Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 540 (25.2.1936)
- Date
- 1936-02-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 546 vom 25. Februar 1936 fcl pukattiut det Qatöe Von?. L Voce* i. Müde und abgespannt von seiner „Arbeit", dem Dienst für die Gemeinde, schleppt sich Reb Jochanan der Gabbe*) heim. Bei seinem Haus angelangt, durchquert er zuerst die Küche: wohltuender Geruch von Braten, Fisch und allem Guten schmeichelt sich ihm entgegen. Er beeilt sich, ins zweite Zimmer zu kommen — da empfängt ihn sein Weib, Sosche, mit finsterer Miene: „Batten.'"2) schreit sie ihn zornig an, als sie ihn auf der Türschwelle erblickt. Reb Jochanan erschrickt ... dann setzt er sich und fragt: „Weshalb schreist du, Sosche?" „Er fragt noch! ... Batlen! Batlen! Wann wirst du endlich auch einmal für dein Haus etwas leisten?! „Für mein Haus?" verwundert er sich, „für mein Haus? Was soll ich denn für mein Haus tun? Unsere Kinder sind gottlob alle schon erwachsen und uns, scheint mir, uns fehlt auch nichts, gottlob! . . . Sag' mir doch, Sosche, was soll ich da noch leisten? Welche Arbeit gibt es denn hier für mich?" ... Er läßt seinen Blick durchs Zimmer gleiten und fügt hinzu: „Die Betten, wie ich sehe, sind schon ohne mich zurechtgemacht, der Fußboden ist ohne mein Hin zutun Wank gescheuert, meine Hände haben nichts be rührt — und doch ist nirgends Staub, kein einziges Spinngewebe zu finden, und da, der Tisch, ist ohne meine Arbeit herrlich gedeckt: ein Tischtuch, weiß wie Schnee, Be stecke rein geputzt, glitzernd wie Gold in der Sonne, una auch den Kren sehe ich gerieben, den Rettich zubereitet und meine Flasche Branntwein mit dem Gläschen vorbereitet! ... „Genug gespottet! Geh* und wasch' dich! ... „Nein, Sosche! Ich werde mich nicht eher waschen Und ich werde nicht essen, bis ich dir etwas klargemacht habe, bis du einsehen wirst, daß ich recht habe! Soscne! Sieh doch ein: hier ist keine Arbeit für mich, aber— dort, dort im Beth Midrasch, gibt's viel Arbeit . . . Und nun frage ich dich; Wer soll sie tun, wenn nicht ich? Soll sich etwa Joss'ef der Händler mit der Gemeindearbeit abgeben? Ein Mensch, der nicht einmal Zeit zu atmen hat? ..." Oder gar Benjamin der Hausierer, der gleich nach Sabbat-Ausgang hinauszieht über die Dörfer und erst Freitag, mit der Dämmerung, heimkommt? ... Oder meinst du etwa, Rüben der Geldverleiher ist der Richtige? ... Er, der den ganzen Tag von Hütte zu Hütte humpelt, um von seinen Schuldnern die, Zinsen, blutige Groschen, herauszupressen? ... Oder gar die armen Schäflein, seine, des Goldverleihers, Schäflein, die Handwerker, . die im Schweiße ihres Angesichtes arbeiten, um für Weib und Kind Nahrung heimzubringen, aber auch — für-Ruhen ....?" „Ich bin doch nicht mehr böse —" „Macht nichts, macht nichts: ich weiß ja, daß du leicht zu versöhnen bist, Sosche ... ich aber will dir zeigen, daß ich doch für mein Haus sorge und schaffe! ... Sieh, mich an! Sieh doch den langen weißen Bart an, Sosche! Meinst du vielleicht, daß ich noch ein Jüngling bin?! Sind denn nicht schon die Tage herangerückt, „Nahrung" für den „Weg" vorzubereiten? ..." . „Weg? Für welchen Weg?" fragt Sosche erstaunt. Und.'dann, als sie langsam erfaßt, was er gemeint hat, springt' sie auf und schreit hinaus, wild und ungestüm, am ganzen Körper zitternd: „Nein! Nein! Schweig'! Behüte mich der Allmächtige! . . . Sprich es nicht aus zum Bösen! ..." -* „Fürchte dich nicht, Sosche! Auch du bist nicht mehr zwanzig ... Und nun, was werden wir antworten, wenn' man uns dort fragen wird, was wir auf dieser Welt verrichtet haben? Was werden wir sagen? Daß wir gegessen haben? Daß wir getrunken haben? Und war wird Er sagen? Du, beispielsweise, kannst dich rühmen, daß du viele arme jüdische Bräute ausgestattet und verheiratet -hast —'' „So schweig' doch!" schreit ihn Sosche an, aus Furcht, daß ihr Lohn auf jener Welt gemindert werden könnte .. .3) . „Und so habe ich beschlossen, etwas Gutes zu tun ..." spricht er weiter. „Sehr gut! Sehr gut! Tu ganz nach deinem Belieben, aber geh und wasch dich doch endlich! . . . ." „Noch eine .Kleinigkeit'. Es ist jetzt die günstig© Gelegenheit. Sag' mal, Sosche, erinnerst du dich noch an dein Hochzeitskleid, das mit echtem Silber durchwirkte?" ' „Gewiß erinnere ich mich ..." „Vielleicht möchtest du es dem Beth Midrasch achenken, damit wir daraus einen Vorhang für den Thoräschrein machen ..." „Sehr gut! Ja! Ich geh es holen —" „Wart, Sosche! — Ich habe es bereits genommen und — es hängt schon im Beth Midrasch ...!" i) Vorsteher eines Beth Midrasch. s) Nichtstuer, Müßiggänger, Schlemihl. a) Deshalb, weil sie schon auf dieser Welt in Ihrer Gegenwart gerühmt wird. Die gute Tat muß mit reinem Gewissen nur um ihrer selbst willen getan werden — ^ann erst wird man des Lohnes auf Jener Welt teilhaftig. „Du Spitzbub!" ruft sie ihm gutmütig zu. Und so geht Reb Jochanan sich waschen, setzt sich zu Tisch, speist, verrichtet den Segensspruch und geht zufrieden zur Ruhe ... 2. Die Seele Reb Jochanans aber hebt sich des Nachts empor zum Himmel und schwebt auf der rechten Seite des „Buches des Gedenkens"/*) Dort, auf der Seite der guten Taten, meißelt sie unvergänglich ein: „Heute, den zweiten Tag der Woche, Parschath Terumah,*) des Jahres 5646. Ich, Jochanan, Sohn der Sarah, verrichtete den ganzen Tag heiligen Dienst. Ich dachte mir: „Du, Jochanan, und dein Weib Sosche wohnen in einem prächtigen Palast — das Haus des Ewigen, das Beth Midrasch, aber — ist baufällig, die Wände drohen einzustürzen, die Tür schließt nicht, der Wind bläst durch die Risse, der Regen hat freien Zugang durch die fehlenden Schindeln des Daches!" Und ich beschloß bei mir, das Beth Midrasch völlig her zurichten. Mein Entschluß wurde Tat: Ich ließ Arbeiter kommen, die Wände, die Türen, das Dach richten, den Boden reinigen, ich brachte neue Holzbänke, einen neuen Tisch; alle Geräte aus Holz, Kupfer und Silber ließ ich blitzblank reinigen; eine neue Menorah stellte ich auf das Betpult ... Insgesamt befanden sich in der Gemeindekassa 300 Goldmünzen, die ich durch 45 Goldmünzen und 18".) Groschen auf die notwendige Summe ergänzte. Und das Beth Midrasch? Es ist prächtig! Alles in größter und bester Ordnung! — Namens meines Weibes Sosche ließ ich einen seidenen Vorhang für den Thoräschrein anfertigen, überdies stattet sie arme Bräute aus: es möge ihr zum Guten angerechnet werden ... Al9 ich sah, daß alles gut sei, befahl ich dem ,Schammes'J) das Beth Midrasch nicht zu einer Herberge für Lumpenpack und Bettler zu machen, es nachts gut zu versperren und vor Verunreinigung zu behüten. Streng hat er meinen Befehl auszuführen, wenn nicht, würde er es zu büßen haben ..." Während noch die Seele Jochanans solcherart auf der rechten Seite mit dem Meißel arbeitete, kam eine andere Seele und verewigte auf der linken Seite des gleichen Blattes folgendes: „Ich, Berl, Sohn der Jehudith, bin ein Greis von 70 Jähren. Als ich noch im Vollbesitz meiner Kräfte war, lebte ich von meinem schweren Tagesdienst, aber ich wurde alt, meine Kräfte schwanden dahin und ich mußte — betteln____! In der ersten Zeit war ich jeden Tag satt, hatte ich doch Bekannte, die mir halfen und mich stets reichlich beschenkten ... Dann aber schämten sie sich meiner, ich verlor jede Achtung und — selten, selten einmal in vielen Tagen reichte man mir ein Stück alten, trockenen, harten, verschimmelten Brotes: meine Zähne konnten es nicht mehr beißeh und kauen ... Und ich sah, daß ich Hungers sterben würde. Da raffte ich mich auf und mit meinen letzten Kräften schleppte ich mich über 4) Unsere Weisen lehren: Allnächtlich steigt die unsichtbare Seele jedes Menschen in den Himmel auf, wo sie Rechenschaft ablegt über die guten und bösen Taten. Diese werden im „Buche des Gedenkens" vermerkt, rechts — die guten, links — die bösen Taten. 5) Name des Wochenabschnittes, der Samstag aus der Thora vorgelesen wird. ö) Die Zahl 18 gilt als Symbol für „Leben", weil der Zahlenwert des hebräischen Wortes für Leben 18 beträgt. Bekanntlich werden im Hebräischen die Zahlen nicht durch Ziffern, sondern durch Buchstaben angegeben. "0 Bethausdiener. staubige Landstraßen bis ins Städtchen L..., einer großen! Gemeinde in Israel. Die Kälte war hart, unerträglich ... So ging ich, als die Nacht einbrach, ins Beth Midrasch, um dort zu übernachten, wie es Brauch ist bei uns Juden. Aber der Schammes jagte mich weg, schloß fest die Tür und rief mir zu; er habe vom Gabbe strenge Weisung, das Haus des Ewigen nicht zu einer Herberge zu machen. Ich schlafe also im Freien, vor der Schwelle des Beth Midrasch, es ist bitterkalt, der Wind zerbricht mir meine alten, ausgedorrten Glieder, und ich bin hungrig, sehr, sehr hungrig, und mir ist kalt, sehr, sehr kalt . . . Herr der Welten! Wer benötigt dringender dieses Beth Midrasch: D u oder ich?..." Ein Gottesbefehl stieg herab und berief beide vor das Oberste Gericht! Und am Morgen fand man sie tot: Reb Jochanan, den Gabbe des Städtchens L..., daheim in seinem Bett, — den alten Bettler: draußen, auf der Schwelle des Beth Midrasch ...! („Ausgewählte Schriften", Verlag: Bibliotheka Ivrith, Warschau 1922, 9. Auflage, 5. Band.) Aus dem Hebräischen übertragen von M. S. Brafmann. Von S 2 Wochenraten er« halten Sie alle Gegenstände in größter Auswahl und bester Qualität bis 20 Monate Kredit SCHLESINGER VII, Burggasse 122-124 Telephon B-32-2-24, B-3W>55 KINO*PROGRAMME KREUZ-KINO I, Wollzeile 17 Telephon R-24- 2-16 Vorstellungen: k, %6, m, v*io Victor McLaglen, Margot Graham nformer STAFA, VII Mariahilf erstraOe 120 Telephon B-33-0-68 Wochentags: 5, 7, 9 Uhr VOTIVPARK IX, Währingerstraße 12 Telephon A-18-3-96 Beginn: 4, %*, %8, VtIO Anna Karenina mit Greta Garbo STAFA VII Sonnta& 8-März» V«H Uhr vorm. MariaVilferstraßelSO SONDIR-VO ASTIUBNC Telephon b-33-0-68 Land der Verheißung Im Beiprogramm: RUND UM DEN LUZERNER ZIONISTENKONGRESS Sos ift Denn los?! aBarum rennt benn Slttcs fo? Cs muß fidj um was SBebeutenbes Jjanbcln, benn ieber tritt bet Grftc fein! Siele tröffen Sefdjetb: Set Säjiffmann toirb jef|t au befonbers Billigen greifen »erlauft. Sreue StfjiffmannsÄunbett. wußten es fdjon lange, baß alles fo billig ift, baß man meljr unb 93effcres für ganj wenig (Selb laufen fonn. So was, wie iefct, gab es aber überhaupt nodj niajt. (5s ift unglaubltaj, was ba attes für geben geboten wirb; man wiUjnt fia) im SRärdjenlanb. 3cf)ntaufettbc, §unberttaufenbe Ijaben unfere SBaren beftaunt unb waren mit jebem Äauf aufrieben. 2llfo, liebe Scferm unb lieber Scfer ber „Neuen SBelt", fommen aua) Sie morgen au 6a)iffmann. SBir finb firtjer, baß aua) Sie ebenfo angenehm ü betrafst unfer ©efdjäft verlaffen werben unb gerne wieberfommen. Senn Sie finben in ber 2)amensÄonfe!ttonss2lbieiIung fdjon jefct gang befonbers fdjtde öfrüljjaljtsmäntel,! entjücfenbe SJiadjmütagss unb ©efellfdjaftss&Ieiber, Stufen etc. $n ber $errens&onfeJttons=3tbiettung ftnbetx Sie ben paffenben ftrüljialjrsmantel, &Cn Straßen*, ben Sports unb ben aftuellen SägersSlnaug, \n oer sdjulj* Abteilung 23ojcalf*£errens ober 2)a.men*Sä)ufie fä>nj um S 11.90. $n ber Sioff*3lbteiIung eine fdjier unüber* * fepare 9Jlenge retjenber SOSoll* unb Setbenftoffe. %n ber Strumpf* unb 2Btrftoaren*2lbteiIung i>amen?2Bafd> fetbensStrümpfe, mobeme grüljjatjrsfarben (lang ober Änie), genest unb glatt, Ii. SBaljl, 98 ©roftfieiu Sd)af* wotts5puttooer, mobeme Strtcfart S 2.90, £anbtafdjen mit SKeißoerfdjluß, 21 bis 24 cm S 1.90, in ber £eppia>, Solang* unb ßinoIeumsSlbteilung 3.*2äufer, 85 cm breit, per 2Keter S 1.98, Sßorljangslupfbatifte, per 9TCeter 35 ©rofä>n, Strapa3*Sieppbetfe mit #.*Seibenfpieger, 120 x 180 cm S 7.90, in ber SffiirtfdjaftssSCbteilung $orjettan*2:etler, Sä)üffetn, ßaffeefannen, ^ueferbofen, SJlil Pfannen, SButterbofen, ftletfäjplaiten etc., per kg S 1.80, gebranntes £on*©efä)trr, Äodjtöpfe, Äafferotten, Siegel, mit fleinen Sfe^ern, per Stücf 39 ©rofäjen, unb oieles anbere. Unb nun noajmats eine Sitte: Senuften Sie aua) ben Vormittag jum (Sinfauf. Sie fjaben meljr 9tulje, größere Musumfjl, meljr Chancen. 2UJo fommen! Sie werben ftaunen unb bann laufen. ©traßett&afjn: O, V, C 6d)iffmonn II, Saborfiraße 48 SUjM&tumeit Xetlegeit HeßUWgebß& und EttanijEQltlicaftE RftdaUeut: Oberbaurat Robert Stricker. —. DrinJk; Druckereijwa yetfags-A^G, Ign&g Steinmann, beide \Wien, ..... . i:. IX* IMverffltätsfltraßQ ß-r84 fl