Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 499 (20.9.1935)
- Date
- 1935-09-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite S DIE NEUE WELT Nr. 499 Pf " \ „','! '* I i' 1 , )>' » :li 'MI fs J öie /foto* m Heuen Sfuutien Von Dr. I. Z. K a n n e r (zzt. Madrid) IV. (Schluß) Der Antisemitismus in Spanien Neben der Erinnerung an den Rambam lebt auch die Erinnerung an die Inquisition. Alljährlich im Juni, zu St. Johann, dem Jahrestag der Judenver brennung, häufen die Spanier Sessel, Tische und andere verbrennbare Stoffe auf der Straße und setzen sie unter Freudentänzen in Brand. Jeder bringt ein neues Stück hinzu und wirft es als „chudio" in die Flammen. Da man einst nicht Brennstoff genug zur Judenverbrennung hatte, griff man zu einer anderen Todesart. Man warf die Juden haufenweise ins Wasser. Barcelona zum Beispiel liegt am Fuße des Mont Juic (Judenberg); von diesem Berge, wo sich einst das jüdische Ghetto befand, wurden die Juden direkt ins Meer hinabgeworfen. GRABSTEINE F RIED LÄN D ER & DEUTSCH &ien, I. Bez., Seitensiettengasse 2, II Samstag XI.. Zentraltriedhof. neb. d. 7. Tor. Ii] Peschlossen Die hakenkreuzlerische Hetze hat von der hiesigen Presse Besitz ergriffen. In den großen spanischen Zeitungen ,,A. E. C." und „La Nation" erschienen Artikel, die den Juden die letzten Aufstände zuschrieben. In Wahlzeiten werden die Straßen mit Karikaturen von Juden und Freimaurern plakatiert. ,,E1 Correo Catalan" und ,,E1 Debate" (Madrid) nennen das Judenviertel zu Barcelona eine Zuflucht der Kriminalverbrecher und ein Lido chandestino (Geheimes Freudenhaus). Im ,,A. B. C. erscheint ein Artikel in Fortsetzungen, „Oro" (Gold), der durchtränkt ist von Zitaten aus den „Weisen von Zion". Hitler hat also hier eine hübsche Anzahl Anhänger, die blaue Hemden tragen und die Hand zum Faschistengruß heben. Ihr Führer ist der Sohn des gewesenen Diktators Primo de River a. An einer unlängst stattgefundenen Versammlung nahmen 12.000 Menschen teil. Sie kämpfen gegen Windmühlen, sie vermeinen Judenmassen vor sich zu sehen; wahre Don Quichotte- Figuren in Antisemitengestalt im Lande des Cervantes. Die Beschuldigungen gegen die Juden sind lächerlich, schon deshalb, weil sowohl ihre Zahl als auch ihr Einfluß gering ist. Ein Teil der Presse allerdings ist ausgesprochen antihitlerisch eingestellt und findet nicht Worte genug, um die Maßnahmen des Hakenkreuzes gegen die Juden zu geißeln. Ein spanischer Dichter hat in einer katholischen Zeitung einen Aufsatz veröffentlicht, in dem er zu dem Schluß kommt, daß „Hitler von Sinnen gekommen ist und daß sein Platz im Irrenhaus sei". Da kommt der deutsche Konsul in Barcelona und überreicht einen Protest bei der spanischen Regierung. Der Nazikonsul verlangt, daß man den Schriftsteller wegen Ehrenbeleidigung des „Führers" bestrafe. Viele Zeitungen spotten über den Protest des Nazikonsuls, viele sind darüber empört und bezeichnen seine Forderung mit dem Namen „Chuzpeh". Einwanderung und Aussichten Vor allem muß gesagt werden, daß die meisten Juden Spanien nicht als Einreiseland, sondern als Durchreiseland betrachten. Die Juden, die aus Ländern kommen, wo die wirtschaftliche Lage sehr schlecht ist (aus Argentinien, Mexiko, Peru, Deutschland, Rumänien, Polen und Rußland) glauben, hier das Paradies anzutreffen. Sie kommen aber bald zur Erkenntnis, daß ihr nächstes Reiseziel Palästina sein muß. Manche sind zufrieden, wenn sie Geld für die Rückreise in das Herkunftsland aufbringen können. Sie haben sich ruiniert, sie wissen nicht aus und ein. Als Kuriosum sei erwähnt, daß zwei junge Juden aus O3trowiec Kielecki, die nach Palästina auswandern wollten, einem Betrüger in die Hände gefallen sind. Dieser setzte sie auf Mallorca aus, indem er sagte, daß dies die palästinensische Küste sei. Zu ihrem Schrecken mußten sie bald erkennen, daß die Einwohner kein Hebräisch verstehen... Die Juden üben in Spanien im Durchschnitt folgende Berufe aus: Hühnerzucht, Photographie, Eierhandel und Ratenhandel. Für Krawattenverkauf auf der Straße muß man sich eine Lizenz erkaufen, die nach je drei Monaten von neuem zu bezahlen ist. — Die meisten Kohlenaktien von Asturien liegen in jüdischen Händen. Die sozialdemokratischen Zeitungen .schreiben immer wieder: „Die Juden sind zwar gern gesehen, nur dürfen sie nicht unsere Arbeit wegnehmen." Man bittet nicht die Juden, zu kommen. Es herscht kein Schrei nach den Juden. Im Gegenteil. Man wünscht, daß sie bleiben, wo sie sind. Pessimisten meinen, jeden Augenblick könne ein neues Auswanderungsdekret kommen. Dringend abzuraten ist Akademike r n, sich in Spanien niederzulassen. (Juristen, Apotheker usw.) In Spanien gibt es Aussichten nur für Handwerker, Klcinkaufleute und Zahnärzte. Um diese Art von Flüchtlingen die Einwanderung zu erleichtern, geht jetzt die H. I. C. E, M. gemeinsam mit der Gesellschaft „Fundation", welche jüdische Darlehenskassen in vielen Ländern besitzt, daran, solch eine Darlehenskassa auch in Barcelona zu gründen. Es sei vermerkt, daß manche spanischjiddische Lehrbücher bereits eine mehrfache Auflage in Warschau erlebt haben. Die ersten Ausgaben hatte die H. I. C. E. M. für Emigranten nach spanischsprechenden Ländern (Südamerika, besonders Argentinien usw.) besorgt. Jetzt sind diese Sprachbücher (spanischjiddisch!) für Spanien selbst notwendig. Schulbücher für Volks-, Haupt- und Mittelschulen, neue und antiquarische, in der Buchhandlung M. Rath, II., Taborstraße 20 A. Billige und bequeme Sonderfahrt nach Polen und Czernowitz im Sonder-D-Zug, Sammelpaß, Platzkarten. Ab Wien: 25. September, Rückfahrt: 9. Oktober. Fahrpreis Wien- Czernowitz—Wien S 100.—, Wien—Lemberg —Wien S 80.—, Anmeldung und Auskunft: Oesterreichisches Verkehrsbüro, Reisebüro „Orbis", I„ Kärtner- Straße 41, und Reisebüro „Marienbrücke", I., Rotenturmstraße 26, Telephon: R-24-2-86, R-24-2-87. AmlKdie Verlautbarungen der Ifrael« Kultu§gememde Wien« Predigten in den Gemeinde- und Bezirkssynagogen sowie in den temporären Betlokalen am Neujahrsfeste. Am Samstag, den 28. September 1935, 1. Festtag, Beginn halb 8 Uhr früh: I., Seitenstettengasse 4, Oberrabbiner Dr. D. Feuchtwang. I., Dumbagasse 3 (Großer Musikvereinssaal), Rabbiner Dr. A. Kaminka. I., Fleischmarkt Nr. 24 (Festsaal des Hotel „Post"), Inspektor I. Oehler. II., Tempelgasse 5, Oberrabbiner Dr. I. Taglicht. II., Pa,zmanitengasse 6, Rabbiner Dr. Z. Taubes. III., Untere Viaduktgasse 13, Rabbiner Dr. K. Kupfer. III., Marxergasse 17 (Großer Sophiensaal), Rabb.-Kand. Dr. I. Z. Kanner. V., Siebenbrunnengasse la, Rabbiner Dr. M. G. Mehrer. VI., Schmalzhofgasse 3, Rabbiner Dr. J. Drobinsky. VIII., Neudeggergasse 12, Rabbiner Dr. M. Bauer. X., Humboldtgasse 27, Rabbiner Dr. A. Weiner. XIII., Eitelbergergasse 22, Rabbiner Dr. M. Lewin. XV., Turnergasse 22, Doz. Dr. H. J. Zimmels. XVI., Hubergasse 8, Rabbiner Dr. J. M. Bach. XVIII., Schopenhauerstraße 39, Rabbiner Dr. A. Z. Schwarz. XIX., Dollinergasse 3, Rabbiner Dr. A. Frankfurter. XX„ Kluckygasse 11, Rabbiner Dr. B. Murmelstein. XXI., Holzmeistergasse 12, Rabbiner Dr. M. Rosenmann. — Am Sonntag, den 29. September 1935, 2. Festtag, Beginn halb 8 Uhr früh: III., Untere Viaduktgasse 13, Rabbiner Dr. K. Kupfer. IX., Müllnergasse 21, Rabbiner Dr. A. Z. Schwarz. XX., Kluckygasse Nr. 11, Rabbiner Dr. B. Murmelstein. Dispens der jüdischen Schüler vom Schulbesuche an den hohen jüdischen Feiertagen. Der Stadtschulrat für Wien hat die Direktionen (Leitungen) aller dem Stadtschulrate unterstehenden Unterrichtsanstalten in Kenntnis gesetzt, daß die israelitische Schuljugend an den Tagen des Neujahrs-, Versöhnung s-, Laubhütten-, Passah- und Wochenfestes Anspruch machen kann, vom Schulbesuche befreit zu werden. Vom Vorstande der Israelitischen Kultusgemeinde Wien werden die jüdischen Eltern dringend ersucht, von diesem ihnen zustehenden Rechte Gebrauch zu machen. Befreiung der jüdischen Kinder vom Schreiben, Zeichnen und Handarbeiten etc. an Sabbaten. Der Stadtschulrat für Wien hat sub. Z. 2316/IIa ex 1930 an alle Unterrichtsanstalten den folgenden Erlaß herausgegeben: „Die Direktionen (Leitungen) ■werden auf den K. U. M. Erlaß vom 21. Jänner 1876, ZI. 1208 (Vorschriftensammlung: Die Mittelschulen Oesterreichis von Halma Schilling S. 43) und auf den K. U. M., Erlaß vom 19. Februar 1876, ZI. 1683, M. V. BI. Nr. 9 aufmerksam gemacht, wonich bei Verfassung der Stundenpläne auf das israelitische Gebot, am Sabbat des Schreibens, Zeichnens, überhaupt der Handarbelten sich zu enthalten, tunlichst Rücksicht zu nehmen und jeder direkte oder indirekte Zwang zur Uebertretung dieses Gebotes zu unterlassen ist." Vom Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde "Wien werden die jüdischen Eltern dringend ersucht, von diesem ihnen zustehenden Rechte Gebrauch zu machen. Hebräische Sprach- und Bibelschule der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, II., Tempelgasse 3. Der regelmäßige Unterrich an der hebräischen Sprach- und Bibelschule der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, . IL, Tempelgasse 3, beginnt Montag, den 2 3. September d. J., und zwar in folgender Einteilung: Montag, den 2 3. Septem be r: 4, Klus.se Volks-Mädchen 2 bis 4 Uhr nachmittags; 1., 2. Klasse Haupt- Mädchen und Knaben. 3 bis 5 Uhr nachmittags; 3. und 4. Klasse Haupt-Mädchen und Knaben 4 bis 6 Uhr nachmittags. — Dienstag, den'24, September: 3. Klasse Volks-Knabon 2 bis 4 Uhr nachmittags; 4. Klasse Volks-Knaben 3 bis 5 Uhr nachmittags; 1. und 2. Klasse Haupt-Mittel-Knaben 4 bis 6 Uhr nachmittags. — Mittwoch, d e n 2 5. September: 2. Klasse Volksschule Knaben und Mädchen 2 bis 3 Uhr nachmittags; 3. Klasse Volksschule Mädchen von 3 bis 5 Uhr nachmittags. — Neueinschreibungen finden Montag, den 23. September, und Mittwoch, den 25. September, zwischen 4 und 5 Uhr nachmittags, im Beth-Hamidrasch, IL, Tempelgasse 3 (Parterre), statt. Bei der Einschreibung ist die Anwesenheit der Eltern u nbedingt erforderlich. Der Unterricht ist unentgeltlich. „Mißstände im Beerdigungswesen" Das Präsidium der Wiener Kultusgemeinde schreibt uns: Die Jüdische Wochenschrift „Die Wahrheit" hat in ihrer Nummer 37 vom 13. September 1935 unter der Ueberachrift: „Nach wie vor: Mißstände im Beerdigungsweaen" cino Zuschrift des Herrn Med. Dr. Josef Goldberger aus Graalitz veröffentlicht, in welcher er sich über die Höhe der ihm für seine hier im Sanatorium verstorbene Frau berechneten Beerdigungsgebühren beschwert und „seine Erlebnisse bei der Israel. Kultusgemeinde Wien" schildert. Wir haben an die „Wahrheit" nachstehende Aufklärung mit dem Ersuchen um Veröffentlichung übermittelt: „Herr Dr. Josef Goldberger (der übrigens aus dorn Judentum ausgetreten Ist), verlangte die Mitwirkung von vier Mann Chor und die Beistellung eines Klassengrabea. Die Gebühren hiefür belaufen sich nach dem Tarife, einschließlich der Gebühr für die Abholung aus dem Sanatorium und der Nebengebühren, auf S 930.—, welche Herr Dr. Goldberger zu hoch fand. Auf seine Frage, v/as geschehen -würde, -wenn er den verlangten Betrag aufzubringen nicht in der Lage wäre, wurde ihm von dem amtierenden Beamten pflichtgemäß die Auskunft erteilt, daß in diesem Falle das Begräbnis vorläufig unentgeltlich vorgenommen werden würde, wobei die Kultusgemeinde sich selbstverständlich das Recht der nachträglichen Gebührenvorachrel bung auf Grund der zu pflegenden Erhebungen über die Vermögensverhältnisse der Hinterbliebenen vorbehält. Es kann demnach von einem „M lßstand Im Beerdigungswesen" und von einem „Ueberspannen des Bogens nicht die Rede sein". Wir beehren uns Ihnen Vorstehendes zur gefl. Kenntnis zu bringen und stellen Ihnen die Veröffentlichung iu Ihrem gewb. Blatt» anhelra. JlestmmU Bittet Bestrenomm ierie Küche ytt? REICHHALTIGE MENÜS ä S 1.90 UNO 2.60 t C H W E C H A T E fi BRÄU lljHammer-Purgstall-Gcisse 3 (nädist SalitoibrDdte)©TeU-4l-0-25 Empfehlenswerte Firmen Restaurants, Caf&3 etc. A. Itarschnk, IL, Große Schiffgasse 3. 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