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Die neue Welt · 1935-10-18 · Heft 505 (18.10.1935) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 505 (18.10.1935)
Date
1935-10-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 20 droschen lahrgang 9 Freitag, den 18* Oktober 1935 Nr« 505 V* b.b. Zeitung vom Verleger versendet „Journal expSdie par 1'editeur" 186 Titl. Universitätsbibliothek Wien, I. REVU E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—. ganzjährig S 16.—; roien monatlich Zloty 1.60, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Franca 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitäfsstr. 8, Tel. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Dr. Otto Hi'rsdi als Geisel m Haft Wie die J. T. A. aus Berlin meldet, ist der vor etwa einer Woche von der Geheimen Staatspolizei in Haft genommene geschäftsfuhrende Präsident der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, der frühere Ministerialrat Dr. Otto Hirsch, aus dem Polizeipräsidium in das berüchtigte Columbia- Haus gebracht worden, wo er sich ganz im Gewaltbereich der Partei befindet. Alle Versuche seiner Kollegen aus der Reichsvertretung und seiner Angehörigen, mit ihm in einen Kontakt zu kommen, sind bisher erfolglos geblieben, die Polizei verweigert auch jede Auskunft über sein persönliches Befinden und über die Art der gegen ihn geführten Untersuchung. Gewisse Kreise der auswärtigen Diplomaten in Berlin interessieren sich sehr für das Schicksal des Verhafteten, doch betrachten sie die Entwicklung dieser Angelegenheit mit Pessimismus. Sie glauben, triftige Gründe für die Annahme zu haben, daß die Partei ihn sozusagen als Geisel halten will, um die Reichsvertretung <ler Juden in Deutschland zu zwingen, die anläßlich des Jom Kippur, des höchsten religiösen Feiertages der Juden, zwecks Verlesung in allen Synagogen erlassene Gebet-Proklamation, in der eine Kritik an den Nürnberger Judengesetzen erblickt wird, in aller Form zu widerrufen, ferner zu erklären, . daß die Nürnberger Gesetze von den Juden gutgeheißen werden, schließlich auf die jüdischen Gemeinschaften im Auslände Einfluß zu nehmen, dahingehend, daß der gegen die deutschen Waren und Dienste geübte Boykott abgebrochen wird. Unter diesen Umständen sei — so glauben die auswärtigen Diplomaten — mit einer Freilassung von Dr. Hirsch in absehbarer Zeit kaum zu rechnen, denn es Der Vorsitzende der Weltexekutive4er Judenstaatspartei schreibt uns aus Palq|fljfca: Auf dem 19. Zionistenkongreß stellte ich offen die Frage über den Zustand der Sicherheit oder, richtiger, Unsicherheit in Palästina. Die Delegierten aber blieben dieser hochaktuellen Angelegenheit gegenüber ganz gleichgültig. Meine Warnung, daß die Juden Palästinas für sich. ergebende politische Erschütterungen nicht genügend gerüstet seien, blieb ohne Widerhall und ohne Antwort. Man ging nach jüngster Gepflogenheit einfach „zur Tagesordnung" über. Wenn ich bei dieser Gelegenheit als Beispiel für Leichtsinn darauf hinwies, daß es in ganz Palästina keine Gasmaske gebe, lächelte man bloß ironisch: Daß man über solche Dinge sprechen kann! Vorbei. Man hat bei uns nicht gern, unangenehme Dinge zu erwähnen. Sie könnten Gott behüte die Hurra-Stimmung, in der sich die Zionisten seit einigen Jahren befinden, verderben. Bei solch einer Einstellung zu ernsten Problemen seitens der herrschenden Majorität ist es verständlich, weshalb wir von der Judenstaatspartei den vorbereiteten Vorschlag zur Schaffung eines speziellen Departements, das sich mit Angelegenheiten der Ver-i teidigung der jüdischen Positionen in K r i s e n z e i t e n beschäftigen soll, beim Kongreß. nicht eingebracht haben. Eine der Aufgaben des erwähnten Departements sollten rechtzeitige Wirtschaft-, liehe und finanzielle Maßnahmen für den Fall schwerer politischer Komplikationen oder eines Krieges sein. Man hat in Luzern gelacht. Ebenso war es vor sechs Jahren in Zürich.. Damals, im Jahre 1929,. Billige Reisen nach PALÄSTINA kostentose Beratung in allen Reiseangelegenheifen, welche Palästina betreffen, erteilt Dr. S. TockQr, Wien IX, Liechtsnstelnstraße 2 Telephon A-U-504 sei nicht anzunehmen, daß die Führer der deutschen Juden sich zu einer Erklärung in dem von der NSDAP, gewünschten Sinne werden entschließen können. Die vom Präsidenten der Reichsvertretung, Rabbiner Dr. Leo B a e c k — der ebenfalls 24 Stunden lang im Columbia-Haus festgehalten wurde —, und Doktor Otto Hirsch unterzeichnete Gebets-Proklamation, deren Verlesung in den Synagogen überall durch die Polizei verhindert wurde, hat einen rein religiösen Charakter. Direkte Anspielungen auf die Nürnberger Rassegesetze fehlen, doch wendet sich das Gebet allgemein gegen Diffamierung und Diskriminierung \er Juden und der jüdischen Religion. Es heißt darin: „Mit der gleichen Kraft, mit der wir unsere Sünden selbst bekennen, weisen wir die Lügen und Verleumdungen, die über uns, unsere Religion und ihre ewigen Wahrheiten verbreitet werden, zurück. Unsere Religion hat der Welt den Glauben an den ewigen und einen Gott gegeben, unser Glaube legte die Wurzeln zu der Reinheit im persönlichen Leben und im Familienleben. Unser Glaube hat der Welt den Gedanken der Achtung vor dem Menschen als dem Ebenbilde Gottes, den Gedanken der sozialen Gerechtigkeit gegeben. Im Judentum haben diese Samen Wurzel geschlagen. An diesen Tatsachen prallt jeder uns. angetane Schimpf ab.. Unsere Geschichte ist eine Geschichte geistiger Größe und geistiger Würde. Daran denken wir, so oft wir angegriffen und gedemütigt werden, wann immer Not und Leid uns treffen. Wir stehen heute vor unserem Gott, vor ihm beugen wir uns, aber vor den Menschen bleiben wir aufrecht. Und wir glauben an die Zukunft." I hat man mit leichtfertiger Oberflächlichkeit alle War - I nungen bagatellisiert; sie für Gespenster gehalten; der jüdischen Welt eingeredet, daß alles in bester Ordnung sei, daß man nur zu Parteizwecken Panik erzeuge. Was gleich nach dem Züricher Kongreß geschehen ist, der blutige Ueberfall auf die Juden, lebt furchtbar deutlich in unserer Erinnerung. * Wir stehen heute im Zeichen der Kriegsgefahr. Man weiß noch nicht, ob die Lokalisierung des italienisch-abessinischen Konflikts gelingen wird. Gebe Gott! Aber jedem denkenden Menschen ist es klar, daß, während man sich in Abessinien schlägt, das Prestige des Völkerbundes auf dem Spiel steht, die Interessen Englands und bis zu einer gewissen Grenze geheime Hoffnungen zahlreicher Mächte, die schon seit langem auf eine Revision warten. Direkt stehen wir — ich denke hier an den Jischuw — mit dem italienisch-abessinischen Konflikt natürlich nicht im Zusammenhang, selbst wenn er sich auf das ganze Gebiet des Mittelländischen Meeres ausbreiten sollte. Aber indirekt — durch die geographische Lage Palästinas, durch die Verbundenheit des Mandatslandes mit dem britischen Imperium, durch die Hoffnungen, welche die Ereignisse in gewissen arabischen Kreisen geweckt haben — werden wir nolens volens in den Kreis der hochpolitischen Verwicklungen hineingezogen. Unsere Rolle ist vorläufig eine passive. Die jüdische Stellung zu Italien und Abessinien interessiert niemanden. Aber in der arabischen Welt, insbesondere in Palästina, wird eben dieses Problem schon seit längerer Zeit leidenschaftlich diskutiert. Sicherlich können die Ereignisse jeden Augenblick einen immer ernsteren Charakter annehmen. Eine neue Wendung — und wir können plötzlich vor eine Situation gestellt werden, die uns tief erschüttern und sogar zu Handlungen zwingen kann. Mit anderen Worten: Es ist nicht ausgeschlossen, daß Palästina, das Land als Ganzes, und , der Jischuw, als sein maßgebender Teil, in den gegen- PRESSGASSE 28 B 20-2-38 PARKRING 12 R 20-3-57 wärtigen Konflikt hineingezogen oder zumindest die Wirkung und die Konsequenzen der Ereignisse in Afrika spüren werden. Unsere nächsten Nachbarn sowohl im Land selbst als auch in den Grenzländern sind in der gefährlichen Lage, leicht in Verbündete der einen oder der anderen kämpfenden Partei verwandelt zu werden. Wer nicht taub ist, hat zweifellos schon lange neue Töne in den Reden der arabischen Führer entdeckt. Seit einiger Zeit hören wir wiederum die bekannten Forderungen und Drohungen. Man hält öfter* Versammlungen und Konferenzen ab, auf welchen man zum endgültigen „Befreiungskampf" aufruft. Und das Spiel mit dem „Sich-orientieren" ist nichts anderes als ein politisches Manöver, worin die Araber so sehr geschult sind! Ein bekanntes Bild! Es gibt genug arabische Prätendenten auf Geld und Macht. Manch arabischer Führer denkt sich: Wenn es zu einem wirklichen Rummel kommt, müssen wir davon profitieren. Verlorene Hoffnungen feiern ihre Auferstehung. * Ich frage also: Sind wir für alle Eventualitäten gerüstet? Sind wir genug geschützt? Wir: Juden,.die jüdische Gemeinschaft in Palästina, der Zionismus? Wissen wir, wie wir im Fall von Komplikationen im Land selbst oder in der Nachbarschaft handeln sollen? Existiert bei uns überhaupt ein Plan, um unsere Wirtschaft gegen äußere, von uns unabhängige Gefahren zu schützen? Bezüglich anderer, einfacherer Fragen will ich hier gar nicht reden. Ich stelle die Fragen, weil ich Grund habe, daran Juden Favoriten*! Montag, den 21, Oktober 1935, halb 9 Uhr abends, im Saale des Gasthauses Matthias Schuster, X, Viktor- Adler-Platz 13 (Eingang: Pernerstorfergasse 28) Großer, frei zugänglicher VORTRAQSflBEHD Es sprechen: y Oberbaurat Ing. Robert Stricker, Dr. Solomon Wolf Thema: Der 19.Zlonistenkon§rcß und der Wer Judenstatitsp« Juden, erscheint in Nassen! ■ ^'«^BmmmmmmmmmmtamamKSmmmmmmmma^mmmmmmm^. Sind wir vorbereitet? Von Meir Großmann (Tel-Aviv)'

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