Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 483 (26.7.1935)
- Date
- 1935-07-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE NEUE WEL1 Nr. 483 Wedgwood ist unser bester Freund, er ist aber in noch weit größerem Maße ein — Freund des englischen Imperialismus. Sein Zionismus — und es ist ein hundertprozentiger politischer Zionismus — ist mit den englischen Stciatsintercssen eng verbunden. Wedgwood ist noch ganz und gar ein Bibel-Leser, ein Träumer, ein sentimentaler Christ, der davon träumt, der Messias möge kommen und sein verfolgtes Volk nachhause zurückbringen. Unbeschadet seiner ganzen altmodischen Einstellung und seines ritterlichen Liberalismus ist Oberst Josiah Wedgwood, Mitglied des englischen Parlaments, ein heißer englischer Patriot — um vieles größer und weitblickender als manche konservative Extremisten. Noch mehr: er ist ein echter Imperialist. Vielleicht einer der wenigen überlebenden Imperialisten von einst, die das britische Imperium erhalten und erweitern wollen, weil sie an dessen große Kulturmission glauben. Weil Wedgwood ein Imperialist mit gesundem Appetit für eine weitere Expansion ist, ist er auch ein Freund des jüdischen Volkes und des Zionismus. Allerdings nicht ins Leere hinein. Er glaubt im Ganzen und Großen an das System der Zusammenarbeit. Hält es für klug und historisch richtig. Er wünscht, daß die Juden aus allen vier Enden der Welt Englands Freunde sein sollen. Ein Bündnis zwischen Judenheit und England ist Wedgwoods Traum, weil die beiden sich in ihren Talenten gegenseitig ergänzen. Einen konkreten Ausruck dieses Bündnisses zwischen dem Stärksten und dem Schwächsten sieht Wedgwood im Zionismus, in einem jüdischen Staat am Rand des Mittelländischen Meeres. Der Imperialist Wedgwood ist auch der Zionist Wedgwood. Die beiden Momente sind bei ihm eng verflochten. „Zionismus gehört zur praktischen englischen Politik im Osten", wiederholte Wedgwood öfters. Deshalb verlangte er von der Palästina-Regierung positive, klare Aktionen zugunsten der schnellsten Verwirklichung des Zionismus. * Die imperialistische Konzeption seiner zionistischen Politik hat Wedgwood zur Idee eines Dominions geführt. Der Ausdruck „Nationales Heim" und die Regierungsform „Mandat" sind für ihn zu allgemein gehalten. Er hat Klarheit gesucht. Natürlich hat er sich nicht, wie viele meinen, vorgestellt, daß Palästina gleich in ein britisches Dominion verwandelt werde. So naiv ist er nicht. Die „Liga für das siebente Dominion" hat sich zur Aufgabe gestellt, in Palästina solche politische und ökonomische Bedingungen zu schaffen, die im Verlauf der Zeit Palästina zu einem Teil des britischen Imperiums zu machen vermögen — zu einem Dominion mit jüdischer Majorität. Mit anderen Worten: Judenheit und England müssen sich schon jetzt bezüglich des zukünftigen Statuts von Palästina einigen. Noch mehr: England muß eine Politik führen,' die eine jüdische Mehrheit zu ermöglichen hat; und diese jüdische Mehrheit wird dann Palästina als Dominion proklamieren. Ein klarer Gedanke. Er schließt nebelhafte. Vorstellungen bezüglich der Zukunft aus. Er schließt gegenseitiges Mißtrauen aus. W i r helfen euch einen Staat schaffen und i h r verpflichtet euch, ihn in den Rahmen des Imperiums hineinzubringen. W i r Engländer geben euch unsere Stütze und unseren Schutz; ihr Juden werdet Neu renoviert! Glattere ntw * Restaurant Wien VI, Schmalzhofgasse 12 Menü a S 1.-, 1.50,1.80,2.-, 2.30, ä la carte billige Preise Altbekannte, gute Küche. Oute Bedienung. Kein Trinkzwang unsere ewigen Freunde im Vorderen Orient sein. Es ist dies vielleicht der einzige gesunde und konstruktive Gedanke seit dem Weltkrieg: und gekommen ist er, wie es öfters geschieht, von einem Nichtjuden. Aber statt diese Idee freudig aufzunehmen, hat man sie jüdischerscits abgelehnt. Es wird noch eine Zeit kommen, wo wir diesen traurigen Abschnitt vor der Oeffentlichkeit enthüllen werden. (Ein zweiter Artikel folgt.) Jüdischer Sport und Olympiade Von Prof .Ernst Vogel (Brünn). Der Verfasser stellt uns den nachfolgenden Beitrag zur Verfügung und erwartet, daß die jüdische Presse ihn nachdrucken wird. Es ist ein Gefühl der Beschämung, das mich ergreift, wenn ich darangehe, über die Teilnahme jüdischer Sportler einen Artikel zu schreiben. Denn eigentlich sollte es nicht nötig sein, darüber auch nur ein einziges Wort verlieren zu müssen. Ich habe vor einigen Monaten berichten müssen, daß ein Mitglied des Makkabi sich bei der deutschen Tischtennismeisterschaft in Hamburg beteiligt hat. Die Prager „zidovske" zprävy" berichtigten mich dahin, die betreffende Spielerin hätte ja nur einen einzigen Kampf bestritten! Die Anprangerung dieses traurigen Falles hat nicht genügt, um einige Menschen, welche ihre Sportpsychose um den letzten Rest jüdischer Ehre und Würde gebracht zu haben scheint, zu veranlassen, mit dem Gedanken einer Beteiligung von Juden an der Olympiade zu kokettieren, wenn nur „gewisse, Bedingungen'* erfüllt werden würden. Ich kenne diese Bedingungen nicht. Aber wie sie auch beschaffen sein mögen, sie könnten in den Augen eines Juden, der nur einen Funken Ehrgefühl besitzt, nicht akzeptabel sein. Nun liest man in den letzten Wochen von den Vorbereitungen eines Wiener Hakoah-Mitgliedes zur Olympiade, und das „Prager Tagblatt" berichtet, daß der Läufer Engel wohl wegen einer Verletzung derzeit für die Teilnahme an der Olympiade nicht in Betracht käme. Das heißt also: als Nichtverletzter wäre er als Olympiade- Kandidat zu betrachten. Diese zwei Fälle betreffen Mitglieder von Vereinen, r Anläßlich der Promotion unseres Präsidenten Koppel Blum zum Doktor der Philosophie gratuliert herzlichst der Waad des1 Zeire W'Hechaluz Hamisrachi Ausschreitung und des Trunks, mit einem Wort, die „Stadt des Jona", nicht weil Jona in sie floh, um sich vor Gott zu verbergen — ein Zeichen doch, daß er vermeinte, Gott sei nicht in ihr — sondern „Stadt des Jona" nach dem Wortsinn, Stadt des Betrugs. Es ist eine große Gefahr für unser Tel-Aviv, zu einer Levante- Stadt zu werden, eine Menschenanhäufung ohne Gesicht, ohne geistigen Halt, der sie zu einem Stück, einer Kulturform zusammenbindet. Deshalb meine ich, daß man gerade in dieser Stadt auf der Hut sein muß, daß sie gerade in der ersten Zeit ihrer Entwicklung Einrichtungen mit ernstem, tiefem kulturellem Gepräge errichten muß, um gegen die Gefahren zu kämpfen, die der jungen Seestadt mit ihrer Bevölkerung aus allen Ländern drohen. Tatsächlich macht sich diese Gefahr in unserer Stadt bereits bedenklich bemerkbar. Allerlei Einrichtungen einer „leichten", aber zweifelhaften und verdächtigen Kultur, vor denen man sich kaum retten kann, schießen v/ie Pilze aus dem Boden. Lesen Sie die Liste dieser Institutionen im Aufsatz von Schwadron, Mosnajim, Heft 2, dieses Jahrgangs, und Sie werden erschrecken. Wir haben also alle möglichen Institute für Lustbarkeiten, Tanz, Ball, „Schönheit" usw., all das „höhere Glück", das zu einer levantinischen Hafenstadt gehört, Kinos, Klubs, Säle und Vergnügungspaläste zum Zeittotschlagen und Geschwätz. Ist es da nicht Zeit, auf Einrichtung eines Institutes anderer Art zu drängen, eines Instituts wahrer Kultur? Ist noch nicht die Zeit gekommen, wo man in unserer Stadt ein Thora-Institut aufrichten sollte, um „feste Zeiten für die Lehre" zu proklamieren? Ich sehe in diesen Volkshochschulkursen der Universität einen Beginn, einen neuen Wendepunkt in der Entwicklung unserer Stadt. Zum erstenmal ist jedem Wissens- und lehredurstigen Juden in unserer Stadt die Möglichkeit geboten, sie zu erlangen. Es liegt nur an uns zu empfangen, was man uns zu geben bereit ist. Professoren der Universität opfern uns von ihrer Zeit und von ihrem Wissen. Aber schon jetzt sehe ich, das Tel-Aviv, ihrem Opferwillen würdig geantwortet hat und in diesem Haus, wie mir scheint, mehr als 300 seiner Menschen versammelt hat — ein gutes, segensvolles Zeichen. Ich muß gestehen, daß ich auf eine so große Zahl von Interessenten nicht gerechnet habe, und ich freue mich ehrlich über diesen glückhaften Beginn. Ich kann nur wünschen, daß der Fortgang diesem Beginn entsprechen möge und wir uns alle miteinander des Abschlusses, des Sijum, freuen dürfen. Es heißt: aller Anfang ist schwer, aber in Wahrheit ist aller Anfang leicht, schwer aber ist meist die Fortsetzung. Ich würde mich freuen, wenn ich bei Semesterschluß unter Ihnen sein und sehen könnte, daß sich ihre Zahl nicht vermindert hat, daß nicht einer nach dem anderen abgebröckelt ist. Ich muß noch einiges sagen. Ich weiß, das Publikum liebt leichte Dinge, es ist in den letzten Jahren an leichte und angenehme Vorträge, Predigten und Reden gewöhnt. Thora und wirkliches Wissen haben sein Ohr nicht. Lernen ist kein leichtes Vergnügen, es ist nicht so anziehend, es fordert Ueberlegung, Konzentration und geistige Anstrengung. Die Lehrer sind auch nicht immer große Redner. Nicht immer verstehen sie, gut und mit all der Beweglichkeit und Anmut zu sprechen, die vom guten Redner verlangt wird. Das Publikum gewöhnte sich daran, seine geringen Kenntnisse durch eine Art „Flirt" mit Lehre und Weisheit zu erlangen. Aber die wahre Thora liebt keinen Flirt. Sie gleicht der Jugendgeliebten im Buch der Sprüche Salomonis, die „lieblich ist wie eine Hündin und anmutig wie ein Reh". Sie liebt ihren Dienst und die Vereinigung mit ihr nur, damit sich in ihr verwirkliche: „Immer wieder bist du besessen von ihr in Liebe". Betrachten Sie die Chaluzim, die hierher kommen, um körperlich zu arbeiten! Wer sind sie? Jünglinge aus Lehrhäusern und Kaufhäusern. Im Anfang fällt es ihnen sicher sehr schwer, ihren Körper an die aufreibende Arbeit zu gewöhnen. Alle ihre Knochen snüren sie, bis sie der körgerliehen Arbeit gewohnt dio dem M akk abi- Weltv erb an d angeschloa« sen sind. Es ist die höchste Zeit, daß die jüdische Oeffentlichkit zu diesen ungeheuerlichen Plänen Stellung nimmt« Hier hann es nur eines geben: Sofortige Erklärung des Makkabi-Wcltverbandes, daß dlo Teilnahme seiner Mitglieder bei der Olympiade bei Strafe dos Hinauswurfes wegen Ehrlosigkeit verboten ist! Beschämend wäre es, wenn auf dem im Herbst stattfindenden M. W. V .-Kongreß erst eine Debattedarüber abgeführt werden müßte. Man hat mir schon den Einwand gemacht: Dio jüdischen Sportler hätten bei der Olympiade den Nazia ihr Können zu zeigen. Ist wirklich jemand so verblendet, anzunehmen, diea könne der Judenheit auch nur den geringsten Vorteil bringen? Wir Juden können dem Dritten Reich gar nichts „zeigen". Keine noch so hervorragende Leistung, au£ welchem Gebiete immer, vermag uns in den Augen der. Hitlerdeutschen Achtung zu verschaffen. Gegen die Pauschalverleumdung unseres Volkes, gegen seino blutige Unterdrückung durch Hitler-Deutschland kann es nur eine Stellungnahme geben: Ablehnung von allem und jedem, was mit Hitler-Deutschland irgend eine Beziehung hat. TJnscro zionistische Exekutive hat dio Schmach eines Transfer-Abkommens Palästinas mit Deutschland möglich gemacht. Soll es vielleicht auch ein Sport-Transfer geben? Mögen doch jene selbstbewußten Juden, die in den großen Versammlungen des jüdischen Volkes zu Worte kommen, alles daran setzen, um unsere Ehra auch in dieser Sache zu verteidigen! Es muß allen Bestrebungen, unsere Ehre durch Teilnahme jüdischer Sportler ander Olympiade zu besuchen, ein kategorisches „Nein" entgegengesetzt werden, Wir erhalten von einem Wiener praktischen Arzt nachstehende Zuschrift: „Folgender Vorfall wäre geeignet, den Grad der Volksverhetzung zu illustrieren und dem österreichischen Judentum die Oefahren, die ihm von einem schleichenden braunen Antisemitismus her drohen, so recht zum Bewußtsein zu bringen. In meiner ärztlichen Praxis hat sich folgende Begebenheit ereignet: Ein arbeitsloser Patient hat mich wegen seines Asthmaleidens konsultiert. Ich habe mich des Patienten, von dem ich kein Honorar verlangt habe, als Arzt und mitfühlender Mensch angenommen und Ihm ein Medikament verschrieben. Das Kezeptformular hat der Patient vom Armenarzt abstempeln lassen. Nach Ueberprüfung der Unterschrift überreichte der Amtsarzt dem Patienten das Rezeptformidar mit der Bemerkung: ,Was, zu einem Juden gehen Sie?' Einen Kommentar zu diesem Vorfall zu geben, erachte ich für überflüssig." Billige Sonderfahrten nach Polet» und Czcrnowitz. Abfahrten Sonntag, 28. Juli, 4., 11, 18. und 25. August. Rückfahrten am 4. August, 1. und 15. September. Nach Zakopane zu den Bergfeste-Feiern vom 4. bis 11. August. 70 Prozent ELsenbahnermäßigung. Polnisches Visum gratis. Reisebüro „Francopol", HE., Rennweg 1, Telephon Nr, JJ-16-4-9Q. sind. Ist es nicht angebracht, auch für geistige Arbeit anfangs, in den ersten Monaten, etwas zu leiden? Nachher, bin ich gewiß, werden Sie an dieser Arbeit Geschmack gewinnen und mit ihr verbunden bleiben* Seien Sie aber auch geduldig und nachsichtig mit Ihren Lehrern, wenn Ihnen die Dinge vielleicht im Anfang wegen der Form der Darbietung nicht immer besondere Freude machen. Nicht jeder gute und bedeutende Professor ist auch ein guter Vortragender. Ich muß Sie darum warnen. Die meisten unter Ihnen sind gewohnt, einen Vortrag nach Gefälligkeit und Form der. Darbietung zu beurteilen. — Seien Sie geduldig, dringen Sie in die Dinge ein. Sie werden merken, daß sie dio Mühe der Zeit, die Sie ihnen opfern, wert sind. Sie werden zweifellos dann reicher von hier fortgehen, als Sie gekommen waren. Und wenn ich Sie und die Pro» fessoren begrüße mit den erhabenen Schriftworten: ,,Gottes Huld sei mit Euch und er fördere das Werk Eurer Hände", so möchte ich hinzufügen, daß ich selbst, wenn ich so jung wäre wie Sie, gerne mit Ihnen zusammen als Schüler vor unseren Lehrern sitzen würde. Ich glaube bestimmt, daß auch ich viel dabei lernen könnte, daß es hier viel zu lernen für mich gibt. Und zum Schluß begrüße ich das Oberhaupt unserer Stadt, der diese Institution einweihen durfte, die, wie ich meine, die Krönung der gesamten Kulturarbeit unserer Stadt werden soll. Ich möchte auch noch Jerusalem berühren, das sich selbst als eine Art Monopolträger der Thora betrachtet. Jerusalem überlies Tel-Aviv die leichten Dinge und Vergnügungen, die schwere, ernste Thora wollte es für sich allein haben. Ich möchte keinen Streit darüber, unsere Stadt ist keine Nebenbuhlerin für Jerusalem, Gott bewahre, aber ich glaube auch, daß Jerusalem sich gemeinsam mit uns der Lehre freuen wird. Wenn wir zum Sijum kommen werden, wird die Thora für beide Städte, Jerusalem und Tel-Aviv, genügt haben und beide werdeu zufrieden sein.