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Die neue Welt · 1936-01-31 · Heft 533 (31.1.1936) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 533 (31.1.1936)
Date
1936-01-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite S DIE NEÜE WELT ftr. 533 vom 31. Jänner 1Ö36 Uo* de* (jtekkkeb aäet tkmdm Von Rabbiner Dr. Armand K a m i n k a Der Vortrag, welchen der Gründer und Leiter des Maimonides-Instituts (Wien) bei der Eröffnung des Studienjahres 1935/36 hielt, ist unter dem Titel „Die biblische Lehre von der Gleichheit aller Menschen" im Verlag des Maimonides-Instituts als Sonderheft erschienen. Mit Genehmigung des Autors bringen wir den Teil, welcher der Frage gewidmet ist, warum Gott wohl verschiedene Tiere und Pflanzen „nach ihrer Art", den Menschen aber als Einzelwesen, nur einen Menschen, geschaffen hat: „Die Anschauung von der Gleichheit der Menschen nimmt in späteren rabbinischen Schrif ten eine hervorragende Stelle ein. Die Kontinuität tritt deutlich hervor, wenn wir im jerusalemschen Talmud lesen, daß Rabbi Jochanan, der einen Knecht hatte, ihn in jeder Beziehung wie einen gleichgestellten Menschen behandelte, indem er den erwähnten Satz Hiobs zitierte: „Er, der mich im Mutterleibe erschaffen hat, hat auch ihn in gleicher Weise erschaffen." GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, I. Bez., Seitenstettengasse 2, III Samstag XI.. Zenirnlir^dhof. neb, d. 1. 7nr. 'II peschfassen Mit besonderem Nachdruck und mit mehrfacher Begründung wird aber diese Lehre in der M i s c h n a angeführt. Im Traktat Sanhedrin wird unter den Bestimmungen über einen Kriminalprozeß folgendes angeführt: Wenn eine Anklage wegen Mordes erhoben wurde und gegen den Beschuldigten mehrere Zeugen auftraten, so daß ein Todesurteil zu befürchten war (ein solches wurde aber durch alle möglichen Kautelen vermieden), ermahnte man die Zeugen sehr eindringlich, daß sie sich der schweren Verantwortung bewußt seien, die sie durch ihre Aussage auf sich laden. Es gehe um ein Menschenleben, das sei unendlich kostbar und unwiederbringlich. Ein Menschenleben sei auch nicht für sich allein zu bewerten; denn es sei der Ursprung einer Folge von Generationen. Darum laute auch das Wort an den Mörder Kain über das vergossene Blut seines Bruders Abel nicht in der Einzahl „das Blut", sondern in der Mehrzahl „deme", die Blutströme deines Bruders schreien von der Erde zum Himmel, d. h. sein vernichtetes Einzeldasein und zugleich das Dasein der ungeborenen, mit ihm vernichteten Geschlechter. Daran wird in der Mischna die Betrachtung " geknüpft: Deshalb wurde ja der Mensch als Einzelwesen g e schaffen. (In der Tat drängt sich dem aufmerksamen Leser der Schöpfungsgeschichte die Eigentümlichkeit auf, daß, während die Bäume, Kräuter und Pflanzen „nach ihren Arten" in ihrer großen Mannigfaltigkeit, ebenso alle Tiere, Vögel und Geschöpfe der Erde und des Wassers, wie ausdrücklich erwähnt wird, nach ihren verschiedenen Arten erschaffen wurden, und man erwarten würde, daß auch die Menschen von Anfang an nach Völkern und Rassen zum Ruhme Gottes erschaffen worden wären, das Gegenteil deutlich hervorgehoben wird, daß Gott nur einen Menschen gebildet habe.) Warum? Nicht weniger als fünf Gründe führt die Mischna an. „Erstens, um uns zum Bewußtsein zu bringen, daß, wer ein einziges Menschenleben vernichtet, eine Schuld auf sich lädt, wie wenn er. eine ganze Welt ausgelöscht' hätte. Umgekehrt sei es für jed.en Wohltäter ein . erhebender Gedanke: Wer auch nur ein einziges Menschenleben stützt und vor dem Untergang bewahrt, hat etwas unendlich Wertvolles, eine ganze Welt erhalten. Zweitens wurden deshalb die Menschen nicht in verschiedenen Rassen und Farben, sondern ein Urahn für alle geschaffen, damit nicht einerd'em anderen sagen könne, mein Vater, mein Stamm, mein Volk, meine Rasse sei mehr wert als deine; du bist minderwertig mir gegen-- über. Drittens: Eine Weltreligion, in der ein einziges, die Geschicke aller Menschen leitendes . göttliches Wesen verehrt wird, war überhaupt nur möglich,, wenn die ganze Menschheit als eine E i n h e vt vorausgesetzt wurde. Die Differenzierung der Menschen nach Stämmen hätte notwendigerweise zu einer gleichen Differenzierung von Gottheiten geführt. Wir erleben dies ja in unseren Tagen, daß der Rassenaberglaube in seiner Konsequenz auch zu einem neuen Heidentum Anlaß gibt, zu einer Profanierung des Göttlichen, indem es der beschränkten Materie des eigenen Blutes und Bodens gleichgesetzt 'wird. Nach der Genesis ist die spätere Sonderung der Völker eine Folge ihrer Versündigung gegen Gott, ihres Uebermutes und ihrer als Strafe erfolgten Zerstreuung in verschiedene Himmelsgegenden. Viertens: Durch diese ursprünglicheEinh e i t des Menschengeschlechtes zeigt sich gerade, wie durch das Göttliche im Menschen die Mannigfaltigkeit möglich wurde. Wenn ein Mensch ein Siegel aufdrückt, ist in allen Wiederholungen das Bild ganz genau das* selbe. Wenn eine Münze geprägt wird, sind alle Exemplare einander zum Verwechseln ähnlich. Die Menschen aber haben, trotzdem sie von ihrem Schöpfer genau dasselbe Gepräge erhielten, durch ihren Geist und ihre Fähigkeiten, durch die verschiedene Art des Reagierens auf die Einflüsse der Natur und die verschiedenartige Gestaltung ihres Willens, jene Vielgestaltigkeit des Völkerlebens hervorgebracht, die das Thema der Weltgeschichte bildet und uns vor die größten sittlichen Aufgaben stellt. - Fünftens: Ein besonders bemerkenswerter Grund dafür, daß der Mensch als Einzelwesen erschaffen wurde, ist folgender: D e r M e n s c h soll seine Individualidät wahren und schützen. Ersoll nicht zu einemHerdentier herabsinken. Er hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, trotz aller Rücksicht auf die Gemeinschaft auch sein Einzeldasein hochzuhalten, sich dem ersten, einsam in der Welt lebenden Menschen gleichzustellen und zu sagen: für mich ist die Welt erschaffen worden! Dieser originelleGedanke erhält für uns wiederum seine Bedeutung im .Hinblick auf gewisse historische Erfahrungen und vorwiegend in unserem Zeitalter. Die Gewaltherrscher haben sich immer, um ihren uneingeschränkten Einfluß auf die Volksmassen zu sichern, bemüht, jedes selbständige Denken, Fühlen und Wollen des einzelnen gänzlich zu unterdrücken. Um jede Regung der Vernunft und sogar jedes sittliche Bedenken gegen einen Befehl der Mächtigen lahmzulegen, wurden Leidenschaften entfacht, Vorstellungen, Ideen .'und Ziele konstruiert, die auf die großen Massen eine Wirkung übten, und der einzelne Bürger bei seinem Ehrgefühl und beim Gefühl der Abhängigkeit von der Menge gepackt, damit er eingeschüchtert, ohnmächtig und willenlos dem großen Strom folge. Nun ist aber das individuelle Denken, Fühlen und Urteilen der Ursprung alles Fortschrittes und aller Kulturentwicklung, während die systematische Unterdrückung des ehrlichen, eigenen Gedankens und persönlichen Willens selbst in Epochen, wo ein besonders, begnadeter und erleuchteter Besitzer, der Macht die ihm unterworfenen Völkerschaften zu Wohlstand und Ruhm geführt hat, nur eine geistige. Verarmung und ein sittliches Sinken der Menschen zur Folge hatte. Dies weiß jeder Kenner , der Geschichte bereits aus dem Zeitalter der römischen Cäsaren, wiees von Tacitus für alle Zeiten als abschreckendes Beispiel fehlenden Bürgersinnes und menschlicher Würde dargestellt wurde. Gerade in dieser Zeit, wurde ja auch die Mischna verfaßt, -in der — wie wir es nun als Zeugnis tiefen Verständnisses für die wahren Bedingungen eines sittlichen und kulturellen Zusammenlebens der Menschen erkennen — als letzter und wohl auch vornehmster Grund dafür, daß nur ein einziger M e'n s c h erschaffen wurde, der wunderbare Gedanke ausgesprochen wird, daß der Mensch, bei all seinen Pflichten der Gesamtheit gegenüber, die ihm durch seine Individualität, durch seinen Geist, durch sein eigenes Urteil gestellten Aufgaben nicht verleugnen darf. Er darf nicht zu einem willenlosen Werkzeug werden. Er darf nach dem. mosaischen Gesetz (Exodus, 23, 2) auch nicht, wenn die große Masse etwas Böses, sittlich Verwerfliches gutheißt und preist, sich sagen: ich bin ja doch machtlos und kann als einzelner nicht gegen die Menge auftreten; ich würde ja auch nichts damit ausrichten. Er hat vielmehr die absolute Pflicht, ganz unabhängig von der Aussicht auf einen Erfolg, soviel an ihm liegt, furchtlos für das Wahre, Rechte und Heilige einzutreten." JUstoutont BiMä Bestrenomm i e r i e Küche "NP3 REICHHALTIGE MENtyS ä S 1.90 UND 2.00 sCHWELHA l'bk BRAU ll,Hammer-Purgstall.Gasse 3 (nächst Salitoibrflck8) •TiLMH-75 WOCHENsKALENDER Jänn.-Febr. 1936 BW vmn Scheöath 5696 Freitag 31 7 Sabbateingang 4.50 Samstag 1 8 Sabbatausgang 5.40 Sonntag 2 9 Montag 3 10 Dienstag 4 11 Mittwoch 5 12 Donnerstag 6 13 E|M|P|F E H|L]E|N|S|W|E|R RM □□Od Restaurants, Cafes etc. Cafö Abbazla, II., Ausstellungsstraße 1, Tel. R-44-5-58. Warme und kalte Küche. Bier vom Faß. Klubzimmer. Samstag u. Sonntag Konzert. Musikschutz frei. A. Barschak, Ii., Große Schiffgasse 3. Streng nca. Vor* zügltche Küche. Billige Preise. Dalmatia Weinhans, IV., Rechte Wienzeile 27, Telephon A-37-0-25. Filiale: I., Tuchlauben 11, Tel. U'27-1-61. 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