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Die neue Welt · 1935-09-10 · Heft 496 (10.9.1935) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 496 (10.9.1935)
Date
1935-09-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 10 Groschen lahrgang 9 Dienstag/ den 10« September 1915 Nr* 4M V« b* b< Zeitung vom Verleger versendet («Journal expediö par r6dlteur*' Titl. Universitätsbibliothek Wien, l. REVU HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Dentschlnnd monatlich Mark 1.—. vierteljährig Mark 3.—: Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—: Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire Ii.—; Schwelm und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50. vierteljährig Schweizer Franca 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich, Redaktion u. Verzvaitung: IX, Universitätsstr. 8, Tel. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Welfpoli'tilc der Wodie Schon seit Monaten wird die Weltöffentlichkeit durch wirtschaftspolitische Aspirationen in der Nachbarschaft Aegyptens beunruhigt. Man nennt die sich daraus ergebende Spannung den italienisch-abessinischen Konflikt. Während vor dem Bestand des Völkerbundes solch ein Konflikt unmittelbar nach seinem Ausbruch ausgetragen wurde — gewöhnlich militärisch —, hat er sich diesmal in eine Krise gewandelt. Die Ursache dieser Krise ist also nicht das Spannung&verhältnis zwischen Italien und Abessinien (sehr oft hat man das Gefühl, daß es gar nicht um diese beiden Kontrahenten geht), sondern ein Komplex verschiedenartiger Interessen anderer Staaten, vornehm« lieh Englands. England selbst hat seinerzeit derlei Konflikte gelöst, ohne einen anderen Staat zu fragen. Es hat sein Weltreich errichtet, ohne sich um irgend jemand zu kümmern. Ein wenig müde geworden, hat es in der letzten Zeit seine Taktik geändert, u. zw. in der Weise, daß eine neue Einstellung zu den gegebenen Konstellationen sichtbar gev/orden ist. Dem nationalsozialistischen Deutschland, dem gegenüber ein Verharren auf Versailles am Platze gewesen wäre, hat es eine freundliche Miene gezeigt: es hat ihm die militärische Aufrüstung nicht, verübelt, es hat mit ihm einen Flottenpakt geschlossen, es ist im Begriffe, ihm eine Anleihe, zu gewähren. Dem Italien Mussolinis wiederum macht es Schwierigkeiten. ,,Wie weit kann Großbritannien einer fremden Macht erlauben, eine vollständig unabhängige Kontrolle über Abessinien herzustellen? Jene Interessen Aegyptens, die sich auf den freien Abfluß des Wassers aus dem Tsana-See in Abessinien in den Nil beziehen, könnten angetastet v/erden", schreiben die „Times". Und die anderen englischen Blätter gestehen offen, daß die britischen Interessen durch Italien bedroht sind. England hat eine schwere Aufgabe. Es will aus der Institution des Völkerbundes alle Vorteile schöpfen, aber den Völkerbund aufgeben, wenn dieser gegen Englands Interessen entscheidet; es will den italienisch-abessinischen Streit schlichten und schreckt dabei vor Drohungen nicht zurück; es will Abessiniens Souveränität gegen Italien schützen und gleichzeitig so weit lockern, daß es selbst jene Position eingeräumt bekommt, auf die Mussolini Appetit hat. Frankreich steht mit seinen Wünschen in der Mitte. Das militärische Kooperationsbündnis mit Italien verlangt, daß dieses die europäische Front nicht allzusehr infolge der Operationen in Abessinien schwäche, während andererseits das gute, auf Genf beruhende Einvernehmen mit England nicht leiden soll. U n d 11 a 1 i e n? Es zögert, um seine moralische Lage zu stärken und gegebenenfalls den Rivalen England vor ein militärisch-taktisches fait accompli zu stellen. Der Wert der ideologischen Vorwände Englands und Italiens ist gleich Null. Italiens Empörung über die „Sklaverei in Abessinien" ist genau so wenig echt wie Englands Besorgnis, der Völkerbund könnte durch ein übereiltes Vorgehen Mussolinis leiden. Gleichzeitig aber darf England eine militärische Niederlage Italiens wegen des wachsenden National- und Rassenbewußtseins der Schwarzen nicht wünschen. In diesem Widerstreit der Gefühle, Meinungen, Aspirationen und Aspekte gilt es, das Beste herauszuholen. England beschwichtigt da, bedroht dort. Mussolini erklärt, die Entscheidung zugunsten einer militärischen Aktion sei gefallen, um gleich darauf wieder seinem Völkerbundvertreter Aloisi neue Instruktionen zu geben. Die Krise wird, je nachdem eine der betroffenen Parteien die Oberhand gewinnt oder Boden verliert, akuter, bzw. milder. Sie wird noch längere Zeit andauern. Es heißt eben. Zeit gewinnen. Italien rüstet, Abessinien rüstet und England verstärkt seine Positionen rings um den Suez, gleichzeitig die Weltmeinung dahin beeinflussend, daß es unbedingt den Frieden erhalten wolle. Dieser hängt auch zum größten Teil von England ab. Wenn es beiden, den Italienern und den Abessiniern, gegenüber gnädig ist, wird die Krise schwinden, o. r. Luzerner Kongreß - Wiener Kongreß - Weizmann und Jabotinsky Sechs Tage nach dem 19. Kongreß der von Theodor Herzl gegründeten alten Zionistischen Weltorganisation in Luzern hat sich in Wien der 1. Kongreß der ,.Neuen" Zionistischen Weltorganisation versammelt. An die vierzig Jahre gab es nur eine zionistische Organisation, es gab nur eine Verkörperung des zionistischen Willens vor dem jüdischen Volke und vor der Welt. Fortab sollen es das jüdische Volk und die Welt mit zwei Repräsentanzen zu tun haben. Es ist heute müßig, Betrachtungen darüber anzustellen, wie weit die neue Organisation gedeihen und die alte Organisation schwächen kann. Das Unglück der Spaltung ist da und seine Größe ist nicht daran zu messen, ob mehr oder weniger Leute von der alten zur neuen Organisation gehen. Die Größe des Unglückes der Spaltung wird durch die Umstände charakterisiert, unter welchen sie erfolgt ist. Sie wurde nicht in,.der ruhigen Zeit einer normalen Entwicklung der zionistischen Arbeit vollzogen — also in einer Zeit, da Erschütterungen schließlich überwunden werden —, sondern in dem Augenblicke der verhängnisvollsten Entscheidung. Der stürmische Aufstieg der jüdischen Wirtschaft in Palästina hat die F e i n d e desZionismus alarmiert und die Araber und die antizionistische Bürokratie der Palästina-Regierung holt zu einem tödlichen Schlag gegen den Zionismus aus. Schon in wenigen Monaten soll in Palästina ein Parlament mit arabischer Majorität errichtet werden, welches in allen lebenswichtigen Fragen des Landes, auch in der Frage der jüdischen Einwanderung und Erwerbes von Boden durch Juden, zu bestimmen haben wird. Das heißt: Die Feinde wollen den Zionismus vernichten und werden ihn, wenn der Parlamentsplan durchdringt, für Generationen zurückwerfen. Der Triumphzug des Sohnes Ibn Sauds, des Herrschers über Hedschas, durch Palästina, sein Empfang durch die Palästina-Regierung, die Feststellungen der Londoner „Times" in der Parlamentsfrage sind Anzeichen dafür, welch gewaltige Kräfte sich gegen den Zionismus gewendet haben! Und in diesem Augenblick die Spaltung der Zionistischen Organisation! Soll man es angesichts dieses Unglücks für wichtig nehmen, ob einige zehntausend Stimmzettel mehr für Luzern oder Wien, für Weizmann oder Jabotinsky abgegeben wurden? . . . Weizrnann! Jabotinsky! Zwei klingende Namen, aber doch nur Namen. Und um sie geht es jetzt. Nicht um Ideen. Das kennzeichnet den Tiefstand. In Luzern hat sich alles um Weizmann gedreht, in Wien dreht sich alles um Jabotinsky. Ein geistig verödeter, der Herzischen Grundidee beraubter, zur Parteimaschine und zum Zertifikatenverschleiß herabgesunkener Zionismus klammert sich in seiner Ohnmacht, in seiner Unfähigkeit zu verantwortlichem Handeln und in seiner schlotternden Angst vor Verantwortung an Namen, an Personen. Hebt sie in den Himmel und stößt sie in die Hölle, betet sie an, verflucht sie. Zwe! ganz ausgezeichnet begabte Männer, welche die besten Diener der großen Idee waren und noch sein könnten, werden vor die Idee gestellt. Daraus kann nur Unglück entstehen. Das Talent Weizmann und das Talent Jabotinsky müssen versagen, wenn sie vom Wege des Genies Herzl abweichen und eigene Wege gehen. Beide sind abgewichen, weil sie nicht die Kraft in sich fühlten, den schweren, harten, steil aufwärts führenden Weg Herzls v/eiterzugehen. Weizmann verzweifelte an der Idee vom Judenstaate. verleugnete sie, begann einen kleinen, billigen, verzichtenden Zionismus zu predigen, der Gnade vor den Augen der nichtjüdischen und jüdischen Gegner finden soll. Er versündigte sich nicht nur an der Idee, sondern auch an der Organisation Herzls. Um sich eine Garde in der Organisation zu schaffen, begünstigte er im Zionismus die Gruppe, welcher Parteiziele mehr bedeuten als nationale Wiedergeburt, die Partei des zerstörenden, unjüdischen Klassenkampfes. Die schrankenlose Herrschaft dieser Partei ist einzig und allein durch Weizmanns Hilfe entstanden, der ihr, um den Preis der Zustimmung zu seiner Politik des Verzichtes, die Organisation ausgeliefert hat. Durch die sogenannte „Erweiterung" der Jewish Agency, d. h. durch Einbeziehung von Nichtzionisten in die zionistische Leitung, hat er ein übiüges getan, um die Herzische Organisation ihrer Schlagkraft zu berauben. Er hat damit auch die Vorbedingungen für die Spaltung geschaffen, die jetzt von Jabotinsky proklamiert wird. * Jabotinsky hat jetzt in Wien der alten Herzl- Organisation den*Krieg erklärt. Er will sie zerschlagen. Seine Gebärde ist stark. A.ber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Motiv seines Handelns das gleiche ist, wie bei Weizmann: Verzagtheit. Schwäche. Er kämpft nicht gegen die alte Organisation, weil er glaubt, daß sie nichts taugt, sondern v/eil er daran verzweifelt, sie von innen her erobern zu können. Er wollte sie ja erobern! Er hat noch vor kurzem mit Judenstaatlern den Kampf um sie geführt. Dann hat ihn der Glaube an die Zulänglichkeit seiner Kraft verlassen, er hat sich von den Kampfgenossen, die nicht weichen wollten, losgesagt und das Feld geräumt. Er ist von der Organisation weggegangen, aber nicht weil er sie für schwach, sondern weil er sie für zu stark hält, als daß er sie von innen her erobern könnte. Jabotinsky spricht viel von den Schwächen der Herzl-Organisation und stellt sie als ein überlebtes Gebilde dar. Er verschweigt ihre Stärken. Er senweigt davon, daß der Genius ihres Schöpfers Herzl in ihr wirkt und sie zusammenhält, trotz größter politischer und sozialer Mißwirtschaft der Führer von heute. Er schweigt davon, daß sie vom Völkerbund und der Mandatarmacht als einzige Vertretung des jüdischen Volkes anerkannt ist. Er schweigt davon, daß sie im Besitze der großen Fonds ist und sich ihrer Mittel und, was viel mehr bedeutet, ihrer Tradition Bereits im Jahre 1921, auf dem 12. Zionistenkongreß in Basel, hat Dr. S. Soskin den Plan einer neuen Siedlungsform für Palästina vorgelegt. Dieser Plan zielte nach einer intensiven Kultivierung kleiner Flächen, welche die Voraussetzung einer gemischten Wirtschaft und in weiterer Folge einer Selbstversorgung die Wege ebnet. Wenn der Siedler auf einer verhältnismäßig kleinen Fläche Geflügel, Eier, Obst, Milch produziert, so ist seine Selbstversorgung gesichert und gleichzeitig die Möglichkeit eines Weiterverkaufs gegeben. Diesen Plan setzte Dr. S. Soskin in die Wirklichkeit um. Er errichtete in Naharija auf der Grundlage eines gemischten Wirtschaftssystem«» eine Siedlung, die als Muster intonsiver Wirtschaft bezeichnet werden kann. Die Siedler schließen sich zu einer Genossenschaft zusammen, die das Kapital aufzubringen hat. Ueber diese Siedlung (ihr Werden und ihre Ent- \vlchlung«mÖglichkeiten) wird Dr. S. S o s k i n sprechen. Dienstag, den 10. September 1935, halb 9 Uhr abends, im Heim, Wien I, Werdertorgasse 14 Freier Eintritt! Gäste willkommenI

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