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Die neue Welt · 1935-06-25 · Heft 474 (25.6.1935) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 474 (25.6.1935)
Date
1935-06-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 10 Groschen faftrgait<g<;$ Dienstag, den 25* Juni 1915 Nr* 474 V. In b« Zeitung vom Verleger versendet „Journal exp6die par l*€diteura 186 *itl. ^/v, eWtäh REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50. vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Ko 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—: Bnmänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—: Bulgarien monatlich Lewa 80.—, vierteljährig Lewa 80.—: Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—a Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs L50. vierteljährig Schweizer Franca 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich, Redaktion u, Verwaltung: IX, Universitätsstr, 8, Tel. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag n. Freitag der Woche Der Reflex des Londoner englischcleutschen Flottenabkommens ist in der Weltöffentlichkeit immer noch spürbar. Denn die Tatsache wird erkannt, daß dieses Abkommen nicht allein die Verhältniszahl der deutschen zur englischen Flottenstärke geregelt hat, sondern daß es automatisch auf alle anderen in Schwebe befindlichen Verhandlungen rückwirken muß. Frankreich und Italien sind augenscheinlich von dieser Veränderung der außenpolitischen Lage, die sich ohne ihr Mittun, ja gegen ihren Willen vollzogen hat, nicht begeistert. Paris befürchtet, daß die Methode der Teillösung, die im Widerspruch steht zum Geist des Versailler Vertrages und späterer englisch-französischer Abmachungen, auch anderswo Nachahmung finden und die französische Politik der Zusammenarbeit ausschalten wird. Mussolini hinwiederum macht England den Vorwurf, daß es Verhandlungen mit Hitler-Deutschland zur Lösung von ihm lebenswichtigen Problemen führen, weil sie ihm gerade passend erscheinen, während von Italien — unter Berufung auf die Solidarität der Entente-Völker —- gefordert wird, es möge die Wahrung seiner vitalen Interessen (in diesem Fall Abessinien)' etwa dem Völkerbund oder sonst einer außeritalienischen Instanz anvertrauen. Für Deutschland, so betont der größte Teil der öffentlichen Meinung, bedeute die Extratour Englands politischen Position sgewinn. Zwar versucht England die Mißstimmung seiner „Verbündeten" gutzumachen.— Außenminister Eden konferiert in Rom und Paris —, aber es ist klar, daß es zunächst seinen eigenen individuellen Vorteil gewahrt sehen, will. Soweit-die Stimmen der Länder zu übersehen sind, kommt , darin die Meinung zum Ausdruck, England habe wieder einmal, getreu seiner traditionellen Politik, die vorhandenen realen.Tatsachen zur Grundlage seiner Erwägungen gemacht; England sei eben Realpolitiker und kalkuliere mit den gegebenen Machtverhältnissen; es lasse sich von keinerlei Sentiments leiten. Wir kennen diese Taktik. Wir wissen, daß England sich nicht auf eine bestimmte politische Methode festlegt, daß es seine Positionen wechselt, daß es der Praxis der Labilität viele seiner Erfolge verdankt. Im Verhältnis zur zionistischen Bewegung ist es nicht anders. Während des Krieges versprach Großbritannien einzelnen arabischen Führern Königreiche, um sich ihrer Hilfe - gegen die Türkei zu versichern. Knapp vorher deklarierte es im Balfour-Brief die Richtlinien seiner Palästina-Politik, die auf die Schaffung, bzw. Wiedererrichtung der Jüdischen Heimstätte hinauslief. Seit Beginn des Mandats pendelt die englische Politik hin und her. Sie sucht, wie sie In Genf öfters ausführte, die jüdisch-zionistischen und arabischen Interessen miteinander in Einklang zu bringen — allerdings unter dem Aspekt, daß zunächst die britischen Interessen gewahrt bleiben. England hat mit dieser Methode, die vielfach bewundert wird, nicht immer Erfolg gehabt. Aber für die zionistische Politik wäre es wichtig, sich diese Methode im Prinzip zu eigen zu machen. England anerkennt Machtverhältnisse, wirtschaftspolitische Positionen. Daher ist es vom Gesichtspunkt einer vernünftigen zionistischen Politik unbedngt. erforderlich ~~ Machtverhältnisse, wirtschaftsplitische Positionen zu schaffen. Hiezu gehört vor allem ein starkes, einheitliches, durch keinerlei egoistische Klassenkämpfe zerrissenes Palästina. Die Souveränität des Judenstaatsgedankens ist ein ebensolcher Machtfaktor wie Boden- und Menschenzuwachs. Ja, sie ist die Voraussetzung. Wenn die zionistische Bewegung den Juden- Staat als die einzige, endgültige Form ihrer legitimen Aspirationen gegenüber der englischen Vorderorientpolitik deklariert, dann wird England mit dieser Willensbildung als mit einer Realität rechnen und seine Politik in dieser Richtung hin korrigieren. Man muß das Wesen und die Methoden seines Partners kennen, ja manchmal sogar nachahmen, wenn man Erfolg haben will. Die Weltgeschichte lehrt ulns das. Und die zionistische Bewe&mg ist ein Sjküok Weltgeschichte, «vr* Das sowalte^l^^ Nährpflicht der Gesellschaft — Arbeitspflicht in der nationalem Nährarmee Die Judenstaatspartei lehnt den Klassenkampf als Lösung der sozialen Frage ab, weil er den Menschen nicht Brot, Freiheit und Frieden gibt. Er lehrt den Menschen, in seinem Nächsten den Feind zu sehen, der vernichtet werden muß, weil er einer anderen Klasse angehört. Er setzt an die Stelle einer herrschenden Klasse und ihrer Bürokratie eine andere. Er schafft die Ungerechtigkeit nicht ab, er kehrt sie nur um. Die Judenstaatspartei lehnt es ab, die heutige Gesellschaftsordnung, in welcher Menschen hungern und durch Furcht vor Hunger geknechtet und gegeneinander gehetzt werden, als unabänderlich, naturgegeben oder gottgewollt anzusehen. Die Erhaltung dieser Gesellschaftsordnung ist nicht ihr Ziel. Achtung! Leser im IV., V., XIII., XVIII., XIX. Bezirk! Achtet auf die Versammlungsanzeige Seite 31 Die Judenstaatspartei bekennt sich zum Programm der allgemeinen Nährpflicht des Staates gegenüber allen seinen Bürgern, welches der große Wiener jüdische Menschheitsfreund und Sozialreformator Popper-Lynkeus schon vor vierzig Jahren aufgestellt hat. Popper-Lynkeus hat vor. seine Lehre die Worte gesetzt; „Um jedes einzelnen Menschen willen ist die Welt erschaffen wor* den.*' (Talmud.) „Solange es vorkommt, daß nur ein einziger Mensch hungert oder in seiner Lebenshaltung nicht gesichert ist, so lange taugt die ganze Gesellschaftsordnung nichts.** „Es genügt nicht, einzelnen Klassen, Volksschichten, Berufen ihre Ökonomische Lage zu verbessern, jedes einzelne Individuum muß versorgt sein." Von diesen Sätzen ausgehend, proklamiert Popper-Lynkeus das angeborene und unabänderliche Recht jedes Individuums auf Brot, Nahrung, Kleidung und alle sonstigen unerläßlichen Lebensnotwendigkeiten und die Pflicht des Staates, die Lebensnotwendigkeiten jedem seiner Bürger vorbehaltlos zu gewähren. Zu diesem Zweck stellt er die Nährarmee auf, in welcher jeder Bürger eine Reihe von Jahren zu arbeiten hat, um die zur Erhaltung aller notwendigen Mittel zu produzieren. Der Menscht welcher seiner Dienstpflicht in der Nährarmee in dem erforderlichen Zeitmaß genügt hat, hat damit den Anspruch auf immerwährende Versorgung mit den Lebensnotwendigkeiten durch den Staat für sich und seine Familie. Er ist. fortab frei und kann sich frei betätigen, wie es seinen Neigun-. gen und Fähigkeiten entspricht. 1 Zu diesem sozialen Programm bekennt sich die Judenstaatspartei und in diesem Geiste erzi&t sie ihre Jugend. Sie will die Judenschaft geistig so vorbereiten, daß der Judenstaat seine Gesellschaftsform auf Nährpflicht und nationale Arbeitsdienstpflicht gründe. Noch gibt es in Palästina, keinen Judenstaat, der seine gesellschaftliche Ordnung autorativ gestalten könnte. Aber es gibt dort eine Judenschaft, welche an der Errichtung des Staates arbeitet. Die Judenstaatspartei will, daß bereits im Stadium dieser Vorbereitung die Grund-« sätze von der Pflicht der Gesamtheit gegenüber dem Individuum und von der Pflicht des Individuums zur Arbeit für die Gesamtheit im Geiste der Lehre von Popper-Lynkeus zur Geltung gelangen. Sie fordert schon jetzt die Einführung der nationalen Arbeitspflicht. Jeder, der mit Hilfe der Zionistischen Organisation ins Land kommt, soll eine Reihe von Jahren dort arbeiten, wo die Organisation ihn hinstellt. Daher sollen alle nationalen Fonds und Institutionen in erster Linie dafür bestimmt werden, denjenigen, welche diese nationale Arbeitspflicht er« füllt haben, den Aufbau einer freien Existenz zu ermöglichen, Sie fordert soziale Fürsorge (Kranken-, Arbeitslosen- und Altersversicherung), welch» nicht privaten Institutionen und Parteien überlassen werden darf, sondern soziale Fürsorge aus nationalen Mitte In unter nationaler Kon« trolle. Im freien Judenstaat vor Hunger , und der Furcht vor Hunger bewahrte, frei schaffende Menschen, das ist das soziale Ziel, zu welchem sich die Judenstaatspartei bekennt. Roberfc St r i c k e r. Kein Effolg Die Zionistische Exekutive hat es als Erfolg ihrer Politik bezeichnet, daß die Zahl der jüdischen Einwanderungszertifikate in diesem Halbjahr von der Palästina-Regierung um einige hundert erhöht wurde. Wir haben bereits darauf verwiesen, daß in Wirklichkeit ein Mißerfolg und eine weitere Verkleinerung der Einwanderung vorliegen. Nun schreibt der Palästina- Korrespondent der „Neuen Freien Presse", Ernst Davis, über diese Angelegenheit: Ohne daß die breite Oeffentlichkeit bisher davon Kenntnis erlangt hätte, ist jünst eine Maßnahme getroffen worden, die sich in einer Verkürzung der Zahl der jüdischen Einwanderer nach Palästina auswirkt. Während bisher auch die Immigrationserlaubnisse für Arbeiter dazu berechtigten, Frau und, Kinder mitzubringen, sind von der Quote, die der Jewish Agency für die sechs Monate vom 1. April bis zum 30. September dieses Jahres zugeteilt wurde, 60 Prozent ausschließlich für Ledige bestimmt worden, und zwar zur Hälfte für Männer, zur Hälfte für Frauen, so daß nur je eine Person auf jedes dieser Zertifikate ins Land kommen kann. „Sir Arthur Wauchope, der jetzige Oberkommissär, beurteilt auch in diesem Fall die Menschen sehr richtig, mit denen er zu verhandeln oder die er zu regieren hat. Hätte er die Beschränkung der jüdischen Einwanderung direkt durch eine Verkleinerung der Zertifikatsquote durchgeführt, wie das früher geschah, so wäre das der Oeffentlichkeit sofort zum Bewußtsein gekommen, und die Folge wäre, zumal angesichts der gesteigerten Zahl der Einwanderungslustigen und des Arbeitermangels in Palästina, eine Fülle neuer Proteste gewesen. Alles das hat man geschickt vermieden, denn die Gesamtzahl der Zertifikate für die laufenden sechs Monate wurde nicht nur nicht verkleinert, sondern sogar um ein paar hundert vergrößert und erreicht damit die Höhe von 8000, von denen 7600 dei* Jewish Agency überwiesen wurden. Das ist geradezu ein VORANZEIGE! JUDENSTAATSPARTEI ÖSTERREICHS Dr. EMIL HARMS spricht in (Dien Am 29. Juni und 1. Juli wird der langjährige Führer des Zionismus in der Tschechoslowakei ajs Anlaß des kommenden Zionistenkongresses mehrere Vorträge „Probleme des Zionismus" in Wien abhalten. Dr. Emil Margulies zählt zu den glänzendsten Rednern der Zionistischen Weltorganisation. Art und Zeit der Vorträge werden rechtzeitig bekanntgegeben.

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