Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 506 (22.10.1935)
- Date
- 1935-10-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 10 Groschen Jahrgang 9 Dienstag/ den 22« Oktober 193% Nr« 506 V. b. b. DIE NEUE wmmmM mwBnwMk Zeit' ng vom Verleger versendet lal expedir pur l'<'dit<>;ir" R E V U HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich d 1.40, vierteljährig ö 4.—, ganzjährig S 16.—: l'olcn monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14 —, vierteljährig Dinar 40.—: Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.-, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—: Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Vniversitätsstr. 8,7c/. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag //♦ ♦ ♦ eine Ställe der Greuel" Das christlichsoziale Wiener Hauptorgan „Reichspost" nimmt den Vortrag einer Schriftstellerin über eine Reise durch Palästina zum Anlasse, um die Zustände im jüdischen Palästina als „Greuel" hinzustellen. Das Blatt zitiert zuerst eine Stelle aus einem Bericht über den Vortrag: „Nur die Jugend findet ihr Glück in diesem Lande ... Es wird in den neuen Städten, vor allem aber in den Siedlungen sehr viel in Form des Kollektivs gearbeitet. In den Siedlungen auf dem Lande gehört jeder Verdienst der Gemeinschaft. D i e Kinder werden fern von den Eltern gemeinsam erzogen... In den Siedlungen schaffen sich die jungen Leute auch eine neue Moral, in den Gemeinschaftshäusern schlafen beide Geschlechter zusammen. Wenn ein junges Paar einander gut ist, bekommt es auf einfachem Weg ein gemeinsammes Zimmer. Neue Natürlichkeit, Liebe und Ethik will die Jugend als vereinheitlichtes jüdisches Volk durchsetzen..." Daraus zieht die „Reichspost" ..ende Schlüsse: „Das sind unverkennbar kommunistische Zustände und Einrichtungen. Die jüdische Jugend Palästinas hat diesen kommunistischen Geist, nachdem sie ihm dem Abendland durch eine Weltrevolution gewaltsam aufdrängen wollte und einem großen Teil der ehemaligen Christenheit aufgedrängt hat, nach Palästina importiert. So stellt heute das gelobte Land in dem von den jüdischen Siedlern besetzten Teilen eine Stätte der Greuel dar, wie sie das Auge des Propheten geschaut hat..." * Was die vortragende Dame über die Zustände in Palästina gesagt und wie sie diese Zustände beleuchtet hat, entzieht sich jetzt der Betrachtung. Festzustellen ist nur, daß die Vortragende wohl jüdischer Abstammung ist, aber längst nichts mehr mit dem Judentume und dessen Entwicklung und schon gar nichts mit dem jüdischen Palästina gemein hat. Ihre Kenntnisse von diesem Lande beschränken sich offensichtlich auf das, was sie während eines wenige Tage dauernden Aufenthaltes von Dritten erfahren und was ihr vielleicht Sensationen unterstreichende Fremdenführer gezeigt oder verärgerte Menschen, die es ja auch anderswo gibt, vorgeplaudert haben. Daraufhin hat sie in Wien einen Vortrag über die „Zustände" in Palästina gehalten. Ein in letzter Zeit leider typisch gewordener Fall. Die Judenfrage, der man früher lieber aus dem Wege ging, ist brennend geworden, und der Aufschwung Palästinas hat die Aufmerksamkeit der ganzen W*lt erzwungen. Palästina ist Tagesmode geworden, wie es vor ein paar Jahren die Schlachtfelder von Verdun waren und morgen die Residenz des Negus von Abessinien sein wird. Man verschafft sich womöglich ermäßigte Fahrkarten, packt einen Reiseführer und einen photographischen Apparat ein und kommt nach vierzehn Tagen (die Hin- und Rückfahrt inbegriffen) als „Kenner" eines Landes zurück, dessen Entwicklung wohl zu den schwierigsten und kompliziertesten gehört. Man lädt seine Bekannten ein, die man dringend gebeten hat, ihre Bekannten mitzubringen, und hält ein Referat. Ein ebenso bekannter und freundlich verpflichteter Journalist veröffentlicht einen Bericht. Daß in diesem Referate und Berichte Vorgänge sexueller Natur eine besondere Behandlung erfahren, geschieht den erschienenen teueren Bekannten zuliebe, welche erotische Rosinen im sonst allzu trockenen Vortragskuchen zum Fressen gerne haben. Und die „Reichspost" verkündet nach Lektüre dieses Berichtes der katholischen Welt, daß die Juden ein neues Sodom und Gomorrha aufgerichtet haben. Dieses nennt man dann: Kunde geben vom jüdischen Palästina. In Wirklichkeit liegen die Dinge so: Von 400.000 Juden in Palästina leben nicht mehr als zirka 4000 hl Billige Reisen nach Palästina Kostenlose Beratung in allen Reiseangelegenheiten, welche P a I ä s 11 n a betreffen, mündlich und telephonisch bei Pr. S. TOCker, IX, LlechtenstelnstraOe 2, Tel. A.14-504 A # kommunistischen Siedlungen. Unter ihnen gibt es auch solche, die der kommunistischen Propaganda der Freiheit im Geschlechtsverkehr verfallen sind. Der Prozentsatz der geschlechtlich „frei" lebenden Menschen im jüdischen Palästina ist gewiß nicht höher als derjenige in strengchristlichen, ländlichen Gegenden, und gar in den christlichen städtischen Siedlungen in Europa und der übrigen Welt. Sonst leben die 400.000 Juden in Palästina in engem Familienbande, erziehen und betreuen ihre Kinder selbst und wahren die Heiligkeit der Ehe. Es ist auch nicht so, daß die zionistische Gesellschaft die Dinge, welche sich in den kommunistisch beeinflußten Gruppen abspielen, ruhig hinnimmt. Das Gehaben dieser jungen Menschen, welche, aus engsten und elendsten Verhältnissen in Freiheit kommend, leicht den Schlagworten von ungebundener Lebensführung verfallen, ist immer Gegenstand des Protestes und der Gegenaktion seitens der zionistischen Gesellschaft gewesen. Das muß auch die „Reichspost" wissen und sie ganz besonders. Denn gerade in Oesterreich haben die Zionisten in ihrer großen Majorität nie ein Geheimnis daraus gemacht, daß die Erziehung eines Teiles der jüdischen Jugend Mißstände aufweist, deren Bekämpfung erforderlich ist und die auch tatsächlich bekämpft werden. Die Herren von der „Reichspost" lesen zionistische Zeitungen und auch unser Blatt, die „Neue Welt". Sie können unmöglich übersehen haben, daß hier unermüdlich und ehrlich dahin gearbeitet wird, die jüdische Jugend den gesellschaftlichen, politischen und seelischen Einflüssen der Klassenkampfparteien und verwandter Kreise zu entziehen. Zumindest so ehrlich und unermüdlich wie die „Reichspost" dies hinsichtlich ihrer verirrten christlichdeutschen Jugend tut. Und das gewiß nicht erst nach der Niederlage der Klassenkampfparteien in Oesterreich. Die Herren von der „Reichspost" haben daher nicht das Recht, Zionismus und Bolschewismus als innig verwandt hinzustellen. Wenn die „Reichspost" den Vortrag einer Dame, welche eineder jetzt so modernen. Spritztouren durch Palästina unternommen hat, zum Anlasse benützt, um über das jüdische Palästina als einer „Stätte der Greuel" wehzuschreien, so handelt sie wider besseres Wissen. Die „Reichspost" hat einen ständigen Berichterstatter in Jerusalem, der doch bestimmt so zuverlässige und sachliche Informationen zu erteilen in der Lage ist wie die Dame, deren Vortrag zu einer Haupt- und Staatsaktion gemacht wir. Es ist nicht anzunehmen, daß dieser Gewährsmann seiner Zeitung den Bericht über „Greuel" vorenthalten hätte, wenn das Heilige Land so von ihnen erfüllt wäre, wie jetzt in der „Reichpost" zu lesen. Billige Reise nach Polen und Czernowltz Abfahrt: 28. Okt. / Rückfahrt: 10. November oder aufgelöst „F R A N C 0 P 0 l'\ Wien III, Rennweg 1 Tel. IM6.4-90 Noßsiandsarbeiäen in Palästina Aus T e 1 - A v i v: Die Stadtverwaltung Tel-Aviv verlangt von der Palästina-Regierung die Zustimmung zu einem großzügigen Projekt öffentlicher Arbeiten. Der Gesamtbetrag, der für diese öffentlichen Arbeiten aufzuwenden ist, soll 2 0 0.0 0 0 Pfund betragen. Noch vor Abschluß dieser Verhandlungen mit der Regierung sollen bereits in den nächsten Tagen öffentliche Arbeiten im Werte von 4 0.0 00 Pfund inAngriff genommen werden. Dieso Pläne der Stadtverwaltung Tel-Aviv stehen offenbar in Zusammenhang mit der Stagnation auf dem Bau markt, die infolge der Kreditoi n schränk un gen und der allgemeinen Unsicherheit plötzlich entstanden ist. Es ist zu hoffen, daß die Regierung ihre Zustimmung und jegliche andere Unterstützung erteilt, damit durch diese Arbeiten einerseits das Entstehen einer Arbeitslosigkeit größeren Umfangs verhindert wird und andererseits die allgemeine Wirtschaftsstimmuttg wieder gehoben wird, JUDENSTAATSPARTEI ÖSTERREICHS Mittwoch, den 23. d., um halb 9 Uhr \m Zentralheim, I, Werdertorgasse 14 VORTRAG Referent: Dr. Salomon Wolf Thema: Völkerbund u. Palästina Gäste willkommen! Nodi keine Zertifikate Ufo OkfobersMärz Aus Jerusalem: Während sonst im September die Palästina-Regierung die Schedule (Zahl und Aufteilung der Einwanderungs-Zertifikate) für das Halbjahr Oktober-März ausgibt, ist dies bis jetzt noch nicht erfolgt. Wie die J. T. A. erfährt, hat die Zionistische Exekutive bisher keinen Vorschlag für Oktober 1935 bis März 1936 der Regierung erstattet, sondern nur um einen Vorschuß von einigen tausend Zertifikaten ersucht. Erst nach Klärung der internationalen politischen Situation soll die Schedule herausgegeben werden. Weltpolitik der Woche Die seit vielen Wochen bestehende Krise hat sich, sozusagen stabilisiert. Während Italien auf abessinischem Gebiet au weiterem Vormarsch Vorbereitungen trifft und Boden besetzt, um gegebenenfalls bei Verhandlungen genügend große Faustpfänder zu besitzen, ist man in Genf bemüht, die beschlossenen Sanktionen in Kraft zu setzen. Diese sind vorerst wirtschaftlicher Natur, können sich also erst allmählich auswirken; aber sogar sie stoßen auf Widerstand. Als der Völkerbund und seine Pakte geschaffen wurden, war man sich über die Schwierigkeiten der Ausübung nicht klar. Heute, da zum erstenmal die Ideologie Wilsons und seiner Anhänger in die Praxis umgesetzt werden soll, steht man vor unübersichtlichen Tendenzen der einzelnen Völkerbundstaaten, die sich ihrer Pflichten durch wirtschaftliche und politische Hinweise entziehen wollen, so daß England, der konsequenteste Vertreter der Sanktionspolitik, in bezug auf seine extremen Forderungen allein steht. Im Wesentlichen handelt es sich jetzt darum, wieweit Frankreich in der Unterstützung Englands gehen wird. England hat gefragt, Frankreich hat geantwortet: Es werde die aus dem Völkerbundpakt sich ergebende Verflichtung erfüllen. . . . Damit ist aber noch nicht gesagt, daß Frankreich in der Lage sein werde, in der Verteidigung der Thesen Edens, der zum Wortführer gegen Italiens abessinische Aspirationen geworden ist, bis zum Aeußersten zu gehen. Die Frage ist also aktuell geworden, ob es bei einer engen französisch-englischen Zusammenarbeit bleiben oder ob Frankreich seine Freundschaft zu Italien in vollem Umfang aufrechterhalten wird. Darum und nur darum geht es jetzt. England rechnet auch weiterhin mit der französischen Unterstützung, ja es droht, daß es — falls Frankreich hier versagen sollte — sich vom Kontinent zurückziehen und ausschließlich seine nationalen Interessen wahrnehmen würde. Die Verwirklichung dieser Drohung hätte die schwerwiegendsten Folgen für Europa und den Fernen Osten. Schon die Möglichkeit einer britischen Neuorientierung, die nach der Ablehnung der Sanktionsbeteiligung seitens Oesterreich, Ungarn, Polen Schweiz an Tempo gewonnen hat, bereitet Unbehagen, Nervosität, Aktivität. * Deutschland als ausgetretenes Völkerbundmitglied hat inoffiziell erklärt, daß es sich in die italienisch-englisch-abessinischen „Händel" nicht einmischen wolle. Das besagt natürlich bei einer Regierung, wie es die nationalsozialistische ist, nicht gerade Neutralität oder gar Passivität. Man kennt die Aspirationen des Dritten Reiches und dessen Frevelmut, vor keiner Gewalttat zurückzuschrecken. Ein Abrücken Englands aus der kontinentalen Front könnte allzuleicht Hitler-Deutschland zu Abenteuern verleiten. Die Tschechoslowakei trägt dieser Konstellation bereits Rechnung. Sie denkt an den „Ernstfall", bereitet die Erziehung zur Wehrhaftigkeit und die Erhöhung des Heeresbudgets über 1400 Mill. tsch. K vor. Sowjetrußland zeigt