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Die neue Welt · 1936-03-27 · Heft 549 (27.3.1936) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 549 (27.3.1936)
Date
1936-03-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite S die f*nEtrß Welt Nr. 549 vom 27. Märt4936 //J Joschke! ♦ ♦ ♦" Von Ben-Baruch. l. Es . ist Nacht. Das „Städtel" ist -rdaheim. Kein Mensch in den achmalen, schmutzigen, dunklen Gäßchen. Die Kinder schlafen. Der Vater sitzt, über ein Sefer gebeugt, nähe beim Ofen und lernt, stillvör sich hinaummend:' daneben die Mutter — sie flickt die Kleider der Jungen, während ein Petroleumlämpcheii sein kärgliches Licht hergibt. Nur in einer Hütte ganz weit draußen am Rand des Städtchens ist alles wach: Bange, traurige, verzweifelte Gesichter, ein Zittern, ein Sorgen, eijf/„Händeringen", ein Umherlaufen, ein Beten und Flehen.;, i. Was ist los? ... Joschke, der „Ganef", ringt mit dem Tod!.». GR AB STEIN E FRIED LÄH DER & DEUTSCH Wien, 1. Bez., Seitenstetiengasse 2, ■Hl: S üms i ag XK^Zenf^nftr^ Er, der keine Furcht kannte, der jeden zittern machte (auch Iwan, den Gendarm),'der am hellen, lichten Tag irgendwo eintreten und das fetteste Huhn, das frischeste Brotlaib wegtragen konnte, ohne daß jemand gewagt hätte, ihn daran zu hindern, er, der Beherrscher des Städteis, der einmal Petrovitsch, den Exekutor, als dieser einem armen Juden die letzte Kuh. wegpfänden Wollte, so schlug (im „Städtel" sagte man damals: „Jcschke Ganef-hat ihm die Beiner zerbrochen..."), daß e? ■ nachher sechs Wochen im .Krankenhaus lag una um .Versetzung in eine andere Stadt ansuchte... (die Kuh pfändete man dennoch am nächsten* Tag.. . 'aber Joschke ließ man in Ruhe),, der,nicht einmal vor dem. „Rebbe'n" des Stadteis Angst 'hatte und' alles' tat, was,'mäh! nach, göttlichem, und; menschlichem .Recht niclfttun kdarf Er"- liegt -jetzt 'drinnen in: der nasseni'und' kalten Hütte und ringt mit dem Tod..........- " Er ist bei vollem Verstand und weiß, es geht zu Ende. Sein Leben zieht, in dieser Stunde an ihm vorbei. Was: war es? Gewalt und Räub, Einbruch und Diebstahl..,, und da packt ihn die Angst, er wird sich seiner ganzen Jämmerlichkeit bewußt und jetzt -.. / jetzt sieht er, wie es um ihn, den Elenden,-steht... Nein! Nein! Nein! Joschke wird nicht. sterben!... Irgend etwas in ihm bäumt sich dagegen auf, das ' Lebe» derart häßlich zu beenden. ... Nein! Ohne eine gute Tat, die mäh ihm D.ort; zum Güten, anrechnen soll, will er nicht abtreten... Und verzweifelt ringt er mit * dem unsichtbaren Widersacher, er will nicht, er.will nicht... Leben, leben will er — noch nicht sterben... Ja, ja, er sagt es zu sich, heilig und wahrhaftig:. Gutmachen will er alles, redlich' und ehrlich .werden, „Tschuwah"1) tun... «Chutusi,. chutusi, chutusi'.,2) murmelt er-leise... Um ihn stehen mit besorgten;-Gesichtern sein: Weib Chinkc,- sein. ,,Käddisch"3) Motke,. seine „Chawerim" :-'Berl, Rüben, Jechiel und Aaron. Du .mußt, sterben! Genug gelebt! So läutet das Urteil von „Olem". Sein -letzter Kampf ist entschieden," Einkehr, Buße. , ' ■?) .Ich habe gefehlt,, gesündigt. 3) Sein Sohn, der nach ihm .das „Kaddis.chgebet" verrichten wird. 'der einzige, den er verloren hat. Die sündige Seele erhebt sich empor zum Himmel, wo sie vor das Oberste Gericht am Throne des Ewigen gestellt wird... 2. Der Morgen ist herangebrochen. Die Sonne ist endlich wieder da und lächelt ins Städtchen. Die Gassen füllen sich mit Menschen, die Krämer öffnen ihre Läden, die Bauern fahren auf ihren Wägelchen zum Marktplatz, wo sie Butter, Eier, Gemüse, Geflügel feilbieten, das. Städtel ist erwacht, hat sich den Schlaf aus den Augen gerieben und lebt, lebt... Drinnen in der Hütte hockt sie und weint und trauert um ihren Joschke... Das Beste und Feinste, das Teuerste und Pikanteste hat er für sie von seinem „Spaziergang" heimgebracht, für sie, seine „Chinke, mein Leben" ... Und nun? Was nun? Wovon leben? Wie leben? — „Aber, wer denkt ans Leben, wenn er. noch da liegt, da, in dieser-Hütte, wenn ich mit ihm noch unter einem Dach-bin ...!?" 1 Die „Chewra Kadischa"4) war schon da gewesen, nur noch einige Stunden!... Es kommt der Augenblick: ein stattlicher Zug bewegt sich hinaus zum Friedhof. So viele Menschen! Sind das seine Freunde? .. . Soll Ganef so viele „gute Brüder" gehabt haben?.,. Oder sind das vielleicht seine „Opfer", die über seinen Abgang nicht gerade besonders trauern („a schejne, rejne Kapure"».. denkt vielleicht der eine und der andere) und ihm nun das letzte Geleite geben — ohne daß er mit fetten Hühnern und frischen Broten abzieht... Man ist schon an Ort und Stelle. Eine armselige Bude der „Zeremoniensaal". Dort wird er hineingetragen. Wozu?... Guten und frommen Juden — aber auch weniger guten und weniger frommen, dafür reichen Juden, macht man hier einen „Hesped-'S)-~ und nun? . Auch Joschke? .. . Joschke einen „Hesped"? Ja und nein. Es'ist kein „Hesped" wie ihr ihn-;euch,vorstellt — und .ist. doch-etwas ähnliches, also, kurz und gut, höret und 'vernehmet von einem Brauch in Israel, einem guten, gerechten Brauch: Der Dajen0) geht vor und spricht: ,,Rabotai"!°a)- Es ist, wie euch allen bekannt, bei uns Sitte, daß jeder Mensch, der über den Verstorbenen etwas Gutes aussägen kann, die heilige Pflicht habe, dies hier zu tun. Wer also etwas zu sagen hat, erfülle seine Pflicht!" Und damit trat er ab... Peinliche Stille. Gutes über Joschke? Eine Weile herrscht Schweigen, dann flüstert einer dem anderen etwas zu, zuerst ganz leise, schließlich beginnt man ganz ohne Zurückhaltung zu reden,.man schmunzelt und witzelt.'Gutes über Joschke? („Hahaha", kichert einer, „das einzige Gute ist vielleicht, daß er — daß. er nicht mehr da ist... hahaha...", ein Rippenstoß "des Nachbarn erinnert ihn, wo er ist)... Das arme Weib steht beim Sarg und schluchzt und zittert am ganzen Körper. - Der Dajen tritt nochmals vor: „Rabotai! Wisset, daß .diese-Sitte, bei uns im .Städtel' Gesetzeskraft hat. Der Verstorbene kann nicht begraben werden, solange nicht jemand über ihn etwas Gutes "aussagt. Leget euch daher Rechenschaft ab, suchet und forschet nach..." Drei Tage sind verstrichen.' Joschke Ganef liegt *) Bestattungsverein, dem die frömmsten Juden angehören. ... 3) Nachruf, Gedenkrede. «) Jüdischer" Richter. .«a) Versammelte, Anredewort, in . diesem Falle etwa: Leidtragende. . j^' ' 1 . ' : 1" nurm m m lleMmuQtU BMä Bestrcnommierie* Küche *W3 REICHHALTIGE MENÜS ä S 1.90 UND 2.60 & C H W E C H A l E K ll R AU II, HammerPurgstall-Casse 3 (nadist Sa'.lM&e) Tel. A-M-G-/5 ndch immer draußen in der Bude. Im „Städtel"'sucht man eifrig nach einer guten Tat. Und je mehr man sucht, desto zahlreicher tauchen seine „Stückchen" in der Erinnerung auf. Der Dajen hat bereits dreimal. im B«th Midrasch verkünden lassen, daß man Joschke nicht läng« liegen lassen dürfe; man müsse alles aufwenden, um ein „Sch'wach"7) über Joschke ausfindig zu machen;... Vergebens. Keiner kann Gutes. berichten und — Joschka liegt draußen unbeerdigt. Da meldet sich am vierten Tag in der Frühe ein alter, steinalter Jude: er könne über Joschke Ganef ein „Sch'wach" melden... Freude und Neugier ergreift das ganze. „Städtl". Was wird der Alte sagen?... Man zieht zur angesetzten Stunde -hinaus? Klein und groß, arm und reich, Männer und Frauen, Juden und Nichtjuden, (es hat sich herumgesprochen) auch Iwani der Gendarm, ist gekommen... Der Greis tritt vor: „Rabotai! Ich bin alt... und krank. Viel kann ich nicht sprechen. Es fällt .mir schwer. Eines aber kann ich euch sagen, Rabotai! Ich erinnere) mich noch ganz genau an Joschkes Vater, an Motke. -Und ich sage euch: für Joschke gibtes ein „Schwäch". Sein Vater Motke war ein noch größerer Ganef als er . ... Joschke wurde über Befehl des Dajen beerdigt. >) Lob, gute Eigenschaft Von S ül Wochenraten er« halten Sie alle Gegenstände In grödtor Auswahl und bester Qualität bis 20 Monate ..Kredit VII, Burggasse 122*124 Telephon B-32-2r24, B-35-6-55 WOCHENsKALENDER FÜR DAS JAPEt 5696 März-April \cn vsnn Nissan ' Freitag 27 4 Säbbatelngaiig' 6.15 Samstag 28 ■ 5" Sabbatausgang 7.05 Sonntag 29 6 . . . . . 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