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Die neue Welt · 1936-02-07 · Heft 535 (7.2.1936) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 535 (7.2.1936)
Date
1936-02-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 20 Groschen Freitag, den 7* Februar 1936 10 Jahrgang Nr* $35 V« f>« b« Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedie par Tediteur" RE VU E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZÜGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig 8 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 4.60; Tschechoslowakei monaüich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, rtertel- - ■ 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monaüich Mark 1.—; vierteljähric jährig Dinar Mark" 3.—: Bulgarien monatlich Lewa 30.—. vierteijährigr Lewa 80.—* Italien monatlich Lire 5. Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1;50. viertel. vierteljährig Lire 14.—j irig Schweizer Francs 4.50. 1 Mit J bezeichnete. Anzeigen sind entgeltlieh. Redaktion u.Verwaliung: lXt Universitätssir.8,7el.A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u.Freitag Sdiüs§e in Davos — eine furdiferlidie Mahnung Inmitten der' stürmischen weltpolitischen Ereignisse und blutigen Auseinandersetzungen werden die fünf Revolverschüsse, die der jüdische Student David Frankfurter auf den Leiter der schweizerischen nationalsozialistischen Partei in Davos abgab, vielleicht nicht die Resonanz finden, die sie verdienen. Die' Weltöffentlichkeit wird sie in die Tageschröriik einreihen und den Erschossenen auf das Konto „Berufsrisiko" buchen, bis auf die reichsdeutsche Hakenkreuzpresse, die gleich nach dem Attentat von „ruchloser jüdischer Mordgier" fabelte und sogar davon, daß „der Mord als politisches Mittel den — Juden vorbehalten geblieben" sei. Mit der hitleristischeri Mentalität und Methodik wollen wir nicht polemisieret. Sie stehen außerhalb jeder logischer Diskussion. Eine Partei, diesich einen Horst Wessel zum' Helden/" und Vorbild, einen Walter Rathenäu zürn abschreckenden Beispiel erkor, hat keinen •Anspruch darauf," 'daß - man ' ihr mit ' tätsächlichen Beweisen entgegne. ' 1 ' ■ :' r. . > <;. ■ ■■■<: Aber im Fall des Davpser Attentate geht, es um';etwas' Anderes als um*'psychologische - Motivierung :einer, Tat: Diese liegt' so: Idar zutage, daß. es keiner.,'tief schürf enden .Analyse r bedarf; ..um. siel: ans: helle 'Licht des; Tages zu hringe'n;-" ) : l f.- ' Vom Attentäter' David' Frankfurter wissen ' wir, daß er keiner politischen' Partei angehörte, . also in niemandes Auftrag handelte, -auch nicht * etwa unter einer Parteipsychose oder Schlagwörtkranktieit lijfcti Der jüdische Student, der aus dem konstitutionell regierten Jugoslawien stammt und v in-der freien Schweiz lebt,' hat' die schauerlichen Leiden der Judenheit - unter dem Druck des ■ nationalsozialistischen Regimes gar nicht selbst - ]. erlitten, er kennt sie aus den unzähligen Berichten und Manifestationen. .. " Wasim Dritten Reich' geschah und geschieht, weiß man', in der ganzen Welt.. Äfen weiß es genau, u^d "liest es zum Teil, in der häkenkreuzlerischen Presse selbst'. ,.Der Stürmer" und der „Judenkeriher";'. sozusagen offizielle Dokumente des Regimes, geben sich gar nicht den Anschein, nobler zja sein als vsV in, ihrer 'inneren Gesinnung sind, sie; bestätigen diese bloß und wären empört, wollte man, ihnen zumuten, daß sie mit den Wünschen und An-, Ordnungen der Reichsführung nicht konform gehen. Bs1 gehört schon' . eine gründliche. Gefühlsverhärtung cfäzü, von den" deutschen Ereignissen unberührt zu bleiben: . ■ "■•.'■^:. Jüdische Frontsoldaten werden von ihren Posten gejagt,J Nkmen der gefallenen jüdischen Krieger von; cjen. Gedenktafeln getilgt jüdische. Kriegsblinde er-' halten keine" staatliche Unterstützung, jüdischen Kindern wird;Milch verweigert, alle Juden ohne- Aus-, nähme Verden zu Parias degradiert, zum Hungertod verurteÜt,,-d}eganze Judenheit —r also auch die außerhalb; Deutschlands — als , die Personifikation des; Untermenschentums bezeichnet. Man muß trotz allem: Widerstreben diese Dinge jetzt wiederholen, man muß das, was das Hakenkreuz den Juden, antut, noch einmal . Revue ( passieren . lassen, um die seelische Reaktion auf solches Tun in seinem ganzen Umfang zu .begreifen.; - ,'. Der 25 jährige David Frankfurter muß : zweifellos unendlich 'viel gelitten haben, bis er sieh.zu seiner Tat entschloß.-Wie stark muß die : Empörung Uber die Ruchlosigkeit des Hakenkreuzes, wie brennend der Wunsch des Protestes . gewesen sein, wenn er, der persönlich von der hitleristlschen Schmach unberührte Student, zum Revolver griff und Gustloff, den hitleristlschen Sendling, den Gauleiter in der Schweiz, niederschoß! Als Frotesi! Als Protest gegen ein Regime, das von nüchternen, sachlich denkenden und durch ihre Stellung zu mildem Ausdruck verpflichteten Staatsmännern von öffentlicher Tribüne als barbarisch bezeichnet wurde. Als der aus Rußland; stammende jüdische Uhrmacher Schalom Schwarzbart in Paris den weißgardistischen General Petljura, den Regisseur der ukrainischen Judenpogrome, niederschoß, fand er bei den Volksrichtern, bei französischen Volksrichtern, Verständnis. ,. Der Propaganda der zaristischen Emigranten in Päris und der. antisemitischen Presse gelang es niefit, die. öffentliche, Meinung gegen Schwarzbart ,zu mobilisieren, ürid der ' Verteidiger Schwarzbarts, Henri Torres, erzielte vor den französischen Geschworenen einen Freispruch, dessen :Mbtivierung das Verständnis Frankreichs für eine Tat unter sittlich-ideellem Zwang ins Licht rückte. Die Külturwelt ' quittierte den Freisprach Schwarzb'arts -mit . allen Zeichen des1 Begreifens.' Aber man stelle sich .den .'Üntersphied zwischen Petljura!und dem Jutleristi-, . ,' Y ' — ■j*l*?c. m ' ' \'.' \; '. '.. '*."*. '• Zottlet ' f äff @rfr fdjunflSticttäitf '• fr Scueifitunti sehen Nazismus vor: Rußland unmittelbar nach der Revolution, die alles über; den Haufen warf, Rußland von . rot- und weißgardistischen. Armeenbestürmt, Rußland als. historisches Land der Pogrome . > . während der hakenkreuzlerische Feldzug gegen - die Judenmit systematischer, kühler Grausamkeit- -geführt, wird und die -publizistische Propaganda des Nationalsozialismus, vor keiner Landesgrenze; haltmacht y überall — von Holland bis Mexiko ,-r-, ihr schändliches Gift verspritzt, wenn es sich nur. gegen die.; Juden verderblich auswirken kann. Auch der. erschossene Gauleiter arbeitete daran, die nazistischen In unserer heutigen Ausgabe veröffentlichen wir unter dem Titel „ß* KäfM wotäsUstket QesdtulUe" die Erinnerungen des türkischen Politikers Ali Nouri Dilmec an ItteafotUevd Diese Erinnerungen erhellen Herzls Kampf. um den politischen Zionismus gegen die Intrigen der Hofschranzen rings um den Sultan Abdul Hamid und zeigen den großen und vornehmen jüdischen Staatsmann in seiner ganzen Eigenart. Ali Nouri Dilmec, der bedeutenden Einfluß in den türkischen Hof kreisen besaß, hat uns seine Erinnerungen zur Verfügung gestellt, wodurch die zionistische Oeffentlichkeit zum erstenmal Gelegenheit hat, in eine Phase historischen Geschehens Einblick zu tun, das zur Abdankung des Despoten Abdul Hamid und zur Errichtung der modernen Türkei führte. (Siehe Seite 8.) ihresgleichen begegnet, .und notorische. Brandleger, Fälscher und Fememord-Inspiratoren wurden nicht 'nurV;'$ni y Staatskarizleieh, . sondern ..auch in' ■Salons empfangen. Die Angst vor der brutalen Macht Hitler* Deutschlands 'hat' den angeborenen Respekt vor Recht uiid' Ehre erstickt,; so daß die Frage „Wie könnt ihr das dulden?" mit einem Lächeln und Achselzucken beantwortet wird. Eine Anklage, ein ,,J'accus e" gegen das Hinnehmen der häkenkreuzlerischen Menschheitsschändung seitens jener, die immer' von der Verpflichtung gegenüber der europäischen Kultur sprechen, verklingt, im unendlichen Aether Die Juden, .leidgestärkt und leidgewohnt, haben die ihnen vom Hakenkreuz angetanen Schändlichkeiten mit viel Selbstbeherrschung hingenommen. Es gehört fast Fatalismus dazu, die Empörung über das, was das Hakenkreuz in der Welt täglich verbricht, in einer Form zu : halten, die den Rahmen des .' ( j Kapelte: Max Geiger Gesang: OTTO H AU S ER Jazzsänger und Tänzhumorist (Hinter dem Deutschen V o I k s t h e a t e r) Jeden Samstag und Sonntag Beginn V* 9 Uhr abends Besucherkarte 60 Gr. Rezepte (in der Schweiz) wirksam werden-zu lassen. Ein schweizerisches Hakenkreuzregime : würde die S c h w e izer Juden ebenso treffen wie das reichsdeutsche die Juden des Dritten Reiches. Darum Schüsse als Alarm, als Protest... Als Protest aber auch; gegen die Welt, gegen das die hitleristische Grausamkeit gegen Juden duldende Weltgewissei*! Bis zum Ueberdruß haben wir das Schlagwort „Nichteinmischung" im Zusammenhang mit der Forderung, man möge sich vom Dritten Reich distan-; zieren, gehört. Führeride Staatsmänner, Repräsentanten des Geistes, Vorstände kulturverpflichterider Organisationen haben immer wieder das - antisemitische Regime der« Nationalsozialisten' mit all seinen' Schändlichkeiteri sozusagen als Nat ure'r e ig n i s hingenommen, dem man keinerlei politisches und privatmenschliches Argument entgegenstellen könne. Machthabers des Dritten Reiches sind ausländische verantwortliche Persönlichkeiten wie KOKS ANTHRAGT Alleinige Lieferantin der„Asca\ Bund jüdiicwc, Frontsoldaten, Keren Kajemeth, der Jüdischen KiilturstQÜe BÄSCH IVt ARGENTINIERSTRASSE 22 TEL. 1*47-5-40 Menschenmöglichen nicht sprengt. F ün f z e h n Millionen Juden und ein Revolver ~ wahrlich, ein Verhältnis, das vielleicht nur durch den Glauben an den Sieg der Gerechtigkeit erklärt werden kann!1 Der jüdische Student David Frankfurter ist kein Fememörder. Er hat sich nicht feig davongeschlichen wie die Mörder der hitleristischen Epoche, die Mörder Rathenaus, Hanussens, Dr. Beils, Professor Lessings, HatUPMästiua m humü Billige Gesellschaftsreise mit oder ohne Verpflegung, Ausflüge im Lande, nach Aegypten und Syrien, unter bewährter Führung f rtfi Mäßige Preise ab d 93U« Nähere Auskünfte bei Qr.S.TOCKER im Reisebüro ,In die Welt* (W.M.Renner) WIEN IX, LIECHTENSTEINSTRASSE 2. Tel. A-14-604 Ing. Formis, wer könnte die lange Reihe dieser Gesellen aufzählen, die im Dritten Reich als' Helden gelten, ja, Denkmäler erhalten haben... David Frankfurters Tat ist die Tat eines Idealisten. Man muß Mitleid haben wegen seiner kranken Seele, man muß Respekt. haben vor seiner menschlichen Offenheit. Fünf Schüsse.— Alarmsignale an die Welt, die zwar das Regime des Dritten Reiches verurteilt, es aber gewähren läßt, ja, ihm von Zeit zu Zeit die Mauer macht. Wir haben einen jüdischen — Mörder. Das ist ein Unglück. * Aber wir haben uns seiner nicht zu 3Cjt^^jPp^0ll y ( 'f ''JJ^ jj^'

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