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Die neue Welt · 1935-07-12 · Heft 479 (12.7.1935) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 479 (12.7.1935)
Date
1935-07-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 479 DIE NEUE WELT Seitab, RUNDSCHAU Un§eligen Angedenkens ♦ ♦ ♦ Die Geschichte wiederholt sich. Bewegungen früherer Zeiten kehren wieder, tauchen auf, gehen unter. . . . Wie ein Traum mutet uns die Erinnerung an jene Zeit an, da einzelne Zionisten in bezug auf die Möglichkeit, Palästina zur Kolonisation zu bekommen, ungeduldig wurden und ein Territorium außerhalb Palästinas verlangten. Sie bekamen den Namen „Territorialisten" und ihr Wortführer war der englische Schriftsteller Israel Zangwill, ein Mann von zweifellos patriotischer Gesinnung und fanatischem Aufbauwillen, innerlich Verehrer Herzls und seiner Judenstaatsidee und dennoch — Territorialist! Man weiß, daß die territorialistische Bewegung sich bald vom eigentlichen Zionismus loslöste und ihren, eigenen Weg ging, einen Weg allerdings, der ins Nichts führte. Versunken und vergessen. . . . Der Territorialismus ging unter, der Zionismus wurde von Jahr zu Jahr greifbarerere Realität. Und wieder gibt es Menschen, die auf die überlebte territorialistische Ideologie zurückgreifen und sie zu neuem Leben erwecken wollen. Demnächst wird in London auf Initiative von Anhängern der sogenannten „Freilandbewegung" eine Konferenz tagen, auf der eine internationale Organisation zur Förderung jüdischer Massenkolonisation in überseeischen Ländern geschaffen werden soll. Die ,,Freilandbewegung" ist eine neue Art Territorialismus. Sie geht auf den Gedanken zurück, daß die immer drängender werdende Judennot sich mit Palästina nicht begnügen könne, sondern andere Niederlassungsmöglichkeiten durchsetzen müsse. Da es in einzelnen Ländern bereits jüdische Kolonisationsverbände gibt, so rechnet man mit einer starken Beteiligung und ebenso starker Resonanz. Gewiß ist das Bestreben, den zur Auswanderung gezwungenen Juden so rasch als möglich eine Zufluchtsstätte anzuweisen, verständlich und auch vom zionistischen Gesichtspunkt begrüßenswert. Alle Teile des jüdischen Volkes sollen, wo immer sie gefährdet sind, geborgen werden. Als Hitler-Deutschland die Juden zur Auswanderung zwang, waren es vornehmlich die Zionisten, die allsogleich eine Aktion unternahmen. Aber schließlich ergab sich als Resultat aller Bemühungen doch nur die zionistische Lösung: Rückkehr nach Palästina und Verwurzelung dortselbst. Die großzügigen Pläne des Baron Hirsch in Südamerika und der sowjetrussischen Regierung in der Krim und in Biro Bidschan waren nicht einmal Teillösungen. Es gibt keine jüdische, geschweige denn zionistische Gruppe in der Welt, die nicht Zugriffe, wenn es heißt, Juden umzuschichten und anzusiedeln, Juden ein — „freies Land" zu geben, wo sie sich eine menschenwürdige Existenz schaffen können. Aber die Hoffnung großziehen helfen, daß der Jude in irgend einem Land sich seine Heimat bauen könnte außerhalb Palästinas, das ist die eben geschilderte „Freiland-Bewegung" zu einem politischen Faktor im Judentum werden lassen, ist verfehlt. Das soll man weder unterstützen, noch' stillschweigend dulden. Letzten Endes wird die „Freiland-Bewegung" als politisches Element ebenso scheitern wie seinerzeit der Territorialismus unseligen Angedenkens. Ein Bilde in die Äusirittsh'ste Seitdem das nationalsozialistische Deutschland die „Nicht-Reinrassigen" ausgeschaltet und verfemt bat, nimmt sich eine gewisse Presse, vornehmlich die nooj immer bestehende „judenliberale" und direkt assimilatorische, einzelner Namen an wie zum Beispiel des Geigers Fritz Krcisler und des Dirigenten Bruno Walter reetc Schlesinger; zweier Männer, die längst schon dem Judentum Ade gesagt haben, nichtsdestoweniger aber fortdauernd als jüdische Heroen gefeiert werden, sogar in einzelnen nationaljüdischen Zeitungen ... Man besehe die Austrittsliste und man wird, soweit man nicht als Kenner der jüdischen Golusgeschichte auf alles gefaßt ist, seine blauen Wunder erleben. Die letzte von uns veröffentlichte Austrittsliste enthält u. a. den Namen eines Musikdirektors Ormandy. Vor kurzem las man, daß dieser Dirigent ein Amerikaner sei, dann plötzlich, daß man ihn eigentlich den Magyaren zuzählen müsse, um schließlich aus dem Matrikelamt der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde zu erfahren, daß er diese verlassen habe und eigentlich Blau heiße. Herrn Blau ging beim Austritt die Gattin voran, Frau Blau-Ormandy, geb. Goldner, Tochter einer Frau Goldner, welche die Schwester des berühmten jüdischen Schauspielers Rudolf Schildkraut ist. Herr Ormandi, amerikanischer Dirigent und magyarisches Vollblut, ausgetreten aus dem Judentum, gilt der „jüdischen" und ihr nahestehenden Auskünfte Met Reise» h<uU PM&StlM eeteiU Vt. $. lotitet Wien IX, Liechtensteinstr. 2, Tel. A.Ht-50*» Presse als ein zu, schätzender Künstler ohne Nationalität, denn Kunst sei international, und wie die Schmockereien aer Presseliteraten sonst noch lauten... Es ist nicht ausgeschlossen, daß Herr Blau-Ormandy, wenn ihm nichts anderes übrig bleibt, plötzlich (nach dem Muster der für Maimonides singenden ausgetretenen Fritzi M e r 1 c y) als Star auf einem jüdischen Fest erscheint, wobei sich die Veranstalter noch ganz besonders geehrt fühlen. Besehen wir uns weiter unsere letzte Austrittsliste. Wir stoßen da beispielsweise auf den Namen des Publizisten Dr. Alexander S alkind, der doch zweifellos als Vertreter einer jüdischen Journalistik gegolten hat und bei denen, die von seinem Austritt nichts wissen, auch weiterhin gelten wird. Ja, Herr Dr. Salkind wird — ebenfalls ohne Zweifel —, wenn die Umstände dafür sprechen, weiterhin im jüdischen Gesellschaftsbereich bleiben und ihn seinen Zwecken dienstbar machen. Denn es ist unwahrscheinlich, daß er der „Verjudung der Presse" durch seine E n t judung begegnen will. Es ist nützlich, bisweilen einen Blick in die Austrittsliste zu tun ... An jedem Sonntag ^UH Sonderfahrt nach Polen und der Bukowina Direkte verkürzte Reisedauer, Sammelpaß. Rückfahrt: 4. August, 1. und 15. September. Anmcldeschluß Donnerstag Reisebüro v91 R U T " Ref. S. Rosenkranz Tel.: U-44-5-79,1, Karlsplatz 1, Kärntnerstraße 63 Was sich Palästina gefallen läßt Ein deutsches Schiff, das die Hakenkreuzfahne trägt, bringt Touristen nach Palästina; Touristen, denen man die heiligen Stätten zeigt und planmäßig nur noch verödete Landschaften, zerstörte Plätze, aber nichts von der jungjüdischen Aufbauarbeit. Viele dieser Reisenden wollen Tel-Aviv sehen. Die Schiffsleitung lehnt das Verlangen auf Grund strengen Befehls der deutschen Regierung ab. Die Reisenden dürfen nicht erfahren, was der in Deutschland verfemte und niedergehaltene Jude auf freiem Boden leistet. Aber etwas wird diesen rationierten Touristen gezeigt: Saronna, die von Deutschen bewohnte Kolonie neben Tel-Aviv. Nazideutsche besuchen ihre Stammesbrüder in Palästina! Kürzlich gab's wieder solch einen Besuch und bei einer festlichen Veranstaltung sagte ein Redner: „Saronna ist umringt von Feinden; vergeßt nicht, in Deutschland ist das Verhältnis: hundert Arier und ein Jude, aber hier sind hundert Juden und ein Arier. Saronna ist in Gefahr wegen der Juden." Der Mut dieses Redners ist nicht überraschend. Kann er sich doch innerlich darauf berufen, daß das jüdische Palästina nicht viel auf Ehre hält, wenn es von Hitler-Deutschland Waren bezieht; und ferner darauf, daß die Juden des nachbarlichen Tel-Aviv den Saronnaer Hitler-Deutschen Eier, Butter, Geflügel usw. aus den Händen reißen. Der Kampf gegen das große Transfer-Deutschland gilt allerorts als schwer. Aber nicht schwer, dünkt uns, könnte es sein, die Sarronaer deutschen Hitler-Anhänger davon zu überzeugen, daß Tel-Aviv etwas von jüdischer Ehre hält und nicht gewillt ist, sich importierte Nazimanieren gefallen zu lassen ... Judische €irote§ken Zionismus ohne Zionisten Aus Budapest wird berichtet: Unter dem Vorsitz des Gemeindedistriktspräsidenten und Präsidenten der Szegeder Isr. Kultusgemeinde, Dr. Samuel Biedl, fand in Makö die XXII. Gemeindedistrikts konf e r e n z statt. Nach der Predigt des Privatdozenten Oberrabbiners Dr. Armin Kecskemeti, gab Dr. Biedl der Hoffnung Ausdruck, daß die durch die ungerechten Judenverfolgungen verletzte sittliche Weltordnung nach dem Siege von Wahrheit und Gerechtigkeit wiederhergestellt werden würde. Der Numerus clausus in Ungarn bringe dem Lande nur Nachteil, denn auf seinen Spuren folge der Numerus vallachicus in Rumänien. Die Versammlung nahm u. a. eine von Dr. Franz Dözsa (Makö) vorgeschlagene Resolution einstimmig an, in der zum Ausdruck gebracht wird, daß die P r o- Palästina-Bewegung aus den Händen der Zionisten genommen werden müsse, weil der überwiegende Teil der ungarisch-jüdischen Gesellschaft dem Zionismus ablehnend gegenüberstehe, so daß, wenn die Pro-Palästina-Bewegung weiter von den Zionisten geleitet würde, der Zionsgedankc beeinträchtigt werden könnte. Nur wenn es der Herr Vorsteher erlaubt Aus Budapest wird weiters berichtet: Die Generalversammlung der Repräsentanz der Pester Isr. Kultusgemeinde hat ein neues Rabbinerstatut, das die Gemeindevorstehung unterbreitet hatte, angenommen, wonach in Hinkunft die Beteiligung von Mitgliedern des Rabbinats an politischen Wahlen als Kandidaten wie auch die Teilnahme an Parteikämpfen nur nach vorheriger Zustimmung der Gemeindeyorstsbung möglich sein kann. Kleine Tube S — .90 Große Tube S 1.40 Kein Standpunkt — der beste Standpunkt Aus C h i k a g o: Die Zentralkonferenz amerikanischer Reformrabbiner, die soeben in Chikago bei Anwesenheit von 300 Rabbinern getagt hat, hat beschlossen, ihre bisher anti-zionistische Haltung zu ändern. In einer zur Annahme gelangten Resolution wird erklärt, daß die Konferenz es ablehnt, in der Frage des Zionismus überhaupt irgend einen Standpunkt einzunehmen, sie jedoch gewillt ist, am Palästina-Aufbau und an allen wirtschaftlichen, kulturellen und geistigen Aufgaben, die der Palästina-Judenheit gestellt sind, mitzuarbeiten. Dichter und Denker Wer tot© Juden ehrt... Aus München: Der Gauwalter des Gaues München-Oberbayern, Wettschurek, hat die folgende ..Anordnung" an sämtliche Betriebszellenmänner und Betriebswalter in jüdischen Betrieben erlassen: „Die Deutsche Arbeitsfront ist eine weltanschauliche Organisation. Sie untersteht der Aufsicht der NSDAP., deren weltanschauliche Grundsätze selbstverständlich auch Grundsätze der Deutschen Arbeitsfront sind. An der Spitze der Aufnahmebedingungen zur Erwerbung der Mitgliedschaft innerhalb der DAF. steht daher der Arierparagraph. Damit macht es die Deutsche Arbeitsfront jedem Nichtarier, insbesondere dem Juden und jüdisch Versippten, unmöglich, Mitglied der Gemeinschaftsorganisation zu werden." „Menschen gegenüber, die nicht der deutschen Volksgemeinschaft angehören können, hat der deutsche Volksgenosse und die deutsche Volksgenossin mit Ausnahme der vom Staat verordneten gesetzlichen Bestimmungen keinerlei Verpflichtungen. Es ist deshalb auch abwegig, wenn ein deutscher Volksgenosse einem Juden eine besondere Ehre erweist. Ich mußte an Hand verschiedener Fälle feststellen-, daß deutsche Volksgenossen und Volksgenossinnen beim Ableben ihres jüdischen Chefs in aller Oeffentlichkeit durch die Presse dem Verstorbenen einen ehrenden Nachruf gebracht haben. Dieses Verhalten ist für Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront unwürdig, weshalb folgende Anordnung ergeht: Sämtlichen Mitgliedern der Deutschen Ai'beitsfront ist es untersagt, bei Anlässen jeglicher Art, die eine jüdische Person in den Mittelpunkt besonderen Interesses stellen, weder durch Wort noch durch Schrift des Betreffenden ehrend oder lobend zu gedenken. Sämtliche politische Leiter der NSBO. und DAF.* Walter wachen über die Durchführung dieser Anordnung. Zuwiderhandlungen werden mit dem Ausschluß au3 der Deutschen Arbeitsfront bestraft. Ebenfalls untersagt ist, daß mit der Bezeichnung „Die Gefolgschaft", „Der Vertrauensrat", „Die Angestellten und Arbeiter", „Die Mitarbeiter" ein Nachruf in der Presse unterzeichnet wird, sondern jeder Volksgenosse, der das Bedürfnis hat, einem Juden eine Ehre zu erweisen, hat seinen Namen zu nennen und selbstverständlich auch damit zu rechnen, daß er dementsprechend behandelt wird." Eine gute Antwort In Mannheim haben, die Nazi bekanntlich das Denkmal des im Weltkriege gefallenen Abgeordneten Ludwig Frank entfernt. Nun berichtet die J. T. A. folgenden Briefwechsel: Der Führer des Gaues Mannheim der NSDAP. Dr. Roth schrieb: „An die Jüdische Gemeinde Mannheim. Der Gau Mannheim der NSDAP, ist bereit, die Wiederaufstellung des im Jahre 1933 von dem Goethe-Platz entfernten Denkmals für den gefallenen Reichstagsabgeordneten Dr. Ludwig Frank auf dem Jüdischen Friedhof zu Mannheim zu gestatten. Ich erwarte Ihre umgehende Antwort. Heil Hitler! Gez. Dr. Roth, Gauleiter." Die Jüdische Gemeinde Mannheim erwiderte: „Der auf dem Felde der Ehre gefallene Reichstagsabgeordnete Dr. Ludwig Frank gab sein Leben nicht für die Jüdische Gemeinde Mannheim, MB* dern für das deutsche .Volk. Wir sind darum def

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