Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 527 (10.1.1936)
- Date
- 1936-01-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 20 GreSCheil Freilag, den 1*» Mimet 1936 19 fflhrgang DIE NEUEl tf*. 5*7 V« b« b« 'Zeitung von) Verlege» versendet „Journal expedle par l'&Uteur'* 186 Titl. Universitätsbibliothek Wien, I. REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich 8 1.40, vierteljährig ö 4.—, ganzjährig S 16.-; Polen monatlich Zloty 1.50. vierteljährig Zloty 4.60: Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—: Jngoslawlen monatlich Dinar 14.—. vierteljährig Dinar 40.-: Rumänien monatlich Lei 40.—. vierteljährig Lei 120.-: Deutschland monatlich Mark 1.—. vierteljährig Mark 8.—: Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—: Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50. vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit B bezeichnet« Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion ii. Verwaltung: IX, Unittersitä'sstr. 8, Jet. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag a. Freitet? Der //bedrohte // Katholizismus Die Wiener „Reichspost", das größte katholische Tagblatt Oesterreichs, hatte lange Zeit Wert darauf gelegt,, sich in Beurteilung jüdischer und zionistischer Fragen einer gewissen Objektivität zu befleißigen. Seit geraumer Zeit aber leistet sie sich in diesen Dingen Ausfälle, die wenig sachlich, dafür sehr gehässig sind. Vor kurzem brachte sie unter der Riesenüberschrift: „Die katholische Kirche in Gefahr" einen Alarmruf. Aber nicht etwa wegen Hitler-Deutschland, Wo tätsächlich die Kirche und ihre höchsten Funktionäre in schnödester Weise erniedrigt und verfolgt wer? denj sondern wegen Palästina. Dort ist die Gefahr! Der gespannte Leser erfuhr eine Enttäuschung. Als Beweis für die Verfolgung wurde erstens angeführt, daß in Palästina nur 30.000 Katholiken leben. . (Ein Umstand, der vom Standpunkt der „Reichspost" aus bedauert, aber beim schlechtesten Willen nicht auf das Schuldkonto der Juden und Engländer geschrieben werden kann.) Und zweitens .- Die Verwaltung der jüdischen Stadt Tel-Aviv hat Einrichtungen . der katholischen Kirche in einer Kundmachung g e schmäht! Der Bürgermeister Dizengoff - hatte nämlich im Vorjahre an die aus der Hitler-Holle geflüchteten deutschjüdischen Einwanderer die Mahnung v^ge^j,pb^t r . aufdringliche und lärmende S il ve s fce r f-e-ie r-n. zu unterlassen/ weir&es.der Würde der ersten jüdischen Stadt und der Schwere >der Läge des jüdischen' Volkes nicht entspricht. Dies, und weiter nichts, sind die „Verfolgungen" und „Schmähungen"; denen, nach der entsetzten „Reichspost", die katholische Kirche seitens der Juden und protestantischen Engländer im heiligen Lande ausgesetzt ist. Die „Reichspost" schließt mit der Aufforderung, die Kräfte der gesamten Welt gegen die Juden und die englische Regierung in Palästina zu mobilisieren! Vom jüdischen Standpunkt aus wurde in diesem Blatt dieses Vorgehen entsprechend behandelt. Aber es ist gewiß, auch vom österreichischen Standpunkt aus, nicht uninteressant, zu erfahren, wie die unmotivierten Ausfälle der „Reichspost" in England beurteilt werden. Der Londoner Korrespondent der palästinensischen Tageszeitung „Haarez" meldet dem Blatte: „In hiesigen politischen Kreisen haben die Angriffe der Wiener „Reichspost", welche hier als katholisches österreichisches Regierungsorgan gilt, gegen die englische Palästina-Regierung große Mißbilligung hervorgerufen. Man glaubt, daß diese Augriffe von einer Seite stammen, die daran interessiert ist, in Palästina Verwirrung zu schaffen, unter den Bewohnern Palästinas Unzufriedenheit zu stiften und der englischen Palästina-Regierung Schwierigkeiten zu bereiten. Auch in katholischen Kreisen Englands fragt man erstaunt, was denn in Palästina vorgefallen sei, wodurch das österreichische Blatt genötigt sei, den Katholizismus gegen schlechte Absichten der Palästina-Regierung verteidigen zu müssen. Die hiesigen komnetenten Stellen wollen die Sache nicht auf sich beruhen lassen und den Quellen dieser Aktion nachgehen." Wem hat die „Reichspost" mit ihrem unbegründeten Angriff genützt? Der katholischen Kirche, welche in Hitler-Deutschland einen Kampf um ihre heiligsten und lebenswichtigsten Gebiete zu bestehen hat und den Beistand aller Kulturvölker mit Recht anruft, gewiß nicht. Hat sie Oesterreich einen Dienst erwiesen? Oesterreich ist ehrlich gewillt, die alten, herzlichen Beziehungen zu England zu wahren. Feindliche Kräfte, nicht zuletzt die Hitler-Leute, sind am Werke, diese guten Beziehungen zu stören und Oesterreich von England zu isolieren. Wem hat die „Reichspost" mit ihrem grundlosen Angriff Vorschub geleistet? Den Interessen des schwer kämpfenden Oesterreich gewiß nicht. Hat die „Reichspost", nur um dem Zionismus zu schaden, die Sache so groß auf gegemacht? Dann beweist der hier erörterte Fall ausreichend, daß Haß oft ein schlechter Berater ist. Die Gefahren des PalästfmaffParlameitfs Kritische Lage des Zionismus — Die schwerste Niederlage der offiziellen zionistischen Politik Sonderkorrespondenz der „Neuen Welt" aus Palästina Aus Kreisen der Judenstaatspartei in Palästina erhalten wir nachstehenden Bericht über die politische Situation im Lande und die tiefe Besorgnis und Erregung, welche die Errichtung des Legislative Council, des „Gesetzgebenden Rates" unter der Judenschaft hervorgerufen hat: Wir glauben nicht, daß wir übertreiben, wenn wir sagen, daß der Zionismus seit dem Erscheinen der Balf our-Deklaration die gefährlichste Periode erlebt. Ein Gesetzgebender Rat hat die fünffache Bedeutung: 1. Er bedeutet die grundsätzliche A e nderung des Palästina-Mandats, denn während das Mandat offen^und klar von einer einzigen repräsentativen Instanz, mit der sich die Mandatarmacht in den Palästina angehenden Fragen zu beraten habe, spricht— der Jewish Agency —, wird jetzt eine offizielle Vertretung des palästinensischen Arabertums, di6 A r a b A g e n c y geschaffen, die von der Regierung und vom Völkerbund anerkannt werden soll und ein mächtiger G e g e n s p i e 1 e r der JeWish Agency sein ..wird. Moralisch und politisch-dürfte diese arabische Vertretung der Jewish Agency ü b e r 1 e gen Sein; t~., weil :sie^ des z a h 1 e n g e m ä ß e n U eb e r g e w i ch t s der, arabischen Bevölkerung auftreten wird; Obwohl die arabische Vertretung, die sich aus gewählten und er? nannten arabischen Ratsmitgliedern zusammensetzen wird, vom Mandat nicht vorausgesehen ist, dürfte sie aber trotzdem einen viel größeren Einfluß gewinnen als die vom Mandat vorgesehene Jewish Agency, weil die arabische Vertretung künftig nicht nur in eigenem Namen, sondern im Namen der gesamten palästinensischen Bevölkerung sprechen wird, unter Voranschiebung ihrer Majoritätsstellung und des Doppelspiels der Regierung, die ihre anti-jüdische Politik stets gerne hinter dem Rücken des militanten Arabertums versteckt. Der Gesetzgebende Rat wird jene politische Plattform bilden, von der aus die Regierung ihre Argumente zur endgültigen Liquidierung der Politik des Jüdische n Nationalheim s schöpfen wird. 2. In Zeiten politischer und wirtschaftlicher Komplikationen wird der Gesetzgebende Rat alles tun, war« in seinen Kräften liegt, um die anti-zionistischen Leidenschaften des arabischen Pöbels aufzuhetzen und sie gegen das jüdische Aufbauwerk zu richten. Die eventuellen Bemühungen der Juden, sich gegen die Ausbrüche arabischer Pogromlust zu schützen, wird man dann mit Gerichts, verfahren und Zuchthaus beantworten, ebenso wie man es in den Jahren 1922 und 1929 getan hat. 3. In den früheren Jahren hörte man noch öfters von der Absicht der Regierung, einen Gesetzgebenden Rat mit gewissen Reservationen bezüglich der Kompetenz des Rates in wichtigen politischen und wirtschaftlichen Fragen zu schaffen. Diese Reservationen sollten bedeuten, daß dem Gesetzgebenden Rat kein Recht zustehen solle, in gewissen gefährlichen und wichtigen Fragen seine Meinung zu äußern. Jetzt ist schon von solchen Reservationen viel weniger die Rede. Im Gegenteil! Es wird ganz offen erklärt, daß sich die Regierung genötigt sah, einen Teil ihrer Forderungen zugunsten des Zionismus auf zugeben, um die Araber für den Gesetzgebenden Rat zu gewinnen. Es ist bekannt, daß Sir Herbert Samuel seinerzeit den Arabern einen Gesetzgebenden Rat, bestehend aus zehn Arabern und dreizehn Nicht-Arabern, vorgeschlagen hatte. Jetzt wird das Verhältnis fiftyfifty sein, nämlich vierzehn Araber und vierzehn Nicht-Araber. Wenn man dazu noch berücksichtigt, daß diearabischeHälftein allen den Zionismus betreffenden Fragen einheitlich und geschlossen auftreten wird, wogegen die andere Hälfte, außer den Juden, aus Teilen bestehen wird, die zu neunzig Prozent arabisch-freundlich gesinnt sind, so wird der Charakter des Rates vollständig klar. Auch eventuelle „Reservationen" gegen die arabische Majorität werden dem Zionismus wenig helfen, weil wir nüchtern genug sein müssen, um zu begreifen, daß die Regierung sich nie mit der undankbaren Aufgabe belasten wird, täglich und stündlich von den Reservationen Gebrauch zu machen und die arabische Politik permanent im'* Zaum zu halten. Auf diese Weise sind wir auf die G n ade und U n g n a d e des anti-zionistischen Arabertums angewiesen, das nach einem fünfzehn» jährigen Kampf schließlich das erreicht hat, was es fortwährend verlangt hatte. . 4. Trotz, aller Gegenbehauptungen erklären wir k a t e g o r i sc h, daß aucht die ÄI fj ah (Eih^ rung)„und d$£,Bodenkanl von nun ab unter arabische Kon trolle gelangen werden. Was das bedeutet, braucht nicht erst auseinandergesetzt zu werden. Sollte dem Gesetzgebenden Rat das Recht der direkten Einmischung in diese Fragen genommen worden (was noch keineswegs sicher erscheint), so wird auch in diesem Falle eine indirekte Einwirkung auf Alijah und Bodenverhältnisse des Landes durch den Gesetzgebenden Rat stattfinden, der rein formell diese Gebiete unberührt lassen wird, jedoch faktisch durch die verschiedenen Kanäle parlamentarischer Einwirkung das Alijah- und Bodenankaufsrecht der Juden beschränken wird. Die Erfahrung vieler Länder lehrt uns, daß die „Rechte" der Juden gewahrt werden können, daß diese Rechte sogar in der Verfassung niedergeschrieben sein mögen, und daß gleichzeitig dieselben Juden aus dem politischen und wirtschaftlichen Leben ihres Landes ausgeschlossen und den deutschen Juden gleichgestellt sein können. Wer glaubt, daß die Araber mit diesen Verwaltungskunststücken nicht vertraut sind, wird eine .grausame Enttäuschung erleben. Tatsache bleibt, daß, wie der High Commissioner erklärt hat, dieArbeiter-Alijah in der Kompetenz der Regierung bleiben wird, was bedeuten darf, daß die Einwanderung vermögender Elemente in die Kompetenz des Gesetzgebenden Rates übergehen wird. Eine arabische Kontrolle über die jüdische Einwanderung bedeutet aber die A n n u 11 i erung der Balfour-Deklaration, deren Sinnes und Inhaltes und ein Ende unserer Aspirationen. Eine gewisse Illustration zu dem psychologischen Einfluß des Gesetzgebenden Rates haben wir schon gesehen: Der Rat existiert noch nicht, er hat noch kein Mitbestimmungsrecht, die Regierung sieht noch nicht vor sich die Mienen der kritisierenden Vertreter und schon wurde beschlossen, auf radikale Weise den Zertifikatenschedule zu kürzen. . , . Wir erfahren aus gutunterrichteten Quellen, daß die Regierung der Jewish Agency einen Schedule von 2700 Zertifikaten für das laufende Halbjahr vorgeschlagen hat. Das ist schon das erste Anzeichen für den nahenden Gesetzgebenden Rat, den man nicht „reizen" will, noch ehe er das Licht der Cafe Weghuber (Hinter dem Deutschen Volkstheater) KaMll@s Usifier Gesang: LEO ULM AR Jeden Samstag und Sonntag: Konzert, Tanz und Stimmungsmusik Beginn %9 Uhr abends Besucherkarte 60 Gr.