Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 510 (5.11.1935)
- Date
- 1935-11-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 10 Groschen Jahrg. Dienstag, den $♦ November 1935 Nr* 510 V. b. b. Zeltung vom Verleger versendet „Journal exp6die par reditcur" ypiiir» NEUE. Titl. Universitätsbibliothek Wien, I. ff^ Ei \l U K** HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig 8 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.60, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—: Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—: Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.— : Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.— : Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—: Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—J Schwei« und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50. vierteljährig Schweizer Franca 4.60. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8,7et. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Altes Zunft-Buch oder Verfassung? Es ist weder notwendig, noch nützlich, noch würdig, jedesmal in die Höhe zu fahren und ein Weh- und Protestgeschrei anzuheben, wenn in einem Zeitungsartikel oder in einer Versammlungsrede den Juden übel mitgespielt wird. In der heutigen Zeit verfahren die politischen und gesellschaftlichen Gruppen gegeneinander nichts weniger als rücksichtsvoll und es ist schon gar kein Wunder, wenn die Juden bei Auseinandersetzungen die doppelte Ration abbekommen. Aber es gibt Aeußerungen, hinter denen mehr als üble Laune und Lust an unfreundlichen Auslassungen steckt und über die man nicht ruhig hinweggehen kann. Der Vizebürgermeister von Wien Herr Doktor Kresse hat in der Vorwoche vor einer Massenversammlung Gewerbetreibender eine Rede gehalten, in welcher er über die Art der Vergebung von Lieferungen für die Stadt Wien und das Wesen des Gewerbebundes sprach. Das sind keine Nebensächlichkeiten. Herr Dr. Kresse ist mit der Leitung des Lieferungswesens der Stadt Wien betraut. Die Stadt Wien ist heute der weitaus größte Auftraggeber und die Existenz großer Gruppen von Gewerbetreibenden ist von dem guten Willen dieses Auftraggebers abhängig. Letzten Endes hängt es von Herrn Dr. Kresse ab, ob man mit einer Lieferung betraut wird. Und der Gewerbebund ist heute die einflußreichste, von allen staatlichen und städtischen Stellen anerkannte Organisation. In den Gewerbebund nicht aufgenommen werden bedeutet Ausschaltung aus den wichtigsten Zweigen des Erwerbslebens. Die Ausführungen des Herrn Vizebürgermeisters sind daher äußerst wichtig und vom jüdischen Standpunkte aus gewiß nicht leicht zu nehmen. Die „Oesterreichische Gewerbezeitung" vom 26. Oktober berichtet, daß der Vizebürgermeister in der oben erwähnten Massenversammlung folgendes gesagt hat: „... Wir nehmen eben nur anständige Leute in unsere Reihen auf und wollen unser mit Mühe gezimmertes Haus rein halten ... Wenn der Gcwerbcbund keine oder nur wenige Juden aufnimmt, so deshalb, weil wir nach Leuten, die nur aus dem Grunde zu uns kommen möchten, weil sie eine Gemeinde- oder staatliche Lieferung haben wollen, aber schon gar kein Verlangen haben. In den alten Zunftbüchern findetmansolcheNamen jaauchnicht!" Alte Zunftbücher sind gewiß höchst interessante Dokumente und es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn auch hohe öffentliche Funktionäre dem Studium dieser Folianten in Schweinleder obliegen, um ihr Wissen von der Vergangenheit zu bereichern. Aber als Leitfaden für die Ausübung hoher öffentlicher Funktionen in der Gegenwart darf ein altes Zunftbuch nicht dienen. Als Leitfaden darf nur e i n Buch dienen, auf welches alle öffentlichen Macht- und Würdenträger eingeschworen sind: Die österreichische Verfassung. Die hochnotpeinliche Gerichtsordnung von anno dazumal mit Rädern, Vierteilen. Ohrenabschneiden und Händeabhacken und^Protokolle über Hexenprozesse aus derselben Zeit, da die vom Herrn Vizebürgermeister angerufenen Zunftbücher in Geltung waren, sind auch sehr interessante Kulturdokumente. Jeder Richter von heute darf und soll sie lesen. Aber darf er sie vor das heute geltende Recht setzen und nach ihrem Vorbilde Recht sprechen? Die österreichische Verfassung gewährt den Juden, also auch . den jüdischen Gewerbetreibenden, gleiches Recht. Man kann sie nur unter Verletzung der Verfassung von der Teilnahme am gewerblichen Leben auf irgend einem Gebiete ausschließen. Soweit sie nach dem Gesetze leben und dem Staate und der Gemeinde die Steuern entrichten, steht ihnen der volle Genuß aller Rechte zu. Sie haben so behandelt zu werden, wie es die Verfassung und das auf der Verfassung gegründete Statut der Stadt Wien vorschreiben. Nicht nach alten Zunftbüchern. Die /sVerjudung" der ö§terreflchi§daen Kultur Es gibt gewichtige Kreise in Oesterreich — nationalbetonte und katholische — die von Zeit zu Zeit,'ohne ersichtliche aktuelle Ursache, das Problem des Zusammenlebens von Juden und Nichtjuden in Oesterreich in ziemlich aggressiver Weise zur Diskussion stellen. Diesen Kreisen, deren Einfluß nicht unerheblich ist, obwohl sie im offiziellen Oesterreich keine führenden Positionen innehaben, geht es nicht darum, um was es allen vernünftigen österreichischen Juden geht: um eine Klärung und die aus ihr zu ziehenden praktischen Folgen. Ihnen geht es um die Befriedigung von Haßinstinkten und Machtgelüsten, wie sie im Dritten Reich Orgien feiern. Der autoritäre Kurs, der Oesterreich in den letzten zwei Jahren kulturell, sozial und wirtschaftlich umzugestalten im Begriffe ist, hat unwillkürlich auch den jüdischen Staatsbürger in einen geistigen Bereich gestellt, in welchem er ausschließlich „österreichisch" wirken kann. Die Zeit, wo zahlreiche Juden aus Mißverständnis Unkenntnis, falscher Kräfteeinschätzung Und Assimilationstradition in einem Lager standen, das man in der konservativen Terminologie als „marxistisch zersetzend" bezeichnete, gehört eine vergangenen Epoche an. Die Aufklärungsarbeit der nationaljüdischen. Gruppen hat diesen Prozeß beschleunigt. Man kann ohne Verfärbung der Tatsachen sagen, daß die österreichische Judenschaft in ihrem überwiegenden Teil für die liberalen oder linken Parolen nichts mehr übrig hat. Die grausame Wirklichkeit hat aie aus ihren liberalen und linken Träumen gerissen. Eine streng österreichische Haltung — unbeschadet des Blicks auf rein inner jüdische Interessen — ist Selbstverständlichkeit geworden. Der Patriotismus der österreichischen Juden- ,. ichaft, wie er von den maßgebenden Faktoten verstanden wird, kann nicht angezweifelt werden. Bei verschiedenen Gelegenheiten haben Männer der Staatsführung ihrer diesbezüglichen Üeberzeugung Ausdruck gegeben. Nichtdestoweniger versucht mit einer perversen Hartnäckigkeit eine gewisse Presse in Oesterreich, unterstützt auch von sogenannten christlich-konservativen Kreisen, unter dem Titel der Erneuerung der österreichischen Kulturpolitik Zwietracht zu säen, die jüdischen Staatsbürger dieses Landes zu verdächtigen, die Phrase vom „zersetzenden Geist des Judentums" in die Gasse zu werfen und schließlich — als Pointe ihrer Umtriebe — gegen die Juden Maßnahmen zu verlangen, welche angeblich den deutsch-christlichen Charakter des österreichischen Kulturlebens sichern sollen. Hauptsächlich die österreichische Provinzpresse ist auf diesen Ton eingestellt, sich stützend auf Hinweise bei katholischen Führertagungen. So hat beispielsweise der Universitätsprofessor P. Dr. Wilhelm Schmidt, ohne zu erröten, auf einer katholischen Führertagung erklärt: „Die Vormacht der Juden in allen, kulturellen Institutionen kann nicht länger angehen ..." Würde man beim verehrlichen Herrn Professor einen einzigen Beweis für seine Behauptung erbitten, müßte er zweifellos in Verlegenheit geraten. Es ist zu verwundern, wie lang diese Gesellschaft mit dieser abgedroschenen Parole auskommen will ... PALÄSTINA Billige Reiten nach kostenlose Beratung in allen Reiseangelegenheiten, welche Palästina betreffen, erteilt Dr. S. Tocker, Wien IX, LiechtensteinstraBe 2 Telephon A-l4-504 Haowed Haleumi — ludensfaatsfugend Heute, Dienstag, den 5. d M., halb 9 Uhr abends, Wien F, Werdertorgasse 14 VORTRAG Referent: Dr. Abraham Schmerler Thema: Berufsumschidifung — Der Beruf für Palästina Gäste willkommen! D Die kulturelle Grundlage des Staatsbürgers, die Schule, ist völlig judenrein. Das Unterrichtsministerium, bzw. die Länder, bestimmen den Charakter der Lehranstalten. Die Presse der Provinz befindet sich hunderprozentig in „arischen" Händen. Die Wiener Zeitungen, soweit sie Einfluß, Rang und Autorität haben, sind in den großen Linien publizistische Träger des neuen österreichischen Kurses, des vaterländischen Frontgedankens, in dessen Bezirk abwegige Richtungen und Strömungen keinen Platz haben. Was das Theater anlangt, so stehen die prominenten Institute direkt unter staatlicher Kontrolle (Burgtheater und Staatsoper), während die anderen Bühnen, wie Volkstheater, Josefstädter Theater, Volksoper, Komödie, Kammerspiele, Theater an der Wien, na$ll einem Erfolgsrepertoire streben, in gewissem Maß von der Oesterreichischen Kunststelle in Schranken gehalten, die doch gewiß unter deutschchristlicher Leitung steht. Das Volksbildungsinstitut „Urania" und die „Ravag" würden sicherlich gegen die "Unterstellung Einspruch erheben, daß sie jüdischen Kulturaspirationen dienen. Die großen Künstlervereinigungen haben sich mit geringen Ausnahmen schon seit längerer Zeit auf „Ariertum" eingestellt, ebenso wie die Lehrstätten „Akademie der bildenden Künste" und Kunstgewerbe- Museum, wo Juden nicht den geringsten Einfluß besitzen, und wenn beispielsweise Bronislav Huberman als Professor die Meisterklasse für Geige an der Musikakademie leitet, Max Reinhardt und Bruno Walter in Salzburg tätig sind, Sänger wie Friedrich S c h o r r und K i p n i s an der Staatsoper als Gäste wirken, so ist dieser Umstand ausschließlich dem großen Talent der genannten Künstler zu verdanken und ihrer Attraktivität auf das internationale Publikum, das bekanntlich die Oesterreicher sehr gerne sehen, unbeschadet dessen, ob das Hereinströmen kräftiger Auslandsvaluta auf die Leistungen „nichtarischer" Künstler oder auf die Anziehungskraft national überbetonter Belange zurückzuführen ist. Und schließlich — wenn wir noch einen Kulturfaktor heranziehen wollen — kann auch von einer Verjudung des Verlegertums keine Rede sein. Das österreichische Buch ist vom „zersetzenden jüdischen Geist" weit entfernt. Es gibt keinen Verlag in Oesterreich, der den jüdischen Schriftstellern als solchen offenstünde, zumal heute nach der reichsdeutschen Gleichschaltung die in deutscher Sprache geschriebenen Werke von Bedeutung zum größten Teil außerhalb des deutschen Sprachgebietes erscheinen. „Die Entfaltung eines freien deutschen Geistes- und Kunstlebens", auf die gerade die unberufenen Wortführer so viel Gewicht legen, ist durch die Tatsache gewährleistet, daß Faktoren gegen diese Entfaltung gar nicht vorhanden sind, wobei noch zu bemerken ist, daß ein freies deutsches Geistes- und Kunstleben nicht kommandiert werden kann, am allerwenigsten von Menschen, denen die Freiheit des Geisteslebens an sich identisch ist mit der Kasernierung des Geistes nach dem Muster jenseits der Grenze. Die Forderung eines freien Geisteslebens aus dem Munde der nationalbetonten Provinzler und in den Spalten einer vor dem heutigen Deutschland katzenbuckelnden österreichischen Presse klingt geradezu blaspheraisch. Die Kreise, die sich so sehr besorgt zeigen, wollen nicht die „reinliche Scheidung der Geister", sondern die Ausschaltung der jüdischen Staatsbürger aus allen Funktionen des geistigen, d. h. ökonomischen Lebens. Was bisher mehr stimmungsmäßig sich vollzog, wollen sie gesetzlich verankert sehen. Sie zitieren den gewesenen Unterrichtsminister Dr. C z e r m a k (der seinerzeit einen vielbeachteten Aufsatz zur „Ordnung in der Juden*