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Die neue Welt · 1935-10-11 · Heft 503 (11.10.1935) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 503 (11.10.1935)
Date
1935-10-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 503 AUS DEUTSCHLAND Verdrängung der luden aus der deutschen Wirtschaft Aus Berlin: Die früheren Aron-Werke, die heute den Namen Heliowatt-Elektrizitätswerke A. G. Bcrlin- Charlottenburg führen und die ein Aktienkapital von 8 Millionen Reichsmark haben, sind jetzt aus den Händen der jüdischen Gründerfamilie an eine Großbank übergegangen. Die Frankfurter Mühlenwerke Gebr. W o 1 f f haben die ihnen gehörenden 50 Prozent des 2,04 Millionen RM. betragenden Aktienkapitals der Hafen mü hie Frankfurt a. M. verkuaf t. Alfred Orenstein ist aus dem Vorstand der Orenstein & Koppel A. G. ausgeschieden. Bei dem viertgrößten deutschen Warenhauskonzern Wertheim, Berlin, wurden Aenderungen in Vorstand and Verwaltung vorgenommen, wobei alle Nichtarier ausschieden. Es handelt sich bei allen erwähnten Firmen um Betriebe, die von Juden aufgebaut und entwickelt wurden. Aus Inseraten, insbesondere der „Frankfurter Zeitung", erfährt man indirekt, daß der Boykott eine immer größere Zahl jüdischer Firmen zwingt, ihre Geschäfte schnellstens zu Schleuderpreisen zu verkaufen, wobei diesem Massenangebot von Großfirmen aus allen Branchen kaum ein Kaufgesuch gegenübersteht. Am schwersten sind Betriebe betroffen, die bisher einen jüdischen und einen arischen Teilhaber hatten. Der arische Teilhaber sieht sich in der Inseratenrubrik „Geldverkehr" krampfhaft nach Geld um, um seinen jüdischen Teilhaber auszuzahlen. Die größte Rubrik des Inseratenteils ist der „Verkauf von Geschäften" geworden. „Infolge besonderer Verhältnisse", heißt der Modus, unter dem die Juden ihre Geschäfte loswerden -wollen. Meist wird verschwiegen, daß es sich um ein jüdisches Geschäft handelt; Geschäfte, die seit 50 und mehr Jahren bestehen, deren Jahresumsatz bis zur Million zu reichen pflegt, sind ,,umständehalber schnellstens an rasch entschlossene Arier zu verkaufen". Manche Verkäufer inserieren geradeheraus, daß sie Juden sind oder ihr Geschäft „wegzugshalber" sofort verkaufen wollen. Eine neue Rubrik ist der „Geschäftsaustausch mit dem Ausland", wobei angedeutet wird, daß große Geschäfte in Deutschland gegen ein noch so kleines Unternehmen im Ausland zu tauschen seien. Andererseits erfährt man aus der Rubrik „Stellengesuche", daß fachkundige Juden Posten im Ausland suchen. Spaltenlang sind die Nachfragen nach „Hausangestellten über 45 Jahren" oder „Nichtarierinnen" sowie die ständige Suche von arischen Müdchen, die aus jüdischen Haushalten plötzlich entlassen werden mußten. Die Judentaufen sollen rückgängig gemacht Wiarden. Aus Berlin: Der „J u d e n k e n n e r" fordert, daß die Taufe der Juden rückgängig gemacht und weitere Taufen verboten werden. Die Kirchen hätten dieser „versteckten Rassenschande" geflissentlich Vorschub geleistet. Aus den 42.372 seit 1903 geschlossenen Mischehen seien 100.000 Kinder entsprungen. Der „Judenkenner" glaubt aus dieser Zahl errechnen zu können, daß nach drei Generationsfolgen bereits von diesen Ehen 3 Millionen Mischlinge vorhanden sein müßten. Das Blatt schätzt die Taufen seit 19O0 auf 30.000 bis 40:000. Streicher „ausverkauft" Aus Prag: Das Tschechoslowakische Preßbüro teilt aus Berlin mit: Am Freitag, den 4. Oktober, sprach der bekannte Gauleiter von Franken, Streicher, im Berliner Sportpalast, der 20.000 Zuhörer faßt. Der durch seinen radikalen Antisemitismus bekannte Redner scheint offenbar stärkste Anziehungskraft auf Berlin auszuüben, denn sämtliche Karten für die Streidher-Kundgebung im Sportpalast waren bereits drei Tage früher ausverkauft. Alle jüdischen weiblichen Angestellten unter 25 Jahren müssen ihre Stellungen verlassen Aus Berlin: Auf Grund einer soeben erlassenen Weisung müssen alle jüdischen Mädchen unter 25 Jahren, die als Verkäuferinnen, Stenotypistinnen oder in sonstigen Büroberufen beschäftigt sind, ihre Stellungen „für ein Jahr" verlassen. Die Order wird damit begründet, daß die Mädchen in diesem Jahr Hauswirtschaft erlernen sollen. Die Mädchen, sogar die von jüdischen Firmen beschäftigten, werden durch Arierinnen ersetzt werden. Es ist klar, daß sie die jetzt zwangsweise aufgegebenen Stellungen nie wieder •werden bekleiden können. Die Order ist nicht nur ein schwerer Schlag für die betroffenen Mädchen, sondern auch für viele hunderte jüdischer Familien, die jetzt völlig auf den Verdienst ihrer Kinder angewiesen sind. Für Juden keine Winterhilfe Aus Berlin (J. T. A.): Auf Grund der Nürnberger Gesetze wurde soeben eine Order erlassen, die die Juden in Deutschland von der Winterhilfe ausschließt. Es handelt sich um eine interne Verfügung, von deren Inhalt die Jüdische Telegraphen-Agentur jedoch aus absolut zuverlässigen Quellen Kenntnis erhalten hat. Die Order erklärt, daß von nun an nicht nur Juden keine Winterhilfe gegeben werden •oll, sondern daß auch von Juden leeine Beiträge für die Winterhilfe entgegengenommen werden sollen. Damit ist Hitlers vor zwei Jahren persönlich gegebenes Versprechen, daß „jeder im Reich der Winterhilfe po\\ teilhaftig" worden können", ungültig gemacht worden. Auf Grund dieses Versprechens hatten bisher in einigen Ortschaften Juden direkt von den Nazi- Quartieren, in anderen durch Vermittlung jüdischer Wohlfahrtsinstitutionen Winterhilfe erhalten. Während nunmehr die Juden von der Winterhilfe ausgeschlossen sind, werden nichtjüdische Ausländer weiterhin Winterhilfe erhalten. Keine Hilfe für jüdische Kinder — Arische Viehwaagen Aus Berlin: Die „Jüd. Rundschau" berichtet: Staatssekretär Reinhardt teilte in einem Sondcrlehrgang für Redner der NSDAP, mit, daß in den Durchführungsbestimmungen zu der Verordnung über die Gewährung von Kinderbeihilfen vorgesehen sei, daß Kinderbeihilfen u. a. nur dann gewährt werden, wenn die Eltern Reichsbürger im Sinne des Reichsbürgergesetzes vom 15. September 1915 sind. Der „Grüneberger Anzeiger" (Oberhessen) berichtet aus Londorf, daß der Gemeindevorsteher folgendes bestimmt habe: „1. Der seitherige Wiegemeister wird seines Amtes enthoben, weil er seine geschäftlichen Beziehungen zu dem Juden Max Rosengarten (Allendorf) nicht abbrechen konnte. Als neuer Wiegemeister wird Pg. Ernst Boeger ernannt. 2. Die Benutzung der Gemeindeviehwaage wird den Juden und den Judenknechten untersagt. 3. Jedem Landwirt und Kleintierzüchter, welcher mit Juden verkehrt und handelt, steht das Gemeindefaselvieh nicht mehr zur Verfügung. 4. Sämtliche Handwerker und Betriebe, welche mit Juden Geschäfte treiben, werden bei Vergebung von Gemeindearbeiten ausgeschlossen. 5. Die Gemeinde-Backhäuser und -Bleichen dürfen nur von deutschen Volksgenossen benutzt werden. Jedem wird es zur Pflicht gemacht, Verstöße gegen vorstehende Anordnungen der Bürgermeisterei zu melden." Au§ Polen Abgeordneter Wyszlicki gestorben Am 3. Oktober starb in Warschau der bekannte jüdische politische und wirtschaftliche Führer Vaclav Wyszlicki, der seit einer längeren Reihe von Jahren dem polnischen Sejm angehörte und bei den letzten Sejm-Wahlen als einziger jüdischer Abgeordneter Warschaus auf der Regierungsliste gewählt worden ist. Wyszlicki gehörte dem Sejm seit 1922 als Repräsentant der jüdischen Handels- und Industriekreise an. Er stand der Orthodoxie nahe, organisierte und leitete den Anti-Hitler-Boykott in Polen. Viel beachtet wurde sein kürzliches Auftreten im Prozeß gegen den Juden Halberstadt, der wegen brüsker Zurückweisung eines deutschen Warenangebots und angeblicher Beleidigung des deutschen Staatsoberhauptes von einem Warschauer Gericht zu acht Monaten Gefängnis verurteilt worden äst. Wyszlicki trat mit großer Wärme für den Angeklagten ein und erbot sich, dessen Stelle einzunehmen. Wyszlicki wird keinen Nachfolger im Sejm haben. Da Nachwahlen in einzelnen Kreisen nach den Bestimmungen des neuen polnischen Wahlgesetzes nur dann stattfinden, wenn mindestens ein Zehntel der Mandate frei geworden ist, bleibt die jüdische Bevölkerung Warschaus, die ein Drittel der Gesamtbevölkerung der Hauptstadt Polens darstellt und die größte Judengemeinde Europas bildet, ohne Vertretung im Sejm. Jüdischer Parlamentsklub Unter dem Vorsitz des Abg. Dr. Sommerstein wurde ein jüdischer Parlamentsklub gebildet, dem außer SACHSEL'HERBSTHÜTE Der melierte wetterfeste Modehut S 9.80, S 12.50 Aus Haarfilz S16.-, 5 20.-; Biber S 26. - Borsalino, Antica Casa......S 32.— Höckels Haarfilz- und Velourshüte stets großes Lager II, Taborsftraßo 39 XIV, Sechshauserstraße 39 @ XVII, Kalvarienberggassectf Dr. Sommerstein noch der Senator Oberrabbiner Professor Dr. S c h o r r und der Wilnaer jüdische Abgeordnete und ehemalige Senator Rabbiner Rubinstein angehören. Die parlamentarischen Vertreter der Aguda Senator Trockenheim und Abg. Münzberg haben sich dem Klub nicht angeschlossen. Trotz größter Anstrengungen ist es somit nicht gelungen, eine jüdische parlamentarische Einheitsfront in Polen zu bilden. Jüdischer Nationalrat Das zionistische Zentralkomitee in Polen hat die Schaffung einer national-jüdischen Körperschaft als politischer Vertretung des polnischen Judentums beschlossen. Nur zwei Juden im Stadtrat von Lodz Unter den 24 Mitgliedern des an Stelle der aufgelösten Vertretung neu ernannten, Stadtrates von Lodz befinden sich nur zwei Juden, der Aguda-Führer Fischel Liebermann und der Vertreter der Assimilationsbewegung Ing. Klotzmann. Lodz zählt unter über 600.000 Einwohnern etwa 200.000 Juden« 200.000 polnische Juden in Palästina Die polnisch-palästinensische Handelskammer hielt eine Sitzung ab, der der polnische Konsul in Tel-Aviv Stanislaw Lukaszewicz und der Präsident der polnisch-palästinensischen Handelskammer in Tel-Aviv Mosche Shelush beiwohnten. Präsident Levite wies auf die Wichtigkeit polnischer Wirtschaftsarbeit in Palästina, wo heute bereits 20 0.0 00 polnische Juden leben, hin. Der Direktor der Handelskammer Ing. Thon teilte mit, daß in Polen eine große Ausstellung von Palästina-Produkten vorbereitet wird, ebenso wird der polnische Pavillon auf der Messe in Tel-Aviv vergrößert werden. Terror In verschiedenen Teilen Polens kamen in der letzten Zeit wiederum Terroraktionen gegen die jüdische Einwohnerschaft vor. Aus Laskaszew, Kreis Lublin, traf eine jüdische Abordnung in Warschau ein und übergab dem Innenministerium ein Memorandum, in dem erzählt wird, daß an der Synagoge und an zahlreichen jüdischen Häusern die Fensterscheiben ausgeschlagen und daß sechs jüdische Bürger durch Mißhandlungen ernstlich verletzt wurden. DEMNÄCHST ERSCHEINT "OiPtf&n» VON BEN-CHAVIV (Der Fortgeschrittene) Verfasser des bekannten und weifesfverbreiteten Lehrbuches „Lerne Hebräisch" FÜR ANFÄNGER Verlag JOSEF SCHLESINGER, Wien I. In Truskalos, unweit von Czenstochau, wurden die 60 jüdischen Familien des Ortes in den Rosch-Haschana- Tagen schwer terrorisiert. In der Synagoge und in sämtlichen jüdischen Wohnungen wurden die Fenster eingeschlagen, viele Juden wurden mißhandelt; die jüdischen Einwohner wagten nicht, an den Feiertagen die Synagoge zu besuchen, sondern schlössen sich in ihren Häusern ein. Die jüdischen Bürger Weisspender und Goldbart wurden durch Messerstiche erheblich verletzt. Am ersten Rosch-Haschana-Tage überfiel eine» Bande Huligans den chaluzischen Kibbuz „Hag an im" (Gärten), schlug auf die Chaluzim mit Stöcken und Steinen ein, wobei Meir Czarniewski aus Grodno, Schmuel Sagel aus Warschau und Israel Pulski aus Radom ernstlich verletzt wurden. Nur zwölf jüdische Mediziner Während in den letzten Jahren je 30 Juden zur Inskription an der Warschauer Medizinllakultät zugelassen wurden, befinden sich in der Liste der 110 Studenten, denen vom Dekan in diesem Jahr auf Grund der abgelegten Aufnahmsprüfung die Inskription bewilligt wurde, nur 12 Juden. Unter den abgelehnten jüdischen Kandidaten befinden sich solche, die sich bereits zum siebenten und achten Male der Prüfung unterzogen haben, ferner solche, die an ausländischen Universitäten bereits drei oder vier Jahre lang Medizin gehört haben und sich jetzt vergeblich bemühen, in den ersten Jahrgang der Warschauer Universität aufgenommen zu werden. Zum Tode des Kopyczynccr Großrabbiners Am ersten Rosch-Haschana-Tag ist in Wien der Großrabbiner Isak Maier Heschel im 74. Lebensjahre einem schweren Leiden erlogen. Das Leichenbegängnis des über die Grenzen seiner Heimat angesehenen Rabbiners fand unter riesiger Beteiligung der jüdischen Bevölkerung statt. Großrabbiner J. M. Heschel, oder der „Kopyczyncer Rebbe", wie er in chassidischen Kreisen genannt wurde, war ein Enkel des weltberühmten Apter Wunderrabbis, ein Enkel des Rusiner Rabbi Israel Friedmann, des Begründers der Sadiagorer Dynastie, und ein Sohn des Mezblscher Rabbiners. Der Großrabbiner kam nach Kriegsausbruch im Jahre 1914 nach Wien und war hier zweifellos der populärste. Durch seine ganz besondere Herzensgüte war er ein wahrer Volksfreund. Er hinterläßt vier Söhne und zwei Töchter. Der älteste Sohn, Abraham Heschel, tritt das Erbe an. Die drei anderen Söhne sind Kaufleute. Politisch verhielt sioh der Verstorbene im allgemeinen neutral, doch stand er der Aguda nahe, was er durch die Teilnahme als Gast an den beiden in Wien stattgefundenen Weltkonferensen der Aguda» Jisroel (Kenesseth Gedauloth) dokumentiert». Mit dem Tode des Kopyczyncer Großrabbiners hat das orthodox* Judentum einen großen Vexlutt erlitten.

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