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Die neue Welt · 1935-08-23 · Heft 491 (23.8.1935) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 491 (23.8.1935)
Date
1935-08-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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DIE NEUE WELT Nr. 491 Die im neuen Spanien Von Dr. Israel Zwi Kann er (derzeit Madrid). Unser Mitarbeiter Dr. I. Z. Kanner bereist als unsier Sonderberichterstatter Spanien, das seit der Aenderung seiner Staatsform in den Kulturbereich des Westens eingetreten ist und als Land alter jüdischer und maurischer Kultur dem heutigen Betrachter viel Interessantes bietet. Im Zusammenhang mit den Bemühungen, den Spuren alter jüdischer Kultur nachzugehen, kann das heutige Spanien als Fundgrube für Forscher und Studienreisende angesehen werden. (D. Red.) Meine Reise Traum des Menschen, zu reisen... Veränderung des Ortes, Veränderung der Luft •— Anziehung und Zauberkraft bergen sie für uns alle. Ich bezeichne die Tage, die ich heuer in der Schweiz, in Frankreich und hauptsächlich in Spanien verbracht habe, als die Festtage meines Lebens. Ueberall ließ ich die Gestalten der jüdischen Geschichte an mir vorüberziehen und gab mich zugleich dem Studium der jetzigen Lage der Juden hin, da Spanien für die Juden durch seinen großen ,.spanischen" Bluff aktuell geworden ist. Die Monate, die ich hier verbrachte, habe ich nicht unausgenützt gelassen Jeder Jude, dessen ich nur habhaft werden konnte, wurde von mir ins Verhör gezogen und mußte mir Rede und Antwort stehen. Die Fragen, die ich stellte, waren ungefähr folgende: 1. Gibt es eine zionistische Organisation? Was für Parteien? 2. Andere jüdische Organisationen? 3. Worin äußert sich das jüdische Leben? 4. Worin zeigt sich Phüosemitismus, worin Antisemitismus? 5. In welchen Städten gibt es Juden? 6. Kann man schon von Judenvierteln im neuen Spanien sprechen? 7. Welche Existenzaussichten haben Juden? 8. Aus welchen Ländern kommen Einwanderer? 9. Herrscht schon eine jüdische Abwanderung? Wohin? 10. Persönlichkeiten unter den jetzigen spanischen Juden? 11. Jüdische Studenten und jüdische Professoren an spanischen Universitäten? 12. Welche öffentliche Institutionen (Tempel, Friedhöfe, Bibliotheken usw.) besitzen bereits die Juden? 13. Was machen die Maranen? usw. Außerdem besuchte ich jedes Oertchen, von dem ich vermutete, daß es mir Material für meine Zwecke bieten werde. Ich scheute weder Mühe noch Kosten. Ich reiste kreuz und quer durch Spanien, per pedes und mit dem Auto, überall kritisch meine Betrachtungen anstellend, und glaube, so einen neuen und nicht unrichtigen Beitrag zur Geschichte der Juden in der allerneuesten Zeit geliefert zu haben. Jede Vermutung wurde auf ihre Richtigkeit geprüft und jede bisherige falsche Annahme durch Tatsachenmaterial widerlegt. Das Bild, das ich bekam, will ich hier wiedergeben. Das neue Spanien Die Juden kamen sehr früh nach Spanien, vielleicht schon auf den Schiffen des Königs Salome Sie gewannen hier großen Einfluß; ja, sogar die Namensgebung des Landes ist eine jüdische. Spanien ist ein hebräisches Wort und heißt zu deutsch: Schifferland f'Sapan Schiffer, Sfinah Schiff). Die Abbildung eines Schiffes auf spanischen Münzen (jetzt auf den 25-Centesimo-Stücken) beweist die Richtigkeit der Ableitung. Es wurde mir klar, warum unsere Altvorderen bei der Auswanderung aus dem Osten das damals am weitesten gelegene Land Spanien aufsuchten. Die glühende Sonne, deren Ausstrahlung ich schon in gleicher Kraft im Vorjahr in Erez Israel kennenlernte, läßt mich vermuten, daß unsere Väter absichtlich ein Land aufsuchten, dessen Klima dem Palästinas ähnelt, Tropenhelme, Strohhüte, hölzerne Fenster, Perlenschnurtüren, tönerne Wasserkrüge, Genuß von Wein statt Wasser, Maulesel usw., wer denkt da nicht an unsere Heimat! ... Mit einer gewissen Voreingenommenheit überschritt ich die Grenze. In jedem Spanier, der eine böse SCHLAGER DER WOCHE! Shetland-Hosenrock tnit ReiüVerschluß-lasche...........S U Mm Wollstoff-Kleid, glatt oder meld <J O " mit langen Aermeln, Modefarben ....... S ■ w Hubertusmantel ^k/L" aus grauem Loden ..............S I UW Steirer-Koetüm «1 Q'~ reine Wolle, mit grüner Blatt-Applikation . . S ■ (jebergangs-Mantel m± mreine Wolle, Herrenrevers, wattierte Schultern, aM^L ' halb K.-Seide gefüttert ............S ALLE TRAUERWAREN LAGERND SCHIFFMANN II, TABORSTRASSE 48 Miene aufsetzte, sah ich einen Torquemada. Ich hatte mir das Land ganz anders vorgestellt. Ich muß gestehen, daß ich in kindischer Phantasie geglaubt habe, eine Luft anzutreffen, die noch vom Blut und von den Tränen unserer Väter gesättigt sein wird. Und siehe da, Berge, Flüsse, Straßen, Leute, wie in allen südeuropäischen Städten . . . Halt, da lagern Zigeuner. Sie hadern mit den Polizisten, die sie zur Weiterreise drängen. So ungefähr dürften auch die Juden einst auf der Flucht „gerastet" haben. Dreimal mußten die Juden Spanien verlassen; das erste Mal beim Einbruch der Westgoten, das zweite Mal beim. Einbruch der Almohaden und das dritte Mal beim Einbruch der Inquisition. Erst in jüngster Zeit hat sich Spanien auf den Boden der Freiheit und der Emanzipation gestellt. Noch ist der Kampf gegen schwarzen Fanatismus nicht beendet. Noch ist die Gefahr einer neuen Reaktion groß. Aber der Samen der Freiheit wurde ausgesät. Schon vor der Errichtung der spanischen Republik bemühten sich gewisse Kreise in Spanien, die Nachkommen der vertriebenen Juden, die sogenannten Sephardim (Spaniolen) zur Rückkehr ins spanische „Heimatland" zu bewegen. Unter anderen war es der Gelehrte Dr. Pulido, der sich in die Levante (Balkan, Türkei, Aegypten usw.) begab, um hier unter den Sephardim für die Rückkehr nach Spanien zu werben. Ein sephardischer Jude sagte mir, daß Alfonso für die Sephardim Spanien als Heimat anerkannt hat, die Aschkenasim aber nur geduldet sehen wollte. Im Monat des Rambam bat die spanische Regierung das jüdische Volk, es möge das Unrecht, das ihm vor Generationen zugefügt wurde, vergessen. Sie erklärte das Vertreibungsgesetz für ungültig, das in Granada im Jahre 1492 durch Ferdinand, den Katholiken, und seine Frau 'Isabella, die Katholische, von Kastilien, statuiert worden war. Der Rambam Bluff Die Erklärungen der offiziellen Stellen Spaniens sind günstig. Südländer lieben Worte. Von Worten bis zu Taten ist ein gewaltiger Schritt. Schon während der Maimonides-Feierlichkeiten konnte man die Erfahrung machen, daß das Gerücht vom jetzt judenfreundlichen Spanien eine „spanische" Illusion sei. Am Anfang dachte man, der Präsident Z a m o r r a, von dem man sagt, daß er von Maranen abstamme, werde zur Eröffnungsfeier kommen, aber er kam nicht und schickte auch keinen Vertreter... Viele glaubten, daß der Staat zu Ehren des Jubiläums eine besondere Briefmarke mit dem Bilde des Rambam herausgeben werde. Aber auch dies geschah nicht — aus unbekannten Gründen ... Das judenreine Cordova Spanien versöhnt sich mit den Juden; es gibt ihnen die geraubte Synagoge von Cordova zurück. Diese alte Synagoge hat kein jüdischer Fuß seit 450 Jahren betreten. Sie diente den katholischen Schustern als Kirche. Jetzt hat die spanische Regierung sie den Juden zurückgegeben und darin (im Hofe) eine Gedenktafel zu Ehren des Rambam angebracht. Man rühmt sich nicht Torquemadas, man rühmt sich des Rambam. Da aber in Cordova nicht ein einziger Jude wohnt, wird die Synagoge nicht ihrer ursprünglichen Bestimmung dienen, sondern "bloß ein Museum bleiben. Sie steht da als Erinnerung an die Vergangenheit und als Versprechen für die Zukunft. Sonderbar! In die meisten großen Städte kamen in letzter Zeit Juden, in die eine Stadt mehr, in die andere weniger, aber keiner in die Stadt des Rambam. Cordova war einst die Mutter in Israel, wo die Tätigkeit eines Naßl R. Chasdai b. Isak ibn Schaprut ein Kulturzentrum geschaffen hat! Hier wurden geboren, lebten oder wirkten: Der Diplpmat R. Schmuel ibn Nagdila, die Talmudgelehrten R. Mosche b. Chanoch und R. Josef ibn Abithor, der Philosoph R. Josef ibn Zaddik, die Sprachwissenschaftler Menachem ibn Saruk und Dunasch ibn Labrut, die Grammatiker Juda b. David ibn Chajug und Jonah ibn Ganach. Keine Reliquie, kein Denkmal zeugt von ihnen. Nur die Straße, in der Maimonides und seine Familie wohnten, hält die Erinnerung fest. Sie heißt Ca'lle Maimonide. Die Straße, die den MaimonUdes-Platz mit dem Almodbar-Tor — dem einstigen Eingang ins Ghetto — verbindet, wurde jetzt judios benannt. In jedem spanischen Wörterbuch findet man unter diesem Schlagwort zwei Uebersetzungen: Jude und — böser Kerl... Ein davon abgeleitetes Wort, judiada, heißt: böser Streich. Vom Bahnhof erstreckt sich eine weite Straße: Passlo del Gran Kapitän. Dieser bekannte Statthalter von Sizilien war ein Freund und Beschützer des Don Jehuda Abarbanel. In derselben Straße liegt das Museum, in dem sich Grabsteine mit jüdischen Inschriften befinden. Im einstigen Judenviertel konnte ich an einem Hause Abbildungen eines Magen David und einer Dattelpalme erkennen. Nebenbei bemerkt, gibt es an der Cordovaer Universität einen Katheder für hebräische Literaten. Im Sitzungssaal der Akademie für Kunst und Wissenschaft befindet sich der Name ..Maimonides" in Fresko-Schrift unter anderen Persönlichkeiten. Im Zusammenhang mit der 300-Jahr-Feicr de3 Dichters Lope de Vega wird in Reden und Schriften die Kette der spanischen Literatur gezeigt, worin auch Maimonides als ein wichtiges Bindeglied dargestellt wird. Eine anagonischc Zeitung schrieb: „Das, was Maimonides für die spanische Philosophie gewesen ist, das war Lope de Vega für das spanische Theater. (Weitcrc Aufsätze folgen.) Jfataütmt ßestrenommiertc Küche REICHHALTIGE MENÜS ä S 1.90 UND 2.60 iCIIWEtllA'l EH BRÄU H,Hammer-Purgstall-Gasse 3 (nächst Sa!zfarbrQcke> Tel. 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