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Die neue Welt · 1935-07-02 · Heft 476 (2.7.1935) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 476 (2.7.1935)
Date
1935-07-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE NEUE WEL$ Nr. 478 dU {üdUcUcH ScUUMütyec von CUekn Die deutsche Stadt „Schiida" gilt als die Heimat von Bürgern, die durch ihre merkwürdigen und dem Naturverstand hohnsprechen- '^sa Streiche sich einen Namen gemacht hat. Der ^hüdbürger, diese komische Figur, hat sein. Gegenstück im Juden von Chelm. Zahlreiche Geschichten werden von diesen Ostjuden, den Chelmer „Narunim", erzählt. Hier einige aus der Fülle. Wo die Weit feUtt Die Mut Die Chelmer bekamen nach unzähligen Eingaben die Erlaubnis, von Chelm bis N. eine Bahn zu bauen. Glückliche Chelmer! Plötzlich aber ein Hindernis! Auf dem Wege von Chelm bis N. stand ein Berg, ein unwiderstehliches Hindernis. Aber die klugen Chelmer wußten sich zu helfen: Sie beschlossen, den Berg -wegzurücken. Ihre kurzen, gut gefütterten Pelze angetan, begannen sie unter Führung ihres Bürgermeisters in aller Früh zu arbeiten. „Horuck", kommandierte dieser, und sie drückten mit aller Wucht gegen den Berg. Zu Mittag, als as wärmer wurde, legten sie ihre Pelze ab und warfen sie hinter sich, voll Begeisterung weiterdruckend. Insfwischen schlichen Diebe heran und nahmen die Pelze weg. Gegen Abend, als der Sabbat nahte, rief der Kommandant: „Scha, Schluß, Schabbes ist", und hinter sich blickend und die Pelze nicht sehend, erklärte er voll Genugtuung: „Ein schönes Stück Arbeit geleistet! Man sieht die Pelze nicht mehr!" Einem Chelmer gelang es, um wenig Geld ein gutes Faß Wein zu erstehen. Um zu verhindern, daß ein Fremder dem Faß etwas entnehme, versiegelte er es von oben. Nun hatte er einen Diener, der geschickt genug war, das Faß unten anzubohren und jeweils, wenn es ihn gelüstete, etwas vom köstlichen Naß zu entnehmen. Als der Chelmer eines Tages bemerkte, daß das Faß nur mehr halb voll sei, obwohl das Siegel unbeschädigt war, konnte er sich dieses Wunder, nicht erklären. Er sann hin und her, grübelte, kam aber zu keinem Resultat — bis ihm einer seiner Nachbarn riet, das Faß doch einmal von unten zu prüfen . , . „Närrcaen du", entgegnete er ihm Uberlegen, „was hat das für einen Sinn? Von unten ist der Wein doch ganz vorhanden, Nur von oben fehlt etwas." Du ytttkfihU Schnee Der erste Schnee in Chelm. Gottes silberglänzendes Wunder! Die Chelmer waren entzüdkt . . . Und doch! Wenn der Schammes in der Früh von Haus zu Haus gehen wird, die Juden ins Bethaus zu rufen, wird er doch den schönen weißen Schnee zertreten! Was also tun? Die Chelmer fanden wie immer Rat: Sie beschlossen, zwei kräftige Träger zu mieten, die den Schammes auf ihren Händen tragen sollten .,. sillliehe Krall einer Propagandarede Ein jüdischer Student übersendet uns einen Brief, der als Rechtfertigung gegenüber einer Dame zu gelten hat, die jener bei einer Versammlung der Judenstaatspartei — das Referat hielt Robert Stricker — kennengelernt hat. Wir veröffentlichen den Brief, weil er die Gedanken und Gefühle des Studenten, der zum ersten Male eine zionistische Rede hörte, charakteristisch wiedergibt. 18. Juni 1935. Sehr geehrtes Fräulein! Als ich Sie nach der Versammlung, in welcher Oberbaurat Stricker referierte, anzusprechen gewagt hatte, um Sie als längeres Mitglied der Judenstaatspartei um eine Auskunft zu bitten, da haben Sie mir bereitwilligst zugesagt. Gelächelt haben Sie, als ich Ihnen mein Anliegen vorgebracht hatte. Und Ihr Lächeln hat hiebei wohl Ihre innersten Gedanken ausgedrückt: „Das mit der Auskunft ist wohl nur ein Trick. Ich bin schön und jung und deswegen wenden Sie sich an mich." Das mag sicherlich der Grund gewesen sein, warum ich mich -gerade an S i e gewendet habe. Aber bestimmt habe ich Ihnen nicht etwas vorgeflunkert, und um Ihnen das zu beweisen, möchte ich Ihnen gerne mein Herz ausschütten. Meiner Grundeinstellung nach gehörte ich wohl zu jenen Juden, die man Assimilanten nennt. Ich gestehe, daß ich mich bis zum heutigen Tag mit dem Zionismus gar nicht beschäftigt habe. Als gebürtiger Wiener gehörte meine Liebe in erster Linie meiner Vaterstadt und stolz habe ich mich stets zu Oesterreich bekannt. Palästina selbst war für mich, bis zur Machtübernahme Hitlers in Deutschland, nicht mehr als ein Begriff. Erst unter dem Eindruck der letzten Ereignisse ist jn mir eine gewisse Wandlung vorgegangen. Judenhaß! Ich hatte dafür eine plausible Erklärung! Schuld an allem sind nur die Ost juden! Durch ihr Benehmen, durch ihre Kleidung, durch ihre Geschäftspraktiken und durch ihr ulidiszipliniertes Benehmen lenken sie die. unliebsame Aufmerksamkeit aller auf sich. Ist es da, dachte ich, verwunderlich, daß sich alle gegen sie zur Wehr setzen? Verdienen sie nicht ihr Schicksal? Und die anderen, die deutschen Juden, die sich in nichts von ihrer Umgebung unterscheiden, sind sie nicht in geachteter Stellung und allgemein anerkannt? Das jüdische Problem ist also, folgerte ich weiter, ein ostjüdiaches. Wenn die Ostjuden einmal ihre Eigenheiten abgelegt hätten, dann würde die Frage aufhören, zu bestehen. Es lebe die Assimilation! Und eines Tages wurde ich grimmig enttäuscht. Die deutschen Juden, die sich in nichts von den anderen unterschieden, fürs deutsche Vaterland Gut und Blut einzusetzen bereit waren, sie hatten als erste daran glauben müssen. Da hörte ich also auf, West- und Ostjuden zu unterscheiden. Welch anderes Gesicht hatten die Dinge auf einmal bekommen! Aber mich selbst aufzuraffen, das habe ich nicht zustande gebracht. Das, was sich in Deutschland abgespielt hat und sich täglich und stündlich wiederholt, ist furchtbar. Man ist wie gelähmt. Aber von einer eingefleischten Üeberzeugung, von Anschauungen zu lassen, die so schön üraren und an die man deshalb so gerne zu glauben -geneigt war, das fällt nicht so leicht. Ich gestehe, daß ich mich in einer schweren seelischen Krise befinde. Aber kann man sich so leicht von heute auf morgen umstellen?, Vor einem Jahr traf ich einen Bekannten, der mir von meiner Gymnasialzeit her sehr lieb ist. Unter dem Eindruck seiner Ausführungen trat ich nominell der Judenstaatspartei bei. Aber zu einer positiven Bekennerschaft zur zionistischen Idee reichte es nicht. Jedoch der innere Aufruhr ließ sich nicht mehr unterdrücken. Zu wuchtig sind die Tatsachen. Vorige Woche erhielt ich die Einladung zu der Versammlung der Judenstaatspartei. Zum erstenmal in meinem Leben wohnte ich einer zionistischen Versammlung bei, hörte Oberbaurat Stricker sprechen. Daß mir nicht alles in der Rede vollkommen verständlich war, ist begreiflich, da ich über die Vorkommnisse im zionistischen Lager nicht orientiert bin. Aber den einen Eindruck konnte ich als Neuling gewinnen: Hier kämpft eine Persönlichkeit für eine gute Sache mit anständigen und reinen Mitteln. Für die ehrenhafte Gesinnung zeugte, als Oberbaurat Stricker seine Stellungnahme zur Linken im zionistischen Lager präzisierte. Seine Gegnerschaft zur Linken, sagte er, bestehe heute nach wie vor. Denn sie trage den verderblichen Klassenkampf in die jüdischen Reihen. Man könne den Judenstaat nur dadurch verwirklichen, daß die Menschen zueinander-, nicht aber auseinander- und ge geneinanderstreben. Aber in einen schärferen Wahlkampf gegen die Linken zu treten, widerstrebe den guten Sitten, da die Linken, die früher an den Sozialdemokraten ihre Stütze hatten, ohnehin unter den schwersten Bedingungen in die Wahlen treten. Oberbaurat Stricker sei ihnen seinerzeit nicht nachgelaufen und habe sie bekämpft, als sie mächtig in Oesterreich, waren, heute wehrlose Gegner zu überfallen, widerstrebe ihm. Diese vornehme Denkweise hat auf mich über» äugender gewirkt als die schärfste und treffendste Argumentation. Denn ein Mensch, der in solchen Fällen Maß zu halten versteht, über sittliche Kraft verfügt, darf an der Spitze einer Bewegung stehen! Das waren meine Gedanken, als Oberbaurat Stricker sprach, mein Fräulein! Dem Eindruck dieser Rede konnte ich mich nicht entziehen. Ich hatte plötzlich das Bedürfnis, mich mit jemandem, der in der Bewegung steht, auszusprechen, und wollte mich endgültig über^e.usreü lassen. Dann habe ich Sie gesehen, mein Trainern, Sift haben mir ehrlich gefallen. Der Gedankenreichtum einer führenden zionistischen Persönlichkeit hätte im Verein mit weiblicher Anmut aus Paulus einen Saulus machen sollen. Aber Sie hatten leider keine Zeit für mich und haben mich leider ganz falsch verstanden. Verzeihen Sie, daß ich Sie um Auskunft gefragt habe. Morris Engel, Studenten und Studentinnen I Es gibt nur eine Partei im Zionismus, die den Weg Herzls geht — die Judenstaatsparte II Hcrzls Programm — euer Programm! — Wenn die jüdische Freiheit bedroht war und es galt, die jüdische Ehre zu schützen, t da haben die jüdischnationalen Studenten stets nur einen Namen gekannt — Robert Stricker! Akademiker! Hochschüler! Am 4. Juli ist Wahltag — für euch ein Tag der Pflicht, sich der Judenstaatspartei zur Verfügung zu stellen. Unser Kampf — euer Kampf! Die Parole der nationalen jüdischen Akademiker und Hochschuler lautet: Wählet die Judenstaatspartei! Erscheinet Donnerstag um 4 Uhr nachmittag im Zentralheim, I., Werdertorgasse 16, oder im Agitationshelm, IX., Universitätsstraße 8, und agitiert für die Judenstaatspartei — JUstenführer: Robert Stricker. Mitglieder und Freunde! Alle Mitglieder, die bisnun noch nicht zu einer bestimmten Arbeit am Wahltag eingeteilt wurden, werden ersucht, sich am Wahltag im Agitationslokal ihres Bezirkes oder im Zentralheim, Wien, 1. Bez., Werdertorgasse 14 (Telephon U 27-4-87, Permanenzdienst), einzufinden. Jüdisches int Radio Dienstag, den 2. Juli 19.25 bis 20.05 Mähr.-Ostrau (269,5): Szenen aus dem Leben der Juden auf dem Lande, vo» Rakous. Mitwirkend: Künstler des National-Theaters. Donnerstag, den 4. Juli 21.45 Bratislava (298,8): Alte hebr. Lieder. Mitwirkend: Kantoren und Chor. 1. Horecky, Traub und Chor: „Venislah" (Kyjevsky). 2. Singer: „Calice de Lärmes" (Frankel). 3. Singer: „Ribon u holomin" (Kyjevsky). 4. Landerer: „Misraze berchamin" (Hirschmann). 5. Landerer; „Menasche" (Goldmann). 6. Horecky, Traub und Chor: „Mögen uwoth" (Kyjevsky). Freitag, den 5. Juli 15.00 Radio Paris (1648): Nr. 3 des Konzerts: „Kaddisch", von Maurice Ravel. Vortragskalendcr der Liste: Religiöse ZVonisten- Misrachi. Dienstag, den 2. Juli,, abends 149 Uhr, sprechen im Hotel Continental, IL, Taborstraße 8, Raw Fischmann, Mitglied des A.-C, und Raw Weisz, Mitglied des Waad-Haraschi aus Jerusalem. — Mittwoch, den 3. Juli, abends 149 Uhr, Vorträge der gleichen beiden Redner im Prater beim „Radfahrer" in der Ausstellungsstraße. Nur noch 3 Anmeldetage! Ferienfahrt der „Czernowitzer Allgemeinen Zeitung" mit Sammelpaß nach Polen und Czernowitz am 7. Juli und 4. August. Technische Durchführung, Anmeldung und Auskunft: „Oesterr. Verkehrsbüro", Wien, I., FriedrichstraBe 7, Tel. B-27-500; Oesterr. Verkehrsbüro", Wien. I., Graben 20, Tel. U-29-0-35; Polnisches Reisebüro „OBRIS", Wien, I., Kärntnerstraße 41, Tel. R-21-5-78; Reisebüro „Marienbrücke", Wien, I., Rotqnturmstraße 26, Tel. R-24-2-86, R-24-2-37. SBeefeit&'Äenbeattous Die fröljltd)e 3eii gemeinfamer 2Beefenb;9fusftiige aufs £anb, in i»eu SBtenermatb unb ins 6tx<*nb* bab ift getommen. Säglid) geben ftd) Damen unb Herren SRenbeaoous auf ber £aborftraDe, wo fte iljre 2Ius>* rüftung für Sanbpartien, Sommerfletber, Sdjufje, SBabefoftüme, Koffer, 9tud|ädc, $erren=<5portt"teibung unb alles anbete im „26arenl>aus ber Sparfamen", bei Sd)iffmann, su ben berühmt billigen greifen beforgeu. 3um SBeifptel, SamensÄletbung: ©emufterte 2Bafä>23lufen S 1.98, 3epfjir=Dirnbl mit Stretfborbürc S 2.90, geblümte 2Bafd)fleiber S 2.90, CI)armeufe*33iufen, iftüfcljenfaffon, S 3.90, gnbantfjren*£. 6. 3epljir* Dirnbl S 4.50, 9KobesDrefftng, in Xupfbeffins, S 5.90, 9Jiobe52BideIfd)oD, grau, buufelblau, braun S 6.90, 3>ofenn>cf, mit StetDüerfölujj S 12.90, £.=Seiben*3mprime%£leiber mit 2Kobemafcf)e S 7.90, fefdje Stötten» Äleiber mit apartem Änopfpufc S 8.90, 3. S. Serfen-Streiffleiber TOit ajiobegürtel S 9.80, rci^enbe 5L 6. aKongols^mprim^ßleiber S 12.—, 93auern!emens£oftüme mit Scfjottenleinen fombin. S 17.—, Damen*9tu* fcua%6d)u$e (Sßumps ober Spangen) roetD5fä)n>ar3 s 12.90. 2tlltüetter*aJiantel, aus gummiertem 33atift S 14.—; $aIetot, aus ß.sSeibe ober SBollftoff S 15.—; aKongoI^mprimesCapefleib, neue 93tumeiibefftn$ S 19.—; SMftoffsComptet (Strjop* unb Sßaleiot), engltfcf) gemuftert ober meliert S 22.—. (Sltles audj für Jtaife Damen lagernb!) JJfitw »ab: Damens©ummU23abefdjufje, alle garben unb (5röDen, mit Siödel S 1.50, pljne S —.89, Damen,9üpp*2:rifots S 1.50, DamensSdjaJmollsSBabctrifots, tücfenfrei, S 4.50 unb S 3.90, Xtcifiex» Stranofcofen S 2.90, Stranb^niamas (Xupfbtufe unb fur^e ©foefenfjofe) S 5.90, mit grcndjljofe S 4.90, £ari« plaiien;5Babefoffer mit 2 ftidetf(f)töffern S 3.90, fteifefoffer, 70 cm, 2 ftidetfefpffer, S 6.90, 3eftftofHRudfädc, Öeberrtemen, aroet Safdjen, S 5.90, grottier^abe^äntel, für Herren S 9.80, für Damen S 7.90, Seinen* ober Stror}*6rt<xnbfyüte S 1.50. gfüt bas 5ttnb: Äinber^Gonnfaferl mit Prägern S -.98, 3rcäba)en:Dtrnbl ab S 1.93, , @d)iffmamt, Sa&orftra&e 48 >r, Verleger. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur.: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck; Druckerei- und yerlaga-As-G» Ignaz. Steinm&nji, beide. Wien. u IX,, yjalyersit&teatrjftSe •—8, /

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