Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 504 (15.10.1935)
- Date
- 1935-10-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 10 Groschen Jahrgang 9 Dienstag/ den 15* Oktober 1935 Nr* 504 V. b. b« DIE NEUE Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedie par l'edJteux" REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich 3 1.40, vierteljährig 8 4.—. ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.80. vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—: Enmänlen monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteilter!« Mark 3.—: Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich . Lire 6.—, vierteljährig Lire 14*—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Franca 4.50, Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich, Redaktion u, Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, Tel, A-20-2-78 — Erscheint Dienst an u, Freifatf - ." 1 - „J Berliner Oberrabbiner am Jörn Kippur verhaftet Aus Berlin wird gemeldet: Rabbiner Dr. Leo Baeck, Präsident der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, wurde am Jom Kippur, dem Versöhnungstag und höchsten religiösen Feiertag der Juden, von Beamten der Berliner Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in Haft genommen, 24 Stunden lang in dem berüchtigten Columbia-Haus gehalten und dann freigelassen. Es verlautet, daß diese Verhaftung wegen einer von Dr. Baeck im Namen der Reichsvertretung der Juden in Deutschland an die deutsche Judenheit erlassenen Botschaft, die während des Jom-Kippur-Gottesdienstes in allen Synagogen Deutschlands zur Verlesung gelangen sollte, erfolgt war. Die Geheime Staatspolizei hat auch durch telegraphische Instruktionen an sämtliche Polizeibehörden der deutschen Städte die Verlesung dieser Botschaft in den Synagogen im letzten Augenblick verhindert. Die Botschaft hatte die Form eines Gebetes der Judenheit um Hilfe in der Not, war also rein religiösen Charakters, doch war auch in ihr von der Unterdrückung der Juden die Rede. Sie endete mit der Bitte um Läuterung der Herzen. Mit-Dr. Baeck sollte auch der geschäftsführende Direktor der Reichsvertretung, der frühere Ministerialrat Dr. Otto Hirsch, am Jom Kippur in Haft genommen werden, doch weilte Dr. Hirsch zufälligerweise am Jom Kippur außerhalb Berlins — er hatte vor wenigen Tagen erst auf einer Kundgebung der Reichsvertretung in München die Hauptansprache gehalten — und kam erst am 9. Oktober zurück nach Berlin. Er wurde sofort von der Gestapo in Haf t genommen und bis heute noch nicht freigelassen. Seine Angehörigen und die jüdischen Behörden wissen nicht einmal, wohin er von den Gestapo-Beamten gebracht worden ist. ... Die Verhaftung der beiden obersten Leiter der Reichsvertretung der Juden in Deutschland hat auf alle jüdischen Kreise in Deutschland konsternierend gewirkt. Die Zeitungen durften über den Fall nicht berichten, so daß erst nach und nach die erschütternde Tatsache durch Mitteilung yon Mund zu Mund bekanntgeworden ist. Es ist dies das erste Mal, daß Nationalsozialisten sich an Persönlichkeiten der obersten jüdischen Führung in dieser Weise herangewagt haben; die Verhaftung des leitenden Rabbiners, noch dazu am höchsten religiösen Feiertag, wird als ein krasser Eingriff in das innerreligiöse Leben der Juden empfunden. -Der 63jährige Rabbiner Dr. Lep Baeck, Prediger1 an; der größten Synagoge Berlins, ist ein Vertreter des., jüdisch-liberalen. Judentums. In zahlreichen Schriften trat er einerseits für die Erhaltung des. jüdischen Sittengesetzes, wie es in der Bibel niedergelegt wurde, ein, forderte aber andererseits R.eform der jüdischen Ritualgesetze und Anpassung der jüdischen Bräuche im Haus und Gottesdienst an die moderne Umgebung. Er stand viele Jahre im Kampfe zwischen Zionisten und Nicht« zionisten an Seite der letzteren und galt als geistiger Vertreter der assimilatorisch-politischen Verbände (Zentralverein, Jüdisch-liberale Vereinigung usw.)1. In den letzten Jahren, insbesondere nach dem Ueberhandnehmen des nationalsozialistischen Antisemitismus, bezeugte er Interesse für die zionistische Aufbauarbeit in Palästina. Ein Umstand, welcher die deutschen Zionisten bewogen hat, seiner Wahl , zum Präsidenten der Reichsvertretung im Jahre 1933 zuzustimmen. Rabbiner Dr. Baeck ist auch Großpräsident der Bne-Brith-Logen Deutschlands. Weltpolitik der Woche; Unsere Voraussage, Mussolinis Appetit auf Abessinien werde durch Genf befriedigt werden, hat sich nicht verwirklicht. Italienische Soldaten gehen gegen abessinische Streiter vor, besetzen Land, machen Tote und Gefangene, und wenn all das auch ohne Kriegserklärung vor sich geht, muß man es dennoch Krieg nennen, da für derlei Konstellationen ein anderer Begriff nicht vorliegt. i . Europa müßte trotz des Furchtbaren, das in Ostafrika geschieht, nicht besorgt sein, wenn es dort um eine Kolönialaktion ginge, als welche Mussolini sie sieht. Solche Konflikte können ohne Erschütterungen für Europa liquidiert werden. Hier aber seien — so wird versichert — Englands Interessen an einer empfindlichen Stelle des britischen Imperiums berührt und das Prestige des Völkerbundes in Frage gestellt. Der Völkerbund habe unter Englands Initiative Italien als Angreifer festgestellt und daraufhin gegen Italien ein Vorgehen verlangt, das den Angreifer zum Aufgeben seiner militärischen Handlungen bringen solle. Dieses Vorgehen heißt: Sanktionen. 50 Völkertiundnatiohen haben sich, unbeschadet der sich etwa ergebenden ungünstigen Folgen, für Sanktionen ausgesprochen und England geht daran, dieses Urteil, wenn auch in seiner mildesten Form, zu vollstrecken. Wie immer man zur Frage der Sanktionen in der Praxis und auf welcher Seite man mit seiner Sympathie stehen mag, so glaubt man im vorliegenden Fall für die Anwendung aller Mittel eintreten zu müssen, die dem Angreifer sein Tun unrentabel machen. Würde man heute einem Land gewähren, steinen „Aspirationen" freien Lauf zu lassen, so wäre dies ein Anreiz für andere Mächte, seine Wünsche durch Anwendung von Gewalt, also von Krieg und Ueberfall, zu befriedigen. Wenn der Völkerbund, der sich im chinesisch-japanischen und im Gran-Chaco- Konflikt lässig gezeigt hat, auch in der gegenwärtigen Affäre versagen, den Dingen seinen Lauf lassen und PAL ASTINA Billige Reisen nach kostenlose Beratung in allen Reiseangelegenheiten, welche Palästina betreffen, erteilt Dr. S. Tocker, Wien IX, Liechtensteinstraße 2 Telephon A-l4-504 die Sanktionen etwa nach Maßgabe des guten Willens der einzelnen verpflichteten Staaten üben würde, dann müßte automatisch das ganze Völkerbundpaktsystem zusammenbrechen. Das italienische Beispiel, so meinen zahlreiche Staatsmänner, wäre zweifellos für andere Staaten verlockend: Deutschland würde fraglos den Ueberfall auf deutschsprachige Nachbargebiete riskieren. Von solchem Blickpunkt aus bekommt Englands Sanktionseifer ein anderes Gesicht. Man sagt: Je gründlicher England in diesem Fall seine Aufgabe durchführt, desto rascher kann die ostafrikanische Expedition liquidiert werden. Sanktionen sind beschlossen, vorläufig allerdings nur finanzielle. Englands Ernst, sie walten zu lassen, kann nicht bezweifelt werden. Die nächste Zukunft Europas hängt davon ab, wie Mussolini auf die Sanktionen antworten wird. Wir hoffen, daß dies in einer Form geschieht, welche die Lokalisierung des Konflikts gewährleistet. * In der letzten Zeit hat die Gerüchtemacherei in Oesterreich nervösen Stimmungen viel Nahrung gegeben. Der unterirdisch immer noch arbeitende Nationalsozialismus will sich nicht geschlagen geben und versucht, durch Ausstreuungen sich selbst Chancen zu verschaffen. Er klammert sich an die Hoffnung, daß Oesterreich nach Schwächung seines Freundes Italien seinen wirtschaftspolitischen Halt verlieren würde und darum jetzt schon versuche, sich mit Hitler-Deutschland auf guten Fuß zu stellen: auf dieser Illusion basieren die Gerüchte von unzuverlässigen österreichischen Landeshauptleuten, von Verhandlungen zwischen maßgebenden österreichischen und reichsdeutschen Männern. Auch die ausländische Presse da und dort hat diese Gerüchte verzeichnet und ein Bild der inneren Lage Oesterreichs konstruiert, das von der Wirklichkeit recht weit entfernt ist. Nichtsdestoweniger wurde von den ängstlichen und leicht beeinflußbaren Gemütern vieles geglaubt, insbesondere das Gerede von deutsch-österreichischen Verhandlungen im Sinne einer österreichischen Kursänderung. Der Generalsekretär der Vaterländischen Front, Bundeskommissär Adam, hat durch seine Rundfunkrede am 11. Oktober der Gerüchtemacherei den Boden entzogen. Seine Rede gipfelte in der Feststellung, daß die österreichische Regierung mit der deutschen Reichsregierung über eine Aenderung der Österreichischen Politik niemals verhandelt habe und verhandeln werde, vielmehr die österreichische Souveränität als unantastbar betrachte. „Käme es zu Verhandlungen, dann bestünde für die Gegner des freien unabhängigen Oesterreich kein Grund zu der Hoffnung, daß nun ihr Weizen ins Blühen kommen könnte.. Bundesführer Adam warnt vor jeder Sensationsmacherei und verweist das Gerede von meuternden Landeshauptleuten in den Bereich des Märchens. Aber es darf nicht vergessen werden, daß nicht bloß die unentwegten Nationalsozialisten für die Gerüchter. trägerei verantwortlich sind, sondern daß auch das Gehaben des deutschen Gesandten von Papen in Oesterreich den Gerüchten Nahrung gibt. Das offiziell betonte Auftreten bei nazideutschen Filmvorstellungen, das Bereisen der Bundesländer usw. können in den Köpfen der unreifen Nazielemente den Gedanken auf-1 kommen lassen, daß auch Teile der maßgebenden Faktoren Oesterreichs einer „Umstellung" nicht abgeneigt sind; ebenso wie es im heutigen Oesterreich noch Presseerzeugnisse gibt, die mit dem Hakenkreuz offen kokettieren. Auch von daher resultiert die Befürchtung, daß eine Kursänderung im Bereich der Möglichkeit liege. Es ist also auch in bezug auf diese Erscheinungen ein offenes Wort vonnSteifc Palästina-Parlament wieder aktuell? In letzter Zeit vertreten zionistische Zeitungen, besonders die palästinensischen, die Ansicht, daß der für. die Juden so gefährliche Plan der englischen Regierung, in Palästina ein Parlament mit arabischer Mehrheit einzurichten, für längere Zeit vertagt worden ist. Der italienisch-abessinische Krieg hat den maßgebenden Faktoren die Lust zu Experimenten im nahen Orient genommen. Demgegenüber sind Anzeichen vorhanden, die dafür sprechen, daß allzu viel Zuversicht nicht am Platze ist. So zitiert die J. T. A. folgende Meldung des Pressebüros der tschechoslowakischen Regierung aua Jerusalem: „Das führende Mitglied der arabischen «Partei der nationalen Verteidigung', Fakri Nashashibl, ist aus London zurückgekehrt und erklärte sich anf Grund von Besprechungen im Kolonialamt plötzlich mit der Einfuhrung des .Gesetzgebenden Rate«' einverstanden. Dies bedeutet eine völlige Schwenkung gegenüber seiner bisherigen ablehnenden Haltung1 und läßt das Zustandekommen dieser von England gewünschten und von den Arabern und Juden gleichermaßen bekämpften parlamentarischen Körperschaft voraussehen." Gleichzeitig weist die dem englischen Kolonialministerium nahestehende Zeitung „The Near East and India" darauf hin, daß trotz des wirtschaftlichen Aufschwunges in Palästina die politischen Beziehungen im Lande ungeklärt sind und etwas geschehen müsse, die Spannung zwischen Arabern und Juden zu lösen« Nach einer Schüderung der. beneidenswerten Finanzlage schreibt das Blatt: „Es ist nicht möglich, zu behaupten, daß die im Heiligen Land zurzeit offensichtlich herrschende Prosperität Gegenstand restloser Genugtuung bei allen interessierten Faktoren ist. Das fundamentale Problem, wie die beiden TeUe des Mandats, die die Araber, bzw. die Juden betreffen, miteinander in Einklang gebracht werden sollen, bleibt weiter bestehen. Weder Ueberschüsse noch Defizite, weder erhöhte noch verringerte Einwanderung können dies ändern. Die Zahl der Rezepte für eine Lösung des Palastinaproblems ist Legion. Fast jeder unmittelbare Beobachter hat sein eigenes Allheilmittel. Während aber diese Löeun*