Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 502 (4.10.1935)
- Date
- 1935-10-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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S$ite S DIE NEUE WELT Nr. 502 l/öft TunUetez In dem kleinen Kurort, den m hwache. nerm'ise und kranke Menschen mifsuchen, kam ein Patient zum Arzt ins Ordinal ionszimmer. fiel auf den Sessel und rief aus: ..Fürchterlich! Schreckli( h! Herr Doktor! Ihm ist nicht zum Aushalten!" ..Aber beruhigen Sic sicli dach, wein Lieber!" sagte der Arzt loeicli und liebensndirdig. ..\ur Ruhe! Ruhe! , .. Das sind die \cruen. Sic wissen doch, die Hauptsache während der Kur ist Ruhe!?" ..Ruhe. ja. Ruhe", flüsterte der Patient ironisch nach, .Ahnen ist leicht, zu saßen: .Ruhe!'. Herr Doktor, während das Herz vor Schmerzen zerspringen kann. Muri kann Geradezu den }'erstand üerlieren!" ..Aber ruhig, ruh ist. mein Lieber, zeigen Sic Ihren Puls." ..Puls — Schmuls ... II us habe ich vom Puls, locnn das Blut jeden Augenblick au fsie peitscht wird roie das brausende Meer .. ." ..Aber ruhig, sag ich Ihnen", befahl jetzt der Arzt, „ruhist. zählen Sie: achtzehn, neunzehn, zwanzig . , . Schlafen Sie bei der .\ncht? Hoben Sie Appetit?" ..Schlafen, essen ...//; solch einer Laste soll man schlafen können':' Wenn man die täglichen Neuigkeiten liest, soll man einen Bissen, in den Mund nehmen können? . . . llahaha!" Der Patient lachte hysterisch. ..Aber Ruhe. f\'uhe. mein f reund. Man darf sieh nicht so aufregen. Hier, riechen Sie zu dem Fläschchen. So, Ist Ihnen schon besser? . . , IJ as für ."\ euigkeiten?" ,,}.un einmal non \ uzideutschland. Kann man ruliig sein, wenn Tausende unserer Brüder in eine tolle Hölle hineingeschleudert wurden, wenn über dem Kopf eines ganzen Volkes das blutige Schwert einer Bande von Henkern schwebt?! I nd all dar, ungestraft, frei, ohne Angst oor Vergeltung, ohne Gericht und Recht? Man muß in die Welt hineinschreien ..." „Aber, aber, lieber Freund. Sie sind doch Patient . . . Sie sind doch zur Kur hergekommen. Sie müssen Ihr Herz schonen . . . Keine Zeitung lesen. Was stehen Sie die Neuigkeiten an!" ..Gut. Ich habe mir die Sache so -zurechtgelegt: Ich will die Zeitungen meiden, Will in kein Cafe gehen, den Zeitungssllinden ausweichen toie dem Teufel. Aber man ist doch nur ein Mensch. Lud ein Jude noch dazu... Berühren einen doch all die Schrecknisse und Judenoerfolgerungen, die in dem schändlichen Dritten Reich gehandhabt werden. Ts zieht, es lockt, man will einen Blick tun. eine Sekunde hinein scheinen in die Spalten einer Zeitung . . . mit einem halben /luge. Lud die Zeitungen künden schreckliche Neuigkeiten, die sich wie scharfe Messer ins Herz hineinschneiden. Line Nachricht, schrecklicher als die andere. Hiobsbotschaften. Bestialische Details, zi/nische Barbarei . . . Und wann geschieht das? Heule. Im Jahre 1955. Sie hören: 1955! Schauen Sie sich hier den Kalender an: 1955!!" Der Patient sprang nom Stuhl auf und wies auf den Kalender. „Aber ruhig, mein Freund", sagte der Arzt und schob ihn auf den Stuhl -zurück, „lassen Sie den Kalender. Man muß sich abhärten, man muß sich beherrschen. Nehmen Sie sich ein Beispiel an mir. Auch ich. bin Jude, ein deutscher Jude, ein Arzt, oerspottet, bespien, herausgesloßen War Professor an der frankfurter Klinik, lud jetzt bin ich liier im kleinen polnischen Kurort. Ich habe melleicht am eigenen Leib mehr mitgemacht als Sie. Die ganze Inquisition. Inquisition, sag ich? Es ist ein schwaches Wort. All die Bezeichnungen: Mittelaller, Barbarei, Tortur. Hölle — all das sind blasse Worte neben all dem. was dort geschieht. Für all das hat man noch nicht das richtige Wort gefunden . . . oh, ch, oerflucht . . ." Des Doktors Hände zitierten. Seine Lippen bebten. ..Nur ruhig, nur ruhig, Herr Doktor", sagte der Patient, „ein Arzt muff Ruhe beioahren ein Arzt muß sich beherrschen." „Ja, Ihnen ist es leicht, Ruhe zu empfehlen", sagte der Arzt weiter, schwer atmend, beklommen, ..Ihnen ist es leicht zu sagen, muri müsse sich beherrschen , . . angesichts der fürchterlichen Dinge ... Neulich las ich in der Zeitung, daß ein Bekannter nun mir in Düsseldorf, ein Professor der Mathematik, ins Konzentrutionslüger geschleppt wurde, weil er 179 arische Mädchen geschändet habe. Ausgerechnet 179 arische Mädchen . . . Hahaha . . ./ 179!" Fr lachte krampfhaft. ..Aber ruhig, nur ruhig. Herr Doktor! Was ist Ihnen? Riechen Sie zu diesen Tropfen! So. Schon besser?" schon ruhig. Ruhig n>ic das n ic der I ölkerhund. I\uhig Weil ic ..Gut. Lh bis. W eilstewissen. Ruin ,'>io die f' 'eilgerec hligkvil . . . Ich hin ruhi die deiii:-(lic Judengemeinde ebenfalls zur Rul mahnt. Ilaben Sic die letzten Direktinen der Berlim Jüdisdicn Gemeinde gelesen? I\uhig sollen wir sem dl ir .sollen würdig schweigen . . . II ir sollen sti>! in unseren U ohnungen sein und uns nicht auf dei Gasse zeigen. II ir sollen uns mulig in den Lochet oerstecken und nicht anseilen die lichte Welt.' J ich bin ruhig. Aber oor Ruhe kann man »errückt werden. Das Herz kann zerspringen . . . Man kann wahnsinnig werden . . ." ..Aber ruhig. Herr Doktor, man muß sich ab härten Man darf keine Zeitungen lesen. Wozu brauchen Sic die Neuigkeiten?" „Nicht Zeitungen lesen? Aber was soll ich tun? Man ist doch ein Mensch, ein Kulturmensch. Kann man sich blind stellen vor der großen Tragödie de Judentums in Deutschland? Wozu haben wir ge arbeilet, gekämpft, gehofft? Und jetzt? Alles hm Zivilisation, Kultur, Menschenrechte — wohin ist alles gegangen? Schrecklich für das Leben, die Kultur, die Zioilisation. die Menschheit! llahuhtt! Der Arzt fiel ohnmächtig auf den Stuhl. Alle seine Glieder zitterten. Der Patient wußte nicht aus noch ein, ..Aber Herr Doktor, beruhigen Sie sich Riechen Sie zu der Flüssigkeit. Herr Doktor! O weil! eine Ncrncnuttucke! Aber Herr Doktor, fasse Sie sich. Trinken Sie ein bißchen W asser. So . . ." Der Patient legte ihn auf das Sofa. Oeffnele die Tür zum Wartezimmer. Rief -zu den Patienten hinaus: ..Die Damen und Herren, die in die Ordination gekommen sind, können gefälligst gehen. Der Herr Doktor empfängt heute nicht mehr . . ." Her Jüdisch-akademische Technikerverbaml hält seine Inskriptionsberatungsstelle, Wien. IX.. Alserstraße 26, von Montag bis Donnerstag von 6 bis 7 Uhr geüffnet. Auskünfte m allen Studontenangelegenheiten. Die zweimal monatlich erscheinende „Jüdische Front , offizielles Organ des „Bundes jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs", bringt in ihrer letzten Ausgabe einen eingehenden Bericht der I-Ieldengedenkfeier. sowie Beiträge von Franz Werfel: Mysterium der Auserwähiung; Bundeskulturrat Hof rat Prof. Dr. Frankfurter: Mahn Worte zum Jahreswechsel; Rabbiner Dr. Max Grunwald: Die Habsburger und die Juden; Rabbiner Dr. Armand Kaminka: Die stumpf gewordene Waffe der Lüge; Rabbiner Dr. Kaiman Kupfer: Neujahrsbetrachtungen: Professor Dr. Viktor Kellner: Mehr Haltung!; sowie aktuelle Nachrichten politischer, kultureller und wirtschaftlicher Natur. „I'alestine-Levante-Courier." Wien, I., Schottennng 20. Soeben erschien die letzte Nummer dieser Zeitschrift, offizielles Organ der Austro-Palastinensischen Handelskammer, Gewerbe und Industrie. Es enthält einen wirtschaftlichen Informationsdienst, Industrie und Handel, Branchenberichte, NeugrUndungen. Transport und Verkehr, staatliche Ausschreibungen, Berichte der Handelskammer usw. Hofmeister, Hauslehrer, mit Kenntnissen fremder Sprachen, für sämtliche Mittelschultypen, vermittelt prompt und unentgeltlich der Jüdische Hochschulausschuß, Wien, IX., Alserstraße 2G. Tel. A-25-2-28, von 1 bis 5 Uhr. Vom B>r.sKrüger*Hei'm In der heutigen Zeit ist es fast ausgeschlossen, für mittellose jüdische Mädchen Le h r s t e 1! e n zu finden. Junge Jüdinnen, die materiell schlecht gestellt sind, sind heute ganz den Gefahren der Not ausgesetzt. Diesem Uebel hilft in hervorragender Weise das Dr. - Krüger -Heim ab. Diese, seit fast 40 Jahren bestehende Anstalt wird von erfahrenen, bewährten Erziehern, an der Spitze Frau Dr. Krüger, geleitet. Sie umfaßt heute Fachschulen für Kleidermachen und Wäschewarenerzeugung, eine Lehranstalt für' wirtschaftliche Frauenberufe, Kindergärtnerinnenbildung aa n s t a 1 t, Haushaltung akur.se usw. Hier werden jüdische Mädchen meist unentgeltlich zu geschulten Erzieherinnen, Handwerkerinnen und tüchtigen Haushaltungsbeiständen herangebildet. Die Ausbildung eines Mädchens in einem der genannten Fächer erfordert zirka 2 0 0 S jährlich. Der Andrang mittelloser jüdischer Mädchen ist gerade heute so groß, daß ihm das Dr.-Krüger-Heim materiell nicht gewachsen ist. Es wendet sich daher an die jüdische Oeffentlichkeit mit der Bitte: Helft den jungen jüdischen Mädchen. Es ist gewiß Pflicht jedes Juden, das Programm des Dr.-Krüger-Heims — der weiblichen Jugend jede Möglichkeit zur Entfaltung ihrer Talente zu geben und ihr neue Erwerbsmöglichkeiten suchen — nach Kräften zu unterstützen. Der Traubensaft als Heilmittel Viele Millionen Menschen sind es in jedem Jahr, die durch den wundertätigen Saft der Traube Heilung finden. Die Heilkraft der Traube ist seit alters her bekannt und wird in der modernen medizinischen Wissenschaft hoch eingeschätzt. Die Trauben-Trinkkur wirkt auf den ganzen Organismus und beseitigt so die im trägen Stoffwechsel bedingten Grundursachen verschiedener Krankheiten. Der Saft der Traube enthält jene kostbaren Erneuerungskräfte, die zum Aufbau und zur Tätigkeit der Zellen — als den eigentlichen Trägern des Lebens notwendig sind. Kurtraubensaft regt den Kreislauf zu neuer energischer Tätigkeit an, reinigt Blut und Gewebe und bringt die unnötigen und schädlichen Stoffe zur Ausscheidung. Die Trauben-Trinkkur ist eine Regenerationskur, wird sie regelmäßig angewendet, so ist sie eine ewige Quelle der Jugend. Immer wieder von neuem bringt sie Gesundheit und Lebensfreude zurück. Von der einfachen Verdauungsstörung bis zu den hartnäckigsten Leiden vollführt diese einzigartige Heilkur ständig Wunder. Haus Zeilinger. Schulbücher für Volks-, Haupt- und Mittelschulen, neue und antiquarische, in der Buchhandlung M. Rath, II., Taborstraße 20 A. 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Mittwoch 9 __12 Donnerstag 10 13 Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Dru ckerei- und Verlags-A.-G. Ignajs Steinmann, beide Wiek IX, Universitätsstraße ° '