Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1936-04-10 · Heft 552 (10.4.1936) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 552 (10.4.1936)
Date
1936-04-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2711613-2712150-2712177--5722-2719377
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

Nr. 552 vom 10. April 1936 -.....••• - DIE NEUE WELT •:- ■. izvz'... '..»t Seite 7 Haifa in fatuwad und Zukunft Von «Jacob Josefsberg, Malfa (derzeit Wien) Die Karmelstadt Haifa ist in mächtigem Aufschwung begriffen: fast täglich landen Hunderte von Menschen aus aller Welt, jeden Tag werden Grundsteine zu neuen Häusern gelegt, jede Woche werden neue Geschäfte, Hotels, Cafes und Werkstätten gegründet — es ist darum gewagt, genaue Ziffern über Einwohner und Wirtschaft zu geben. Die Hafenstadt Haifa (der Name stammt aus dem Aramäischen und bedeutet „Hafen") wird bald die Zahl von llO.OÖO Einwohnern erreicht haben; sie macht heute schon den Eindrück einer modernen Großstadt und wird bei. anhaltender Immigration eine Weltstadt werden, die Alexandrien in Aegypten den Rang streitig machen könnte. Auf der Fahrt, vom Hauptbahnhof nach der Karmel-Statiön' (Vörortstätion von Haifa, analog Wien-. Florfdsdörf) läßt man den imponierenden Eindruck dieser: mit, amerikanischem Tempo wachsenden Stadt auf sich wirken. Auf der rechten Seite des Hafens (Voll von Passaglerdampfern der größten Linien) sieht man die imposanten Lagerhäuser, auf der linken die etwa 2 Kilometer lange und 30 Meter breite Königsstraße, die sich vom Hduptbahnhof bis fast zum jüdischen Vorort Bath- Galim hinzieht — mit dem Monumeritalgebäude des Karmeliterhauses (dem Sitz der Nahariah Small Holdinga Ltd.), des sechs Stöckwerke hohen Gebäudes der „Holland-Bank^Union" Und der Hotels „Europa" und „Savoy" sowie den Banken, Schiffsagenturen, Versicherungsgesellschaften und Fabrikskontoren. Der Blick schweift über den „Hadar-Hakarmel" hinweg über das Hotel „Zion" und die Gebäude des Technikums und der Real-Schule zum Zentral-Karmel hinüber... " ' ist die Altstadt Haifa ein Gemisch von Orient und Okzident, steht hier eine eingefallene arabische Lehmhütte neben einem Wolkenkratzer, trottet hier das schwerbeladene Kamel neben dem modernen Autobus und dem Luxusautomobil, so bietet sich der Hadar-Hakarmel (der Abhang, die Schönheit des Karmel), die hundertprozentige jüdische Stadt auf dem Hügel, etwa 30 bis 60 Meter über dem Meere, als moderne europäische. Stadt dar. Im Jahre 1919 noch feine Steinwüste, ist der Hsidar-Hakarmel heute eine mittlere Stadt von fast 25.000 Einwohnern. Hier Im zweiten Tel-Aviv herrscht noch ein regeres Treiben als dort, hier, wird noch mehr als in Tel-Aviv gebaut. In den Vierteln „Geula", „Nachiah", „Mizpa I", „Mizpa H", „Hachscharah" und „Jechiel" (nach dem Namen des russischen Zionistenführers Jechiel Tüchlenow) wird man um >A7 Uhr morgens vom Hämmern und Lärmen der jüdischen Bauarbeiter aufgerüttelt. Fast über Nacht entstehen neue Häuser,. neue Straßen, neue Synagogen, neue Schulen, neue Banken. Vom Hadar-Hakarmel führt eine wunderbare asphaltierte Serpentinenstraße auf dem Har (Berg) Karmeh. Der Ausblick vom Hadar-Hakarmel auf die Altstadt, den Hafen und die Bucht ist märchenhaft; immer muß man an Herzls „Altneuland" denken. Hier weht eine kühle, gesunde Luft; die Bäume, meistens Pinien, geben der Landschaft den Charakter. Auf dem Zentral- und Westkarmel und in der „Achusa Herbert Samuel", kurz „Achüsa" genannt, leben heute etwa 600 Seelen, ausschließlich Juden. Hier istder Wohnsitz zahlreicher Rentner und ' der wohlhabenden Bevölkerung, die ihre Fabriken und' Geschäfte in der Altstadt oder auf dem Hadar-Hakarmel haben. Villen, Hotels, Cafes, Sanatorien, Kinderheime geben den Grad der Zivilisation an. Auch auf dem Berg karmel wird intensiv gebaut Odas neue Hotel Teltsch mit 60 Zimmern wurde erst vor einigen Wochen fertig), ein Netz von asphaltierten Straßen ermöglicht einen gigantischen Autoverkehr. Auf dem sogenannten roten Karmel liegt der Vörort „Newe Schanaan", der von etwa 800 Juden bcwjöh'nt ist; . .i An den Ufern des, Meeres zwischen der deutschen ' Kolonie und Haifa liegt der jüdische Vorort „Bath-Galim" (die Tochter der Wellen), der im Jahre 1920 gegründet wurde,. Und ebenso wie der Har-Hakärmel als Erholungsort dient. Dort befindet sich die Badeanstalt, das: Schwimmstadion des Makkabi xind das neuerbaute Kasinogebäude. , Neue-Siedlungen entstehen über. Nacht in „Mifrath- Haifa" (Bucht Haifa—Akko). In diesem Gebiet, das zwischen. "Haifa und Akko liegt, sind innerhalb zwei Jahren die Siedlungen „Kirjath ChainV4 (nach Chaim Arlosoroff), „kirjath Bialik", „Kirjath Motskin", „Ir Ganim" und „Kfar Atta" entstanden. In „K ir jath Chaim" wohnen Arbeiter,, die vom Keren-Kajemeth Boden für Haus und Garten erhalten haben, im „Kirjath Bialik" hauptsächlich.' Juden aus Deutschland. In „Ir-Ganim", wo bis jetzt etwa 50 Häuser erbaut sind, und in „Kfar Atta"i' wo meistens Fabriken errichtet wurden, ist der Boden Privateigentum. . Vor etwa 45 Jahren-; im Winter 1891, ritten Ach ad Ha am, Menachem Ussischkin, Jaakow Mose SeeW' Tiorakin und Jehoschua Bars 11 ai auf Eseln durch diese wüste Gegend, um festzustellen, ob hier eine Siedlung möglich sei. Ussischkin erzählt über diese Exkursion folgendes: „Alles war wüst, im ganzen Tal sah man keinen Menschen, nur zeltweise erblickten wir einzelne Beduinenzelte, ffleUmgebiuig war voll von Sümpfen, Dornen und Disteln, von der Feme sah . man den wüsten Karmel, ohn« Bäume, ohne Gras, ohne Grün, ohne eine Spur mensch- Uchens Wirkens. Haifa war klein und arm, nur eine einzige Siedlung fiel uns durch ihre Schönheit angenehm auf, e» Avar die deutsche Kolonie, die damals sich zu entwickeln begann. Den ganzen Tag hindurch ritten wir in diesem Tal, wir durchquerten es von Süden nach Norden und von Westen nach Osten, wir blickten uns in der ganzen Umgebung um, und wir fühlten, daß diese Gegend eine große Zukunft habe, daß hier das Zentrum des Landes sein werde, ein Ort für einen großen, modernen Hafen am Mittelmeer. Dieser Ort hat oin großes Hinterland, den öden Emek-Jesreel. MUde und traurig kehrtou wir -In den kleinen Gasthof zurück. Wir plauderten die ganze Nacht und berieten, wie dieses Tal zu erwerben sei. In der Früh spazierte ich durch die deutsche Kolonie. In einem Weingarten beobachtete Ich einen deutscheu Bauer, wie er mit der Harke arbeitete. Ich rief ihn mit „Schalom!" an, er antwortete mit finsterer Miene: „Sind Sie von der Gruppe, die gestern das Akko-Tal durchquerte, um es käuflich-, zu erwerben? Es ist niohts für euch, dieses Tal |st nicht für Juden. Ihr seid ja gewohnt, vom Fertigen zu nehmen. Im Schaffen und Bauen bringt ihr keine ernsten Opfer; ihr wartet, bis andere kommen und Opfer bringen, bis andere arbeiten und bauen, dann kommet Ihr und kaufet das Fertige um Geld." Wie eine Ohrfelge wirkte diese Antwort auf mich — loh drehte mich vor Schande und Schmerz um und antwortete ruhig: u «Wenn Sienoch viele Jahre leben werden« werden , k Sie sehen, daß sie sieh geirrt Baftsn. Wenn Sie gegenüber den Juden in der Diaspora einigermaßen recht haben, Irren Sie gewaltig in bezug auf die Juden, die ihr altes Land aufbauen wollen." Dieses Gespräch,' sagte Ussischkin, werde ich niemals vergessen. Als ich in den Gasthof zurückkehrte und mt'inen Freunden erzählte, schworen wir einander, alle Unsere Kräfte zu opfern, um unser großes Ziel zu erreichen und die Worte des Weinbauern aus der deutschen Kolonie Lügen zu strafen... In Wirklichkeit wurden diese Worte Lügen gestraft. Der ganze komplex von Beth Schaan bis 'Haifa, von Haifa bis Akko, und mit einer kleinen Unterbrechung von Akko. bis Nahirijah,, ist in jüdischem Besitz. .Sfädte, Dörfer, Weingärten, Obst- und Gemüseplantagen, Hühnerställe, Bienenstöcke sind geworden... Groß-Haifa.besitzt bereits eine ansehnliche Industrie, die in Weiterentwicklung begriffen ist; Dia Fabriken befinden sich zumeist in der Altstadt und in der näheren Umgebung von Haifa; in letzter Zeit wurden die Fabriken nach der Buöht Verlegt. Neben zahlreichen Ziegel-, Steihfliesen-, Möbei- und Schuhfabriken' und Schlosserwerkstätten gibt es die großen Industrieanlagen, die auch für den Export arbeiten. Die Rothschild- Mühle beschäftigt eine erheblicher Zahl yon Arbeitern, sie mahlt das Getreide ■ vom Gallil und Transjordanien; die Mazzoth-Fabrik exportiert ihre - Produkte überallhin, wo Judeh wohnen. Fabrik „Shemen" erzeugt die besten Oele und Fette, die Seife Von „Shemen" wird in Europa, Nord- und Südamerika,• Afrika, Australien, Neuseeland,' Persien, Irak, Indien und,China abgesetzt. Ein: großes Elektrizitätswerk, .das .aus der Kraftstation „Naharajim" Ström bezieht, versorgt die Fabriken Haifas mit Kraft und die Straßen und Häuser mit Licht. Etwa 6 Kilometer von Haifa, bei der kwuzah „Jadjur", . liegt die von- Baron Rothschild und Michael Polak gegründete Zemehtfabrik „N es her". Im Jahre 1922 wurde diese Fabrik mit einem Kaoital von Pf. 250.000 gegründet. Die Gesellschaft erwarb einen Teildes Karmels; einen Komplex von 3000 Dunam. 1925 wurde*.die ' Fabrik eröffnet. Im, ersten Jahr wurden 200 Arb6iter .be- EISEN HDD *W "W5 Feinwurstu. Selchwaren- Spezialitäten onh ift allen ihren Verkaufss el en Fabrik und Versind:.. ' Wien Kl, Rabeng. 13, fei U 14-1- 8 A S* schäMgt und ,50.000 Tonnen Zement produzier^, heute arbeltih bei „Nesher" 1000 Arbeiter, und die Jahresproduktion beträgt bereits 320.000 Tonnen. . - Groß-Häifä .Ist auch der Sit«-zahlreicher Schiffsagenturen, Versicherungsgesellschaften und; Banken; darunter der Barciey Bank, Aiiglö-Palestme-ßank'. und Bäncö diRoma; Es beherbergt weiters 37 Kindergärten mit. 12.000' Kindefn und 50 Kindergärtnerinnen, 12 Volksschulen mit 3300 Schülern und 140 Lehrern, 4 Mittelschulen (2 Gymnasien, 1 Realschule, 1 Musikschule) mit 1400 Schülern und 90 Lehrern und das Technikum mit 230 Studenten und 25 Lehrern. Im Technikum gibt es Spezialfachkurse für Schlosser, Tischler und Ei?enbi.eger. In Haifa — hauptsächlich auf dem Hadar-Hakarmel — gibt es 20 Synagogen, 1 Tälmud-Thora und 1 Jeschibah (Tifereth-Israel).: Von den .49.000 Juden. Haifas .wohnt fast die Hälfte auf dem Hadar-Hakarmel. EtwaProzent sind Sephardim, 4 Prozent Jemeniten, 65 Prozent Aschkenasim aus Rußland, Polen, Rumänien und Deutschland. In.der letzten.Zeit kommen "die meisten- Aüswanr derer aus Deutschland nach Haifa, der wohlhabendere Teil der deutschen Alijah läßt sich auf dem karmel nieder. : / - Das Haifa der Zukunft wird eine Doppelstadt werden: das „obere" und das „untere" Haifa. Im „unteren Haifa" werden Fabriken, Schiffsagenturen, Banken, Büros und Läden sein,, im. „oberen" Haifa Sanatorien,- Krankenhäuser, Hotels, Cafds Und PriVatwohnüngen. Die Stadt kann sich auf einem. Komplex von 55 Kilometer ausdehnen -— dank den großen Bodenkomplexen, die sich im Besitz des Keren-Kajemeth befinden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.