Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 537 (14.2.1936)
- Date
- 1936-02-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 537 vom 14, Februar 1Ö36 Dife NfiÜÄ 'liVÄLT Seite 7! Von Jakob J o s c f s b e r g, Ilaifa Erhebt Wilna mit Recht den Ausspruch, den Namen „das ■ litauische Jerusalem'- zu, tragen, wobei itim dies von. keiner anderen litauischen Stadt streitig gemacht wird, beansprucht Lublin für sich den Ehrennamen „Jeruschalajim d'Polonia" (polnisches Jerusalem), welcher Enrenname allerdings Lublin von anderen jüdischen Zentren in Polen, insbesondere von Krakau; der Stadt des „Remu", des „Bach", des „Megale Amukoth" und des „Tossefoth-Jpmtow", angefochten wird. Immerhin hatte Lublin, wo einst ein „Choseh" (der Seher), ein „Maharschul" und ein „Maharam" lebte und wirkte, ein Recht, darauf, diese schöne Bezeichnung zu führen. Die Judengemeinde von Lublin entstand im letzten Viertel des'XV. Jahrhunderts am Fuße des Schloßberges außerhalb der Stadt. Im XVI. Jahrhundert wuchs die Judengemeinde, mächtig an. Die Juden bauten ihre Häuser rings um den Schloßberg und nördlich bis zum Bache Czechöwka. Der älteste erhaltene Grabstein auf dem jüdischen Friedhof stammt aus dem Jahre 1540. Im Jahre 1567 wurde vom jUdieeheh Leibarzt des Herzbgs Albrecht von Brandenburg die berühmte Synagoge erbaut, die nach Salomo Luria, dem Leiter der Jeschibah, „Maharschal-Schul" benannt würde. Unter demselben Dach wurde Anfang des XVn. Jahrhunderts die sogenannte „Maharam-Schul" (nach Meier ben Gedalja Lublin) untergebracht. Um dieselbe Zeit entstand in Lublin die berühmte' Talmud-Akademie; deren jeweiliger Leiter voni: polnischen König' Sigismund August den Titel eines Rektors und das Zugeständnis der Unabhängigkeit vom Lubliner Rabbinat erhielt. Auch eine hebräische. Druckerei wurde damals in Lublin eröffnet.: Zur Entwicklung der. jüdischen Gemeinde trugen die großen Märkte in Lublin bei,, auf denen die Kaufleute von ganz Europa erschienen. Als die jüdischen Kaufleute es zu Wohlstand brachten, und nicht außerhalb der Stadt wohnen wollten, mieteten sie in. Klosterhäusern und Adelspalästen Wohnungen und Geschäftsräume, was den Unwillen der christlichen Kaufmannschaft erregte und zu Prozessen und, Tumulten führte. Der große Krieg 1648 bis 1660 brachte viel Unglück über die Stadt und über die Juden. Im Jahre 1656 erobertendie Ru.ss.en Lublin und steckten das Judenviertel in' Brand, wobei 2000 Juden den Tod fanden. Im Jahre 1795 besetzten die Oester reicher, die Stadt und vertrieben alle Juden. Erst nach den Reformen des Grafen Wielopolski durften sie wieder zurückkehren: sie siedelten sich in der Altstadt an und i bildeten ■ dds Ghetto, das bis zum heutigen Tage besteht. Im jüdischen autonomen Leben Polens spielte Lublin vom XVI. Jahrhundert an die erste Rolle. lim XVII. und XVIII. Jahrhundert fanden hiei"; die meisten jüdischen Reichstage statt. („Waad arbe haarazoth", Vierländersynode.) Auch das Judentriburial befand'sichhier. Das polnische Krontribunäl tagte seit der'Gründung 15.78, in Lublin. Alle Judenprozesse (Blutbeschuldigungs¬ und- Hostienschändungsprozesse) wurden in Lublin in höchster Instanz entschieden. Senioren der Judengemeinde mußten bei Richtern und Schöffen intervenieren, und wenn daä' nicht half, der Hinrichtung ihrer Brüder assistieren ... Die meisten Exekutionen wurden am Sabbat vor der. „Maharschal-Schul" vollstreckt. Ende des XVIII. und Anfang des XIX. Jahrhunderts lebte in' Lublin der chassldische Führer Jakob Isaak von Lublin, dessen Schüler Mendel von Kozk bis in die zweite. Hälfte, des XIX. Jahrhunderts die Tradition des Meisters fortsetzte. .... In den Jahren 1914 bis 1918 war Lublin Sitz des österreichischen' ' Generalgouvermehts, Zentrale' der Militär- und Zivilverwaltung und des Handels. Zur'.Zeit der' militärischen Okkupation war . jedes-) geistige jüdische Leben , ausgeschaltet, bis. es Ende 1918, mit der Entstehung des polnischen-Staates wieder zu blühen begann. Im heutigen Lublin, der Hauptstadt der gleich-. namigen Wojewodsschaft; leben unter1 95.000 Einwohner etwa 40.000 Juden.' Den Rest bilden ausschließlich' Polen. Bei der Ankunft in Lublin, das an den Eisenbahnlinien Warachaur-Chelm—Kowel-7-Luck. liegt, hat "mlari nicht dejj' ^pdirüäk,' d&ß ( män;'sich : in einemde» wichtigsten jüdischen Zentren Polens befindet. Mit „ Aus? nähme des kleinen, mehr als primitiven jüdischen Hotelsf das1.. unmittelbar am -Bahnhof -liegt, -ist' in der -langen. Bahnhofst'raßo fast nichV vom jüdischen ' Lublin zu sehen. Erst nach einer halbstündigen Wanderung jenseits der Brücke des Baches Czechöwka befindet man sich1 in der aiuj dem XVI. Jahrhundert stammenden Jijdenstadt., In den schmalen, holperigen Gäßchen mit den. bau« fäligen Häusern, wo in den uhsäuberep, finsteren Höfen in Lumpen gekleidete Kinder sich; herunitummeln, reiht sich Kramladen an Kramladen. Ein Mischmaschvon Waren, Manufaktur, Eisen,- Leder, Mehl, Kolönialprodüfcte werden hier verkauft.' Jedes v.Geweib" (Geschäft) ist ein, kleines Warenhaus — zwischendurch kleine Cafes, Teehallen und" Restaurants niedrigen Ftynges, in denen ,,JBal- A&ules"', (K^tßcneir)...! Wasserträger, Handwerker und Hausierer bei' einem Glase Tee ihre Alltagssorgen zu vergessen trachtep. Im Gegensatz zu Wilna, wo die Menschen freundlich dreinschauen» sieht man in Lublin ver* grämte Gesichter, denn das Ghetto, ist bitterarm, gefüllt mit erbarmungsbedürftigen jüdischen „Luftmenschen". Fastt-90 Prozent der Lubliner-Juden ernähren sich vom Klein-..und Hausierhandel sowie vom Handwerk. Ebenso •wie.vinWien^gibt• es auch in Lublin eine-Anzahlvon. jüdischen „Bal-Agules", Wässerträgern und Holzhackern. Diese schwerarbeitenden, hungernden und verbitterten Menschen sind religiöser als die Juden in Wilna, aber ärmer an Geist und. Bildung. Man findet hier nicht die Talmudkenner und die Menschen mit weitlichem •Wissen wie unter den Wilnaer Juden. Inmitten des jüdi- Haw SehofUca Der Begründer der Lubliner-Jesdiihah '■' I V'' Iii I I I ■ ■ ■..... ' ni.....i i I I ■ M'.i ....... W. sehen Gassengewirrs stehen die „Maharschal-SQh'ul", die „Maharam-Schul" und die Schul des jüdischen „Ein- Hagskönigä" in Polen, Saul Wahl, der in Lublin,' gelebt hat und auf . 'dem alten Judenfriedhof begraben ist; In der Synagoge des Saul Wahl gibt es zahlreiche Erinnerungstafeln. Legende^ erzählen von seinen guten Täten, besonders die"'armen," durch Hünger und Leiden verhärmten Menschen klammern sich an diese; schönen Legenden/ erzählen gern und mit rührender Liebe ,dem Gast aus fremdem Land von den Wohltaten des jüdischen, „Eintagskönigs" in Polen. Ein Besuch aüf dem altehrwürdigen... Judenfriedhof l Der Friedhof, der in der Judenstadt liegt und der seit fast 200 Jahren für Neübeerdigungen. geschlossen ist, beherbergt unter anderen „Gaonim", auch das Grab d£s „Choseh" (Seher, nach der Legende hat dieser Rabbi vierhundert Meilen weit gesehen) und des „Maharschal". T. -Das Gepräge gibt der Jüdenstadt in' Lublin heutzutage zweifellos die „Jeschibah Chachm eh Lublin", die von dem vor zwei Jahren verstorbenen Raw Schapira unter Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit .begründet und ausgebaut würde. Das Möriümentalgebäude — eines der schönsten, größten und modernsten in Lublin — hat ein Internat. Die Bachurim (etwa 250, die meisten aus Polen, die übrigen aus Deutschland, Rumänien und anderen Ländern'aüeli ein feachur aus Buenos Aires befindet sich darin) bewohnen geräumige und luf tige Räume, nehmen in einem großen und hygienischen Speisezimmer ihre Mahlzeiten ein, an denen früher der. Raw Schapira teilgenommen hat. Aus zwei sauberen Küchen (für Milch- .uhd Fleischspeisen) erhalten die BaChurim kräftiges und reichliches Essen. Die Lubliner Jeschibah ist eine der. wenigen Jesqhiboth in der Welt, -wo die Bachurim Talmud studieren, ohne hungern zu müssen und obdachlos .tu-sein. £>W prächtig, ausgestattete Mikweh und ein großer Garten stehen den Talmudjüngern zur Verfügung. u"- Im großen Lehrsaal, der gleichzeitig Synagoge ist, sitzt^der „Maschgiach" (Leiter), ein ehrwürdiger Greis, in Tallith und Tefiiiin und wartend fastend .bis 3 Uhr riächmfttags, um dann den üblichen „Mussar-yrtrag" zu halten. Im Gegensatz zu den Jeschiboth in Mir, Radun und Möntreujc (Schweiz) k wo ein großer. Teil., der Bachurim weltliche Kleidung trägt, -tragen die Bachurim der Jeschibah in Lublin ausnahmslos Kaftan, Bart und Pejes. Raw Schapira hat die altjUdische Tracht bei der; Neuaufnahme; eines .Bachurs 5 zur.. Bedingung gestellt : \ \ r.vr "j Mit dem Besuch des Raumes, Wo :daa . „Beth- Hamikdosch" sich foeftndet-— nach■ ■ zweijähriger,' mühevoller Arbeit wurde auf -Grund der persönlichen Anweisungen 1 des seligen Raw Schapira, auf Grund der Gemara „Midoth" von einem frommen jüdischen Künstler 'ein. Modell Qes,heftai8^U«3ien Tempels erichtet —, verläßt. Man, von den empfangenen Eindrücken überwältigt, das imposante Gebäude der „Jeschibah Chachme Lublin"« Im jüdischen Lublin gibt es zwei jüdische Privatgymnasien mit polnischer Unterrichtsprache, eine gVbßa> Talmud-Thora-Anstalt und einige jüdische Kindergärten. Wie in allen jüdiächen Zentren in Polen, geben die Z i o n ist e n auch in- Lublüi dem jüdischen Leben Inhalt und Form.- Die nächststärkere' Partei ist die Agudah-, . die in der Orthodoxie starken Anhang hat und vom verstorbenen Raw Schapira geführt worden war. Es folgt der jüdisch-sozialistische „Bund", Assimilanten im westeuropäischen .Sinn gibt es nicht. Die jiddische Tageszeitung „Lubliner Yugblat" ist das einzige Organ der Lubliner Judenheit. Es ist keiner Gruppe Untertan, sympathisiert aber mit dem linksörientierten „Bund". Schiiler-Preifiansschrciben der I'alestinc Shipplng Co. Im 2uge eines SchUler-Preisausechreibeng der Palestine Shlpping Cd., das sich auf alle Länder Europas erstreckte, wurde die Wiener Generalvertretung der genannten Schiffahrtsg-esellschaft „Uai- Vers a 1", Wien, I., Kärntnerring 3. mit der Durchführung des Schüler-Preisausschreibensin Oesterreich betraut. Sie hat sich mit Herrn .Oberrabbiner Dr. Taglicht in Verbindung1 gesetzt, der durch die Professoren für Religionsunterricht in den Mittelschulen das Preisausschreiben veranlaßte. Das Preisausschreiben hatte einen Aufsatz über Palästina zum Gegenstand. Der beste Aufsatz •wurde mit einer Freifahrt auf dem Dampfer „Tel Aviv" und einem sechzehnülgigen Aufenthalt in Palästina prämiiert. Den Preis erhielt Gerda S c h n e i d m a n n, Schülerin der VIII. Gymnaaialklässe, Wien, III., Löwengasse 39, Töchter eines Wiener Arztes. Gerda Schneid mann reist am 28. Februar von Trieat mit einer Gruppe Von Preisträgern aus anderen' Ländern gemeinsam unter pädagogischer Führung nach Palästina. Der Aufenthalt in Palästina, ebenso die Reise durch Palästina in Sonderautobussen, erfolgt auf Kosten der Palestine Shipping Co. TOD ßestrenommierte Küc-he . HP3 REICHHALTIGE MENÜS a S 1.90 UNO 2.60 b C HWECHATER BRAU ll,Hammer-Purgstall.Gasse 3 (nädist Sahlorbrfiie) •Tel.MH-/! Versicherungs-A.-G. WIEN I, SCHELUNGG. 1 Telephon R-22-1-10 Invaliditäts-, Alfersu. Hinterbliebenen- Renten Von S 2 Woehenraten er« halten Sie alle Gegenstände In grÖBter Autwahl uns bester Qualität bis 20 Monate Kredit SCHLESINGER tfllt Burggasse 122-124 Teleu-hon B-32-2-24,, B-35-6-55 H ebräisdaer Lehrerin) wird in ein besseres Haus gesucht. Perfekte(r) Hebräer(innen) richten Offert mit Gehalts* anspruch an R. Sternfeld, Koprivnica, Jugoslaw. WOCHENsKALENDER Februar 1936 tS3W ' Schehnih 5696 Freitag 14 21 Sabbateiugang 5.10 Samstag., 15 ,22 Sabbatausgang 6.00 Sonntag . 16 23 Montag 17 24 ■ •........• , Dienstag 18 25 .Mittwoch . 19 26 Donnerstag 20 27