreik mißlungen Aus dem ganzen Lande eintreffende Nachrichten stellen fest, daß überall Ruhe herrscht. Die von arabischen Kreisen ausgegebene Generalstreikparole wird vorläufig nur in Jaffa und Nablus befolgt, in Jerusalem und in Haifa geht die Arbeit normal vor sich, die arabischen Geschäfte und Werkstätten sind geöffnet. In den jüdischen Kolonien gehen die arabischen Arbeiter ihren normalen Beschäftigungen nach. Spannung noch andauernd Aus Jerusalem wird unter dem 24. April gemeldet: Am Donnerstag, den 23, April, kam es weder in Tel-Aviv, noch in den Kolonien, noch in den Städten zu Angriffen von Arabern auf Juden. Doch ist die Lage infolge des arabischen Generalstreiks eine gespannte. In Jerusalem versuchte die arabische Schuljugend einen Demonstrationszug zu bilden, doch wurde dieser von der Polizei auseinandergetrieben. Arabische .Gruppen, die aus den Moscheen in das jüdische Viertel der Altstadt von Jerusalem zogen, um dort zu demonstrieren, wurden ebenfalls von der Polizei zerstreut. Ebenso ging die Polizei gegen eine große Gruppe arabischer Studenten vor, die vor einer italienischen Schule demonstrierten und sie mit Steinen bombardierten, weil die Studenten dieser Schule sich dem Streik nicht anschlössen. Der jüdische Geschäftsverkehr in Jerusalem vollzieht sich ungestört* Etwas schärfer scheint die Spannung in Jaffa zu sein, wo die Polizei am Donnerstag Gruppen von Demonstranten zerstreute. Im Bahnhofmagazln von Jaffa ist ein Brand ausgebrochen, wobei Waren Im Werte von mehreren 1000 Pfund Sterling vernichtet wurden. Es konnte bisher nicht ermittelt werdep, ob das Pieuej: gelegt worden ist. Die arabische Presse fälirt fort, beunruhigende Gerüchte zu verbreiten und aufreizende Artikel zu veröffentlichen. Am Donnerstag erhielten sich in Jerusalem hartnäckige .Gerüchte, daß die Araber beabsichtigen, am Freitag, dem moslemitischen Wochenruhetag, in Jerusalem zu demonstrieren. Die Polizei hat Vorbereitungen gegen solche Eventualitäten getroffen. Die Zeitung „AI Liwa" berichtet aus Nablus, daß der dort tagende arabische nationale „Kriegsrat" beschlossen hat, daß am Freitag demonstriert werden soll. Solche Mitteilungen erhöhen die Spannung. Die hebräische Arbeitertageszeitung „Dawar" wendet sich sehr scharf dagegen, daß die arabischen Parteien in Palästina Emissäre in die Nachbarländer senden, die dort Gerüchte verbreiten des Inhalts, daß-Juden arabische Dörfer in Brand steckten und viele Araber töteten. Entäusdsung über Waudiope ' In jüdischen Kreisen herrscht tiefe Enttäuschung über die durch das Radio verbreitete Kundgebung des High Comimissioner Sir Arthur Wauchope, in -td.er. der High Commissioner seiner „tiefen Betrübnis Über die Unruhen und die Akte von Gesetzlosigkeit, die zu Verlusten an-Mejwchenlebe» und zu schweren Versvwdungen vieles i I