Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 520 (10.12.1935)
- Date
- 1935-12-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 10 Groschen Jahrgang 9 Dienstag/ den 10* Dezember 1935 Nr« 520 V« b»b» REVU HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Zeitung vom Verleger versendet „Journal exp£dI6 par V&dltexir" 187 u#C| rrts GeiJ haften im die Qesdl lerndan inds zu! Wtl. Vni+ersi®ti 8bib»othek ^n, r. n itt BEZUGSBBDINGu . Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig vierteljährig Zloty ™ s,,scheclioslowakel mormülch Kc 6.—, vierteljährig Kc xu. jährig Dinar 40.—; ^ii.ilen monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—: Dentschlanu Mark 3.-: Bulgarien ,cmVtlich Lewa 30.-, vierteljährig Lewa 80.—: Hatten monatlich Lire o.- Schwelz und die tibri^ \Länder monaUlch Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Franca 4.50. Mit E bezeichne.^ Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universit&sstr. 8,7et. A-20-2-78 — Erscheint Diensten? u, Freitan monatlich Zloty 1.50, h Dinar 14.—, viertel« irk 1.—, vierteljährig irteljährig Lire 14.—; Weltpolitik der Woche Die innerpolitische Spannung in Frankreich löste Bich in einer Weise, die für das französische Volk bezeichnend ist: durch die Erkenntnis, daß Nation und Staat über allen Parteien stehen, durch einen patriotischen Akt, wie ihn die Franzosen schon oft in ihrer Geschichte, in Stunden großer Gefahr, bekundet haben. Die Rechts- und Linksgruppen gaben die Erklärung ab, daß sie ihre militärischen und militärähnlichen. Verbände auflösen, um den inneren Frieden herbeizuführen, und so entstand eine Stimmung, die es Laval möglich machte, im Einverständnis mit der Mehrheit des französischen Volkes die Aktionen zur Beilegung der internationalen Konflikte fortzusetzen. Das erste Resultat war die Unterredung Laval- Hoare, die eine Klärung der zwischen England und Frankreich noch offen gebliebenen Meinungsverschiedenheiten betreff der Fortführung der Friedensaktion ergab; das zweite ein neuerlicher Friedensvorschlag an Mussolini auf Grund einer vollen englisch-französischen .Einigung. Dieser Vorschlag wurde gemacht, um die letzte Chance von Friedensverhandlungen noch vor dem Inkrafttreten der Oelsanktion zu ermöglichen. Der englisch-französische Vorßchlag und der italienische Gegenvorschlag sind bereits bekannt geworden. Sie gehen nicht weit auseinander. Im wesentlichen betreffen beide eine Abtretung abessinischen Gebiets an Italien und eine italienische Vorzugsstellung in gewissen abessinischen Gebieten. Da aber Müssolini nach seinem kostspieligen Feldzur; ,unä nach den Versprechungen, die er'seinem. Land gemacht hat, sich mit einem halben oder Viertelerfolg nicht zufrieden geben will, sind weitere Komplikationen nicht ausgeschlossen. Obwohl England genug zu tun hat, um seine gefall rdeten Interessen in Ostasien und sein Prestige in dem revolutionär aufgeflammten Aegypten zu wahren, wohnt ihm immer noch genug Kraft, Ruhe und Energie inne, durchzusetzen, daß die Lösung des italienisch-abessinischen Streitfalles sich im Rahmen der Völkerbundsatzungen und Genfer Beschlüsse vollziehe, zumal es in Frankreich einen bündnistreuen Helfer besitzt. Der englischfranzösische Vorschlag an Mussolini scheint das letzte Wort zu sein, das in dieser Sache seitens der beiden Mächte gesprochen wird, und man kann nach diesem „ultimativen" Entgegenkommen bei Nichtannahme des Vorschlages eine schärfere Tonart, bzw. eine Verschärfung der Sanktionen und das Inkrafttreten der Oelsperre erwarten. Allerdings ist eine Verständigungsbasis vorhanden und es hängt nunmehr nur von Mussolini ab, ob er deu schwierigen und zeitlich nicht absehbaren Feldzug gegen den Widerstand der Westmächte fortsetzen will. Deutschland kann aus dieser Lage für sich keinerlei Vorteile ziehen. Es ist im Innern so sehr beschäftigt, daß es zu außenpolitischen Exkursionen keine Kraft aufzubringen vermag. Der Fettmangel, das hitler-deutsche Tagesgespräch, ist bloß ein Symptom der inneren Lage; allerdings ein Faktor, der die Aggressivität der Machthaber im Dritten Reich lähmt und sie überdies noch — ein Wunder bei diesen Elementen — verlegen macht. Das immerwährende Reden von Regimegegnern, Maulwürfen und Meckerern, die unterirdisch gegen das Reich Hitlers arbeiten, wirkt im Munde der Hakenkreuzdiktatoren, die ihre Herrschaft mit zehntausenden Jahren bemessen haben, geradezu erheiternd. Auch ist die von ihnen in die Welt geworfene Antithese Butter oder Freiheit nicht sehr überzeugend. Denn das Dogma „Gemeinnutz geht vor Eigennutz" hätte zunächst für die Volksernährung zu sorgen, anstatt des Versuches, die Massen mit den Blubo-Parolen (Blut und Boden) zu sättigen. Es sieht nicht gut aus in Deutschland. Die Gestapo hat alle Hände voll zu tun. Die Gefäng- REISEN nach POLEN und PALÄSTINA Auskünfte bei Dr. S. TOCKER, IX. Liechtensteinstraße Nr. 2, Telephon A-14-504 (Reisebüro „In die Welt«, W. M, Renner) Wozu der Lärm? t> Es ist ja alles erreicht ,.. Unter dem Schlachtruf: „Es dürfen nicht mehr Juden zum Studium zugelassen werden, als dem jüdischen Bevölkerungsanteil entspricht... Numerus clausus für Juden an den Hochschulen!" wird nun seit mehr als drei Jahrzehnten an den höheren Bildungsanstalten der ganzen Welt (auch in Frankreich und Amerika) ein Kampf gegen jüdische Studenten und Studentinnen geführt. Mit der akademischen Würde und Geistigkeit hat der Kampf nichts gemein. Er wird mit Stöcken und Schlagringen ausgefochten, nicht nach studentischem Komment, sondern nach Regeln, die in den verworfensten Hafenkneipen herrschen, und auch da nur, wenn die Besoffenheit übernormal geworden ist. Auch wird in diesem Ringen um den Numerus clausus der Numerus clausus nicht eingehalten. Die Nichtjuden fallen nicht in einer Zahl über die Juden her, welche dem „Bevölkerungsschlüssel" entspricht, sondern im Verhältnis 20 :1. Sicher ist sicher. In Polen ist jetzt dieses Treffen in regstem Gange. Es tut sich was in zerschlagenen Judennasen und Judenschädeln, Fenster- und Treppenstürzen. Die Regierung ist bemüht,. Ruhe zu schaffen, allerdings nicht mit Mitteln behördlicher Strenge und Gewalt, sondern mit der Kunst sanfter Beredsamkeit. Die Art ihrer Argumentation ist originell und verdient festgehalten zu werden. Aus Warschau wird berichtet:. Das R egierungsorgan „Gazetta Polska" führt eine Polemik mit den nationaldemokratischen Studenten. Es erklärt, daß der Kampf gegen die „Verj u d u n g" der polnischen Hochschulen überflüssig geworden ist. An keiner Universität überschreitet der Prozentsatz der Juden jetzt noch den der jüdischen Bevölkerung im Lande, auch bekommen die Juden keineswegs mehr Stipendien, als dem Prozentsatz ent- , spricht. Im Gegenteil! Man kann feststellen, daß die Verhältniszahl der Juden an den Hochschulen beträchtlich n i e d r i g e r ist als die Verhältniszahl der jüdischen zur allgemeinen Bevölkerung. An den technischen Hochschulen, den Agrarschulen, den höheren Handelsschulen, den landwirtschaftlichen Schulen usw. müßte man die Zahl der Juden mehrals verdoppeln, damit der Numerus clausus erreicht wird. Was die Stipendien anbetrifft, so haben . jüdische Studenten im Durchschnitt kaum 3 Prozent der Stipendien erhalten, obzwar die Juden 10 Prozent der Bevölkerung Polens ausmachen. Liebe Jünglinge und Jungfrauen! Wozu der Lärm? Was ihr wollt, ist ja erreicht und noch mehr. Die Worte der polnischen Regierung verdienen auch auf jüdischer Seite Beachtung. Sie sind ein UitSBBH nistorc stehen nicht still. Und es gibt auch viele frisch aufgeworfene Gräber. Nichtsdestoweniger fahren die Machthaber in ihrem Wahn fort, das Volk mit germanischem Mythos zu beglücken. Hie und da aber rutscht auch ihnen ein böses Wort aus. Hitler erzählte kürzlich in Berlin, daß Deutschland, mag es auch noch so schlecht dran sein, i h n, den Führer, brauche. „Denn wer soll", rief er aus, „nach mir kommen? Vielleicht die Juden? Die Sozialisten?..." Dieser Unsinn ist keiner weiteren Betrachtung wert. Er bezeugt bloß, daß die heutigen Herren Deutschlands die Unzulänglichkeit ihres Regimes und die Skepsis ihrer bisherigen Anhänger empfinden. Herr G ö r i n g drohte den Deutschen in Hamburg. Herr Goebbels sagte am 4. Dezember in Saarbrücken: „Wenn die Sache schief geht, dann geht's um unseren Kopf, denn wir können die Schuld nicht auf ein Parlament schieben ..." Und Reichswirtschaftsminister Dr. Schacht, der deutschnationale Hakenkreuzler, jammerte am 7. Dezember in München: „Ich darf nicht verhehlen, daß die Schwierigkeiten unseres Schuldendienstes immer größer werden. Wir besitzen keine Reserven an Auslandsforderungen mehr.. »" Fingerzeig für alle Juden, nicht nur für die polnischen. In vielen anderen Ländern sind die Dinge auch so weit gediehen, daß der mit großem Aufwand an Gehirn und Lunge geführte Kampf für und gegen den Numerus clausus praktisch gegenstandslos geworden ist. Ein Kampf für und gegen eine durch die Entwicklung überholte Formel. Umwälzung der Wirtschaft und praktischer Antisemitismus haben dazu geführt, daß nicht nur der jüdische Prozentsatz an den Hochschulen, sondern an fast allen höheren Berufen, denen man Verjudung nachsagte, unter den Numerus clausus sinkt. Die Verdrängung hat eingesetzt und schreitet fort, ohne Numerus-clausus-Gesetz. Der jüdische Kampf gegen den Numerus clausus entspricht dem gesunden Empfinden für freie Entwicklung und Gleichberechtigung der Menschen, aber er darf nicht das Um und Auf jüdischer Politik sein. Um seinetwillen darf nicht der Kampf um jene gewaltigen Lebensräume vernachlässigt werden, welche den Juden ganz verschlossen wurden, in denen nicht der Numerus clausus, sondern der Numerus nullus regiert. Die antisemitischen Drahtzieher schreien gewaltig gegen „Verjudung" und freuen sich tief in die Seele hinein, wenn sie die Juden in den Numerus-cIausus-Kampf verwickelt und in ihm ganz aufgehen sehen, während man ihnen hinter dem Rücken eine Lebensmöglichkeit nach der anderen wegräumt, ohne Numerus clausus, fein still und gründlich. Wie sagt die polnische Regierung? ... Wozu der Lärm? Es ist ja alles erreicht. r. st. JUDENSTAATSPARTEI ÖSTERREICHS Mittwoch, den 11. d. M., halb 9 Uhr abends, im Heim, I, Werdertorgasse 14 VORTRAG Ref ere nt: Dr. S e m W o 1 f_ Thema: Neue hebräische Literatur Gäste willkommen! 300 gegen 15 Aus Lemberg (J. T. A.): Zu den letzten antisemitischen Ausschreitungen am Lemberger' Polytechnikum, in deren Verlauf neun jüdische Studenten, unter ihnen zwei sehr schwer, verletzt wurden, berichtet die polnisch-jüdische Zeitung- „Chwyla", daß mehr als 200 Nationaldemokraten über nur 15 jüdische Hörer hergefallen sind. Die Juden mieden einige Tage lang das Polytechnikum. Währenddessen erbrachen die Nationaldemokraten die Kästen und Fächer der jüdischen Studenten und vernichteten ihre Arbeiten. Während der Ueberfälle hat der Rektoratssekretär das Ersuchen Kein heiteres Quartett also. Keine greifbaren Möglichkeiten einer Besserung. Inzwischen aber kühlen dieselben Bankrotteure ihr Mütchen an den Juden. Da gibt es kein Innehalten. Die völlige Ausschaltung der Juden aus der Wirtschaft ist Tatsache geworden. Von Tag zu Tag vergrößert sich die Zahl der Juden, die auswandern wollen, die nicht mehr auswandern können, weil ihr Hab und Gut zu nichts geworden ist. Und in Genf beraten Kommissionen, Expertenausschüssc darüber, wie man Verzweifelte retten kann. Aber es denkt dort niemand daran, wie man demjenigen in den Arm fällt, der diese Verzweiflung verursacht... o. r. füt faden tetn$ithk&u(et im teäjftet WitUifka! 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