Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 532 (28.1.1936)
- Date
- 1936-01-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 10 Groschen Dienstag, den 48« Jänner i#36 10 u **Ht **k DIE NEUE II 532 vom Verleger versende! -nedlö par redlteu** ^apttpjpjnMilj ^^^^B i fa^i REVUE BEZUGSBEDINGUNGEN! Oesterreich monatlich S L40,vierteljahrig S 4.-. £MZJä™S vierteljahrig Zloty 4.50; techechoalowakel monatlich Kc 6.-, vierteljährig Kc 15.--; Jn*°«»™f»«onattich Dtow vtertellMB jährig Dinar 40.-: Bnmänlen monatlich Lei 40.-, J&t^rl* Lei Up^-S D*tt*»ä&5,d r?m K JStLl«£5* iSPiES Mark 3.-: Bulgarien monaUlch Lewa 80.-. vierteljahrig Lewa 80.—i Ä 00 "*?Si Schwei* und dfe übrigen Länder monatlich Schweizer* Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Franca 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlieh. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u.VerwaUung: IXtUniversitmsir.8jeLA^ Oester reichliche Judenfrage Anläßlich der grqßen Wiener Kundgebung der Vaterländischen Front, welche nicht nur in Oesterdeich; sondern in ganz Europa mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt wurde, haben die Führer des Staates, Bundeskanzler Dr. Schuschnigg und Fürst Starhemberg, bedeutsame Aeußerungen getan, die auch für die Österreichischen Juden von größter Bedeutung sind. Sie haben von dem Verhältnis des österreichischen Staates zu seinen nationalen und konfessionellen Minoritäten gesprochem Der' Bundeskanzler sprach von den nichtdeutschen Volksgruppen in Oesterreich und sagte: - „Die Staatsführung hat allen Anlaß, auch diesen, sofern sie treue Oesterreicher sind, herz- ', liehe Heimatgrüße zu entbieten. Gerade die beson-. dere Art der deutschen Sendung Oesterreichs und ein Stück Erbe aus früherer Zeit bringen es mit sich, daß man in dieser Frage in Oesterreich einen ' Fehler ganz gewiß nicht begeht: Wir werden; niemand sein Volkstum rauben. Wir sehen es vielmehr als die Aufgabe des deutschen;; Oesterreich an, national versöhnend zu ■ wirken und dafür zu sorgen, daß die fremden , Volkstumssplitter das Bewußtsein haben, daß ihr Volkstum im deutschen; Oesterreich geborgen ist. Daher ist nationale Gerechtigkeit derabsolute Inhalt unserer Auffassung von der deut- sehen Sendung unseres Staates." Der Führer der VaterländischenFront, Fürst Starhemberg, sprach dann davon, daß neben dem deutsch-christlichen ' Erziehungswerk " der Vaterländischen Front' den anderen staatlich anerkannten Glau-: Hensgemeinschaften Gelegenheit gegeben werden niuß, ihre Jugend in ihrem Geiste zu erziehen. , Die katholische „Reichspost". bemerkte anknüpfend an diese Reden, daß die ihnen entwickelten großen Ideen nunmehr in einem Programm festgelegt werden müßten, das den exekutiven Organen, des österreichischen Staates feste Richtlinien für ihre, Tätigkeit zu. geben hätte. Sie kommt hiebei auch auf die Judenfrage zu sprechen. Und zwar in folgender Form: ' „Die Formulierung der programmatischen Zielsetzung wird enthalten müssen: einerseits .das'; radikale Bekenntnis zum österreichischen Staatsgedanken, wie er sich aus seinen Hauptkomponeniten Selbständigkeit, Christentum, Deutschtum, autoritäre Führung, berufsständisch gegliederte Gesellschaft ergibt; andererseits <3ie Stellungnahme ' zu'bestimmten politischen Fragen (z. B. dem Mon- { archishius), zu wirtschaftlichen Fragen (z. B. Wäh- rungsproblem) oder zu politisch und wirt-; 'schaftlichen Fragen (z. B. Antisemitismus).". Aus den Ausführungen der „Reichspost" ist nicht, zu ersehen, welche Haltung zur Frage des Anti- Bernitismus ihr vorschwebt, eine ablehnende oder eine zustimmende. Jedenfalls aber ist zu entnehmen, daß sie eine klare Stellung zur. Uudenfrage wünscht, und darin stimmen wir mit ihr überein. Wir Juden wollen, daß endlich eindeutig und rückhaltlos zu dem Verhältnis zwischen österreichischem Staat und Juden gesprochen wird. Wir leiden unter den bestehenden Unklarheiten, denn sie leisten allen jenen Elementen, welche einer gerechten, und loyalen Behandlung der Judenschaft auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet abhold sind, Vorschub und bilden für alle jene, welche Gerechtigkeit und Loyalität im-Verhältnis zu den Juden anstreben, unüberwindliche Hindernisse. . Die Klarheit, fehlt! Auf der einen Seite eine Ver-. fassung, welche den Juden Gleichberechtigung garantiert, und gewiß e r n s t zunehmende Versicherung der obersten Führer, daß sie gewillt sind, die Verfassung zu wahren. Auf der anderen, Seite Bestrebungen aasführender Organe, welche dahin gerichtet sind und leider mit Erfolg —, die Verfassung ihres Sinnes zu berauben und die Juden zu verdrängen. Politisch und wirtschaftlich, In den neugeschaffenen Vertretungskörpern für Gewerbe und Handel wurde eine weitreichende Ausschaltung der Juden durchgeführt. In den maßgebenden Repräsentanzen der Aerzteschaft und Anwaltschaft sind die Juden höchstens in verschwindender Zahl, in einem grotesken Mißverhältnis zur Zahl der jüdischen Angehörigen dieser Stände und ihrer Bedeutung für diese Stände zu finden. Während man laute und bewegliche Klage darüber führt, daß in zwei oder drei Berufskategorien zu viele Juden sind, denkt man nicht daran, von jenen minderten Berufen zu sprechen, von denen die Juden systematisch ausgeschaltet wurden und ausgeschaltet werden, mit einer Selbstverständlichkeit, die für die Juden einfach unerträglich wird. Immer und immer redet man von jüdischen Aerzten und Advokaten und Bankbeamten, deren zu viele . sind. Ueber die staatlichen und städtischen gUdlschen; gestellten, die überhaupt nicht da snid, schweigt man sich aus. Auch über die Judensperre bei größeh vaten und öffentlichen Unternehmungen, '.f Der Unklarheit in der 'Judenfrage freueö slcfi auf nichtjüdischer Seite jene, die schlechten Willens sind, auf jüdischer Seite jene, die unve*" nünftig sind oder Egoisten, die ihr Schäfchen im Trockenen haben. Wir aber wollen endlich Klarheit!! Wir wollen, daß die verantwortlichen Stellen im Staate zu einer gerechten Entscheidung gelangen. Wir öster* reichischen Juden wollen nichts, was uns nicht smkommt. Wir wollen aber endlich wissen und haben, was uns gebührt. Deshalb pflichten wir der von der „Reichspost" erhobenen Forderung nach grund« sätzlicher Behandlung der Judenfrage durch die maß* und richtunggebende österreichische Organisation^ durch die Vaterländische Front, Gefahren für die Juden Im Osten Schlimme Nachrichten kommen aus dem Osten Europas. Eine antisemitische Welle ergießt sich über Polen und Rumänien. Das, was hier an den Juden verübt wird, trägt nicht mehr das alte Gesicht; es sind nicht mehr die bekannten Farmen des Judenhasses, wi e er im zaristischen Rußland üblich war. Der neue Judenfeldzug trägt die Züge hakenkreuzlerischen Geistes. Es geht nämlich nicht mehr um plötzlich auftauchende und ebenso rasch verschwindende Aktionen, sondern um einen systematischen Vernichtungsfeldzug. Zu den seelischen Qualen, zu den sozialen Beschränkungen gesellt sich die ungeheure, unsagbare-' wirft* - < schaftliche^Not.v^. \ ... [ / Was sollen die vier Millionen Juden,,welche in Polen und Rumänien wohnen, tun? Ihr Betätigungsradius wird durch staatliche und kommunale Maß: nahmen immer mehr eingeschränkt, eine -berufliche Umschichtung begegnet den größten Schwierigkeiten, philanthropische Hüfsmaßnahmen sind Tropfen, auf einen heißen Stein. Der Prozeß der Verelendung macht rasche Fortschritte, keines der humanitären Mittel kann ihn aufhalten. Dabei müssen die Juden auch, noch den Umstand in Kauf nahmen,-daß sowohl die Agitatoren als auch die aktiven Exzedenten von den Behörden so mü^le behandelt werden, als würde! es sich, um „Helden" handeln, die für ihre Gewalttäten „patriotische" Motive ins Feld schicken dürfen. Hooligans, welche Bomben werfen, werden nicht gefunden. Pogromisten, welche Juden ' bestialisch . ermorden', werden mit ein paar Monaten Gefängnis bestraft. Auch die Studentenschaft, die „Elite der Nation", rührt sich wieder. In Rumänien bringt sie dem berüchtigten Guza Ovationen dar, in Polen (Lemberg) zwingt sie ihre jüdischen Kollegen inein Bänkghetto. Gleichzeitig versucht man beispielsweise in bezüg auf Rumänien der Weltöffentlichkeit zu versichern, daß „die Nachrichten über eine antisemitische Agitation völlig grundlos seien und in das Reich der Phantasie gehören". Das erwidert nämlich der rumänische Gesandte in Washington auf ein Memorandum des Verbandes rumänischer Juden in Amerika. Ueber die Lage in Rumänien selbst unterrichtet uns das Ergebnis der Nachwahl im Kreis Süceava, bei der der Hitlerist C u z a mit großer Mehrheit in den Senat gewählt wurde — als Kandidat der NationalchristlichenPartei, deren Führer Oetävian Goga offen erklärte, daß sie demnächst, wenn nötig, mit Gewalt die Macht im Staate übernehmen werde. Wir kennen diesen Text und diese Melodie aus dem Dritten Reich! i i : ' : In P o 1 e n bemührt man sich mit Rücksicht auf die bedrohte Lage der jüdischen Bevölkerung, eine Gesamtrepräsentanz der polnischen Judenheit zu schaffen. Die ehemaligen jüdischen Abgeordneten und Senatoren haben den Beschluß gefaßt, den seinerzeitigen zeitweiligen Jüdischen Na t ion a 1 r a t zu reaktivieren und ihn zum Schutz der jüdischen Rechte einzusetzen. ' Die Gefahren, die den osteuropäischen Juden drohen, sind groß. Man darf sie in der Sorge um die deutsche Judenheit nicht vergessen. Nie in der Geschichte der letzten 40 Jahre war Herzls Prognose und Kez^>Vd, J, „Man wfed uns, keine Ruhe gehen" uud „Wir müssen uns unseren eigenen Staat errichten" sd aktuell wie heute. Nachstehend veröffentlichen wir die den dar.« gestellten Sachverhalt ergänzenden Nachrichten. Der Verlfeier der Juden klagt an . Aus Warschau wird gemeldet: Bei Behandlung des Budgets des Innenministeriums in der Budgetkonimission des polnischen Sejms referierte der Innenminister Doktor Raczkiewicz über die Sicherheitslage und stellte dabei fest, daß im Verlauf des Jahres 1935 und zu Beginn von 1936 sich die Sicherheitsverhältnisse im Lande verschlechtert haben. Er gab zu verstehen, daß. der steigende antisemitische Terror der Nationaldemokraten der Regierung Sorgen mache. Er nannte eine hohe Zahl von öffentlichen Unruhen (48.938 Beteiligte!), wobei die Eingeweihten wußten, daß die Mehrheit derselben Ueberfälle auf Juden betrafen, bei welchen eine Reihe Juden den Tod fand,. andere zu Krüppeln geschlagen worden sind. Beiläufig erklärte der Minister, daß das Kontrollrecht über die jüdischen Gemeinden, das bis jetzt die Stadtverwaltungen inne hatten, auf die Starostas (Polizeileiter) übergegangen ist. Im Verlauf 'der Debatte über das Referat des Ministers ergriff der jüdische Deputierte Minzberg das Wort, um die Klagen der jüdischen Bevölkerung vorzubringen. Die untergeordneten Polizeiogane erfüllen nicht immer ihre Pflicht. Die Polizei muß verantwortlich gemacht werden für Leben und Eigentum der jüdischen! Bürger. Gewisse Starostas betätigen selbst einen Antisemitismus. Ganze jüdische Gemeinden in gewissen Städten sind infolge des Boykotterrors dem Verhungern preisgegeben. Es werden nicht allein Boykottposten vor den jüdischen Geschäften aufgestellt, um die Bauern der umliegenden Gemeinden am Betreten derselben zu verhindern, sondern die Bauern werden auch noch daran gehindert, den Juden ihre Lebensmittel zu verkaufen. In manchen Orten können die jüdischen K i n« der keine Milch bekommen. In Leszno wurden erst jüngst die jüdischen Marktstande überfallen, die Waren wurden geraubt und die jüdischen Händler barbarisch mißhandelt. Minzberg wies auf die jüngsten Bombenattentate auf die jüdischen Geschäfte in Lodz und in Otwodsk hin und erklärte, die Verwilderung gewisser Elemente sei ohne Grenzen. In den abendlichen Stunden werden jüdische Männer und Frauen mit Salzsäure überschüttet, die Kleider jüdischer Frauen werden mit scharfen Messern zerschnitten. Es würde zu weit führen, die Fälle einzeln aufzuzählen, sie sind zahllos und passieren jeden Tag und jede Nacht. Die öffentliche Atmosphäre wird durch die antisemitische Presse und antisemitischen Flugschriften so vergiftet, daß das Verbrechen eine normale Ercheinung wird. Der oberschlesische Deputierte Kopecz hielt sodann eine scharf antisemitische Rede, zählte die aus den deutschen antisemitischen Schriften bekannten „jüdischen Sünden" auf und sagte, den Juden sei in Deutschland recht geschehen, sie wollten dort die deutsche Kultur zerstören. In dem jetzigen polnischen Schlesien aber provozieren sie die Bevölkerung durch lautes Deutschsprechen. Sie schaffen dadurch und durch ihre anderen Sitten eine Pogrofflätimmung in Scnlesjen* DW