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Die neue Welt · 1935-06-06 · Heft 470 (6.6.1935) · page 10

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 470 (6.6.1935)
Date
1935-06-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite M ^m^fwm>.,^. DIE NEUE WELT Nr. 470 G tt ABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, 1. Bez., Seitensteitengasse 2, III S am »tag XI., Zenit alfriedhof, neb. d. 1. Tor. \\\ geschlossen ifssod-HtiinMläh Wlfinrirww f ^Wv'r|PIPV|Vfr ZW künftige ientcutn du UuteqetUeics Von Jaocb Josefsberg (Haifa) Zwischen Rosch-Pina und Metula In der Nachbarschaft von Ajeleth-Haschachar am Hule-See (Me-Merom), umgeben vom Gebirge Naftali, liegt in einer Ebene die Kolonie Jessod-Hamaalah. Die Geschichte dies fr Kolonie ist eine Leidensgeschichte im wahrsten Sinne des Worten, ähnlich der Geschichte der Kolonien Chedera in Schomran und Gedera in Südjudäa. Hier wie dort wurden die ersten Pioniere durch die Malaria dezimiert und durch dauernde Ueberfälle räuberischer Beduinen geschädigt und gehemmt. Aber die tapferen Kolonisten wichen nicht von der Scholle; ßie hielten standhaft bis heute durch, wo durch den Erwerb des Hulegebietes die Kolonie einer neuen Entwicklung entgegengeht. Im Jahre 1881 wurde im Städtchen Meseritsch, im russischen Ansiedlungsrayon, die Gesellschaft „Jessod- Hamaalah" mit dem Ziele gegründet, Boden in Erez-Israel zu erwerben und dort jüdische Bauern aus Rußland anzusiedeln. Der Gesellschaft, der zehn Personen angehörten, schloß aich ein äußerst religiöser Idealist namens Fischel Salomon aus Brisk an. Salomon, der kaum 18 Jahre a'c war, und schnurstracks aus dem dortigen Beth- Hamidrasch kam, wurde mit einem anderen Mitglied der Gesellschaft „Jessod-Hamaalah" nach Erez-Israel zum Ankauf von Boden delegiert. Er suchte in der Gegend von Jaffa einen Bodenkomplex und fand auch ein entsprechendes Terrain in der. Nähe der. heutigen Kolonie Ekron in Südjudäa, aber Baron Edmond de Rothschild verhandelte bereits wegen dieses Komplexes. Salomon kam nach Safed; dort verwies manihn an den französischen Konsul Jakob Chaim Obu, welcher in der Nähe des Merom- Sees Boden besaß. Dsr Boden, der sich für Getreide sehr gut eignete, gefiel. Salomon kaufte einen Komplex von 1200 Dunam zum Freise von Fr. 2.— per Dunam. Im Jahre 1883 siedelten sich Fischel Salomon mit zehn Familien ate erste auf dem versumpften Boden an. &;e wohnten in einem Stall gemeinsam mit dem Vieh, cie fctten an Krankheiten, besonders an Malaria,, hungerten. Sie schleppten Schilf aus dem Hule-See und bauten aus dem Schilf primitive Baracken. Die Not und die physischen Strapazen waren so groß, daß ein Mitglied der kleinen Gruppe i ro der Verzweiflung Selbstmord beging. In Safed hielt s'cn ein Mann auf, der, um Geld von den armen Kolonisten zu erpressen, sie bei den türkischen Behörden anzeigte: sie hätten ihren eigenen Kameraden ermordet und beraubt. Alle zehn Kolonisten wurden verhaftet, gefesselt an die Pferde angebunden und so nach Safed gebracht, wo sie wochenlang im Kerker blieben, bis der Fall aufgeklärt wurde. Nach ihrer Befreiung aus dem Gefängnis kämpften die-zehn Kolonisten heroisch weiter, bis der „Baron" im Jahre 1887 nach Rosch-Plna kam und einer Deputation der kleinen Kolonie Jessod-Hamaalah produktive Hilfe versprach. Der Baron erwarb weitere 1000 Dunam, baute ihnen feste Häuser und gab ihnen Geld zum Ankauf von Pferden; er ließ Pflanzen, aus denen Parfüms erzeugt werden, anbauen und eine Parfümfabrik errichten, aber die Pflanzen gediehen nicht, so" daß die Parfümfabrik nach einigen Jahren liquidiert werden mußte. Neuer Boden bis 13.800 Dunam wurde vom Baron für die Kolonie erworben, neue Kolonisten kamen aus Rußland. Sie bauten Getreide und ernährten sich kümmerlich. Die Anopheles-Mücke aus den Sümpfen am Merom-See verursachte häufige Malariaerkr'ankungen — ganze Familien starben aus. Im Jahre 1904 übergab der Baron die Verwaltung der Kolonie der Gesellschaft Ica. Der Verwalter Meyersohh machte den mit der Malaria kämpfenden Kolonisten aus Jessod- Hamaalah den Vorschlag, die Kolonie zu verlassen und naca Argentinien auszuwandern, was sie aber entschieden f;bk-hnten. Sie wollten analog den- Kolonisten in Chedera lieber an der Malaria zugrunde gehen, als die Scholle verlassen. Der neue Verwalter der „Ica", Kalvarijaki, unterstützte die Kolonisten in ihrem Vorhaben; sie blieben auf der von ihnen heißgeliebten Scholle, um die sie litten — bis zum Ausbruch des Weltkrieges. ,. Im Krieg ward Jessod-Hamaalah vom vollständigen Untergang bedroht. Die türkischen Militärbehörden requirierten alles, wie Kühe, Pferde, Arbeitsgeräte u. a. Im Jahre 1915 vernichtete ein Heuschrecken-Ueberfall die gesamte Ernte, 1917 wütete eine Typhusepidemie. Nach dem Einmarsch der Engländer im Sommer 1918 wurde es allmählich besser. Die Kolonie entwickelte sich zusehends, aber 1920, im Zusammenhang mit der Tragödie von '/Tel Chaj, wo Trumpeldor fiel, wurde die Kolonie von Arabern überfallen und vollständig ausgeplündert. Bis 1929 gab es oft Ueberfälle seitens der benachbarten Araber. Im August 1929 flüchteten alle Kolonisten vor den raubenden und plündernden Arabern nach Ajeleth- Haschachar. Langsam begann es später wieder vorwärtszugehen. Im heutigen Jessod-Hamaalah leben auf einem Gebiet von 12.000 Dunam in 60 Häusern etwa 500 Seelen. Die Kolonisten befassen sich hauptsächlich mit dem Anbau von Getreide und betreiben auch Vieh-, Schaf- und Hühnerzucht. Der Wohlstand der Kolonie wächst. Jessod- Hamaalah besitzt eine achtklassige Volksschule mit 80 Kindern und 3 Lehrern, einen Kindergarten mit 30 Kindern und einer Lehrerin, eine Synagoge und eine Abteilung der „Kupath-Cholim Amuth" (Volkskrankenkasse). Der stabile Arzt Dr. Dauerman (Mitglied der Judenstaatspartei) bemüht sich sehr, den Gesundheitszustand der Kolonisten zu heben. Die Malariagefahr ist verschwunden; man befürchtet bloß, daß mit Beginn der Trockenlegung der Hule- Sümpfe und eines großen Teiles des Hule-Sees diese heimtückische Krankheit sich wieder bemerkbar machen werde. Am Ufer des Hule-Sees leben in einer Baracke zehn Arbeiter aus Kfar-Gileadi und Ajeleth-Haschachar, um die Geräte, die zu den Vermessungsarbeiten am Hule-See erforderlich sind, zu bewachen. Die Kolonisten von Jessod- Hamaalah sehen den Sanierungsarbeiten mit großem Interesse entgegen. Sie erhoffen mit Recht, daß Jessod- Hamaalah infolge seiner zentralen Lage das Zentrum der dort entstehenden Siedlungen werden wird. Ein Pionier Von Urlel Hirnbaum Nach der redaktionellen Würdigung Moses Hammers anläßlich seines 80. Geburtstags veröffentlichen wir im nachstehenden eine, Betrachtung über den Jubilar aus der Feder des bekannten jüdischen Schriftstellers und Malers Urlel Birnbaum, Sohnes von Dr. Nathaji Birnbaum (Mathias Acher). Zu den vielen Dingen, an die der Krieg selbst die Erinnerung verschüttet, zu haben scheint, gehört auch die Eigenart der jüdischen Bewegung in jenen verschollenen Tagen. Die oft angemerkte Tatsache, daß die Ereignisse in Politik und Kulturleben des alten Oesterreich nicht kaum zwanzig, sondern mindestens zweihundert Jahre zurückzuliegen scheinen, wird angesichts von Einzelbeispielen besonders deutlich. Aber nicht so, daß alles, was im alten Oesterreich vorfiel, mit diesem Staat in einer Sackgasse der Entwicklung zugrundegegangen wäre: Sondern die damals angepflanzten Keime haben, in kaum geistigem Boden verpflanzt, so stark, teilweise wohl auch so wirr und geil getrieben, daß durch das Dickicht der großgewordenen Weltbewegungen ihr Werdegang und ihre Jugend in der Vorkriegszeit kaum mehr erraten werden kann. Nur so ist es möglich, daß Geschehnisse, Leistungen und Taten aus einem kurzen Menschenalter Vergangenheit heute gerade von Jenen am wenigsten mehr gekannt werden, die mit ihrem ganzen Geiste solcher Vergangenheit verpflichtet sind. Und noch weniger bekannt sind natürlich die Männer geblieben, die damals die notwendige Kleinarbeit von Bewegungen leisteten — um so mehr, als jedermann, insbesondere der politisch Reüssierte, nicht zu bedenken liebt, daß er seine scheinbar weltumspannende Tätigkeit nur der Provinzen, Bezirke, ja Gassen umfassenden Pionierarbeit von Menschen verdankt, die (und das spricht immerhin für sie) eine Weltöffentlichkeit als mehr oder weniger uninteressiertes Publikum hatten. Wenn nun einer dieser Pioniere der jüdischen Bewegung, durch die sein Judentum als noch Miterlebender der Nachwelt in Erinnerung gebracht wird, so mag das dieser vor allem eine heilsame Gelegenheit sein, den heutigen Stand als nichts Absolutes zu sehen, sondern aus der Perspektive dessen, was den Vorkämpfern als Ziel und Zweck vorgeschwebt haben mag. Denn hiebei wird so mancher schon gänzlich im jüdischen Nationalbewußtsein Aufgewachsene merken können, wie sehr sich seine nationale Sclbstbewußtheit von dem selbstverständlichen Judesein der Männer aus den alten Tagen unterscheidet. Moses Hammer ist, und das ist das für ihn Bezeichnende, für mich und so sicherlich auch für viele andere schlechthin eine Jugenderinnerung. Und noch bezeichnender ist es wohl, daß er das werden konnte, obgleich er in der Zeit meines Erinnerungsvermögens sich politisch von den Wegen meines Vaters bereits zu entfernen begann; in der Hauptrichtung wenigstens, die bei Hammer stets die des Zionismus blieb, während mein Vater seinen bekannten Weg über* Kulturzionismus und Jiddischismus zur Gesetzestreue zurückging. Daß diese beiden Männer trotz so vielem Trennenden bis auf diesen Tag in Freundschaft verbunden geblieben sind, beruht auf einer bestimmten Gleichheit der geistigen Grundanlage: Auf der durch keinerlei Parteidogma zu beeinträchtigenden Offenheit des Blickes für das jüdische Problem als einer großen Gesamtheit, durch dessen prinzipiengemäße Gesamtlösung die Pflege und Lösung der zahllosen Einzelprobleme durchaus nicht, wie das so Utopistendenkart ist, überflüssig werden kann. Welche dieser Fragen mein Vater auf seiner rastlosen Geisteswanderung aufzugreifen gezwungen war, Moses Hammer nahm mit äußerstem Interesse an ihr Anteil. So ist eine meiner schärfsten Erinnerungen an ihn mit dem von meinem Vater 1905 ins Leben gerufenen „Jüdischen Abenden" verknüpft. Diese Veranstaltungen, die von Hammer organisiert worden waren, und insbesondere die wichtigste derselben, eine Vorlesung Scholcm Alejchems in Wien, gaben mir auch in Hammer ein lebendes Beispiel für eine leider immer seltener werdende, vom Betrieb zerstörte Eigenschaft, für die einfache Freude an allem Jüdischen. Dann wieder erinnere ich mich seiner kämpferischen Unermüdlichkeit im gemeinsam mit. meinem Vater vertretenen Interesse der Ostjudon; es ist mit Hammers Verdienst, daß die Wiener asslmilationsjüdische Abneigung aus Unwissenheit gegen das jüdische Kulturreservoir gebrochen werden konnte. Und wie ein bedeutsamer Akzent auf diesen Bestrebungen mutet heute seine Teilnahme an einer Delegation an, die während der Reichsratswahlen von 1907 beim Ministerpräsidenten vorsprach, um gegen den Terror zu protestieren, den die gaüzische Wählerschaft meines Vaters durch die polnische Regierungsmehrheit ausgesetzt war. Diese Kämpfe sind verschollen. Mancher allerjüngste Nationaljude mag sie für mit Recht verschollen erachten. Weil er durch das Abreißen der politischen Entwicklung mit Kriegsende gar keinen Begriff mehr davon hat, wie seine eigene politische Umwelt, in der er doch wirken soll, j geworden ist wie sie ist — und worauf sie letzten Endes bis heute berulit. Aber auch der jüngste und tagiftspolitischeste Nationaljude sollte wenigstens eines nicht vergessen: Worauf und wem er Dank schuldig ist. In Erfüllung aber dieser selbstverständlichen Pflicht wird er in Dankbarkeit auch an Moses Hammer denken müssen, einem der aufopferndsten und treuesten Mitarbeiter, durch die eine Bewegung groß wird. Hotel-Restaurant Smetana-Luhacovice 50 Zimmer mit kaltem und warmem fließendem Wasser, — Erstklassiges Restaurant und Cafe\ — Streng rituelle Küche. — Bethaus im Hause. — Eröffnung 15. Mai. Bis 15. Juni billige Vorsaisonpreise. Empfehlenswerte Firmen Restaurants, Cafes etc. A. Barschak, II.. Große Schiffgasse 3. 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