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Die neue Welt · 1935-11-29 · Heft 517 (29.11.1935) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 517 (29.11.1935)
Date
1935-11-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 20 Groschen Jahrgang 9 Freitag/ den 29* November I9J5 Nr, 517 V* tu h. DIE NEUE r Zeitung vom Verleger vers-ndtt „Journal expediö par rediteur" REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.5 vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—. vierteliährig Dinar 40.—: Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—: Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljahrig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—. vierteljährig Lire 14.—; Schweis! und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, UniversitäVsstr. 8, Tel. A-20-2-7S - Erscheint Dienst an u. Freitag Lösung der Judenfrage - luden§taaf Graf Richard Coudcnhove-Kalergi, der Gründer und Führer der Paneuropa-Bewegung, kommt in seinem neuen Buche „Judenhaß von heute" zu dem Schluß, daß die einzig mögliche Lösung der Judenfrage, die einzige Möglichkeit der endgültigen Emanzipation des Judentums der J u d e n s t a a t ist. Er schreibt: „Jede unparteiische Kritik des Judentums muß auf Grund seiner Leistungen anerkennen, daß von einer geistigen, seelischen oder körperlichen Minderwertigkeit der jüdischen Minderheit keine Rede sein kann." ,:Dennoch wäre es einseitig, behaupten zu wollen, daß das einzigartige Schicksal des Judentums für dessen Entwicklung nur gute Folgen hatte." „Es ist sicher, daß die tausendjährige Verfolgung und Unterdrückung eine Reihe von schädlichen Wirkungen mit. sich gebracht hat. Daß die Nerven und die seelische Harmonie der Juden , unter diesem ständigen Druck und dieser dauernden Spannung gelitten haben,*1' ..Stets erlangen .uiUe rdrückte Menschen und Menschengruppen andere Einstellungen zur, Umwelt als freie und herrschende. Statt selbst •über ihr Schicksal.zu entscheiden, sind sie Objekte fremden Willens und fremder Willkür. Dies stärkt ihre oppositionelle und .kritische Einstellung gegenüber der positiven. Es fördert Ressentiment und Ueberempfindlichkeit sowie ein Schwanken zwischen Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitsgefühlen. Die Einstellung und Haltung zu Menschen und Dingen erhält leicht einen Zug von Unnatur und von Künstlichkeit. Darunter leiden oft Ursprünglichkeit, Schlichtheit und Naivität." ,,Alle Eigenschaften, die als Folge der Unterdrückung entstanden sind und sich zu Minderwertigkeitskomplexen entwickelt haben, werden verschwinden, sobald die Lebensbedingungen des Judentums wieder normal werden. Viele sind bereits verschwunden. Sie werden wieder auftauchen, wenn die neue Welle von Antisemitismus siegt: sie werden für immer verschwinden, wenn die Emanzipation des Judentums endgültig gelingt." „Die besondere Tragik des jüdischen Minderbeitenschicksals Hegt darin, daß das Judentum eine Minderheit ohne Rückendeckung ist. Denn fast alle nationalen Minderheiten besitzen irgendwo Volksgenossen, die einen eigenen Staat bilden, der bereit ist, ihnen im Notfall zu helfen. Fast alle religiösen Minderheiten wissen, daß es jenseits der Grenzen Staaten gibt, in denen sie in der Mehrheit sind und die gegebenenfalls Rcligionsvcrfolgungcn gegen sie Einhalt gebieten können." „Den Juden fehlt dieser nationale oder religiös© Rückhalt. Sie wissen, daß sie nirgends befehlen können. Sie wissen, daß sie nirgends. die Staatsmacht in Händen halten; daß sie überall auf den guten Willen und auf die Loyalität der Mehrheitsvölker angewiesen sind. Denn sie sind nicht nur Minderheit in ihrem eigenen Staat: sie sind Minderbeit auf der ganzen We l t." „Diese Tatsache gibt dem jüdischen Schicksal seine besondere Tragik: aber sie weist zugleich den Weg zur Lösung der Juden frag e." Während Juden und auch solche, die Zionismen zu sein glauben, die Herzische Judenstaatsidee bekämpfen oder verleugnen, nimmt der nichtjüdische Freund der Minderheitsnationen und des jüdischen Volkes sie auf. Die von ihm so treffend hervorgehobenen,' in Jahrhunderten der Unterdrückung erworbenen Minderwertigkeitsgefühle, Künstlichkeit und Unnatur, sind der Grund dafür, daß viele Juden die einfache und große Idee nicht erfassen können und den Zionismus komplizieren und verkleinern, Cfarfetlidser Appell ffig die deiit§dhew Juden Von Zeit zu Zeit verdichtet sich der Abscheu vor der hitleristischen Barbarei zu lauten öffentlichen Kundgebungen. Erhebende Worte fallen zugunsten der vom deutschen Hakenkreuz verfolgten und gepeinigten Juden, ein Sturm der Entrüstung erhebt sich bei Versammlungen und Protestmanifestatiohen. Auch die christlichen Kreise, die der westlichen Länder, nehmen an dieser Verteidigungskampagne für Kultur und Menschlichkeit teil. Der heurige November ist besonders reich an Verdammungsworten kirchlicher Persönlichkeiten gegen Nazi-Deutschland. So hat die „Church Assembly", die nationale Tagung der Englischen Kirche, in London am 20. November eine einstimmig angenommene, die Judenverfolgungen in Deutschland verurteilende Resolution in die Welt hinausgeschickt, die beginnt: „Diese Versammlung spricht dem jüdischen Volk und allen Menschen jüdischer Abstammung ihr Mitgefühl angesichts der Leiden aus, denen sie in Deutschland unterworfen sind..." Der Erzbischof von Canterbury, die Bischöfe von Manchester, Southwark, Durham brachten die Sympathie ihrer Kirche für die Juden zum Ausdruck, wobei auch das ekstatische Wort fiel: „Ich wünschte, wir könnten das Schwert ziehen und für Gottes Volk kämpfen" und die Konstatierung gemacht wurde: „Die Lage der in ein neues Ghetto gezwängten Juden Deutschlands ist hoffnungslos. Sic werden zu Tode und doch nicht ganz zu Tode gehetzt. Man erhält sie am Leben, um sie weiter hetzen zu können." grauen leib eti MteÖtoßt oller 2(rt 6aucr6ruun Am gleichen Tag wie in London gab es auch in Paris eine große Protestkundgebung. gegen die vom deutschen Hakenkreuz verübten Attentate auf die Würde der menschlichen Persönlichkeit, die christliche Gewissensfreiheit und die Menschen- und Bürgerrechte der Juden. Unter dem Vorsitz des weltbekannten Senators Justin Godart' sprachen hervorragende Persönlichkeiten der verschiedensten politischen Richtungen und Glaubensbekenntnisse, leidenschaftlich Zeugnis ablegend gegen die Unterdrückung der Menschen und Anschauungen in Deutschland. Der Abgeordnete Marcel Deat, der Oberrabbiner Julien W e i 11, der gewesene Minister Paul Reynaud, Prof. Hadamard, der protestantische Priester Marc Boegner schilderten die Qualen der Juden und der Christen im „heidnischen" Hitler-Deutschland, der Kardinal V e r d i e r als Vertreter der katholischen Kirche sprach in einem Brief dem Zweck der Versammlung seine volle Zustimmung aus. In der Schweiz, wo der große Prozeß gegen die Verbreiter der berüchtigten „Protokolle"-Fälschung stattfand, veranstaltete die „Züricher Vereinigung für den Völkerbund" eine öffentliche Kundgebung gegen den Nazismus. Erschütternd klangen seine Worte: „Wir stehen tieferschüttert vor dem Kampf gegen das Judentum, . der kein Kampf mehr ist, sondern die Vernichtung Unschuldiger. Es ist Menschen- und Christenpflicht, seine Stirn dagegen zu erheben. Wir gedenken dieser Menschen, deren Leiden wir nicht fassen können. Wieviel Leid und Not verbirgt sich in den jüdischen Häusern, wieviele mögen schon den Weg in die Finsternis genommen haben, ohne daß jemand ihren letzten Schrei vernahm." G f&t jeden Tßitiiidtkäiifißb m W¥ nfwVff WdnWW^^FWWW^WfvWW^rU Um wirklich wenig üeld sind jetzt die schönsten u. prachtollsten echten Perserteppich« (gesunde, ausgesucht« Qualitätsware) bei uns zu hüben. Bekannt reelle Bedienung Jelegenheitskäute u.Zahlungserleichterungen iurjedermani PERSER- U. ORIENTTEPPICHE B. Canta, I, ParkHng 12 Eingang Weihburggasse, Gartenbau^, Prof. R appar d, Kirchenratspräsident Hauri, der Bischof von St. Gallen, Oberrichter Dr. Schei- . willer, Präsident Dr. Curti und die Dichterin Marie Was er erklärten, daß man sich einmischen dürfe, wo es sich um Menschlichkeit und Kultur handelt. Das jüdische Volk nimmt mit Genugtuung und heiligem Ernst die Hilfe entgegen, die ihm seitens so wertvoller.Kreise und Persönlichkeiten dargebraQb^:> wird. Leider aber sind es zunächst platonische Bemühungen. Es wäre notwendig, daß dieser moralische Druck nicht gegen das unbelehrbare Deutschand, sondern gegen die eigenen Regierungen gerichtet würde, die Mittel besitzen, um. den Machthabern Hitler-Deutschlands zu zeigen, daß sich Gewalt, Tücke und blutiger Terror auf die Dauer nicht bezahlt machen. Es ist' dies, die einzige Methode, die zum Ziel führtw __• Mdnsch b französische Sportineisler sagen ab Aus Paris wird gemeldet: Philippe de Rothschild und Jean Rheims, die Frankreich auf der Winter-Olympiade in Garmisch-Partenkirchen hätten vertreten sollen, erklärten in einem Schreiben an den Präsidenten des französischen Bobsleigh- und Toboganning-Verbandes: „Nach unseren Leistungen bei den Bobsleigh-Wcltmeisterschaftsspielen 1935 in St. Moritz wurde uns die Ehre erwiesen, als Kapitän und Pilot der Mannschaft bestimmt zu werden, die Frankreich auf der Olympiade in Deutschland 1936 vertreten soll. Wir können uns aber an einer internationalen Schau nicht beteiligen, bei der die Deutschen jüdischen Glaubens nicht als ihren Mitbürgern gleichberechtigt behandelt werden. Wir setzen uns selbstverständlich mit unserem ganzen Enthusiasmus für die Verteidigung der Farben Frankreichs überall in der Welt und unter allen Umständen ein, aber wir können nicht in einem Lande starten, welches einen Unterschied ztvis c h e n uns und unseren Mitbürgern machen will. Glauben Sie uns, daß wir betrübt sind, einen solchen Beschluß fassen zu müssen. Wir bitten Sie, diesen Entschluß dem Präsidenten des Französischen Olympischen Komitees und dem Präsidenten des Nationalen Sportkomitees zur Kenntnis zu bringen." Hoffentlich werden alle anderen jüdischen Sportler dieses Beispiel befolgen. Es haben sich ja leider schon Juden gefunden, welche für die Teilnahme jüdischer Sportler an der Olympiade in Deutschland plädieren. Die einen sagen, man müsse den Nazi „zeigen", wie „tüchtig" die Juden im Sport sind. Andere meinen, man würde durch Fernbleiben das eigene Land auf der Olympiade schwächen. Man findet eben für jede Charakterlosigkeit eire Ausrede. Die jüdischen Kinder werden ausgehungert Aus Berlin: Der R e} c h s f i n a n z m i n i s t e r hat nunmehr die Bestimmungen über Kinderbeihilfen an kinderreiche Familien den neuen Vorschriften angepaßt. Jeder Anwärter auf eine Kinderbeihilfe muß jetzt durch Erklärung versichern, daß ihm nichts bekannt sei, woraus geschlossen worden könnte, daß der Vater oder die Mutter eines der Kinder, für die Beihilfen beantragt sind, von mehr als zwei voll jüdischen Großelternteilen abstammen oder nach den gesetzlichen Bestimmungen als Juden gelten oder gegolten haben. Max Naumann verhallet Aus Berlin: Dr. Max Naumann, der Führer des Verbandes nationaldeutscher Juden, der sich zuletzt Verband nationalsozialistischer Juden genannt hat, ist, wie die JTA. erfährt, vor einigen Tagen you der Gestapo, in Haft genoauatn worden.

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