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Die neue Welt · 1935-06-21 · Heft 473 (21.6.1935) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 473 (21.6.1935)
Date
1935-06-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite S DIE NEUE WEM Nr. 473 i;< »I ■ f ' il!■!•*, t , . * - f<; If ,; Ü f u I '}•; 1 << < i / des l/eüets Ute iczäUlüHfy mh Uewiotka Sehr wenig Menschen im Städtchen — im ganzen zwei, drei hohe Greise, gedenken noch jener Zeit, da er Mottel „Korach" hieß; heute heißt er bei allen „Der Vetter". Er war ein kleiner Mann mit gebogenem Rücken, mit einem schütteren zerwühlten grauen Bärtchen, mit zwei kleinen Augen, wie denen eines Huhnes, wenn es ein wenig schlummern will. Jeden Tag, wenn er — in einer Hand den großen Tallis-Sack. den er kaum erschlep- GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, 1. Bez., Seitenstettengasse 2, Iii Samstag XI., Zentraltriedhof, neb. d. 7. Tor. \'\ geschlossen pen, in der anderen den einfachen Stock mit dem Messinggriff — in den Beth Midrasch ging, begegnete ihm auf dem Weg, wie von ungefähr, das halbe Städtchen und man widmete ihm mit großer Ehrerbietung den Guten-Morgen-Gruß. „Guten Morgen, Vetter! Gutes Aufstehen für euchl" „Guten Morgen, Vetter! Bei dem schlechten -regnerischen Wetter hättet ihr zu Hause beten sollen ..., auf mich die Sünde." „Guten Morgen, Vetter, gestattet, daß ich euch den Tallis in den Beth Midrasch hineintrage, für euch so schwer." Solcherart bezeugte ihm jeder seine Anhänglichkeit und bot ihm seine Dienste an. Er, der Vetter, erwiderte auf all die Guten-Morgen-Grüße und Anerbieten und Ratschläge mit einem „Guten Morgen, gut' Jahr", „Nicht notwendig", „Macht nichts" und seine listigen Huhnäuglein sowie sein eingeschrumpftes, altes Gesicht ließen ein kluges Lächeln erkennen. Aber der rechte Respekt für den Vetter kam erst zum Vorschein, wenn er den Beth Midrasch betrat. Mochte auch schon eine ganze Reihe von Juden in Tallis und Tefillin dastehen, mochte auch schon der Vorbeter vor dem Altar bereit sein, zu beginnen, mochten die „Kaddischim" voll Ungeduld das Sagen des „Kaddisch" herbeisehnen, damit sie zu ihren Geschäften zurückkehren können — kaum zeigte sich der Vetter mit seinem großen Tallis-Sack in der einen Hand und den großen Stock in der anderen, wußten alle, daß noch ein wenig Zeit sei bis zum Beten, daß jetzt erst das richtige Warten beginne. Der Vorbeter, der beim Altar bereit stand, wie ein Fuhrmann, der die letzten Passagiere aufsteigen läßt, nahm jetzt erst ein Gebetbuch zur Hand. Andere Juden ließen sich jetzt erst in einen kleinen Plausch, und die, welche keine Zeit hatten, beteten ihre Portion in ihrem Winkel rasch „für sich" ab, auf daß es \ niemand bemerke. Der Vetter pflegte erst in den Hof zu gehen, um sich zum Beten „vorzubereiten", dann, zurückgekommen, in aller Bequemlichkit Tallis und Tefillin anzulegen, zu sagen, man möge nicht auf ihn warten, aber so lange der Vetter sich nicht an sein Pult gestellt hatte, rührte sich der Vorbeter nicht. Dasselbe spielte sich beim Beten ab. So lange der Vorbeter nicht wußte, daß der Vetter mit dem Schmone essrej fertig sei, begann er nicht mit dem laut vorgebeteten Schmone essrej. Der Vetter war vor einer Reihe von Jahren, damals, als er noch Mottel „Korach" hieß, der älteste von fünf Brüdern (schwarzbärtige Juden, mit breiten Schultern und gebräunten Gesichtern), die die „Korachs" hießen, weil sie vollgestopft waren mit Geld und unsagbar geizig waren. Wenn sie auch alle danach trachteten, wie Juden von Stand auszusehen, so hatte doch keiner von ihnen Kinder und in kurzer Zeit — es dauerte bloß zwei Jahre — starben alle Brüder dahin. So oft einer gestorben war, kam es zwischen den Ueberlebenden zu Differenzen und Prozessen wegen der Erbschaft, und hevor man sich ausglich, legte sich ein zweiter, hin und starb.' Da begannen neuerdings Zwistigkeiten, bis der vierte starb und Mottel als Erbe aller Korachs übrig blieb. „Wer wird ihn jetzt beerben?", fragte man allenthalben im Städtchen. Es zweifelte keiner daran, daß Gottes schwere Strafe den letzten überlebenden Korach, den ältesten der Brüder — Mottel treffen werde. Mottel selbst blickte auf sich, wie auf einem zum Tode Verurteilten, dessen Todesurteil vorläufig noch nicht zugestellt wurde, wer weiß auf wie lange. Darum blickten alle mit großem Mitleid auf Mottel Korach, der überaus fromm und von den Wohltätern der erste im Städtchen wurde. Er blickte nicht mehr zur Seite, wenn arme Leute, die im .Vorhof zum Bethaus standen, mit ausgestreckten Händen sich ihm näherten. Jedem einzelnen gab er ein paar Groschen, und jeder wünschte ihm dafür: „Gott soll euch lange Jahre schenken" und er schloß mit einem tiefen Seufzer „Amen!" Im gleichen Maß, wie das Mitleid für Mottel wuchs, den einzig Zurückgebliebenen aus der Familie der Brüder Korach, enstand auch eine Speichelleckerei und sogar eine Art Ehrerbietung für Itschel Pilzer, den ein. zigen, wenn auch entfernten Verwandten der Korachs, auf den alle als den einzigen Erben der Schätze Korachs blickten, und wie auf einen Menschen, der in kurzer Zeit wohlhabend sein wird, tat man ihm jetzt schon Ehre an. Aber allen wie zu Trotz und Spott blieb Mottel Korach weiter leben. Vergeblich wartete das ganze Städtchen: die Chewra Kadischa, die Talmud-Thora- Schule, das Bad, das Bethaus, vergeblich auch Itschel Pilzer auf die Erbschaft, die alle überaus hoch einschätzten. Mottel lebte weiter. Er überlebte den Vorstand der Talmud Thora und etliche Vorstände der Chewra Kadischa. Sogar die Bestattung seines „Erben" Itschel Pilzer machte er mit, und als der Schammes der Chewra Kadischa mit der großen blechernen Büchse an ihn herantrat, sie schüttelte und den bekannten Vers sprach „Zdoke tatzel mimowes", gab Mottel keinen Gulden mehr hinein, wie er "dies früher bei Begräbnissen zu tun pflegte, sondern bloß zwei Kopeken. Daraus konnte man schließen, daß er die Gefahr zu sterben als vorübergegangen betrachtete. Seit dieser Zeit waren viele Jahre vergangen. Es gab nur mehr wenige, die sich an jene Tage erinnerten, da der Vetter Mottel Korach hieß. Mottel ist heute schon ein hoher Greis, dessen Alter niemand bestimmen kann: einer behauptet — Uber die Achtzig, ein anderer sagt — er halte bei den Neunzig; ein dritter will gar glauben machen, daß er schon bei hundert halte. Geschäfte führte er schon lange nicht. Schon fast zehn Jahre hatte er seine Beschäftigung, Geld auf Zinsen borgen, aufgegeben, seitdem seine Frau gestorben war. Seit damals lebte er fern von dem Geld, das er jede Woche von der benachbarten Stadt nach Hause zu bringen pflegte. Es fand sich schon lange im Städtchen kein Mensch, der sich nicht für einen nahen oder sogar einen entfernten Verwandten ausgeben konnte. Da kein Erbe für des Vetters großes Vermögen da war, hält sich das ganze Städtchen, wo tatsächlich der eine mit dem anderen verwandt ist, für seinen Erben. Einer ist cjer Enkel von seines Bruders Tochter, einer ist sogar ein Sprößling von seines Bruders Sohn, die anderen stehen mit diesen in einem schwiegerelterlichen Verhältnis, kurzum, alle sind des Vetters Verwandte {von da her stammt auch sein Name „Vetter") und alle bezeugen ihm Anhänglichkeit und Sorge für seine Gesundheit, Kriecherei und Ehrerbietung. . . Das Essen nahm der Vetter zu Hause ein. Das besorgte ihm eine Frau, eine weitläufige Verwandte, von seines Weibs Seite. Die verschiedentlichen Bitten der besten Menschen des' Städtchens, der „Vetter" möge bei ihnen essen, blieben erfolglos. Selbstverständlich gab ea für die Frau, die das Glück hatte, für den Vetter zu kochen, viel Mißvergnügen. Es waren genug Frauen da, die erklärten, billiger zu kochen und nicht wenig Mühe anwendeten, der Frau den Posten wegzunehmen. Wenn zum Beispiel sich der Vetter einmal im allgemeinen nicht wohl fühlte, machte man sich allenthalben an ihn mit Blutegeln, Wärmeflaschen und überhaupt mit Ratschlägen heran. Das ganze Städtchen kam zum Krankenbesuch und manche Frau hielt es für nötig zu sagen, daß sich ausschließlich am gestrigen Mittagessen der Vetter verdorben habe. Und ein halbes Dutzend Frauen boten sich an, für den „Vetter" ein bißchen guten Grieß oder ein bißchen Hühnersuppe zu kochen. Der Vetter schickte alle seine guten Freunde nach Hause; er halte noch nicht beim Sterben, das gestrige Mittagessen habe ihm gut geschmeckt. Seine Stammköchin ging als Siegerin aus der Sache heraus, schneuzte die Nase und blickte triumphierend auf ihre „Feinde". Nur einen einzigen Menschen im Städtchen gab es, der dem Vetter nicht schmeichelte. Das war Jidel Weischet. Ein gewesener Fleischhauer, bei dem Fleisch zu kaufen der Raw verboten hatte, weil der .Verdacht, bestand, daß er einmal selbst ein Stück Vieh geschlachtet hatte, war Jidel schon seit Jahren der Stadtschejgez;;, er stürmte die Gemeindestube mit Geschrei: man habe, scheine es ihm, die .Ablösegelder nicht richtig verteilt, die „schönen Juden" (oder Chnojkes, wie er sie nennt) hätten mehr bekommen für die armen Leute; er lief zur Chewra Kadischa und drohte, alles zu Asche zu machen, wenn man von einer Witwe oder.von Walsen Geld herausreißen oder ihnen> eine.'/ niejit. genug anständige Grabstätte für ihre Toten zuweisen wolle. JUsUmokl Bittet •\VD Bestreu ommierie Küche -j#3 REICHHALTIGE MENÜS ä S 1.90 UND 2.60 i C II W E L II A 1 Ii U BRAU II, Hammer PurgitaH-Gassc 3 (nSdist 5a<'7forbr idcc> 9 Tel. /.-41-C-25 Das machte die „schönen Juden" bös und sie riefen: „Hab' doch Respekt, Schejgcz!" „Eine Frechheit von einem Trefefresser!" Jidel Weischet ließ sich nicht abschrecken) fuchtelte mit. dem groben Fleischhackerknüttel und schlug auf den Tisch: „Es gibt doch noch Gerechtigkeit auf der Welt...! Dieser Jidel Weischet war der einzige im Städtchen, der keinen Buckel machte vor dem Vetter, und wenn er am Sabbath im Bethaus sah, daß die Leute alle mit ihrem Schmone essrej fertig waren und der Chasen auf den Vetter wartete, welcher beim Pult stand, den Tallia über den Kopf geworfen, zerriß er, der gewesene Fleischhhauer, durch einen Schrei die heilige Stille und sagte mit lauter Stimme: „Nu, wie lang soll man noch warten? Ihr seht doch, daß er entschlafen ist!" Da klopften die Beter auf ihre Gebetbücher und man schrie: „Ruhe, still, benimm dich anständig, ScheJgez!" Und jeder versuchte noch lauter zu schreien — in der Hoffnung, daß der Vetter, der doch mit dem Tallia über dem Kopf stand, hören werde, wie man sich seiner annimmt. Aber Jidel Weischet gab nicht nach: „Eine ganze Stadt kann doch nicht auf einen Menschen warten! Nun? Ja, oh, ich möchte ..." Und nach dem Beten, mit Ironie und Geringschätzung lächelnd, sagte Jidel Weischet so laut, daß der „Vetter" es hören konnte; „Eine ganze Stadt speichcllcckt einen Reichen, und er wird euch einen Nasenstüber zurücklassen, aber keine Erbschaf t.." u> Es war ein feuchter und kühler Herbstmorgen, als sich die Neuigkeit über das ganze Städtchen verbreitete: Der Vetter gestorben: Er war wie jeden Tag aufgestanden, halte Tallis und Tefillin in eine Hand, den Stock mit dem Messinggrift' in die andere Hand genommen, um in den Beth Midrasch zu gehen. Aber auf der Schwelle seines Hauses machte er irgendwie halt, ließ sich zu Boden nieder, und als die paar Menschen, die das von der Ferne bemerkten, dahergelaufen kamen, waren seine Augen schon verglast. Und als man ihn in die Wohnung brachte und aufs Bett legte, war er schon tot. Jedenfalls verdroß es alle, daß der Vetter nicht ein paar Tage krank war und nicht sehen konnte, mit welcher Hingebung man um ihn besorgt war, und noch' tiefer war der Verdruß, als man, während der Vetter' noch auf dem Totenbett lag, sein Testament öffnete und sah, wem er sein ganzes Vermögen vermacht hatte. Man las und traute seinen Augen nicht. „Zum Erben meines ganzen Vermögens", lautete seine letztwillige Verfügung, „habe ich mir Jidel Weischet ausgesucht." — und es folgte die Erklärung: „Weil er der einzige Mensch war, der mich niemals umschmeichelt hat." Hinter des „Vetters" Sarg gingen alle wie wirkliche Trauergäste. Einige erinnerten sich an seinen einstigen Namen und man sprach unter sich: „Was für Erben sich dieser Mottel „Korach" ausgesucht hat!" Hotel-Restaurant Smetana-Luhacovice 50 Zimmer mit kaltem und warmem fließendem Wasser. — Erstklassiges Restaurant und Cafe\ — Streng rituelle Küche. — Bethaus im Hause. — Eröffnung 15. Mal. Bis 15. Juni billige Vorsaisonpreise. Wochen-Kalender Juni 1935 •VD rvmn Siwan 5695 Freitag 21 20 Sabbateingang 8,00 Samstag 22 21 Sabbatausgang 0.00 Sonntag 23 22 Montag 24 23 Dienstag 25 24 Mittwoch 26 25 _ Donnerstag 27 26 Eigentümer. Verleger, Herausgeber und verantwor.tUche? Redakteur: Oberbaurafr Robert Stricker. —,■ Druck: Druckerei- und Verlaga-A.-G, Iguaz, Steinmann, beide Wien, •*•*•«■»•-*•■- «? Unlveraltatsatraße *. * n'M>J%%- '\J2'\i,*h.-.--: ■'■^M^^

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