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Die neue Welt · 1935-08-20 · Heft 490 (20.8.1935) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 490 (20.8.1935)
Date
1935-08-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 10 Groschen k lahrgang 9 Dienstag, den 20« Angusf 1935 Nr* 490 V* b» Ii* Zeitung vom Verleger versendet „Journal oxpfidie par redlteur" E Tit> ^w,../^^* 1Versit-tsbibli{ othek 'e»> i. BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, rlerteljährlg S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1J,0. vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc G.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 11.—; Schwei?; und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr.8, Tel. A-20-2-78 - Erscheint Dienstag u. Freitag Weltpolitik der Woche Der Ernst der deutschen Lage, wie ihn die Gegner des Hitler-Regimes aus den verschiedenen Nachrichten aus Deutschland zu entnehmen wissen, wobei der Wunsch als Pate daneben steht, wird nun von autoritativer Seite bestätigt. Auf der Messe in Königsberg hat am 18. August Reichswirtschaftsministcr Dr. Schacht erklärt, es wäre „verdammt gefährlich, über den Ernst der Lage mit billigen Redensarten hinwegzugleiten". Er hat einiges gegen die disziplinlos Handelnden gesagt, gegen diejenigen welche ungeregelte Aktionen durchführen (wie etwa Streicher mit seinen Pogrom-Inszenierungen), dadurch die Wirtschaftspolitik störend ... Das Wichtigste sei — Dr. Schacht bekam einen moralischen Anfall —, „daß das Vertrauen in Deutschland als einen Rechtsstaat unerschüttert bleibe". Daß es bleibe, scheint wohl übertrieben. Es wäre besser am Platz gewesen: zu hoffen, daß es wiederkehre. Denn die 30 Monate Naziherrschaft in Deutschland haben der Welt oft genug den Beweis geliefert, daß ein Staat nicht als Rechtsstaat angesprochen werden kann, wo die Machthaber sich in der ßtaattiführung ausschließlich der Lüge, der Gewalt, des Mordes, der Fälschung und ähnlicher Mittel bedienen. Nichts kann die Schwere der deutschen Krise besser beleuchten als das Geständnis Dr. Schachts, daß es im Reich gewaltige Störungen gibt, welche „die finanzielle und wirtschaftspolitische Durchführung, der vom Führer gestellten Aufgaben" erschweren. „Wir alle sitzen in einem Boot", rief Dr. Schacht aus, „und es wird niemandem Gelegenheit gegeben, auszusteigen." Das ist eine Drohung, wie sie bisher nur von den politischen Führern Deutschlands ausgesprochen wurde. Sie ist eindeutig genug, um keines Kommentars zu. bedürfen. Wenn das nationalsozialistische Regime vor dem Untergang steht, dann wird nach Dr. Schachts Konstruktion alles mit in den Strudel herabgerissen werden — nach dem geflügelten Wort des französischen Königs Louis: Nach uns die Sintflut! Im Zusammenhang mit den revolutionären Symptomen der Setzten Zzit, die sich bei Rechts und Links im Dritten Reich bemerkbar machen, wirkt Dr. Schachts Rede alarmierend; mehr noch das, was er vor der Welt verschweigen muß. Die Lage spitzt sich zu. Die Krise schreitet fort. Es hängt nur von den Deutschen selbst ab, wie lange sie noch die Folter des Hakenkreuzes dulden wollen. Von dem, was man in der politischen Terminologie „Ausland" nennt, ist nichts zu erwarten. Es hat zurzeit andere Sorgen: Abessinien. Abessinien ist das Objekt der Politik euro- XJäischcr Kolonialmächte. Italien will sich in Abesnnieri wirtschaftlich und politisch festsetzen. England will das in dem von Mussolini geplanten Ausmaß verhindern, ohne daß das Prestige Italiens in den Augen des abessinischen Volkes leide und ohne daß der Fortbestand de 3 Völkerbundes gefährdet werde. Eine heikle Aufgabe! Die Dreimächtebesprechungen in Paris standen im Zeichen dieser Bemühungen, aber der Duce hat an Italien sein Wort schon soweit verpfändet und seine militärisch-finanziellen Mittel schon soweit verausgabt, daß es jetzt nur mehr aufs Ganze gehen kann. In die Sprache der Diplomatie übersetzt, heißt das: Sicherung der wirtschaftlichen Aspirationen: In der Sprache des Naturverstandes: Protektorat. Die Frage, ob es nun, nach Unterbrechung der Pariser Dreimächtekonferenz, zum Krieg zwischen Abessinien und Italien kommen muß, ist das einzige, was heute die Gemüter beschäftigt, das Herz des Europäers beunruhigt. Denn — das fühlen sogar die der Politik fernstehenden Kreise — die Auswirk u n g e n solch eines Krieges sind nicht abzuschätzen. Sie können nur schlimm sein. Darum ist allen bange vor einem Krieg, auch wenn er sich „dort fern im Osten" abspielen sollte. o. r. Wo bleibt die Ii. Internationale? Die letzten Tage haben es völlig sichtbar gemacht: In Deutschland nimmt die Unterdrückung der menschj liehen Würde, die Schändung alles dessen, was der Kulturmenschheit heilig ist, an Rigorosität zu. Eine Aenderung der Geistesrichtung in positivem Sinne ist vom Hitler- Regime nicht zu erwarten. Was — außer der jüdischen und katholischen Bevölkerung - - dem Proletariat angetan wird an Entrechtung, Lohnkürzung, Lebensrnittclteuerung, Minderung des Eigenlebens, ist die Grenze dessen, was ein zivilisierter Mensch ertragen kann. In der Welt mehren sich die Stimmen des Abscheus. Hie und da vernimmt man sogar von öffentlicher Tribüne ein Wort der Verurteilung. Als Gegenwehr gegen das Banditenregime schuf sich sozusagen spontan eine antideutsche .Boykottfront, die Menschen nicht gerade gleicher Gesinnung und sozialer Schichtung umfaßt..Nur ein „Faktor" schweigt: Die II. Internationale. Als in den Julitagen des Jahres 1914 eine kurzsichtige, eitle, zynische Diplomatenclique den „Krieg zu machen" im Begriffe war, gab die auf ihre Macht stolze II. Internationale keinen Laut von sich. Sie, die sich rühmte, alle Räder nach Belieben stehen zu machen, versagte -...... sie schwieg. Gegebenenfalls stark im Einschüchtern nach innen, hatte sie nicht die Kraft, der öffentlichen Meinung ein Wort zu sagen, geschweige denn ihren starken Arm niedersausen zu lassen. Nichts. Nicht einmal eine leere Geste. Viele Gruppen und Kreise, Intellektuelle und manuelle Arbeiter, dte vielverachteten Kleinbürger, all die Menschen „ohne soziales Verständnis", haben begriffen, daß der Boykott gegen das verbrecherische Hakenkreuzregime ein wirksames Mittelt ist. Man organisiert sich. Man schickt Parolen in die Welt. Man bringt kommer-« ziehe Opfer. Und die Internationale? Sie schweigt. O ncinf Manchmal redet sie doch — allerdings gegen den Boykott, der den deutschen Genossen selbst treffe und seine Schlagkraft lähme .. . Eine windige Argumentation. Würde die II. Internationale mitsamt ihren intellektuellen Anhängern eine geschlossene Boykottfront gegen Deutschland propagieren, dann könnte der Erfolg dieser Aktion die Leiden; der deutschen Arbeiter abkürzen. Aber die Hoffnung auf solches Tun ist gleich null. Haben doch unsere jüdischen Sozialdemokraten selbst, die Herren Linken und Führer der palästinensischen Arbeiterschaft, mit der Hitler-Regierung das sogenannte Transferabkommen getroffen und dem selben Hitler-Deutschland, das die deutschen Juden bis zur Ausrottung verfolgt, die Tore des palästinensischen Warenmarktes geöffnet. Mit den Herren der II. Internationale ist also nicht zu rechnen. Wie sie im Sommer 1914 versagten, so versagen sie im Sommer 1935. Das Protzen mit der Kraft hat niemandem imponiert, denn im entscheidenden Augenblick erkannte man, daß alles nur Ohnmacht war. Die Juden, die da und dort den sozialdemokratischen Parolen nachliefen und von der Macht der II. Internationale der Welten Heil erwarteten, müssen jetzt sehen, daß sie einem Phantom gefolgt sind, und die Lehre aus dieser Erfahrung ziehen. Müssen? Die Verteilung der Mandate auf dem Luzerner Zionistenkongreß spricht nicht dafür. Denn die Anhänge«- der II. Internationale, die Herren des „Arbeitenden Palästina", dominieren. Die Herren, welche für das Transferabkommen mit Hitler- Deutschland verantwortlich sind. Vielleicht beginnt —- von Luzern aus — das Erwachen. / ' §freidiers erstes Antreten in Berlin Aus Berlin meldet die J. T. A.: Am Donnerstag, den 15. August, abends, trat Julius Streicher zum ersten Male öffentlich vor einer Berliner Zuhörerschaft auf. Er sprach zweieinhalb Stunden, und der Erfolg war, daß nach der Versammlung die Teilnehmer unter Ausrufung antisemitischer Parolen in Lastautos und zu Fuß durch Berlin zogen, ein Geschäftslokal demolierten und nichtarisch aussehende Passanten verprügelten. Man nimmt an, daß die Mißhandelten keine Juden waren, denn man hält es für ausgeschlossen, daß Juden die von der Gemeinde ausgegebene Parole, an diesem Abend in ihren Wohnungen zu bleiben, nicht beachtet hätten. Die von Juden bevorzugten Cafes und Restaurants waren denn auch vollständig leer. Ueber die Rede Streichers berichtet das offizielle Deutsche Nachrichtenbüro: Gauleiter Julius Streicher sprach zum ersten Male in den beiden größten Versammlungslokalen Berlins. Der Sportpalast mußte bereits vor 18 Uhr wegen Ueberfüllung polizeilich geschlossen werden. Streicher wandte sich zunächst den Lügenmeldungen eines Teiles der ausländischen Presse zu. Er sei heute gerade deshalb hierhergekommen, um den Vertretern der Auslandspresse einiges zu sagen. Die Auslandspresse habe ihn, Streicher, den blutigen Zaren von Franken genannt. Er habe dann ausländischen Pressevertretern Gelegenheit gegeben, sich selbst in Nürnberg umzusehen, und sie hätten dort zu ihrem Erstaunen keinen einzigen toten Juden (!) gefunden. Am Kurfürstendamm sei auch kein Jude totgeschlagen worden. Wir kümmern uns nicht um die Hinrichtung von Negern in Amerika. Man soll sich nicht darum kümmern, wenn wir in Deutschland Rassen Schänder durch die Straßen führen und damit abschreckend wirken wollen. Die Judenfrage ist nicht schon, wie manche annehmen, mit der nationalsozialistischen Machtübernahme gelöst, die schwerste Arbeit beginnt vielmehr erst jetzt. Wer als Parteigenosse glaubt, er diene dem großen Ziel der Bewegung, wenn er den Juden niederschlägt oder seine Fenster zertrümmert, war nie Nationalsozialist und wird es nie werden. Ich glaube auch nicht, daß die Nationalsozialisten Schandtaten verübt haben^ das waren Provokateure (!), das hat man geriehtsamtlich festgestellt. Zum Schluß seiner Rede sagte Streicher: Bolschewismus ist radikale Judenherrschaft. Daß es in Deutschland auch so gekommen wäre, wenn Adolf Hitler das Volk nicht vom Abgrund zurückgerissen hätte, vermag nur ein Lump zu leugnen. Durch den Kampf des Nationalsoznilismus gegen das Judentum wird das deutsche Volk erlöst von einer Rasse, die ewig den Mord von Golgatha an der Stirne trägt. Die anderen Völker werden uns einmal für diesen Kampf dankbar sein. Soweit der Bericht des offiziellen DNB. Die Zeitungen geben Stellen aus der Rede Streichers wieder, die weit schärfer und zum Teil auch grotesker klangen. So erklärte Streicher, Jesus sei der ,,e, r s t c Antisemit" gewesen. Zu den ausländischen Pressekorrespondenten gewendet, rief er aus: „Ich Die grüßen, vorzüglichen Salonschiffe „Galilca", ,.1'alestina" und „Gcriisalemme" tler direkten Eillinie des verkehren jeden Mittwoch und jeden zweiten Freitag: / Fahrpreis in der ausgezeichneten Touristenklasse samt vier Mahlzeiten tliglich bloß Lire 555.— / Auskünfte; Lloyd Triestino. Wien I, Käntnerring Nr. (i

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