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Die neue Welt · 1935-12-20 · Heft 523 (20.12.1935) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 523 (20.12.1935)
Date
1935-12-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Kr. 523 vom 20. Dezember 193L DIE NEUE WELT Seite 7 &* Uu$a ZutkettHCUiks todestof Mohr als zwanzig Jahre sind seit Hugo Zuckermänns Heldentod (er starb an einer schweren Verwundung, die er in einer Schlacht auf dem russischen Kriegsachau platz im Weltkrieg, Februar 1915, erlitten hatte) vorgangen. Die Erinnerung an ihn ist nicht verblaßt, seine Gedichte sind heute wirklichkeitsnah wie nur je. Wir glauben, sein Andenken nicht besser zu ehren als durch den Abdruck eines Briefes, den Dr. J. H. Körner vom Feld aus am 23. Februar 1915 an Oberbaurat Robert Stricker geschrieben hat. Der Brief erzählt in menschlich warmer Weise von Hugo Zuckermann, dem österreichisch-jüdischen Offizier und ist selbst ein Stück jüdischer Geschichte. Die Redaktion, Lieber Robert! Heute erhielt ich die ,,J. Z." („Jüdische Zeitung") vom 5. Februar! Aus einigen Sätzen in dieser finde ich eine Nachricht bestätigt, die mir schon von einer Seite, mitgeteilt wurde, die ich aber nicht glauben konnte. Der Tod Hugo Zuckermanns! Mich berührte diese traurige Tatsache doppelt schmerzlich. Erstens war er mein guter Freund und Mitarbeiter in den allerersten Anfängen des N.-F. (Nationalfonds) und bei der Gründung des Stundenvermittlungsbüros. Zweitens war er der einzige Gg., den ich im Felde traf, d. h. in einer Kampfstellung. Es war so: Am 4. XI. verließen wir unsere schönen Stellungen am San und marschierten von 6.20 abends bis 6.20 früh nach Pruchnik. Hier lernte ich einen Hauptmann vom L.-I.-R. 9 (10 oder 11) kennen, der mir unter anderem — wir sprachen von Reserveoffizieren — von seinem äußerst tüchtigen Reserveleutnant Dr. Zuckermann erzählte. Kaum hörte ich diesen Namen, da ging ich auch schon mit Fragen los und das Resultat — unser Hugo Zuckermann war der so Vielgelobte. Leider war für diesen Tag ein Zusammentreffen unmöglich, da seine Kompagnie Nachhut war. Ich wäre ganz besonders gern in Pruchnik mit ihm zusammengekommen, da es für uns hier viel Arbeit gab. Ich leistete sie aber auch nach meiner Ansicht und gutem Gewissen allein. Wie überall, wo wir rasteten, ging ich auch hier auf die Suche nach unseren armen Brüdern. Und sehr bald traf ich eine Gruppe beratender und durch die ihnen nicht gut erklärlichen Vorgänge beunruhigter Juden. Ich gesellte mich zu ihnen und stellte mich als Jude vor. Sofort wurde ich (der Herr Regimentsarzt — sie titulieren prinzipiell mit einem höheren Rang) mit Fragen bestürmt. Ich erklärte, gab Ratschläge und ersuchte, die anderen Juden des Ortes aufzuklären. Nur in einem Fall weiß ich nicht, ob ich richtig geraten habe. Ein alter, grauer Jude stellte an mich die Frage, ob er mit seiner Frau, die in den nächsten Stunden einem freudigen Ereignis entgegensieht, auf dem bereits zurechtgestellten Wagen abfahren solle. Als ich die sehr schwache Frau sah, riet ich, zu bleiben. Ob es gut war? Einer anderen Judenfamilie half ich beim Verkauf ihrer Waren an die stark drängenden Soldaten. Und noch viele Arbeit verrichtet ich, bei der Hugo Zuckermann gerne mitgelan hätte. Am Abend "bezog ich mit. meinem Baon Feldposten. Zeitlich früh Abmarsch und Menage in Jawornik. Ich kehrte eben von meinem .Jüdischen Rekognoszierungsmarsche" (so nannten es die Offiziere meines Regiments) zurück, als mir der Hauptmann vom L.-I.-R. 9 (10 oder 11) die Mitteilung machte, daß Zuckermann jeden Moment mit seiner Kompagnie eintreffen müsse. Ich ging sofort entgegen und gar bald hatte ich ihn. Unsere Begrüßung kannst Du Dir denken! Wie immer, wenn wir zusammenkamen, trat zunächst Heiterkeit und Humor auf. Ich hatte ein leichtes Feld. Man hat ihn sehen müssen! Ein dunkler Vollbart, alle Zwicker verloren, ein Gummimantel, viel zu lang (er war „requiriert"). Darüber ein nach allen Richtungen flatternder, ganz zerfetzter Wetterkragen und der noch mehr nach vorn geneigte Gang — kurz, Hugo, wie immer, das Ziel meiner Witze. Er erzählte mir in seiner übersprudelnden Sprache derart viel, daß ich nicht nachkommen konnte. Besonders viel von seinem Tagebuch und seinen Gedichten. Auch sein strammes Komando bekam ich zu hören. Und gern haben ihn seine Soldaten ^ehaht. Sie erzählten mir viel von seiner Tapferkeit. leider konnte ich nicht lange mit ihm bleiben, ich mußte fort. Und noch einmal sollte ich ihn wiedersehen. Ein trauriges Wiedersehen. Es war in den Tagen zwischen 22. und 27. November. Ich war Kommandant der Krankenhaltestelle Eperjes und visitierte eben wieder einen der zahlreichen Krankenzüge. Noch ein Wagen I. Klasse war zu prüfen. Ich trat in ein Halbcoupe ein, da schallte mir der schöne Gruß „Heddad" entgegen. Auf den Samtsitzen, in Decken gegehüllt, mit blassem Gesicht — Hugo Zuckermann. „Eine leichte Verletzung, die bald gut wird, und ich komme bald wieder", war seine Antwort auf meine Frage. Ich versorgte ihn mit Verschiedenem und verließ ihn mit dem Wunsche einer baldigen Herstellung. Leider, leider dürfte die Verletzung nicht so leicht gewesen sein, wie er glaubte! Begreifst Du nun, daß ich anfangs die Nachricht gar nicht glauben wollte und wie schwer mich die Wahrheit getroffen? Wieder einer unserer Besten! Wird man es zu werten wissen, was wir geopfert haben? Ich bitte Dich, spende in meinem Namen einen Baum auf Hugo Zuckermanns Namen!! ... 2wei CUütoukka^ I/o** Utid dUh&aufn DIE TEMPELWEIHE Bei seinen Truppen im Gebirge fern, Erlosch Antiochus, ganz langsam sterbend, Zerfressen von der Stunde bis zum Kern, Lebendigen Leibs verfaulend und verderbend, Im Lästern jäh erreicht von dem Gericht. Da ward ihm, tiefer seine Leiden kerbend, Die Kunde von dem neuen hellen Stern In Israel, das Griechenheer zerscherbend: Juda, dem Hammer in der Hand des Herrn! So starb er in Verzweiflung und Verwesung. Das Land bei seinem Tode jauchzte auf. Der Tod des Bösen war dem Volk Genesung Von gotteslästerlichen Zwangs Gewicht. Unreinen Tieren bot der Vorhof Aesung Des Allerheiligsten! Gras wuchs darauf! Entweiht war Gottes Haus! Wann kam Erlösung? Juda Makkabi stieß aus Felsen nieder Im Sturme, wie auf eines Aars Gefieder; Der Heiden Kraft zerbrach, wie Glas zerbricht: Und Juda und sein Heer und seine Brüder Sah'n, blind von Tränen, Gottes Tempel wieder. Die Stadt ertoste von dem Jubelschreien — Und Juda, Gottes Glorie im Gesicht, Entzündete, den Tempel neu zu weihen, Vor Gott mit reinem Oel das ewige Licht. * DIE CHANÜKKAHLICHTER In Winterfinsterais erlischt die Erde, Tief sinkt das Jahr in immer längere Nacht: Doch immer strahlender von Gottes Werde Erscheinen alle Sterne jetzt entfacht! So auch, je tiefer ungerechte Macht Ins Dunkel Menschen stößt und Völker stößt: Um desto näher ist des Lichtes Pracht, Das sie aus ihrer Dunkelheit erlöst! Doch sie, von allen Hoffnungen entblößt, Begreifen nicht die Gnade im Gericht — Den Glanz, bald ihren Augen eingeflößt — Die Glorie, die bald durch ihr Elend bricht! , Doch um das Dunkel ihres Daseins flicht Nacht zu Nacht sich reicher Licht an Licht! Cmpfangifcomlfee für Sdialom Asch Ueber Einladungdes Bialik-Klubs kommt Scbalom Asch im Jänner 1936 nach Wien. Asch wird am 25. Jänner 1936 im Großen Konzerthaussaarilber das Thema „Die geistige Lage der Juden in der Welt" sprechen. Um dem Dichter einen würdigen Empfangzu bereiten, wurde ein Empfangskomitee gebildet. In das Präsidium dieses Empfangskomitees wurden die Herren Oberrabbiner Dr. Feuchtwang, Staatsrat Dr. Friedmann, Kulturrat Hof rat Prof. Frankfurter, Rektor Kraus und Dr. Rothblum gewählt. Ret Duwidl Hutomed Eine Chanukkahgesfhidite Von Josef Frankel. Reb Duw'dl Melamed — so hieß de»* Cheder- Melamed') in Sindrik. Er war schon über 60 Jahre alt; leicht schimmerten die ergrauten Haare des langen, dichten Bartes und der gekräuselten Stirnloeken. Rein Gesichtsausdruck, seine gebückte Haltug erzählten viel von erduldeter Pein und erlittenen Leideu. Reb Duwidl Melamed entstammte, einer alten Melamed-Familie; er war sehr stolz auf seinen „Jichis- Brief"-). Sein Urgroßvater (Reb Arje), sein Großvater (Reb Chajim), sein Vater (Reb Schlojme) — sie alle waren Melamdim im Städtchen Sindrik. Reb Duwidl Melamed frehörte zu den angesehensten Bürgern Sindriks; er hatte einen „Misrachsitz in der Czortkower Klaus"1'), Czortkower Wunderrabbiners. wo er Thoravorleser und an den hohen Feiertagen sogar Vorboter war. Ueber 30 Kinder füllten die kleine Stube, die als Lehr-, Schlaf- und Wohnstube diente. Die Kinder waren vertieft in alte, graue, zerrissene Bücher und bewegten den Körper hinauf, hinab — genau wie es ihre Väter bei der Diskussion über eine schwierige Talmudstelle machten, strichen mit der einen Hand über die „Pejalech"»), mit der anderen übers Kinn, als ob sie. schon einen Bart hätten. Mit zärtlich-lauter Stimme, aus der der ewige alte jüdische Trauerklang hallte, wiederholten sie: „Kometz Alef — Oh. Kometz Beth-Bo . . ." Reb Duwidl Melamed lobte den einen, tadelte den anderen, manchmal prügelte er ein Kind mit den „Kantschik""'), sei es weil das Kind den Thora-Abschnitt oder eine Gemureseite«) nicht kannte, sei es — weil ihm plötzlich einfiel, daß dessen Mutter noch immer nicht das „Lehrgeld" bezahlt hatte. Oft auch streichelte er die blassen Wangen eines kleinen „Talmid"7), der freudestrahlend einige Seiten der Bibel auswendig vortrug — wiewohl seine Mutter das Unterrichtsgeld seit langem schon schuldig geblieben war. Chantsche, die Rebezin, hatte großen Einfluß auf ihren Mann, besonders weil sie eine schrille und einbohrende Stimme hatte und Reb Duwidl Melamed im Leben nichts mehr fürchtete als die scharfen Worte seiner Rebezin. Die Kinder waren natürlich bestrebt, mit ihr in Freundschaft zu leben, hing es doch oft von ihr ab, wer den „Kantschik" spüren sollte. Ghantsche, die Rebezin, hatte sich um einige Kronen ein „Zuckerlgeschäft" in ihrem Kleiderschrank: ■eingerichtet, und wer bei ihr um das Taschengeld, um einige Heller Zuckerl gekauft hatte, den lobte sie vor Reb Duwidl Melamed. Und so war solch ein Kind für einig» Tage vom „Käntschik' befreit . . . Rubeh, sein Sohn, war im Cheder „Belfer"»). Er war für die Kinder eine Art Amtsperson und berichtete Reb Duwidl Melamed, wer von den Kindern in seiner Abwesenheit brav oder schlimm war. Seine Freundschaft erwarben die kleinen Talmidim, indem sie bei ihm zu Chanukka Trenderl, zu Simcha Thora-Fahnen kauften. Alle drei führten eine große „Buchhaltung": Ret» Duwidl Melamed — über das Lehrgeld, Chantsche die Rebezin, und Rüben, der Belfer, — über die Kunden. Und es war für die Kinder oft genau so wichtig in der „Buchhaltung' auf der Haben-Seite zu stehen, wie den Wochenabschnitt gut hersagen zu können. Fast 40 Jahre war unser Freund Melamed und hatte während dieser Zeit einige Hundertscheine erspart — sein „Kapital* für die alten Tage! Erhält doch ein Melamed kein Ruhegehalt, wie es die staatlichen Lehrer bekommen . . . Sein „Kapital" trug er stets bei sich. Nur am Sabbat und an den Feiertagen bewahrte er sein „Kapital4 in einem Talmudfolianten auf, welchen er unter einem Kasten zu verstecken pflegte. Jahrelang tat er das so . . . * Noverabertage, Herbstzeit, Ellul-Stimmung. Die Bäume werden müde, die Blätter welken, rauher Wind streicht durch die Stadt und wirbelt gelbrotes Laub und Staub auf. Die Tage sind düster und bald melden sich die Regen, die den Boden erweichen — man nennt da» „Sindriker Blote"»). Reb Duwidl Melamed eilt von der „Mikweh""') nach Hause. Trotz der „Sindriker Blote" ist er in guter Stimmung, sogar ein Lächeln zeigt sich auf seinen Lippen, Wird ,ia morgen, am heiligen Sabbat, sein bester Schüler, der fünfjährige Hersch, der Sohn des reichen Reb Mendel, öffentlich geprüft werden, und der kleine, putzige Junge, das wußte er, wird seine Sache bestimmt gut machen . . « Und am Vorsabbat, kurze Zeit vor dem Anzünden der Kerzen, sitzt Reb Duwidl Melamed und wiederholt mit Hersch „Chimisch in Raschi"*1). „Kim aher Jingale, wus lernst di?"1-) — prüfte er J) Kinderlehrer. -) Adelsbrief der Abstammung. :1) Ostsitz in der Synagoge der Anhänger des ») Stirnlocken. 5) Nagajka, Prügelstock. l!> Talmudabschnitt. ') Schüler. s) Unterlehrer. '•') Kot. 10) Bad. lt) Fünf Bücher Moses und Kommentar. Komm her, Kindchen, was lernst du?

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