Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 527 (10.1.1936)
- Date
- 1936-01-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2712150-2712152--5544-2719174- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 DIE NEUE WEL1 Nr. 527 vom 10. Jänner 1936 Izuwpeidots Heldentod I/o* 7.2. Hohhcc (Aus dem Buch „Josef Trumpeldor") Wie eine uralte Heldensage klingt der Bericht über Triunpeldors letzten Kampf und Heldentod. Wie immer, waren auch an jenem Montag, den 69. Februar 1920 (11. Adar), die Chäluzim von Kfar Gileadi beim Frühstück. Trumpeldor war unter ihnen. Früh morgens war er bereits gekommen. Man sprach, lachte, machte Witze. Da plötzlich — Schüsse in der Richtung Tel Chajs. Wahrscheinlich schießt man in Chalsa", bemerkte Trumpeldor. unterhalten sich weiter. Neue Schießerei. Man stellt fest, Araber überfallen fei. Chaj. Trumpeldor und neun Mann rücken in Schivarmlinie gegen Tel Ohaj vor. Obwohl Hunderte von Beduinen das Haus umlagerten, gelingt es Trumpeldor und seinen Kameraden, ins Haus einzudringen. Im Hause ist alles zum Kampfe bereit. Unter den Bedtiinen war auch ein Offizier, ein Anführer einer großen Räuberbande. Dieser hatte vor nicht langer Zeit versucht, nach Kfar Gileadi einzudringen, indem er sich als Führer einer französischen Avantgarde bezeichnete. Sein Versuch hatte aber fehlgeschlagen. Dieser „Offizier" stritt nun die ganze Zeit mit Schneurson^ dem Stellvertreter Trumpeldons, bedrohte ihn mit dem Stilett und behauptete, die Juden hätten sich mit den Franzosen verbunden. Denn, wenn sie den Arabern freundlich gesinnt wären, würden sie nicht mit den Gewehren bei den Fenstern stehen. Schneurson ericiderte ihm, es hätten hier so viele Ueberfälle von Freunden und Feinden stattgefunden, daß es schwer sei, den Freund vom Gegner zu unterscheiden. Dies sei der Grund ihrer Kampfbereitschaft. Aber was die Beziehungen zu den Franzosen anbelange, so bestünden keine solchen. Nun erschienen Kammel Effendi und dessen Vetter, beide mit Handgranaten und Revolvern bewaffnet, gefolgt von drei Offizieren. Sie forderten Einlaß. Sie hätten in der Gegend Franzosen bemerkt und sie wollten sich überzeugen, daß sie hier keinen Unterschlupf gefunden hätten. Da dies nicht das erste Mal war, daß sie ein solches Ansinnen stellten, gestattete ihnen Trumpeldor auch diesmal, einzutreten u7id Nachschau zu halten. Nachdem Kammel Effendi mit vieren seiner Leute alle unteren Zimmer besichtigt hatte, stieg er in den ersten Stock hinauf. Dort waren die Mädchen: Deborah Drachler, Sarah Tschischik, sowie Munter, Scharf und Kanewsky. Trumpeldor mußte hinuntersteigen, weil .er bß* merkt hatte, wie einer von den Offizieren sich von den übrigen getrennt hatte und hinausgelaufen war, um die Araber von der Umgebung herbeizurufen. Von allen Seiten lief man nach Tel Chaj. In diesem Moment ertönte die erregte Stimme Deborah Drachlers von oben: „Trumpeldor! Sie nehmen mir meinen Revolver!" Nun begreift Trumpeldor, warum Kammel mit seinen Leuten gekommen ist. „Feuer!" befahl Trumpeldor. Es entsteht ein Tumult, ein Durcheinander, beide Seiten stürmen aufeinander los. Trumpeldor erkennt, daß niemand ihn hören kann. Er zieht seine Mauserpistole und feuert: Das verabredete Zeichen zur Einnahme der vorher festgesetzten Posten. Es begann ein starker Kugelwechsel. Tucker, der gegenüber dem Tore stand, traf Kammeis Vetter. Dieser fiel. Kammel und seine Genossen schössen von oben aus ihren Revolvern, trafen Deborah vorne} Sarah in die Seite. Brachen durch, indem sie eine Handgranate warfen, die im obersten Zimmer Munter und Scharf tötete, Kanewsky schwer verletzte. Sie schössen auch einige Male auf Tucker und verwundeten Hin durch sieben Kugeln schwer. Eine knappe Stunde später starb er. Von all diesen Vorgängen wußten die unten nichts. Trumpeldor sprang mit der Mauserpistole in der Hand durchs Fenster und schoß einen Araber, der von der Küche in das Zimmer feuerte, nieder. Dann eilte er zum offenen Tore, durch das die Araber in den Hof drangen, um es zu schließen. Schneurson warnt ihn. ,J)as Leben meiner Freunde ist in Gefahr", rief er, „und ich soll warten?" Etwa drei Meter von der in den Hof führenden Tür entfernt, wurde er verwundet. Ein arabischer Offizier hatte von rückwärts auf ihn geschossen und Hm in die Schulter getroffen. Den Mörder erreicht ein wohlgezielter Schuß und röchelnd fällt er zu Boden. Erst jetzt bemerkt Trumpeldor seine Wunde. „Zum Teufel, Schneurson!" rief er: „Ich bin getroffen. Du hast das Kommando." Alles das ist ein Werk weniger Sekunden. Ohne seiner Wunde zu achten, tritt Trumpeldor auf den Hof hinaus, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist, als hinter dem Zaune, aus der Richtung eines benachbarten Hügels, ein Hagel von Geschossen niederprasselt. Trumpeldor ruft: „Verflucht! Geschosse!" Und stürzt mit einem Bauchschuß neben dem Eingang nieder. Chawer Chajim stürzt zur Stelle und schreit: „Trumpeldor ist verwundet, getötet!" Szulti lief hinaus, um Trumpeldor, den er blutüberströmt liegen sah, aufzuheben. Er findet ihn hingestreckt, Sein Gesicht verriet Schmerz. „Ach Trumpeldor, Trumpeldor!" rief er aus, und dieser antwortete mit einem guten Lächeln: „Es macht nichts, es macht nichts, ich möchte nur eine perewjaska (russisch Verband)" Er lag zwischen Szultis Füßen. Dieser verteidigte das Tor. Von Zeit zu Zeit bat ihn Szulti: „Laß mich dich ins Haus bringen." Er aber antwortete: ,J3s macht nichts, wir haben jetzt keine Zeit; schick' ihnen eine (eine Kugel) ins Tor, gibs ihnen!" Szulti schoß auf das Tor, und Trumpeldor wandte sich an ihn mit dem Befehl: „Schick' ihnen eine Kugel", und ein zweites Mal mit der Bitte: „Mach' mir eine Perewjaska!" Er konnte aber nicht verbunden werden, da kein Verbandmaterial zur Hand war. Schließlich wurde auch Szulti an der Seite verwundet. Jakobson wollte ihn holen, wurde aber gleichfalls verwundet, gleich darauf bekam auch Trumpeldor eine dritte Kugel. Er krümmte sich ganz zusammen und bat, ihn ins Haus zu schaffen. Mit großer Mühe, die ganze Zeit auf Kammel und seine Leute feuernd, gelingt es zweien von den Kameraden, Trumpeldor allmählich ins Haus zu schaffen. Dort lag er in völliger Ruhe. Er übergab endgültig das Kommando Schneurson, Er bat, man solle ihm die Gedärme, die aus der Bauchwunde gequollen waren, wieder in den Leib hineinstopfen. Niemand wagte es zu tun. Er aber beruhigte sie und sprach: „Es ist nichts, wascht nur gut eure Hände, dann werde ich euch zeigen, wie man das macht." Still und ruhig sah er zu, wie man ihm seine Gedärme in den Bauch hineinsteckte und mit einem Handtuch bandagierte, da es keine Bandagen gab. Diese lagen in dem oberen Geschosse, in das man nicht gelangen konnte. Nachdem man ihn verbunden hatte, sprach er: ,J)as sind meine letzten Minuten. Saget allen, daß sie auf ihren Posetn stehen und die Ehre des Volkes bis zur letzten Minute verteidigen sollen..." Inzxoischen ereignete sich im Stalle, der in zwei Teile gegliedert war, eine stille Tragödie. In jedem Teil des Stalles liegt ein Kamerad und schießt durch eine kleine Oeffnung zwischen den Steinen, um die Leute im Hause vor einem Ueberfall von der linken Seite zu schützen. Bei den Kameraden ging die Munition gerade in dem Augenblicke aus, da die Araber sich im Hofe zu einem Sturme anschickten. Und da sie die Explosion der Handgranate gehört hatten, so glaubten sie, daß die Araber im Hause eingedrungen seien. Sie konnten sich nicht mit den Leuten im Haus verständigen, da sie von allen Seiten abgeschnitten waren. Sie beschließen, mit den letzten zwei Kugeln sich gegenseitig das Leben zu nehmen, um nicht lebend in die Hände der Feinde zu fallen. — Die Leute im Hause bemerkten die Stille. Sie brechen ein Loch in der ihnen zugewandten Seite der Mauer aus. Fieberhaft sohlägt die Hacke an die Wand. Der Arm zittert bei der Arbeit. Leben sie noch? Endlich fällt der letzte Stein aus. Ein furchtbarer Anblick bietet sich ihnen dar. Die Kameraden stehen sich gegenüber, die Gewehre gegeneinander gerichtet. Sie glauben zunächst, daß Araber eindringen. Die Verteidiger vergrößern die Lücke, und helfen ihnen, durch diese den ßtall zu verlassen. Vier andere Kameraden nehmen statt ihrer die Plätze, mit frischer Munition versehen, ein. Aber währenddessen stand.das Tor, durch das Kammel hinausgegangen war, offen, und die Araber hinderten alle durch Geschosse, das Tor zu schließen. Trumpeldor, der sich im allgemeinen um die Befehlsgebung nicht kümmerte^ nachdem er sie Schneurson übergeben hatte, riet diesem, das Tor nicht zu schließen, um die Zahl der Verwundeten — von den Toten hatte man ja noch keine Ahnung — nicht zu vergrößern. Außerdem sollten bloß die besten Schützen feuern, um Kugeln zu sparen, da man bereits Mangel an Munition fühlte. Schneurson kam öfters zu Trumpeldor, ihn um Rat zu fragen. Dieser hatte nur eine Antwort: „Beim Kommando bist du Befehlshaber. Aber bitte, sage den Genossen, daß sie bis zum letzten Moment für die Ehre ihres Volkes ausharren sollen!" Ohne Unterlaß währte das Gefecht. Fortwährend erheben sich am Honzont die kleinen, weißen Wölkchen. Plötzlich erhebt sich ein Gewehr mit einem Tuchfetzen. Die Araber wollen verhandeln. Das Schießen wird eingestellt. Die Chäluzim beschließen, nicht mehr als zwei Personen bis auf höchstens fünfzehn Meter herankommen zu lassen.' Zwei Araber treten aus dem Walde und bitten laut, man möge ihnen erlauben, die Körper ihrer gefallenen Kameraden wegzutragen... Nach einer Stunde hatten die Araber die Toten — es waren deren zehn, außerdem hatten sie fünfzehn Verwundete — abtransportiert. Die Chäluzim ihrerseits wieder trugen den toten Tucker ins Haus. Den immer fröhlichen und singenden Kameraden. War er der einzige Tote f Eben wollen sie auf den Stock hinaufgehen, als die Schießerei von neuem mit noch größerer Heftigkeit einsetzt. Ein dichter Kugelregen prasselt auf das Haus nieder, sie bohren sich in das Blechdach und dringen manchmal gefahrbringend in die Zimmer ein, Trotz des Dach und lichtet die Reihen der Araber, die sich mutig an das Tor herangeschlichen haben, um es im Sturme «« nehmen. Die Beduinen versuchten es nun mit Reden, Sie seien Freunde, jemand solle zu ihnen herauskommen. Schneurson steckte die Hand hinaus, schon ist er verwundet. Sie zündeten nun Heubüschel an und warfen sie auf das Dach. Da lief Jakobson auf das Dach und schleuderte zwei Granaten in die Massen. Ein Teil der Flüchtenden fiel in eine Grube mit gelöschtem Kalk, Hierauf trat Ruhe ein. Diese Zeit vmrde ausgenützt. Man durchlöcherte die Wand und den Balken und lief hinauf. Unheimliche Stille war in diesem Raum. Konnte man hier schlafen, während unten und ringsum geschossen wird? Unter Kissen ünd Decken, hinter einer Barrikade von Tischen und Bänken, lagen tot: Munter, Sarah, Deborah und Scharf. Alle waren erst vor wenigen Tagen zur Verteidigung hiehergekommen. Sarah aus Judäa, Deborah aus Tel Adaschim, Munter aus MetuUah, Scharf aus einer unbekannten Gegend. Unter einer Decke stöhnte Kanewsky, der im Bauch von einer Granate verwundet war. Man verband ihn und brachte ihn nach unten. Trumpeldor befiehlt, daß drei Leute nach Kfar Gileadi gelten müssen, um den Arzt und einige Leute zu holen. Sofort melden sich drei freiwillig. Sie werden unter keinen Umständen umkehren. Auf allen Vieren krieohen sie, in dunkle Kleider gehüllt, nach Kfar Gileadi. Unweit von der Kolonie begegnen sie bereits dem amerikanischen Arzt Dr. Geri von der ,JSadassah", der, gefolgt von fünf' zehn Mann, nach Tel Chaj aufgebrochen ist. Es bestand nur sehr geringe Hoffnung, Trumpeldor am Leben zu erlialten. Als der Arzt kam, war er sehr schwach, aber bei vollem Bewußtsein. Er bat, seinen Verband zu Hellten. Er hatte zwei große Wunden im oberen Teile des ■ Bauches und eine kleine an der rechten Hand. Der Arzt sagt, er werde ihn nach Metullah bringen, um Um dort zu operieren. Trumpeldor bittet, es nur so rasch wie möglich zu Um. Außer ihm sind noch fünf Verwundete vorhanden, davon zwei sehr schwer Verletzte. Trumpeldor spricht seit einer Stunde nicht mehr. Die Kräfte lassen nach. Der Arzt wundert sich, daß er überhaupt noch am Leben ist. Ein übermenschlicher Wille hält ihn am Leben. Eine kurze Beratung. Man beschließt, Tel Chaj zu verlassen und nach Kfar Gileadi zu gehen. Trumpeldor gibt nickend seine Zustimmung. Um den Arabern nichts in die Hände fallen . zu lassen, soll Tel Chaj vernichtet werden. Sie bereiten lange Stangen zur Herstellung von Tragbahren vor. Zunächst hüllte man Trumpeldor und Kanewsky in Decken, legte sie auf die Bahren. Allmählich läßt die Schießerei nach, nur vereinzelt fallen noch Schüsse. Finster wölbt sich das Firmament über der Siedlung. Die Vorhut geht Schritt für Schritt, das Gewehr schußbereit. Sie sichert den Transport Trumpeidors. Trumpeldor liegt unbeweglich und stumm. Augen und Mund sind geschlossen. Die Kameraden geben die Hoffnung nicht auf: Vielleicht wird es doch seiner Lebenskraft gelingen, der Gefahr zu entrinnen. Eine kurze Strecke hinter Tel Chaj klagt Trumpeldor über starke Kopfschmerzen. Er öffnet die Augen und mit katim hörbarem Geflüster verlangt er — Wasser'. Man mächt ihm einen Umschlag von kaltem Wasser. Mit zitternder Hand reicht ihm ein Kamerad eine Feldflasche und führt sie an seinen Mund. Trumpeldor befeuchtet kaum die Lippen. Er schaut den Kameraden an. Und über sein Gesicht huscht ein Lächeln und, wie wenn er ihn trösten möchte, spricht er leise: „Ejn dawar; tow lamuth bead arzenu." (Es macht nichts; es ist gut, für unser Land zu sterben.) Einige Minuten verstreichen. Da erfaßt der Todeskrampf seinen Körper, er wendet das Gesicht zur Erde; die er so über alles liebte, und stirbt. ' Man brachte ihn nach Kfar Gileadi. Hier wußte man noch nicht, daß dieses Heldenleben zu Ende gegangen war. Aber die Gesichter der Kameraden sprechen. -In der Dunkelheit hört , man ersticktes Schluchzen. Die Kameraden, waschen den toten Freund, kämmen seinen Kopf. Ein Lächeln liegt auf seinen Zügen. Er. sieht aus, als ob er schlafen würde und still und glücklich träume über Dinge, die wir nicht begreifen ... In später Abendstunde brachte man die anderen Verwundeten. . Trumpeldor lag an der Seite Kanewskys. Eilt Chawer trat in das Zimmer, mit der Flinte in der Ha)id\ Er trat zum Bette, hob das T.uch hoch, stand einige Minuten still und sagte: „Held!" Zuletzt sch'jskte man einen Wagen, um die Toten zu holen. Auf dem Wege erneuerte sich der Kampf. Man schoß auf den Totenwagen. . Jeden Schritt abringend, brachten sie die tapferen Toten vorwärts. :Nachdem das Notwendigste aus Tel Chaj weggeschafft worden war, zündeten sie es an und übergaben es den Flammen. Vieh., Waffen und Pflüge brachten sie nach Kfar Gileadi. Ei* Chawer meldet den Kameraden, das Grab sei fertig. Die Kameraden sammeln sich zum letzten Male um il.zn toten Führer. Sie heben ihfi auf ihre Schultern und tragen ihn hinaus... Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Drückerei- und Verlags-A.-G. Ignaz Steinmann, beide Wien, IX., Univeraltätsstraße 6—8, » -t