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Die neue Welt · 1935-06-13 · Heft 471 (13.6.1935) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 471 (13.6.1935)
Date
1935-06-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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•>Gftih^S DIB NEUE WELT Nr. 471 Die Juden in der Wiener Medizin Die österreichische Regierung und die Wiener Aerzte feierten in diesen Tagen das 150jährige Jubiläum des Wiener Allgemeinen Krankenhauses. In zahlreichen Festreden und Artikeln wird die Bedeutung dieses berühmtesten Krankenhauses der Welt — zu dem auch die jüdischen Kranken aus nah und fern wie nach einem Mekka der Heilung gepilgert sind — geschildert. Ueber den Anteil der jüdischen Aerzte an der Entwicklung der Wiener Medizin und der modernen Heilkunde stellt der bekannte Medikohistoriker Dozent Dr. I. Fischer der J. T. A. folgende Ausführungen zur Verfügung: Durch das Toleranzpatent Kaiser Josefs II. wurde im Jahre 1782, also zwei Jahre vor der Eröffnung des Wiener Allgemeinen Krankenhauses, den Juden das medizinische Studium, das sie bis dahin nur auf ausländischen Universitäten zurücklegen konnten, auch in Oesterreich zugänglich gemacht. Die fünfjährige Dauer des medizinischen Studiums ließ die ersten Promotionen jüdischer Aerzte nicht vor dem Schuljahr 1787/88 erwarten. Die erste Promotion fand aber erst im Mai 1789 statt. In den ersten 20 Jahren nach Erlassung des Toleranzpatents waren es nur 14 jüdische Aerzte, die an der Wiener Universität zur Promotion kamen. Die Beschränkungen, denen der Aufenthalt der Juden in Wien unterworfen war, die erst allmählich gelockert wurden, machen es verständlich, daß sich die Zahl der jüdischen Studenten nur nach und nach vergrößerte und sich erst nach dem Jahre 1848, als diese Beschränkungen aufgehoben wurden, stark vermehrte. Schon vor 1848 war es ihnen zwar möglich, zu Sekundararztensstellen vorzurücken, aher noch das Dekret der niederösterreichischen Landesregierung vom 30. Oktober 1847 schärfte es neuerlich ein, daß jüdische Aerzte „nur bei entschiedenem Vorzug vor christlichen Aerzten" zu Sekundarärzten ernannt werden dürfen. Als Konvertiten war ihnen der Aufstieg wesentlich leichter gemacht; so sehen wir z. B., daß bereits 1828 Elias Lö bisch die Erlaubnis erhielt, Vorlesungen über Frauen- und Kinderkrankheiten zu halten, und Andreas Jeitteles, der Enkel des berühmten Prager Arztes Jonas Jeitteles, zum Professor der Anatomie ernannt wurde. Der erste Primararzt ursprünglich jüdischen Glaubens im Wiener Allgemeinen Krankenhaus wurde 1868 Leopold (später Ritter von) D i 11 e 1 der schon als Assistent Dumreichers sich wissenschaftlich hochverdient gemacht und sich später durch den Ausbau der Urologie, besonders als Steinoperateur, Weltruf erworben hatte. Der 1869 zum Primararzt der neuerrichteten Abteilung für Geschlechtskrankheiten ernannte Hermann (von) ZeißJ, ein Schüler Hebras, war — inzwischen hatten die Verhältnisse durch die liberale Verfassung eine Wandlung erfahren — dem Glauben seiner Väter treu geblieben. Eduard Lang, der sich insbesondere der operativen Behandlung des Lupus in unermüdlicher Arbeit hingab, und Salomon Ehrmann, der auf dem Gebiet der dermatologischen Histologie Hervorragendes leistete, wurden erst in den Achtziger-, bzw. Neünzigerjahren Primarärzte des Allgemeinen Krankenhauses. Die Zahl der jüdischen Medizinstudenten, die nach 1848 aus der ganzen österreichisch-ungarischen Monarchie nach Wien, dem Mekka der Heilkunde, pilgerten, wuchs immer mehr und mehr an und sie waren es auch, die dann, im weiten Reiche oder im Auslande sich niederlassend, den Ruhm der Wiener medizinischen Schule verbreiten halfen und auch durch Zuweisung ihrer schweren und insbesondere operativen Fälle aus allen Kronlärxlern in das Wiener Allgemeine Krankenhaus dazu beitrugen, das Krankenmaterial dieser Anstalt zu seiner imposanten Fülle zu gestalten. Es ist begreiflich — sagt Dozent Fischer — daß das Jubiläum des Wiener Allgemeinen Krankenhauses auch Anlaß gab, die Entwicklung der Wiener Medizin in dem Zeitraum dieser 150 Jahre zu überblicken, zumal es ja dieser Zeitraum war, in welchem die Heilkunde nie dagewesene und nie geahnte Fortschritte zu verzeichnen hätte. Sind diese Fortschritte wohl an die internationale Zusammenarbeit geknüpft, so hatte die Wiener medizinische Schule doch reichen Anteil an ihnen, und auch hier waren jüdische Aerzte in vollem Maß an dem Aufbau und 'Ausbau der modernen Heilkunde tätig. Allzu groß wäre die List der Namen, die hier zu nennen wären, weshalb ich mich auf die Aufzählung der bedeutendsten Vertreter der einzelnen Fächer beschränken muß, von denen manche freilich ihrer Karriere zuliebe dem Judentum schon den Rücken wandten, die aber ihre Anlagen, ihre Talente und ihr Genie dem Volk — heute sagt man auch gern der Rasse — schuldeten, dem sie entstammten. Der Anatom Emil Zuckerkand 1, der Embriologe Samuel Schenk, die Physiologen Ernst Fleisch] von Marxow und Alois Kre id 1, der erste Vertreter der experimentellen Pathologie Salomon Stricker und der medizinische Chemiker Julius Mautner seien als Vertreter der theoretischen Fächer genannt. Heinrich von Bamberger, Samuel Bäsch, Moritz H e i 11 e r, Leopold O s e r, Maximilian Sternberg und Hermann Schlesinger erwarben sich auf dem Gebiet der internen Medizin ruhmvolle Namen. Die Wiener Chirurgie verdankt den Billroth-Schülern Anton Wö 1 f 1 er und Robert Gersuny, die Urologie Josef Grünfeld und Otto Zuckerkand 1, die Heilgymnastik Anton Bum mächtige Förderung. Um die Wiener Neurologie machten sich Moritz Benedikt, Moritz Rosenthal, der vielversprechende, aber früh verstorbene Nathan Weiß, Josef Adolf Hirschl, Emil Redlich und Alfred Fuchs verdient. Der erste Wiener jüdische Dozent der Gynäkologie war Markus Funk, dem Wilhelm Schlesinger, Julius Neumann, Fritz Hitschmann, Arthur Foges und Edmund Herrmann folgten, während die operative Gynäkologie besonders von Karl August Herzfeld und Eernst Wertheim, der einer alten Wiener jüdischen Familie entstammte, bereichert wurde. Gustav Wertheim, Moritz Kaposi, Isidor Neumann, Heinrich Auspitz, Heinrich Paschkis, Maximilian von Zelß, Siegfried Grosz schufen grundlegende Arbeiten zur Dermatologie und Syphilidologie. Der beste Wiener Kliniker der Kinderkrankheiten war Ludwig Wilhelm Mautner; um dieses Fach haben sich dann Leopoldine Politzer, Lazarus Fürth, Ignas Eiaenschitz, Max Kassowitz, Paul Moser, Leopold Moll und Karl Leiner verdient gemacht. Die moderne Otologie ruht auf den Arbeiten von Adam Politzer und Josef Gruber, denen Albert Bing, Gustav Alexander, Benjamin Gomperz und Ferdinand Alt als würdige Schüler zur Seiten traten. Die Wiener Laryngologie weist die Namen eines Karl Störck und Johann Schnitzler (Vater Artur Schnitzlers), in der späteren Generation die von Leopold Rethi, Wilhelm Roth und Johann Fein auf. Hervorragende Vertreter der Augenheilkunde waren Ludwig Mauthner und Isidor Schnabel, ferner Jakob Hock und Leopold Königstein. Als Lehrer der Zahnheilkunde wirkten Philipp Steinberge r, Michael und Julius Scheff, welch letzterer der erste Vorstand des Universitäts-Instituts für Zahnheilkunde wurde. Die Balneo logie verdankt Josef Seegen, die Hydrotherapie Wilhelm Winternitz ihre wissenschaftliche Grundlegung. Der erste Lehrer der Geschichte der Medizin in Wien war der Konvertit Franz Romeo Seligmann, der schon 1833 mit Vor lesungen aus diesem Fach betraut war. Die Wiener medizinische Journalistik verdankt ihren Ausbau ebenfalls Juden: ich nenne nur die Wiener medizinische Wochenschrift (Wittelshöfer, Adler), die öster reichische Zeitschrift für praktische Heilkunde (Winternitz und Goldschmied), die Medizinischen Jahrbücher (S. Stricker), die Wiener Allgemeine medizinische Zeitung (Kraus, Pichler), die Wiener medizinische Presse (Markbreiter, Johann Schnitzler, Bum), die Wiener Medizinischen Blätter (Wilhelm Schlesinger) und die Internationale klinische Rundschau (Artur Schnitzler, Bela Weiß, Kunn). In der vorangegangenen Liste erscheinen nur die Namen bereits Verstorbener, die mit Ausnahme Gersunys und der letztgenannten Zeitschriften redakteure zugleich auch Mitglieder der Wiener medizini sehen Fakultät waren. Hierbei soll aber keineswegs ver kannt werden, daß sich auch eine Reihe von Nichtakademikern um die praktische und wissenschaftliche Medizin Verdienste erwarben, von denen z. B. Karl Koller (lebt noch heute in New York), Salomon Federn und Emil Pins genannt seien. Ueberaus groß wäre die Liste der noch heute unter uns wirkenden jüdischen Aerzte oder Aerzte jüdischer Abstammung, die sich internatio nalen Rufes erfreuen und die medizinische Forschung reichlich befruchteten. Wer denkt hier nicht in erster Linie an Siegmund Freud, an den hochverdienten Gustav Gärtner, an Ernst Pick, Markus Hajek, Leopold Freud, Heinrich Neumann, Bela Schick, Jakob Erdheim u. a. Zwei der drei Nobelpreisträger Wiener Abstammung, Robert Barany und Karl Landsteiner, können wir ebenfalls für uns reklamieren. Es ist wirklich eine stolze Reihe von Namen, auf die wir Wiener jüdischen Aerzte hinweisen können, wenn von den Leistungen der Wiener medizinischen Schule gesprochen wird. Wir hoffen, daß trotz der Ungunst der Zeiten, trotz der uns allen bekannten Verhältnisse der jüngsten Gegenwart, die allgemeine und selbst von unseren Gegnern anerkannte Befähigung der Juden zum praktischen ärztlichen Beruf und zur medizinischen Forschung auch fernerhin der Wiener Medizin und der Wiener medizinischen Schule zum Nutzen gereichen möge. An einem Wiener israelitischen Mädchenwaisenhanse gelangt die Stelle einer pädagogisch und in der Wirtschaftsführung geschulten, in den Jüdischen Belangen versierten Direktorstellvertreterin zur Besetzung. Der Vorstarid behält sich vor, die akzeptierte Bewerberin fUr den Fall zufriedenstellender Dienstleistung seinerzeit mit der Leitung zu betrauen. Geeignete, alleinstehende Bewerberinnen, welche das 35. Lebensjahr nicht überschritten haben, die österreichische Bundesbürgerschaft besitzen und auch sonst den für eine solche Stelle bestehenden gesetzlichen Vorschriften entsprechen, mögen ihre mit einer genauen Lebensbeschreibung und dem Nachweise über ihre Ausbildung und bisherige berufliche' Tätigkeit versehenen Gesuche bis 17. Juni 1935 im Eiijreichungsprotokoll der Israel. Kultusgemeinde Wien, I.', Seitenstettengasse 4, II. Stock, zwecks Weiterleitung überreichen. Eröffnung einer Volksschule. Der Vorstand der israel. Kultusgemeinde Wien beabsichtigt, mit Beginn des Schuljahres 1935/36 die I. Klasse einer neuen jüdischen Volksschule mit dem Standort IL, Castellezgasse, zu errichten. Zv/ecka Gewinnung einer Uebersicht über die zu erwartende Frequenz werden jene Eltern, welche ihre im nächsten Schuljahre schulpflichtig werdenden Kinder in die I. Klasse dieser Anstalt einschreiben lassen wollen, ersucht, dies dem Schulamte der Kultusgemeinde, L, Seitenstettengasse 2, I. Stock, bekanntzugeben. Ueber den Termin der seinerzeitigen Einschreibung und die sonstigen Aufnahmsmodalitäten werden noch Verlautbarungen erfolgen. Israelitische Jugendgottesdienste. 1. Jugendgottesdienst für Volks-, Haupt- und Mittelschüler (Schülerinnen) Samstag, den 15. Juni d. J., um 3 Uhr nachmittags; in allen Gemeinde- und Bezirks-Synagogen. 2. Besondere Jugendgottesdienste für Mittelschüler und -Schülerinnen für Unterklassen im IL, IX. und XX. Bezirke. Samstag, den 15. Juni d. J., um yt5 Uhr nachmittags, im Leopoldstädter Tempel, IL, Tempelgasse 5, und in den Bezirks-Synagogeri, IX., Müllnergasse 21, und XX., Kluckygasse 11. Aufruf Der Vorstand der isr. Kultusgemeinde Wien und die Zentralkommission für soziale Fürsorge wenden sich an die Mitglieder der Wiener Kultusgemeinde um Förderung ihrer diesjährigen Aktion ,,K Inder aufs Lau d". Nach entbehrungsvollen Monaten naht wieder die Zelt, die für viele tausende armer Kinder und ihre Eltern, sei es auch nur für wenige Wochen, Freude und Erlösung aus dumpfer, druckender Not bedeuten kann — wenn gute Menschen sich ihrer Pflicht, zu helfen, bewußt sind. Nur wer unmittelbar mit den Kindern in Berührung steht, die sich ein ganzes Jahr lang auf ihre Aufnahme in eine Ferienkolonie freuen, kann ermessen, wie groß das Glück ist, da» man diesen Kindern bereitet, wenn sie aufgenommen worden, wie ungleich größer aber die Enttäuschung, wenn sie zurückgewiesen werden müssen. Die jüdische Gemeinde tut, was in ihren Kräften steht; durch eine hochherzige Stiftung der sei. Eduard und Rosa Gottlieb war es in diesem Jahre möglich, ein eigenes zweckdienliches Kinder er holungsheim in Payerbach-KUb zu erwerben, das nach seiner Ausgestaltung weit mehr als 400 Kindern einen idealen Sommeraufenthalt bieten könnte. Allein die Kostenaufbrlhgung für dieses Heim sowie für andere Vorkehrungen — i m V o rjahre wurden mehr als 2500 jüdische, unterernährte, durch Entbehrungen geschwächte KlnderderErholungsfürsorge zugeführt — bereitet schwerste Sorge, wenn die Aktion auch durch das im Auftrage der Regierung, arbeitende Kinderferienwerk der Vaterländischen Front und das Jugendhiifswerk der Gemeinde Wien in dankenswerter Weise unterstützt wird. Der Kultusvorstand appelliert deshalb an die Immer und auch: in Zeiten schwerer wirtschaftlicher Not bewährte Hilfsbereitschaft der Wiener Judenschaft, und bittet sie, mitzuhelfen, damit arme Kinder, deren junges Leben ohnehin von so wenig Glück und' Freude erfüllt ist, wenigstens vier Wochen lang Jugend glück, Freude und Sorglosigkeit genießen können. Alle, die zu diesem Werke der Nächstenliebe beitragen, werden für ihre eigene Erholung von sorgenvoller Arbeit das beseligende Bewußtsein mitnehmen, ihre Menschenpflicht erfüllt und mitgeholfen zu haben, tausenden armen jüdischen Kindern einige Wochen ungetrübten Glücks zu schaffen. Spenden werden an die Fürsorge-Zentrale der Kultusgemeinde Wien, I., Seitenstettengasse 2 (Postsparkassenkontp Nr. B 29.059) erbeten. B e s 11 e u o m m i e r; c Küche REICHHALTIGE MENÜS ä 5 1.90 UND 2.60 C II W K l H A I h K BKAl H,Hammer-Purgstctll-Gasse 3 (nädi$!$ai7tO!brü*e)©Tel.A-M-C-?5 Hotel-Restaurant Smetana-Luhacovice 50 Zimmer mit kaltem und warmem fließendem Wasser. — Erstklassiges Restaurant und Caf<5. — Streng rituelle Küche. — Bethaiis im Hause. — Eröffnung 15. Mai. Bis 15. Juni billige Vorsaisonpreise. Empfehlen§werte Firmen Restaurants, Cafes etc. A. linr.srhak, II., Große Schiffgasse 3. Streng Vorzügliche Küche. Billige Preise. 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Wochen-Kalender Juni 1935 *VD rmn Siwan 5695 fc^reitag 14 13 Sabbateingang 7.55 Samstag 15 14 Sabbatausgang 8.55 Sonntag Montag Dienstag 16 15 17 16 18 17 Mittwoch 19 18 Donnerstag 20 10 Eigentümer, Verleger. Herausgeber und yerantsoctUcUer. JledaMeur: .Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Druckerei- und Verlags-A,-G, Ignaz Steinmann, beide Wien, .< X$* UniveraitatMtraöe «—».

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