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Die neue Welt · 1935-09-24 · Heft 500 (24.9.1935) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 500 (24.9.1935)
Date
1935-09-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 500 UiUet - de* feemä )staels' Von Tunkeler Wenn man beginnt, über den tiefen Sinn der Natur und des Lebens, der Mensehen und Völker nachzudenken, so kommt man zur Ueberzeugung, daß Hitler ein wahrer Freund Israels ist, und daß Juda in seinen und unseren Tagen geholfen worden wird, und daß Israel geborgen sitzen wird . . . Hiticr hat jjc-el:c::. dr.iö <!ic Ju.?cn Uber ü-o Weit zerstreut sind und jeder mit ihnen im cht. was er will: der Antisemitismus zersplittert ist. nicht organisiert, nicht koordiniert, was sehr ungünstig auf den jüdischen Zustand in allen Ländern wirkt. Die Antisemiten sind gespalten, irren schmerzlicherweise wie blinde Wölfe umher und jeder verirrt sich bis hinein in die jüdische Tasche . . Es gibt kein einheitliches jüdisches Boykott-System, keinen konsequenten Pogrom-Paragraphen, keine konsequente Verfolgungstaktik. Das wirkt sich fatal auf das Wohlergeher. der jüdischen Massen aus. Da stand er auf und wurde Judenfeind um der jüdischen Wohlfahrt willen. Denn woher stammt die Lehre, daß von einem Judenfeind den Juden keine Rettung und keine Tröstung kommt? Im Gegenteil. Zeigt mir das Gute, das Juden von den Judenfreunden gehabt haben? Auf Schritt und Tritt tummeln "ich Judenfreunde, Judenretter und Kämpfer für Judenrecht und Ligen für Menschenrecht und jüdische Kongresse und Konferenzen und Komitees, und wo sind die Wohltaten und Geschenke, die man von ihnen empfängt? Und wenn man schon von den Judenfreunden nichts hat, so soll man es mit den Judenfeinden versuchen — ob nicht von ihnen das Heil kommen wird? Die Vorzug eines Judenfeindes? — man kann ihn einmal abstreifen, ein Judenfreund hingegen ist nicht loszuwerden. Liest man über die Verfolgungen und über die Verordnungen, die von eben diesem Bedrücker ausgegeben werden, sieht man, daß sie nach außenhin schlecht sind für die Juden. Aber im Grunde sind sie wahrhaft human und judenfreundliche Gesetze. Nehmen wir zum Beispiel die Verordnung, daß Jeder Jude an seinem Haus die blau-weiße Fahne anzu- Zur Cie§diadile des Ghettos Das „Ghetto", die streng durchgeführte lokale Absonderung des Judenvolks, ist bekanntlich nicht so sehr mittelalterlich, wie spätreaktionär. Die Einschränkungen des Mittelalters waren wie die des Orients grundsätzlich freiwilliger, autonomer Natur. Nicht anders wie die Handv/erker, die Weißgerber, Sporner, Zeltner etwa oder wie die christlichen, syrischen, südfranzösischen („kawerzischen" Cahorser), hanseatischen, niederdeutschen, saßen die den höheren Ständen gleich willkommenen, von den Fürsten und Ständen immer wieder neu ins Land gerufenen jüdischen fremden Händler in ihrer „Gaß". Auch von diesem deutschen Worte haben einige Gelehrte das Phonem Ghetto als Ausdruck der in der christlichen V/elt weitverbreiteten deutschen Juden zu erklären versucht, doch ist die linguistische Ableitung nicht streng, so wenig wie die historische, die umgekehrt wohl einen Strom jüdischer Einwanderung aus Italien kennt — in der Richtung Byzanz — Orient — Otranto über Italien und Innerösterreich, aber keinen vom Rhein und Franken nach dem Süden. Die Rechtslage aller dieser jüdischen und nichtjüdischen Kolonisten war allezeit — die tatsächliche Lage zumeist (von solchen Krisenzeiten, die zu den Kreuzzügen Anlaß gaben, beispielsweise Anlaß gaben, abgesehen) unvergleichlich mit einer Rechtsunlage oder Unrechtslage wie der der gegenwärtigen nichtarischen Staatsbürger Deutschlands. Sie lebten, nach germanischem bringen hat, d. h. daß jeder Jude Gesandter des Palästina- Staates wird, d. h. daß Deutschland den Judenstaat de facto und de jure anerkennt und jedes jüdische Haus eine Gesandtschaft wird und Exterritorialität genießt . . . Nehmen wir weiters das Verbot der Mischehe . . Vorläufig bezieht es sich bloß auf gemischte Heiraten, später aber wird man überhaupt jedem Juden das Heiraten verbieten. Ist das vielleicht keine günstige Sache? Hitler geht weiter. Er will das jüdische Vermögen konfiszieren. Schade, daß Dr. Schacht es nicht zugegeben hat. Denn die Devisenbeschränkungen und die Valuta- Ausfuhrverbote sind sehr kräftig. Man kann sich vom Ort nicht rühren, man darf nichts mitnehmen, man ist fürwahr in einem Kerker. Aber wenn jeder Jude so nackt bleiben wird, wie die Mutter ihn geboren hat, wird er doch ein glücklicher Mensch sein, wird er einhergehen wie ein freier Vogel; denn wenn man sein Vermögen einmal konfisziert hat, so wird er doch aufhören, Angst davor zu haben, daß man sein Vermögen konfiszieren wird. Er wird keine Angst mehr haben vor Pogromisten, denn sie werden nichts mehr zu rauben haben, und er wird, wenn es ihm beliebt, frei hinausfahren können, wohin seine Augen ihn tragen: ohne Gepäck, ohne Ware und ohne Geld. Es wird ihm kein Träger Kosten verursachen und er wird sich vor keinem Bahnhofdieb fürchten. Ein glücklicher Mensch! Die echten Rassedeutschen werden ihn einfach beneiden. Abgesehen davon, gibt uns der Hitlerismus eine wertvolle Lehre. Er lehrt uns Menschenkenntnis. Er öffnet uns die Augen für die Welt und für die Menschen. Er lehrt uns Völkerpsychologie, Völkercharakter. Da seht ihr, meine lieben Juden — sagt er —, ich zerbreche euch in Splitter, meine Grausamkeit übersteigt alle Begriffe. Ich habe die Inquisition übersteigert, damit ihr seht, wie die Kulturwelt sich zu euch stellt, wie die Völker reagieren; da habt ihr eine Lektion über das Weltgewissen und menschliche Gerechtigkeit, über Humanität, Kultur und Solidarität. Ist diese Lehre noch zu wenig?. , Personalprinzip, nach ihrem eigenen, dem Judenrechte,; nicht anders als z. B. die Kirche, Kleriker und Orden nach | ihrem Rechte „lege Romana" lebten. j Wie die fremden, jüdischen oder deutschen Händler I überall dorthin gerufen wurden, wo Handel und später : Geldverkehr fehlten und ersehnt wurden — so haben, zur! Gegenprobe, die Handelsstädte überall: die hanseatischen j im Norden, die iombardischen, toskanischen und die See-! städte die jüdischen gleich den andern Kommunen, I „Scholen" (von diesem allgemein verbreiteten byzantinischen Begriff der Genossenschaften und nicht von der Lehranstalt stammt die ...Tudenschul", ebenso wie die venezianische „scuola" Gilde) nicht in ihr Gebiet gelassen, und jedenfalls nicht neben sich bestehen lassen. Als zu Ende des Mittelalters auch die oberdeutschen Städte die Kunst des Schacherns von ihren niederdeutschen Volksverwandten und den „Wälscheh" voll erlernt hatten, nötigten sie die israelitische Konkurrenz zur Abwanderung in das lombardische geistige Gebiet der höheren Geldmathematik, respektive, wo die Umsätze und Stocks fehlten, zum Altwaren- und Hausierergeschäft. Sie schufen den deutschen Land- und Bündeljüden, der nach den Zeugnissen J. P. Hebels (des „Schatzkästleins") mit der Bevölkerung so gute Freundschaft hielt wie der Jude bei Fritz Reuter im Norden. Das kaufherrliche Venedig hat diesen Grundsatz der auszuschaltenden Fremde souverän gewahrt. Seine Ideologie ist uns noch im Kaufmann Antonio konserviert, in seinem berühmten Rechtsstreit mit dem Shylock und dem juristisch wie gemeinlogisch gleich albernen „Dreh", Rechtsspruch der Porzia (man versuche ihn beim Lebensmitteleinkauf); den primitiven, echten Rechtscharakter des hier märchenhaft eingeschobenen Motivs hat der große deutsche Rechtsvergleicher Prof. Kohl er vor Jahrzehnten ausgeführt. Anders war die geschichtliche bunte Lage der Juden in Rom, und von dem römischen Wort „borghetto" — Vorort etwa — haben u. a. französische Forscher das — „Ghetto" abgeleitet; auch gibt es in dem römischen Civitavecchia, das als Selbsthafen niemals Juden hatte, ein „Ghetto" genanntes Viertel (in welches freilich 1692 Juden nach später zurückgezogener Papstorder einwandern sollten). Man hat dann das Wort mit dem hebräischen „G h e t", angeblich Scheidung, Ehescheidung, zusammengebracht; doch bedeutet der Ausdruck vor allem die Urkunde, von einem anderen Wortstamm. Auch gab Pius V. 1562 den Juden ein Recht auf Verkaufsstände „extra ghectum aeu septum", das Wort gleichgesetzt also nicht mit „Viertel", sondern mit „Mauer"; und die römischen Juden haben niemals das Wort ghetto, sondern immer dem Hebräischen entnommene Ausdrücke (Hof, Gasse) gebraucht, die sie auch nach Avignon mitgenommen haben. Diese Hypothesen erörtern eine Artikelreihe in der polyglotten Philologenzeitschrift „Romania", deren Resümee jetzt der englisch-jüdische Schriftsteller Cecil Roth zieht. Nach seinen Forschungen in der Geschichte der venezianischen Juden hat die „Serenissima" erst im 14. Jahrhundert fremde, levantinische Juden zum Handel zugelassen und ihnen eine Insel, die spätere und heutige „Giudccca" — Judenstadt „julverie" —■ zugewiesen. Erst als unter Karl V. und Julius II. die kaiserlichen und päpstlichen Scharen zusammen die „terra ferma", Venczicn. verwüsteten, mußte sie die Juden dieses Gebiets bei .sich aufnehmen; sie siedelte sie eben in dem genannten Levantinerviert.cl an, das in den Akten als ,.geto nuovo" bezeichnet wird, im Gegensatz zu einem ,,£eto veeehio' , einer alten — Gießereistätte. Diesen Namen hü» loa die. Inseln schon vorher geführt - die Lautverschiebung g zu gh findet sich auch z. B. in traghet.to tragotto, conghiettura u. ä. Damit, erledigen sich vielleicht, die vielen bunten Ableitungen auch vom hebr. (g)adah Gemeinde, von judaica giudccca, von (Ac)gyptus (nach Meyer-Lübke!), von ,,g(e)-heckter Gaß", vom griechischen geiton — Nachbar! Denn die neue venezianische Einsperrung wurde bald durch die Bulle „Cum ntmis" allgemein empfohlen und nacheinander von Florenz, Verona u. a. das neue „Ghetto" eingerichtet. („Prager Presse".) Der Großmufti von Jerusalem darf nicht nach Damaskus Aua Jerusalem (J. T. A.): Die syrische Zeitung „Alif Ba" teilt mit, daß die syrische Regierung dem Großmufti von Jerusalem, Hadsch Alim el Husseini, der in Beirut Besprechungen mit syrischen Nationalisten abgehalten hatte, verboten hat, nach Damaskus zu kommen. Die Damaszener Nationalisten hatten großartige Vorbereitungen für den Empfang des Mufti getroffen. Der Mufti betreibt jetzt antizionistischc Propaganda im Ausland. Reinwoll-Mäntel dunkelblau oder braun, Herrentass. Engl. gem. Kostüme oder Shelland Steirer-Kostüme . . 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