Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 526 (3.1.1936)
- Date
- 1936-01-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 20 Groschen 10 Jahrgang Freitag, den fanner 1936 Nr« 5*6 V, fcu t#* DIE NEUE Ii I ■■ IlhVh Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedle pur redltetir** Titt. Ünivei-sitäfcsbibliothek _Rt IE \_F fL£ fls HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN. Oesterreich monatlich ö i._u, vlerteijänrig » 4.-. ganzjährig » 16.-; Polen monaUtcH Zloty 1.50. vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—. vierteljährig Kc 15.—; Jngoslawien monatlich Dinar 14.-. vterteliilhrig Dinar 40.-: RnmEnlen monatlich Lei 40.-, vierteljährig Lei 12p.-: Deutschland monatlich Mark 1.-. vierteljänri* Mark 3.-: Bnlgarlen monatlich Lewa 30.-, vierteljährig Lewa 80.-: Italien monatlich Lire 5.-, vierteljährig Lire 14.—; Schwei« und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. ailt B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u, Verwaltung: IX, UniversMtsstr. 8, Tel, A-20-2.78 — Ersdteint Dienstag u. Freitag l Lord Read-taf m l Naoh einer u^^^.^^a Karriere ist Rufus Daniel Isaacs, der nachmalige Lord Reading, im Alter von 75' Jahren gestorben. Sohn eines jüdischen Kaufmannes aus London City, verläßt der 14jährige Rufus Daniel die bürgerliche Enge seines Elternhauses, fährt nach Indien und läßt sich nach mannigfachen Abenteuern nach England zurückholen, wo er sich dem Rechtsstudium hingibt, nach/kurzer Zeit führender Advokat der City, später Finanzberater der Regierung wird, im Jahre 1910 zum Generalstaatsanwalt, 1913 zum. Lord-Oberrichter von England avanciert. Eine Laufbahn, die auch für britische Verhältnisse sensationell genannt werden kann! . •/ Politisch, hat sich(R. D. Isaacs der liberalen Partei angeschlossen. Seine, staatsmännischen Fähigkeiten beweist er in den ersten Jahren des .Weltkrieges, wo er das berühmte Moratorium und die Staatsgarantie für die englischen Wechsel vorschlägt; die. das: Weltreichvor dem Chaos : und die Entente vor'dem Zusammenbruch bewahren. «.:-.;■ . Im .Jahre 1921 geht Lord Reading als Vizekönig nach In di;cn, also gerade zu einer.Zeit, wo. der schärfste Kampf Gandhis für ■ die Freiheit Indiens und gegen die englische . Vorherrschaft tobt. Fünf Jahre lang arbeitet Lord. Reading in Indien. Seine Klugheit und Gewandtheit machen;seinc Arbeit erfolgreich. Wie sein Vorgänger, der Jude, Benjamin Disraeli-Beaconsfield, Indien für England ■g;e w a n n, sp b e w ah r t.e. er es dem britischen Imperium. Im Jahre, 1931 wird er Außenminister im Kabinett, ^apclonald, im .Jahre 1933, bei Beginn des Hitler-Regimes in Deutschland, legt er das Präsidium der Deutsch-englischen ^Vereinigung nieder. . •< Im Bereich der jüdischen Politik,, des jüdischen Volkstums spielte Rufus Daniel Jsaags bis zum Jahre 1929 keine Rolle. Die zionistischen, Bestrebungen waren ihm fremd, .sein Untertauchen in den Interessen der britischen imperialen Politik gestattete ihm — insbesondere wegen der, indischen Mohammedaner (—. keine Teilnahme am Zionismus. Erst die seelische Erschütterung durch die arabische : Pogromrevolte im August 1Ö2 9 brachte; es mit; sich, daß der Mann, der in . .der Hochblüte der Emanzipation zu der .höchsten Spitze der . staatlichen Laufbahn aufgestiegen war, den jüdischen, zionistischen,Dingen seine Aufmerksamkeit zuwendete. Von da ab fanden alle zionistischen Plärre und Aspirationen, insbesondere soweit sie .direkt dem, Aufjmu. des jüdischen Palästina dienten, bei Lord Reading. wärmste Unterstützung. Das große Ruthenberg- Prpjekt; (die .Elektrifizierung, Palästinas durch ein jüdisches Kraftwerk) wurde von ihm, der später Präsident der Ruthenbcrg-Gescllschaft war, , wärmstens gefördert. Lord Reading hatte auch mehrfach Gelegenheit, bei der englische» Regierung die zionistischen Wünsche zu unterstützen, Nach einem Aufstieg sondergleichen fand Isaacs-Reading;: zum Judentum zurück. Sein Alter gehörte dem "Jüdischen Volk, das ihm, dem großen englischen Staatsmann und großen Sohn Israels, ein ehrendes Andenken bewahren wird. , -t>! /,<_ 30.000 Familien in den Hungertod! Au» Berlin: Das Reichsministerium hat mit Datum vom 24. Dezember (Heiliger Abend!) sämtliche Polizeistellen des Reiches angewiesen, jüdischen Handelsreisenden ihre Lizenzen, die gewöhnlich in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr zur Erneuerung einzureichen sind, nicht zu verlängern, da „Juden als politisch nicht zuverlässig" gelten müssen. Hinzugefügt wird noch, daß insbesondere jüdische Handelsreisende sich in der Verbreitung von Greuelmärchen hervortun und auf diese Weise staatsgefährdend wirken. Diese Verfügung des Reichsministcriums hat in den jüdischen Kreisen niederschmetternd gewirkt. Allein in Berlin gibt es mehr als 2000 verheiratete jüdische Handelsreisende, ihre Gesamtzahl im Reich wird auf 30.000 bis 40.000 geschätzt, ist also größer als die Gesamtzahl der in juristischen, medizinischen oder anderen Berufen tätigen jüdischen Personen. »> Noch am Weihnachtstage haben sich verantwortliche jüdische Persönlichkeiten an den Reichswirtschaftsminister Dr. Hjalmar Schacht mit der dringenden Bitte gewandt, auf das Reichsinnenministerium dahin zu wirken, daß die Verfügung, die von katastrophalen Folgen für die gesamte jüdische Gemeinschaft in Deutschland begleitet sein müß, zurückgezogen wird. Die Polizeistellen wurden ferner angewiesen, jüdischen Fabrikanten die Erlaubnis zur Einstellung von Handelsreisenden nicht mehr zu j' erteilen,.da auch . hi«;die|^efiÖir der Verbreitung von Greuelmärchen gegeben sei.; Aus Berlin: Die über viele Täuaende1 jüdische- Handelsreisende ^in- Deutschland hereingebrochene Ka t aatrophe hält die entsetzte deutsche Judenheit in Atem. In jüdischen Kreisen werden die Bemühungen des Doktor.. Schacht, die drohende Katastrophe abzuwenden, mit Dankbarkeit vermerkt, aber als aussichtslos betrachtet. Es hat die bisherige Erfahrung gelehrt, daß Dr. Schacht sich immer weniger durchzusetzen vermag. Als ein Beispiel wird die Beschlagnahme der Suhler Simson-Werke, die trotz seiner energischen Intervention erfolgt ist, angesehen. Dem J.-T.-A.-Vertreter wurde im Reichswirtschaftsministerium die Auskunft erteilt, daß es in Deutschland laut den offiziellen Listen 24.386 jüdische Handelsreisende gibt. Nach zuverlässigen Schätzungen der jüdischen Organisationen ist die Zahl der jüdischen Handelsreisenden weit größer. . * Untätig sieht die „Kulturwelt" mit an, wie der Greuel tobt. Unter dem Vorwand, die Reinheit der deutschen Idee zu schützen, hat Hitler die jüdischen Intelligenzler weggejagt. Die Welt hat weiter mit ihm verkehrt. Dann wurde jüdischen Kranken die Medizin und jüdischen Kindern die Milch entzogen. Aber englische und: französische Minister sind nach Berlin gefahren. Jetzt werden mit einem Schlage 30.000 Familien, d. s. 100.000 Menschen zum Hungertod verurteilt. Die Kulturwelt, welche über Opium- und Sklavenhandel in exotischen Ländern so beweglich jammert, tut nichts, um dem mörderischere Treiben im Zentrum Europas Einhalt zu gebieten. Infoige der Feiertagsruhe am 6. Jänner erscheint > die nächste Ausgabe unseres Blattes Freitag, den 10. Jänner 1936, in verstärktem Umfang &f!fljss©lBns und die Juden Das römische Organ Mussolinis, „Giornale d'Italia", zählt die Kräfte auf, welche heute in der Welt gegen das faschistische Italien feindlich wirken. Es nennt zuerst die Freimaurer, deren Feindschaft daher rührt, daß der Faschismus mit der katholischen Kirche Frieden geschlossen und ihr in gewissem Maße wieder weltliche Souveränität eingeräumt hat. Dann den Bolschewismus. Schließlich die Juden. Das Blatt behauptet, daß die Juden über das heutige Italien falsch und gehässig denken. Sie verwechseln den Faschismus mit dem deutschen Nationalismus. Sie berücksichtigen nicht, daß Italien nicht nur seine eigenen Juden mustergültg behandelt sondern auch für die verfolgten in anderen Ländern eingetreten ist, nicht allein mit Worten, sondern auch mit Taten. Es hat jetzt die deutsch-jüdischen Emigranten gastfreundlich aufgenommen, wie früher die jüdischen Studenten aus Polen, Rumänien und Ungarn; welche, von den heimischen Hochschulen verwiesen, bei den italienischen Hochschulen nicht nur Hebevolle Aufnahme, sondern Unterstützung jeder Art fanden. Unter diesen Umständen muß die aggressive Haltung der jüdischen Zeitungen und jüdischen Kreise gegen Italien als Ausfluß der Unwissenheit oder Undankbarkeit verurteilt werden. ■» Was das Blatt Mussolinis schreibt, ist eine ernste Sache. Seine Angaben über die Haltung Italiens in der Judenfrage sind durchaus richtig. Italien hat vollen Anspruch auf jüdische Dankbarkeit. Aber in seiner Verallgemeinerung bezüglich der Haltung der Juden im Auslande, geht das Blatt fehl. Vor allem gibt die Haltung der national bewußten Judenschaft keinen Anlaß zu Klagen über Undankbarkeit und Gehässigkeit, In ihr gibt es Gruppen, welche den Standpunkt Italiens teilen. Dann solche, welche den italienischabessinischen Konflikt bedauern, nicht, weil sie gegen Italien eingestellt sind, : sondern weil sie in ihm eine Gefährdung des Völkerbundes und damit des Weltfriedens erblicken. Wenn sie gegen die Fortführung des Krieges sind, so sind sie dabei frei von jeder Ge- Cafe Weghuber Kapelle Isy Geiger Jeden Samstag, Sonn- und Feiertag-/ Konzert, Tanz und Stlmmungsmu$|k (Hinter 4« m Deutschen Volksthcqtcr) Beginn %9 Uhr abends // Musikschutz 60 Gr. ' liässigkeit und gegen jede Demütigung Italiens und Verletzung seiner gerechten Ansprüche. Auf dieser jüdischen Seite findet Italien wohlwollendes Verständnis und nicht Feindschaft. Doch soll nicht verschwiegen werden, daß es jüdische Elemente gibt, deren Haltung zu berechtigter. Klage Anlaß bietet. Das sind diejenigen, die kein Empfinden für eigene Würde haben und auch nicht für die Würde anderer, die der Tagesstimmung schamlos nachlaufen. In Ländern, welche mit Italien in Konflikt stehen, glauben sie sich im Streite besonders hervortun zu müssen. Soweit sie nicht national, sondern international orientiert sind, glauben sie mit besonderem Elan dabei sein zu müssen, wenn es gegen den Faschismus geht. Sie benehmen sich gegenüber dem jetzt schwer kämpfenden Italien so tadelnswert, wie gegenüber den großen Interessen ihres eigenen, des jüdischen Volkes. Man kann und soll sie nicht übersehen. Aber das Blatt Mussolinis geht in einer an sich, begreiflichen Verbitterung zu weit und wird ungerecht, wenn es diese Elemente der jüdischen Gesamtheit gleichsetzt. r. st; Araber für PalästinasParlament Aus Jerusalem wird gemeldet: Die arabische Zeitung „Falastin", welche die Interessen der christlichen Araber vertritt und der Nashashibi-Partei (Partei des früheren arabischen Bürgermeisters von Jerusalem) nahesteht, spricht sich für eine positive Teilnahme an dem projektierten Legislative Council (Parlament)' aus. Das Blatt fordert alle Araber auf, die Pläne des Oberkommissärs Sir Arthur Wauchope zu unterstützen. Dizengoff wieder Bürgermeister Aus Tel-Aviv wird gemeldet: Aro 80. Dezember fand hier die konstituierende Versammlung des neugewählten Stadtrates statt. Meir Dizengoff, der das Amt des Bürgermeisters von Tel-Aviv, mit einer kurzen Unterbrechung, seit Gründung der Stadt bekleidete, wurde neuerlich zum Bürgermeister gewählt. 1 8000 Kinder im Fackelzug Aus Jerusalem: Die traditionelle öffentliche Ch anukah-Fei er in den Straßen von Tel-Aviv fand Sonntag abend beim Entzünden des dritten Chanuka-Liqhtes vor dem Rathaus statt. Ein Fackelzug, an dem 8000 Schüler der Tel-Aviver Schulen teilnahmen, bewegte sich zum Rathaus, vor dem drei riesige Chanukah-Lichter entzündet wurden. Bürgermeister Dizengoff hielt eine Ansprache an die versammelten Jugendlichen^