Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 515 (22.11.1935)
- Date
- 1935-11-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 20 Groschen Jahrgang 9 Freitag/ den 22* November 1935 Nr« $15 V* b* b* DIE NEUE Zeitung vom Verleger versendet „Journal exp&lie par rediteur" REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.5 . vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jagoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—. vierteljähri« Mark 3.—: Bulgarien monatlich Lewa 30.—. vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 6.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Franc3 4.50. Mit G bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, leU A-20-2-78 — Erscheint Dienstasi u, Freitag England braucht die Juden Die jüngsten Ereignisse im Nahen Orient, rings um den Suezkanal und um den Landstrich, der durch den italienisch-abessinischen Krieg zum Ausgangspunkt weltpolitischer Betrachtungen wurde, gestatten auch einen Rückblick auf die englisch-zionistische Politik. Wenn es um die Frage ging, in welcher Weise die Mandatsbestimmungen in Palästina verwirklicht werden sollen, behielt die Obr sorge für die Araber die Oberhand. Englands Tendenz ging dahin, die Araber zu favorisieren, das heißt, das Völkerbundmandat über Palästina in der Praxis so zu handhaben, als wäre es ihm, England, zum Zweck der Errichtung eines arabischen Nationalheims übertragen worden und die Verpflichtung gegenüber dem jüdischen Volke nur eine lästige Draufgabe. Länger als ein Jahrzehnt hindurch war diese Einstellung die Richtschnur für die englische Politik in Palästina, ja, geradezu ein Dogma. Es hieß: Nachgiebigkeit gegenüber den Arabern, Härte gegenüber den Juden. Diese von den Oberkommissären Palästinas geübte Methode hatte zwei böse Folgen: jüdischerseits Verminderung der zionistischen Aspirationen und Verzicht auf dokumentarisch verbriefte Rechte; arabischerseits den Glauben, daß England in allem auf seiten der Araber stehe, und schließlich den Frevelmut, das jüdischesiediungswerk zu überfallen und zu Mord und Raub überzugehen. , , Das Wohlwollen der , Engländer gegenüber den Arabern hatte sich also nicht bezahlt gemacht. Eng-- land mußte, um das ihm zur Verwaltung anvertraute Gebiet zu sichern, größere Truppenkontingente halten, was mit nicht unerheblichen Kosten verbunden ist; seine Sorge um die Sicherheit des Landes ist also eine schwere Belastung des administrativen Apparats. Nichtsdestoweniger scheint im , englischen Kolonialamt und im Büro des palästinensischen Oberkommissärs Sir Arthur Wauchope nach wie vor das Bestreben zu bestehen, es sich mit den Arabern ja nicht zu verderben. Alles, was seit Bestand des englischen Mandats im. Lande an Ueblem geschah, hatte seine Quelle im arabischen Lager, Alles, was schöpferisch geleistet wurde, entstammte jüdischer Initiative. Die Palästina-Regierung kann heute wohl schon auf Grund statistischer Ziffern zur Ueberzeugung gelangt sein, daß mit dem jüdischen Auf bauelement (Kapitel Energie, Enthusiasmus) das Wohl Palästinas steht und fällt. Sie hat aber aus dieser Erkenntnis noch nicht die Konsequenzen gezogen. Die Begebenheiten in Aegypten sind danach angetan, wieder einmal die Gefahr der Politik, sich auf die Araber zu stützen, ins rechte Licht zu setzen. Es gärt in Aegypten. Kairo steht vor dem Generalstreik. Die arabischen Studenten gehen revoltierend durch die Straßen. Die arabische Presse pro- testiert durch Nichterscheinen gegen die Beschränkung der Berichterstattung. Die ägyptische Grenze gegen Libyen ist als strategische Zone gesperrt. Die antienglische Stimmung wächst — nicht zuletzt durch die Hetze des berüchtigten arabischen Großmufti von Jerusalem, dessen Agenten in Aegypten seit langem schon ihr dunkles Handwerk üben, dessen Kunst des Intrigierens den Engländern schon viel Unannehmlichkeiten bereitet hat. Arabische Terrorbanden machen Jerusalem unsicher. So handelt das favorisierte arabische Element. Es ist kein fairer, kein zuverlässiger, kein solider Bundesgenosse. Gerade in Stunden der Gefahr zeigt, es sein wahres Gesicht. Es gegen die Juden ausspielen, es den Juden vorziehen, mit der Motivierung, daß man auf die arabische Welt Rücksicht nehmen müsse, bezeugt wenig Einsicht und viel Voreingenommenheit. Das jüdische Element in Palästina hat sich als J'air, zuverlässig, solid erwiesen. Es ist ein Bollwerk gegen jedes umstürzlerische Beginnen im Vorderen Orient, ein stabiler Faktor, auf den man politisch und wirtschaftlich bauen kann. Es ist aber auch ein Kulturfaktor ersten Ranges. England braucht die Juden. Diese Tatsache nochmals Die Namen werden ausgekratzt... Als vor kurzem bekannt wurde, daß auf Grund eines Geheimerlasses des reichdeutschen Propagandaministers (Dr. Goebbels) die Namen der jüdischen gefallenen Helden Deutschlands im Weltkrieg auf den Gedenktafeln nicht mehr aufscheinen dürfen, ging ein Sturm der Entrüstung durch die Kulturwelt. Solch einen moralischen Tiefstand, solch eine schändliche Denkweise hatte man nicht einmal den heutigen Machthabern Deutschlands zugemutet. Die Hitler-Regierung verspürte scheinbar selbst, daß ihr dieser Akt der an Toten verübten Ehresschändung schade, und versuchte, den niederschmetternden Eindruck durch ein Dementi abzuschwächen. Es nützte nicht viel. Die Empörung über solch ein Tun ließ sich nicht mehr eindämmen. Aber das Dementi an sich war eine neue Schändlichkeit. Der Erlaß ist in vollem Umfang bestehen geblieben. Ein diesbezüglicher Bericht eines Wiener arischen Fabrikanten liegt uns vor. Er konnte vor einigen Tagen auf einem Berliner Friedhof als Augenzeuge beobachten, wie aus einem Gedenkstein, der die gefallenen Helden des Weltkrieges ehrt, die Namen der jüdischen Soldaten mit einem Stemmeisen weggemeißelt wurden — auf Befehl des Ministers für Propaganda und Volksauf klärung Dr. Goebbels... Die Tatsache also, daß das nationalsozialistische Deutschland die Ehre gefallener Soldaten mit Füßen tritt, kann durch kein Dementi aus der Welt geschafft werden. in allen Einzelheiten darlegen, ist heute überholt. England braucht den geschlossenen jüdischen Staat im Vorderen Orient. Die militärischen Stützpunkte, die es gerade jetzt im Zusammenhang mit der Spannung im östlichen Mittelmeer auf palästinensischem Boden ausgebaut hat, bekommen ihren richtigen Wert erst durch das jüdische Hinterland. Die weltpolitischen Perspektiven treten immer klarer hervor. Will EnglanicT-iür sich und. für die Welt die Garantie der Sicherheit im Vorderen Orient, dann muß es den Juden ihren Staat bauen helfen — gegen die arabischen Intriganten, die ohne Aufruhr und Hetze nicht leben können, die alles wollen, nur nicht Ruhe im Orient, die heute gleichbedeutend ist mit Frieden in der Welt. ©egen Sodbrennen hilft guüerläffiö Aus England MacDonald einem Juden unterlegen Nach dem endgültigen Skrutinium werden dem neuen Unterhaus insgesamt fünfzehn jüdische Abgeordnete angehören, davon acht Mitglieder der Regierungsparteien, drei Liberale und vier Arbeiterparteiler. Wiedergewählt wurde unter anderen der Präsident der PICA James de Rothschild. Unter den auf das Labour-Programm gewählten jüdischen Kandidaten befindet sich auch der ehemalige Bergbäuminister Emanuel Shinwell, der den stellvertretenden Minister- Billige Reisen nach Palästina Kostenlose Beratung in allen Relseangelegenlieltcn, welche Palästina betreffen, mündlich und telephonisch bei Dr. S. TQCtcer, IX. Llechtenstelnstrafle 2. Tel. A-14.504 Präsidenten und Vorsitzenden des Geheimen Staatsrats Ramsay MacDonald mit einer Stimmenmehrheit von 20.498 schlug. Der bisherige Abgeordnete Major Nathan ist nicht wiedergewählt worden. Ormsby-Gore soll Kolonienminister werden Reuter teilt mit: An zuständigen Stellen wird angenommen, daß Ministerpräsident Baldwin bestrebt sein werde, für Ramsay MacDonald angesichts seiner langen Zugehörigkeit zur nationalen Regierung einen parlamentarischen Posten zu finden. MacDonalds Sohn Malcolm, der bisher Kolonialminister war, wird gezwungen sein, sich seines Amtes zu begeben. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der gegenwärtige Minister für öffentliche Arbeiten, Ormsby-Gore, das Amt Malcolm Mac* Donalds übernehmen werde. Ormsby-Gore war bereits in einer mehrjährigen Periode Unterstaatssekretär für die Kolonien im britischen Kabinett. Die Ernennung Ormsby-Gores zum Kolonialminister, welchem die Palästina - Regierung untersteht, w|.re ypm jüdischen Standpunkte aus freudig zu begrüßen. Ormsby-Gore hat sich während seiner Tätigkeit im Kolonialamte und auch sonst als treuer Freund des Zionismus erwiesen. Die antisemitischen Ausschreitungen in Ungarn Der Präsident der orth. Gemeinde von Ki&värda, Josef Hain, berichtet im „Egyenlöseg", daß auf der Straße alle Bart und „Pajes" tragenden Individuen eingefangen und mit bewaffneten Gendarmen ins Gemeindehaus eskortiert wurden. Außerdem wurden in allen jüdischen Wohnungen Haussuc hungen veranstaltet. Sogar die Söhne des Oberrabbiners, der Ersatzmitglied der ungarländischen Orthodoxie im Oberhaus ist, wurden stellig gemacht. Aus der staatlich genehmigten Talmud- Thora-Schule wurden achtzig sieben bis zwölf Jahre alte Knaben gleichfalls mit „Bajonett auf!" ins Gemeindehaus gebracht, wo sie stundenlang warten mußten, bis die Legitimationen beendet waren. * An der philosophischen Fakultät der Peter-Fäzmäny- Universität in Budapest, ist es am 18. und 19. November •zu antisemitischen Ruhestörungen gekommen, die zur Folge hatten, daß die Vorlesungen für zwei Tage sistiert wurden. Kultus- und Unterrichtsnünister Homan gab Journalisten gegenüber die Erklärung ab, daß er der Bewegung, die von den Universitätsbehördeu Im eigenen Wirkungskreise beschwichtigt werde, völlig verständnislos gegenüberstehe. In den Hörsälen der Technischen Hochschule wurden am 19. November im Rahmen einer in der Aula stattgefundenen Feier der Kameradschaftsvereinigung „Hungaria". schwarze Kreuze, als Symbol des christlichen Ungartums, das durch den Trianoner Schmachfrieden gekreuzigt wurde, angebracht* Es sprachen Vertreter des protestantischen und des katholischen Studentcntums sowie der Professorenschaft. Wenngleich diese Kundgebung mit den antijüdischen Ruhestörungen an der Universität gar mchts zu tun hat, ist es immerhin eigenartig, daß beide Ereignisse an einem und demselben Vormittag vor sich gingen. Das „Tschechoslowakische Preßbüro" meldet, daß, als die jüdischen Hörer der Aufforderung der christlichen Studenten, einen Hörsaal, in dem ein Erinnerungskreuz; angebracht wurde, zu verlassen, nicht nachkommen wollten, es zu einer Schlägerei kam. Die Kundgebungen fanden am 19. November vormittags auch au der philosophischen Fakultät der Budapestcr Universität ihre Fortsetzung. Daraufhin ließ die Universitätsbehördc die Fakultät auf zwei Tage schließen. JUCENDGRUPPE DER JUDENSTAATSPARTEI Samstag, den 7. Dezember 1935, in den Festsälen des Hotel Continental, II, Taborstraße 4 Ge§ellsdiaftsabend Jazz: Max und Isi Geiger Mitternachtsakademie: Sevilla Pastor, Max Lichtegg, Paul Morgan u v. a. Karlen ä Schilling in allen Sektionsheimen der Judenstaatspartei erhältlich.