Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 518 (3.12.1935)
- Date
- 1935-12-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite Ö DIE NEUE WELT Nr. blS MifMOteitk hui SO tudeu ' m mw *w*^^^F^^w *r w flM99f|it Albanien, ein vergessenes Land in Europa .,La Tribüne Juive" bringt folgenden Reisebericht aus Tirana: „Antisemitismus gibt's bei uns nicht. Wir haben ja keine Juden!" Nach der Landung im albanischen Zentralhafen Durar.zo erhielt ich diese wenig tröstliche Antwort auf meine Erkundigungen nach der Situation der albanischen Juden. Weite Reisen zu Pferd, zu Fuß, per Auto und Motorrad, durch alle Gebiete des weiten Landes, die bis weit hinauf in die kaum erforschten unwegsamen nord albanischen Alpen führten, gaben Gelegenheit, diese Behauptung zu überprüfen. Tatsächlich: In ganz Nordalbanien lebt nur eine jüdische Familie. Und diese Familie in Skutari, der Hafenstadt aus der jugoslawischen Grenze, wanderte erst vor wenigen Jahren aus Janina ein, aus Griechenland. Immer soll es in diesen weiten Gebieten aber nicht so ausgesehen haben. Eine Sage, unverbürgt, doch mit einem Schimmer von Wahrheit, erzählt . . . In der Zeit der Herrschaft der Venezianer lebten mehrere tausend Juden in der Stadt E1 b a s s a n, etwa in der Mitte Albaniens. Vor einigen Jahren versuchte der amerikanische Gesandte in Tirana, der Jude Bernstein, dieser Spur nachzugehen, mit keinem Erfolg. Nach einer wundervollen Autofahrt auf einer schönen, wildromantischen Straße über einen hohen Berg wall, der sich zwischen der Hauptstadt Tirana und Elbassan eingeschoben hat, kommen wir in die Stadt, die einst tausende Glaubensgenossen beherbergt haben soll. Ein seltsames Gefühl beschleicht mich, in dieser ältesten Stadt des Landes, in dem lebhaften, bunten Basar. Außer einigen wenigen ärmlichen Gebäuden ist alles schwärzester Orient. Wir gehen durch Gassen, zwischen übermannshohen Lehmmauern, die wie Pallisaden den Weg abgrenzen, die keinen Blick in die Häuser zulassen. Langsam glaube ich ins Mittelalter zurückzusinken. Kann das wundernehmen? Kein Zeichen unserer modernen Zeit ist zu erblicken inmitten eines Chaos von Männern in kleidsamen Trachten der Bergler, alle mit langen, vorsintflutlichen Flinten be waffnet. Die wenigen Frauen dazwischen sind alle tiefverschleiert. Plötzlich fällt mir ein Gesicht auf, mit unverkennbar jüdischen Gesichtszügen. Glücklicherweise versteht der Mann Italienisch. Bereitwillig erzählt er von den Besuchen des Gesandten Bernstein, dem er auch nicht mehr als mir erzählen konnte. Wir steigen in einen halbzerfallenen Bau hinein. Drei Eselchen haben es sich in dem größten der Räume bequemgemacht. Ein seltsames Zimmer, von düsterem Licht erfüllt. Eine Lücke im Dach läßt nur kümmerliche Reste der Sonnenstrahlen herein. Stumm zeigt mein Begleiter auf einen dunklen Gegenstand in einer Ecke, einen zerbrochenen Leuchter. Dann reicht mir der Albaner eine Leiter, mit der wir zur Decke hinaufsteigen. Die Mühe lohnt sich: Ich kann ein paar hebräische Buchstaben entziffern. Mit den Venezianern sollen die Juden ins Land gekommen sein. Mit Griechenland und den Balkanstaaten nahmen sie Handelsbeziehungen auf. Auch in die damals noch recht ungemütlichen, rauhen Berge der heutigen Präfektur Dibra wagten sich mutige Männer. Faustrecht und Blutrache machten damals das Land zu einer Hölle. Die Edlen lagen sich immer in den Haaren. Ganze Dörfer wurden der Blutfehde willen niedergemacht. Einst — so berichten Sagen — überfielen die Mannen eines Bandenchefs aus der Dibra den Bey von Elbassan. In dem Kampf fielen neben den übrigen Bewohnern auch die Juden. Die wenigen Ueberlebenden •wurden niedergemacht, weil man annahm, die Juden hätten mit den Angreifern in Verbindung gestanden. Ob diese Sagen wahr sind? Historische Beweise fehlen. Nur stößt man Schritt auf Schritt auf Menschen mit jüdischen Physiognomien. Man will das darauf zurückführen, daß Juden gezwungenermaßen zum Islam übergetreten seien. Ein Tag auf albanischer Landstraße in vollgepfropftem Autobus ist ein Vergnügen, das einen Mitteleuropäer zur Verzweiflung bringen kann. Aber schließlich ist das Auto neben Pferd, Maulesel und — Flugzeug einziges Verkehrsmittel. Komisches Land, das 300 Jahre Entwicklung einfach überspringt! Jeder Tag hat seinen Abend und dieser Abend brachte mich — seekrank, obwohl auf dem Erdboden! — nach Valona, bekannt als Handelsplatz und als Wohnort der „größten" jüdischen Gemeinde des Landes. Es ist Freitag. Hauptgeschäftstag. Käufer aus der Umgegend sind in Massen aus den Bergen herbeigeströmt, ihren Bedarf zu decken. Da fällt mir auf, daß einige repräsentative Geschäfte mitten im ärgsten Trubel ihre Rolläden herunterlassen. Ein Ladenschild mit dem Namen: „Raf fael....." fällt ins Blickfeld. Juden! Die fünf jüdischen Familien der Stadt können gerade noch so viele männliche Mitglieder aufweisen, daß sich ein Minjan zusammenstellen läßt. In einem Privathaus ist ein Zimmer als Synagoge eingerichtet. Dort versammeln sich jetzt die Männer, den Sabbat zu begrüßen. Seeltsam die Melodien des sephardischen Ritus, fast so eintönig wie albanische Musik, aber genau so einprägsam und packend. Die Sabbate waren hier einstmals richtige Volksfeste. Ueber hundert Familien lebten in der Stadt. Aus Griechenland und Kleinasien waren sie eingewandert, hatten es bald zu einem ansehnlichen Wohlstand gebracht. Lange Jahrzehnte lebte die Gemeinde in Frieden. Bis der Sohn eines mächtigen Beys sich in die Tochter eines jüdischen Kaufmannes verliebte. Die Eltern des Mädchens wollten von der Vorbindung nichts wissen. Lange wiederholte der Albaner scino Bitte, bis er schließlich wutschnaubend v e r s ch w an d. Mit Recht erwarteten die Juden das Schlimmste. Der Rat der Aeltcsten versanimeltr1 sieh und beschloß sofortige Flucht! In seltener Einmütigkeit wurde der Entschluß von allen gutgeheißen. Zwei Schiffe nahmen die ganze jüdische Kolonie auf. Häuser und Besitzungen zurücklassend, (loh man. Eines aber hatten die Juden nicht vergessen, die Thorarollen! Eine schöne Sage will wissen, daß die heiligen Pergamente von zwei Engeln nach Janina, einer Stadt in Griechenland, gebracht worden seien, wo man die Rollen heute noch sehen kann. Es sind alte, vergilbte, überaus wertvolle Stücke, die jedoch — nach der Ansicht maßgebender Wissenschaftler — nicht so alt sein können, um überhaupt zu jener Zeit, wo die Flucht aus Valona stattgefunden haben muß, bereits bestanden zu haben. Vor wenigen Jahren wurde in Valona ein Haus abgerissen, das "bis zu jenem Tage vom Volk „Synagoge" genannt worden ist . . . Heute erfreuen sich die albanischen Juden allgemeiner Wertschätzung. Ich wagte meinen Augen nicht zu trauen, als am Pessachfeste der Präfekt, der höchste Beamte der Präfektur und Stellvertreter des Königs für den Bezirk, in Begleitung zweier Adjutanten, zweier Polizeioffiziere und einer kriegsstarken Kompagnie Soldaten erschien, um meinem Gastgeber — einem reichen Kaufherrn — die besten Wünsche zum Feste, „auguri" — wie man dort sagt — zu übermitteln. Von der allgemeinen Wehrpflicht sind die Juden nicht ausgenommen. Und die jungen albanischen Juden wissen es zu würdigen, daß sie Dienst für das Vaterland leisten dürfen. Der Sohn des Hauses, in dem man mich gastfreundlich empfangen hatte, war gerade vor kurzer Zeit mit einer hohen Auszeichnung als Offiziersaspirant von der Militärakademie in Tirana zurückgekehrt. Max L o e b. Volkstheatrr. ..Reiteraf tacke". Der Oesterreicher Schreyvogel, der Mann des schweren Dramas, kommt diesmal mit einer Komödie und trifft seine Sache ausgezeichnet. Ein graziöses Lustspiel, frei von jedem Kitsch und jeder fabriksmäßigen Routine, und doch effektvoll. K a r 1 w e i s, der Träger der Hauptrolle, faszinierend. Dagny Sorvacs ausgezeichnet und Lizzi W a 1 dm ü 11 c r, Komma. Lessen, Kyscr und Hajmassi als famoses Ensemble. „Das Land der Verheißung." Der herrliche Palästina- Tonfilm der Fox .,D a.« L a n d der V e r h e i ß u n g", dessen Erstaufführung einen so sensationellen Erfolg erzielte, hat auch bei den ersten Wiederholungen vor ausverkauftem Hause tiefste Wirkung erzielt. Dap Geheimnis diese;.' Erfolgs liegt, vor allem darin, daß er wirklich ein erschöpfender' Bild von der jüdischen Aufhauarbeit und dem Leben der Juden in Palästina gibt. - Nächste Aufführungen: Konntag, den 8. d. M., vormittags y 1.1 und •'7,12 Uhr im S c h w c d c n - K i n o (siehe Inserat). Stellenaussdireibung Bei der Israelitischen Kulfusgemeinde in Wien gelangt die Stelle dos ersten Sekretärs und Amtsdircktors zur Besetzung. Anstcllungserfordemisse sind: a) die österreichische Bundesbürgerschaft, b) ein ehrenhaftes Vorleben, c) die zur Erfüllung der Dienstesobliegenheiten notwendigen körperlichen und geistigen Fähigkeiten, d) ein Lebensalter von nicht mehr als vierzig Jahren, c) die Zurücklegung der rechts- und staatswissenschaftlichen Studien und Staatsprüfungen, f) der Nachweis der .für die Dienststelle erforderlichen besonderen Fähigkeiten und Kenntnissen. Der Kultusvorstand behält sich vor, im Falle besonderer Eignung des Bewerbers die Dispens von dem vorgeschriebenen Alter sowie von dem Erfordernis des Hochschulstudiums zu erteilen. Mit der ausgeschriebenen Stelle sind die Bezüge der ersten Stufe der ersten Bezugsklasse sowie die im Wege der Vereinbarung festzusetzenden Dienstaufwands- und Ueberstundenentlohnungen verbunden. Auf die Vorrückung, die Ruhe- und Versorgungsgenüsse haben die jeweiligen Normati vbestimmungngen für die Angestellten der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien Anwendung zu finden. Die ordnungsmäßig und vollständig belegten Bewerbungsgesuche sind bis längstens 16. Dezember 1 9 3 5 beim Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien in geschlossenem, mit der Bezeichnung „Stellen-Bewerbung" versehenem Briefumschlage einzubringen. Wien, am 29. November 1935. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien. E-»f f tlU^S ff © ■ 1 ten Räume .anSSSSäS Groschen ReinseidervSchals tür Damen, Tupimuster, kleine Feh.er Wirtsdiafts^Strümpfe für Damen, schwarz........ Gummi/Wirtschaftssdiürzen gemustert............. Unterziehhöschen gerippt, alle Grüßen........ Schaf woll4>eied</Tücher Modemuster..........• Damen^Basken^Kappen Tellerfasson, alle Farben . . 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Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Druckerei- und, Verlags-A,-G, Ignaz Steinmann, beide. ,Wlon, IX., Universitätsstraße Q—8. i