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Die neue Welt · 1935-08-23 · Heft 491 (23.8.1935) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 491 (23.8.1935)
Date
1935-08-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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-.Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 491 Billige Sonderfahrten nachPolen... Czernowitz Abfahrten: 28. August, S., 13., 25. und 26. September; Rückfahrten: 15. September. 21. Oktober „FRANCQPOL". III, R«nnw«9 1. Telephon IM*.4-90 worden für einen Bau der medizinischen Fakultät. Finanziell haben wir unser Haus in Ordnung gebracht. Wir haben dem Zionismus die Achtung der ganzen Welt durch ruhige, produktive und systematische Arbeit erworben. . Wir versuchten auch, die segenbringende Arbeit des Koren Kajeme. th zu stützen, und stellten unsere Energie in den Dienst des Keren Haje&sod. dessen außerordentliche Wichtigkeit außer jeder Frage steht. Hochgeschätzter Kongreß! Wir sind noch lange nicht am Endpunkt unseres Weges. Die staatsbauende Kraft des Zionismus wächst nicht durch Manifestationen, sondern durch methodisches, konstruktives Schaffen in Landwirtschaft und Industrie, in der Bildung des Charakters, in der Entwicklung der eigenen Sprache. Wir glauben den Propheten Israels, die eine klare Vision der Dinge hatten, die in unseren Tagen in Palästina vor den Augen der ganzen Welt vor sich gehen. Wir glauben, daß trotz des Elends unserer Zeit unser Volk den Bau seiner Heimat, der von den Chowewc Zion in noch ungünstigeren Zeiten und unter' schwereren Bedingungen begonnen wurde, beenden wird. Israel ist das älteste und, durch sein Wiederaufbauwerk, gleichzeitig auch das jüngste der zivilisierten Völker. Vor 100 Jahren stand Israel mit gesenkten Blicken und gebogenem Rücken, ein wandernder Jude, in der ganzen Welt entrechtet, da. Heute steht Israel wie ein stolzer Arbeiter mit gehobenem Kopf, ein Pionier der Zivilisation im Orient. Dieser neue Palästina-Jude denkt gar nicht daran, die Araber oder irgend jemand anderen zu beherrschen. Er ist ein freier Mensch, er denkt, redet und handelt für sich, genießt die Früchte eigener Arbeit und eigenen Geistes, geht den Geheimnissen der Zeit und der Natur auf den Grund und ruft nach Gerechtigkeit nur dann, wenn sein Recht angegriffen'wird. Wir wollen zum Schlüsse diesem großen Kongreß die herzlichen Wünsche auf Erfolg seiner Arbeit aussprechen. Basel steht in unserer Geschichtoals ein Turm-Wegweiser; möge Luzern der Leuchtturm sein unserer Zukunft. Ich erkläre den XIX. zionistischen Kongreß für eröffnet." Der traditionelle Beradhl „Die Lage des Judentums und der Zionismus" Der zweite Teil der Eröffnungssitzung des XIX. Zionistenkongresses in Luzern war von dem großen Referat Sokolows: „Die Lage des jüdischen Volkes und der Zionismu s", ausgefüllt. Mit dieser Rede setzte Sokolow die Tradition der ersten Kongresse fort, auf denen Max Nordau einen Ueberblick über die Lage der Juden aller Länder gab. Einleitend sagte Sokolow: Die Erfahrungen der letzten Jahre haben uns die Mahnung der römischen Philosophen, „sich über nichts zu wundern", oft genug beherzigen gelehrt. Aber s o wilde Wutausbrüche, so empörende Verleumdungen und Aufreizungen zum Hasse gegen eine friedliebende, wehrlose jüdische Minderheit hätte man noch vor zwei Jahren für unmöglich gehalten. Der einzige Lichtstrahl in dieser Nacht der Leiden war die Tatsache, daß die Glieder unseres Volkes wie Brüder einander treu zur Seite stehen. Die letzten zwei Jahre hüben auch früher nicht für möglich gehaltene Anforderungen an unser Volk gestellt. ' Nach einer Darstellung des Versuches, die Juden in ein neues Ghetto zu pressen, fuhr N,ahum Sokolow fort: Wir sind ganz und gar auf unsere eigene moralische Kraft angewiesen und können aus diesem gegen uns geführten Krieg nur durch unsere innere Arbeit unzerstört hervorgehen. Arbeit und Prinzipientreue. Wir sagen: Die Gleichberechtigung ist unantastbar und voll in Geltung. Wir verzichten nicht. Hier geht es nicht allein um die Judenschaft Deutschlands, sondern um die gesamte jüdische Diaspora. Der Kampf tobt gegen die „jüdische Rasse". Wir alle, die Juden der Welt, sind stolz darauf, dieser Rasse anzugehören. Und wenn die Idee der Emanzipation angefochten wird, so sind auch nicht unsere Brüder in Deutschland die einzigen Juden, die die Gleichberechtigung errungen haben. Die Juden aller zivilisierten Länder der Welt sind gleichberechtigt. Es ist also eine Existenzfrage für die ganze jüdische Diaspora. Erez Israel und Gleichberechtigung in der Diaspora! Wir haben dieses Programm einmütig auf all unseren Konferenzen im Jahre 1017 gefaßt und wir traten mit demselben vor die Friedenskonferenz in getrennten, inhaltlich aber zusammenfließenden Forderungen. Das sind unsere Postulate. Sie bedingen sich gegenseitig. Ein entrechtetes Ghetto-Judentum kann nur ein Ghetto bauen. Auf baufälligen Kehilla-Fundamenten kann man kein Nationalheim errichten. Denn wer soll nun das jüdische Nationalheim ausbauen? Wer soll das notwendige große Kapital geben oder leihen? Die Antwort ist klar: die jüdische Diaspora! Ein verfolgtes, gehetztes, von Pogromen oder Ausnahmegesetzen bedrohtes Daspora-Judentum kann für den Ati9bau <tes Nationalheims wenig oder nichts leisten. Eine jüdische Diaspora gab es seit jeher und wird es immer in größerem oder kleinerem Maestab geben. Die S o r g e um unser ganzes Volk ist eine Grundlage des Zionismus. Der Zionist kann und will nicht ein Staatenloser sein. Zionismus bedeutet nicht eine Austreibung der Juden nach Palästina, sondern eine freiwillige Rückkehr Israels nach Erez. Die Lage der Juden in Polen Der Frage der Juden in Polen sich zuwendend, sagte Sokolow: Die überwiegende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung besteht aus besitzlosen und am Rande der Erwerbslosigkeit stehenden Massen. Sie nagen am Hungertuche. Die alte Handwerkerklasse, die einen großen Teil der Judenschaft in großen und kleinen Gemeinden bildet —• in Wilno z. B. über 30 Prozent —, befindet sich in ganz besonderer Bedrängnis und ist der öffentlichen Wohltätigkeit anheimgegeben, zu einem großen Teil sogar obdachlos. Jüdische Wohltätigkeit in den Gemeinden hatte immer die Existenz eines wirtschaftlich kräftigen Mittelstandes zur Voraussetzung. Nun ist dieser Mittelstand vollständig zerrüttet. Es muß zur Ehre der Wahrheit gesagt werden, daß der Opfer sinn des polnischen Juden noch immer bewunderungswürdig ist. Es ist m e n s c h 1 i c h erhebend, zu sehen, wie der in den bescheidensten Verhältnissen lebende Jude sich die schwersten Entbehrungen auferlegt, um seine Gemeinde zu erhalten und seinen notleidenden Verwandten und Freunden zu helfen; es ist national erhebend, zu sehen, v/ie dieser Aermste sich den Bissen vom Mund abspart, um seinen Beitrag für unsere zionistischen Fonds zu entrichten. Man hört jetzt in Polen von nichts anderem als von Palästina-Zertifikaten. Und noch eines: Es kommt auch Geld aus Erez Israel. Anstatt der früheren amerikanischen Dollars kommen jetzt englische Pfunde in ganz großen Beträgen von den in Erez Arbeitenden an die alten, hungernden Eltern und Familienangehörigen: wirklich im Schweiße des Angesichtes erarbeitetes Geld der Pioniere des Ackerbaues im Emek usw. Zehntausende jüdische Familien in Polen leben schon jetzt von Erez Israel. Zionismus in Polen ist nicht allein eine große Sehnsucht nach einer besseren, schöneren Welt —- das'ist er auch ~, aber er ist noch außerdem zum letzten Brocken geworden — dank dem Geld aus Erez —, das nackte Leben zu erhalten. Wir müssen mit dieser elementaren Tatsache rechnen. Kostenlose Beratung in allen Rclseanfrelegcnhelten, Welche Palästina betreffen, mündlich und telcphonlsch Im Reisebüro „IM DIE WEIT". (Dr. S. Tocker) IX, Liechtensteinstraße 2, Telephon A-14.504 Gegenden „ungeduldigen" Revisionismus Wir alle wollen die Schaffung.eines großen jüdischen Nationalheims in möglichst raschem Tempo und im 'Rahmen entsprechender Verhandlungen in; Wort und Schrift unaufhörlich fordern; es bedarf also hiezu keiner neuen Parteibildunegen und keiner inneren Zerwürfnisse, die nur geeignet sind, die konzentrierte Stoßkraft der Organisation abzuschwächen. Hoffnung darf nicht überspannt werden, sondern sie muß vielmehr auf realen Tatsachen ruhen: daß es eben nur auf dem Wege systematischer Entwicklung, durch weise Mäßigung und strenge Selbstbeschränkung Schritt auf Schritt gelingen werde, das begonnene Werk zu schützen, zu fördern, alte Widerstände friedlich zu tiberwinden und eventuell neuen siegreich Trotz zu bieten. Wohingegen ein Sprung . in die unsichere Sphäre einer Konjunktur- und Kombinations-Politik durch ungeahnte phantastische Methoden und ungenügend durchdachte Hypothesen leider ein bedenklicher Salto mortale ist, da doch die Faktoren politischer Meteorologie unberechenbar, die Stimmungen und Launen unsicher, die Krisen und Sorgen schwer und kompliziert sind und der Antisemitismus Verlegenheiten bereitet. Wir berühren diese schmerzhafte Frage in Verbindung mit Polen, weil ihr eigentlicher Schwerpunkt in den jüdischen Massenzentren Polens liegt. Hier hat sich die Kluft zwischen den Erwartungen der notleidenden jüdischen Massen und der Wirklichkeit Erez Israels aufgetan. Wir können uns kaum einen groteskeren Mythos denken, als die Vorstellung einer Existenzberechtigung zweier z i o u i s t i s c h er P a rt e i e n, von denen die eine eine freiwillige Alijah vieler, die andere eine unfreiwillige Alijah weniger polnischer Juden naeh Erez Israel erstrebt. Das sind Hirngespinste. Die tatsächliche Lage stellt sich folgendermaßen dar: Erez Israel ist ein großes Aktivum, nicht allein in geistiger, sondern auch schon in wirtschaftlicher Beziehung in der Existenz der Judenschaft Polens geworden. Es liegt aber im wohlverstandenen Interesse der polnischen Judenheit nicht, daß man einfach die Massen nach Erez abwälze. Die Alijah ist weder eine Abwälzung noch eine Auswanderung von Individuen im landläufigen Alf werden und jung bleiben möchte jeder. So schwierig es scheint, es ist dennoch leicht erreichbar durch ständige, sorgsame Körperpflege. Ein hervorragendes Mittel dazu ist FRANZBRANNTWEIN MIT MENTHOL Massagen (Einreibungen) mit Diana-Franzbranntwein erfüllen mit verjüngender Kraft Ebenso viertvoll zur Mund- und Haarpflege. Und dabei sehr billig. Nehmen Sie nur Diana und weisen Sie wertlose Nachahmungen energisch zurück. Ueberau erhältlich! FRAUEN-BERUFS-SCHUIEN AM If „DR.-KRUGER-HEIM Zentralanstalt für Mädchenerziehung und Fortbildung Telephon A-48-0-77 Wien II, Maligasse 7 Volks- und Hauptschulc für Mädchen / Dreijährige. Höhere Lehranstalt für wirtschaftliche Frauenberufe Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäschewarenerzeugung / Beth-Jacob-Religions-Lehrerinnen-Seminar / Zweijährige Kindergärtnerinnen - Bildungsanstalt / Einjähriger praktischer Fortbildungskurs für Maturantinnen / Prospekt auf Wunsch / Internat / Streng religiöser Haushalt Sinne, wie man z. B. vor 30 bis 40 Jahren nach Amerika zu wandern pflegte, sondern ein nationales Kulturwerk, bei dem Qualität mehr als Quantität bedeutet. Die polnische Judcnt'ragc optimistisch gesehen Die Gleichberechtigung steht in Polen in der Theorie verfassungsmäßig fest, zugleich aber wächst die Not. Vom Staatsgesetz wird der Jude wohl g csch ü t z t, von gewissen Klassen und großen Massen aber ohne jeden Grund angefeindet. Steuern und Munlzipalpfiichten soll der Jude tragen, den Anspruch aufs Dasein hingegen soll er nicht erheben, weil das ein Beweis sei, daß er „die Welt beherrschen wolle". Genau wie in Deutschland sind die allgemeinen Invektiven gegen jüdische Rasse oder Geist, Religion oder Charakter in Polen nicht wirkliche Behauptungen, die man berichtigen könnte, sondern der Ausdruck einer gewissen Stimmung und auch eine Technik, eine Routine. Der Eindruck, den in Polen die. Leistungen polnischer Juden in Palästina hervorrufen, ist aber so tief, daß man in manchen Kreisen die früheren Ansichten über die Juden zu revidieren beginnt. Tatsächlich gibt es keinen Volksstamm, welcher dem polnischen Staat tüchtigere Bürger erzielt, als den jüdischen. Der polnische Jude wird von niemandem über' troffen an Fleiß und Emsigkeit, an Intelligenz und Unternehmungsgeist. Er belebt den Handel und die Industrie und stellt zur intellektuellen Klasse ein ansehnliches Kontingent. Aber gerade hier setzt der Neid ein: Je tüchtiger der Jude, desto gefährlicher, denn er will „die Welt beherrschen" — wie man von Berlin aus die Welt belehrt. Wird der wilde Antisemitismus von Deutschland nach Polen hinüberspringen? Das ist die Frage, die uns alle beschäftigt und beunruhigt. VV i r halten ein solches Unglück für unwahrscheinlich, weil die Situationen ganz verschieden .sind. Polen ist ein siegendes Land, und sein unlängst verstorbener Heldenführer Marschall Pilsudski hatte den Nationalfanatismus, den Hochmut, den Fremdenhaß und die Pogromtendenzen verabscheut. Dieser Geist muß auch seine Nachfolger erfüllen. Wir müssen unsere Brüder in Polen der leiblichen Verkommenheit entreißen, ihre Massen vorn Untergang retten, das große, ehrwürdige polnische Judentum nicht einem Prozeß totaler Pauperisierung und langsamen Aussterbens durch Unterernährung und Krankheiten preisg-eben. Besonders handelt es sich um die heranwachsende Jugend und um die vielen Waisenkinder. Alle jüdischen Organisationen der Welt müssen herhalten — und auch der Staat. Präsident Sokolow besprach hierauf die Lage in Oesterreich, Ungarn, Rumänien, Türkei, Algier, Persien, Afghanistan, Buchara, Kurdistan, Georgien, England und Südafrika und gelangte zu folgender Schlußbetrachtung: p£Sfäm ttkskm - SemamtsQ „Die Tragödie gipfelt in der Frage: Was soll aus unseren unglücklichen Brüdern werden? Wir Zionisten tun unser Teil durch Erez Israel — aber die Frage im ganzen und für die unmittelbare Zukunft ist ungelöst, Sie kann und wird nie anders als durch den Zionismus gelöst werden, denn die Flügel der jüdischen Philanthropie ermatten. Düster ist das Bild, das wir entworfen haben, aber trotz allem leben wir. Wahrlich, unser bloßes Dasein ist ein Wunder Gottes. Das jüdische Volk leidet und doch lebt es heutzutage intensiver denn je, begeisterter und tatkräftiger denn je. Aus diesem beispiellosen Volksdrama strahlt in die Galuthnacht der Lichtgruß hinaus, der Gruß aus Zion. In Erez Israel werden die. Wurzeln des jüdischen Stammes gebettet sein, dessen Wipfel in die Welt ragen werden. Das ist unser Trost. Und hoch einen Trost finden wir, wenn wir das Buch der Erinnerung, unsere Jeidcnsreiche Geschichtschronik öffnen: Wohl haben uns die Verfolgungen unsäglichen Jammer bereitet, Zehntausende und aber Zehntausende, Hab und Gut, Leib und Seele gekostet, aber unser Volk ist nicht zerstört; denn mit uns ist Gott. Ist der Zionismus die Lösung der Judeiü'ragc? Ja, auch materiell ist er die Lösung der Judenl'rago ..... wenigstens eines b e d e u t e n d c. u T e i 1 e s derselben —, durch das Nutionalheim in Erez Israel. Aber das ist nicht alles. Die Verfolgten aufzurichten, ihre bedrückten Herzen freizumachen, ist das tiefe Geheimnis des geistigen Zionismus für die Lösung der Judenfrage. Der Zionismus ist die Erzi e h ung des jüdischen Volkes zu einem Edel d a s e i n. Potentiell und i o g i s c h ist die Judenfrage schon jetzt im Zionismus gelöst. In Erez Israel einfach durch die Existenz eines innerlich selbständigen kleinen Volkes mit Sprache, Kultur, Lcbenslinie, die ihm eigen sind. Das Land prosperiert. Das ist der einzige Lichtstrahl, und das soll der letzte Strich im Bilde sein, welches die Lage der Juden in der Welt in den Jahren 1933 bis 1935 darstellt.** (Reicher Beifall folgte der Rede Sokolowi.)

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