Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 465 (21.5.1935)
- Date
- 1935-05-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite * DIE NEUE IVEL! Nr. ^65 iJUtktßtiet" out fkatiotka ffw fffffFlWfW j^vWWr w Ww w w[ VJfflF Das Schicksal einet lu4eH*ta*nmes Von Ing. L. Z e 1 w c r, Barcelona I. Wier stehen heute wieder in einem Wendepunkt jüdischen Schicksals. In einer Welt, in der wir uns sicher und geborgen wähnten, klaffen immer tiefere Risse und Durchbrüche, durch die giftige Dünste aufsteigen, die Haß und Wahn um sich verbreiten. Wir sehen unser Leben bedroht, unsere Heime gefährdet, unsere Zukunft in Nebel tauchen. Und wie schon so oft in unserer tausendjährüren Geschichte erhebt sich die erschütternde Frage nach Wesen und Sinn des jüdischen Schicksals. Wir haben Reiche und Kulturen zusammenbrechen gesehen, den Verfall und das Aufgehen von Völkern erlebt — und sind leider zu oft als Prellböcke gegen den Zusammensturz mißbraucht worden —, ohne daß wir in das Dunkel der Zeiten eingegangen sind. Der ewige Jude ... Eine seltsame Beleuchtung erhalten diese Gedankengänge, wenn man in einem ghettoähnlichen Stadtviertel Palmas auf der spanischen Mittelmeerinsel M a 1lorca (einer Insel der Balcaren-Gruppe) das Leben der Chuetas, Nachkommen ehemaliger Juden, betrachtet, eines erloschenen jüdischen Zweiges, an dem immer noch jüdisches Geschick zehrt. Ein leises Zittern und ein unfaßbares, beklemmendes Geheimnis scheint in der Luft zu schweben, wenn man am herannahenden Abend durch die schmalen, winkligen Gassen im Südosten der Stadt Palma auf Mallorca geht. Fast unwirklich muten die hohen Gestalten an, deren scharf geschnittene Profile und melancholische Versonnenheit von irgend woher uns bekannt vorkommt. Frauen in dunklen Hauben und Kopfschmuck — wie man sie im Osten jetzt noch sieht — bewegen sich mit einem auffallend traurigen Ausdruck des Blickes der — Kirche zu. Man schaut und glaubt es kaum. Jüdische Typen von einer geradezu klassischen Reinheit. Hohe, oft geiunzelte Stirne, hervorstehende Nasen von edler, musikalischer Form, ein etwas spitzes Kinn — und vor allem die innere Beherrschtheit und Zurückhaltung, die sich in den etwas unruhigen Augen widerspiegelt. Man wäre nicht, im geringsten überrascht, wenn man eine hebräische oder jiddische Unterhaltung vernähme. Aus einem offenen Fenster dringen die Klänge ciues Liedes. Eine alte, alte Weise, von getragenen, rezitativen Tönen durchzogen und von still vibrierenden, kurzen Takten durchzuckt. Eine Weise von fünfzig „martircs", die im Sturm die wankenden Schiffe bestiegen und nur ihre .,Herzen und Kinder" mit sich trugen und ihren „jüngsten Liebling vor dem Tod schützen wollten". „Hinaus, hinaus, auf das stürmische Meer..." Da kam der böse, heulende Wind und schleifte sie in die Klippen. Und dann hat sie der Henker erdrosselt und „des Feuers Arme" sie umschlossen" . . . Es ist keine erfundene Sage. Es ist historische Wahrheit. Im Jahre 1686 wollte eine größere Gruppe der seit 200 Jahren geheimen Juden Mallorcas die „goldene Insel" heimlich verlassen, sie wurden aber vom Sturm an die Küste zurückgetrieben und erlitten das Ende, das der Volkssänger verkündet. Die Nachkommen jener geheimen Juden sind eben die Chuetas, was bedeuten soll: S c h w c i n e - E s s e r. Sie aßen nämlich öffentlich Schweinefleisch,, um ihre angezweifelte Treue zur Kirche und zu dem neuen Glauben kundzutun. Glanzvoll war ihre Vergangenheit. Um so schmerzlicher berührt es den Juden, wenn man heute noch ihre Abgeschiedenheit und teilweise Degenerationserscheinungen sieht, obwohl zur Zeit auf der ganzen Insel über 5 0.0 0 0 Chuetas leben, davon 30.000 allein in der Stadt Palma de MaHorca. Es gibt kaum eine Gegend in Spanien, wo die Juden VQr der Vertreibung sich solchen Wohlstandes und Ansehens erfreuten wie auf den Balearen mit der Hauptinsel Mallorca. Abgesehen von vereinzelten jüdischen Seefahrern des Altertums und Sklaven, die auf die Balearen gebracht wurden, weiß man heute, daß bereits im zweiten Jahrhundert Juden auf Mallorca lebten und im fünften Jahrhundert dort sogar Judenverfolgungen stattfanden. Im elften Jahrhundert gab es bereits eine ansehnliche jüdische Siedlung auf der aufblühenden Insel, die im Laufe der Jahrhunderte wie ein Spielball von den ursprünglichen Piraten zu den Römern, dann zu den Vandalen, zu den Byzantinern, Arabern, Karolingern, Normannen, Kordobanern, Aragoniern, Katalanen usw. überging und heute den Hauptteil der Inselprovinz Balcares bildet. Während der Verfolgungen durch die fanatischen Almohaden im zwölften Jahrhundert kamen viele Juden aus Südspanien nach Mallorca, wo das jüdische Leben einen raschen und hohen Aufschwung nahm. Die Blütezeit des jüdischen Lebens auf der Insel fällt in das vierzehnte Jahrhundert. Der Reichtum der jüdischen wie christlichen Mallorcaner war damals sprichwörtlich, lieber 1000 jüdische Familen bewohnten die Insel und standen in reger Verbindung mit ihren Brüdern in Aegypten, Sizilien, Rom, Südfrankreich und vor allem Spanien. Der Aufschwung wurde zur Zeit Jaimcs I. von Aragonien eingeleitet, der im Jahre 1220 Mallorca eroberte und den Juden bürgerliche und öffentliche Rechte in weitem Umfang einräumte. Aehnlich wie in Barcelona besaßen die Juden eine eigene Selbstverwaltung mit Zivil- und Strafgerichtsbarkeit, wobei die amtlichen und privaten Urkunden in hebräischer Sprache abgefaßt wurden. Sämtliche Gemeinden von Mallorca, Menorca und Ibiza bildeten einen mächtigen Gemeindebund mit einem Rat und Ressortsvorstehern an der Spitze. Eine große Anzahl von jüdischen Gelehrten von weitem Ruf lebten und wirkten auf der Insel. Genannt seien beispielsweise Aaron ha^Kohlen und die berühmten Kartographen Abraham und Jehuda Cresqucs. Nach dem letzteren ist in Palma eine Straße benannt. Der Reichtum mancher Geschlechter hat auch die im Mittelalter nicht unbekannten negativen Erscheinungen im öffentlichen Leben gezeitigt. Die willkürliche Geschlechterherrschaft nahm besonders auf der Insel krasse Formen an und artete durch die Fehden der einzelnen Geschlechter zu heftigen Streitigkeiten und Mißbräuchen aus. Es kam so weit, daß die Regierung sich veranlaßt sah, energisch einzuschreiten und den Mißständen durch Abänderung der Gemeindeverfassung Halt zu gebieten. Der Niedergang nahm jedoch seinen Anfang in den später einsetzenden unmenschlichen Verfolgungen gegen die Juden, die zwar keine Stadt in Spanien verschonten, jedoch in Palma, wo der Hauptteil der Juden der Balearen konzentriert war, sich durch besondere Häufigkeit auszeichneten und — was sehr wesentlich ist — immer von Massentaufen begleitet waren. Diese Massentaufen auf Mallorca gaben schließlich den Grund zur Entstehung der abgeschlossenen Kaste der Chuetas, die bis auf den heutigen Tag nur unter sich verkehren und von den Mallorcanorn mit Verachtung behandelt werden. Ein Vorspiel zum Niedergang bildeten die Ereignisse von 1314, als die Gemeinde von Palma zwei Deutsche ins Judentum aufnahm, welche die Rabbiner der spanischen Gemeinden aus richtiger Einsicht zurückgewiesen hatten. Die Juden Malloveas fühlten sich offenbar sicherer und mächtiger als ihre Brüder in Spanien. Daraufhin legte der Bischof Villanova der Gemeinde eine Geldbuße von 150.000 Fiorin auf und ließ eine der zahlreichen Synagogen in eine Kirche verwandeln. Im darauffolgenden Jahre sah sich der Gemeindebund gezwungen, für die Dauer von zehn Jahren Sonderstcuern auf Gebrauchsmittcl, wie Brot, Wein, Fleisch, sowie auf neue Kleider einzufühlen. Das Jahr .1301 war der W c r. d c p u n k t in der Geschichte ■ der Jeden in Spanion, wo übejaH blutige Ausschreitungen ausbrachen, die in Palma besonders entsetzliche Formen annahmen und schließlich zu einer Masscntaul> .führten. Dies wiederholte sich im Jahre 1435, in der Osterwochc im Zusammenhang mit einem Ritualmordprozeß, der zwar an sich zugunsten der Beschuldigten ausfiel, jedoch zu großen Unruhen führte, vor denen sich die Juden nur durch die Taufe retten konnten. Nichts konnte nun den Sturm aufhalten, der sich bald Uber Spanien ergoß und schließlich die blühenden, jüdischen Gemeinden wegfegte, und das Land für Jahrhunderte in eine Hölle der Inquisition verwandelte. („Isr. Schweizer Wochenblatt.") Anmerkung. Ein zweiter Artikel wird das Schicksal der Chuetas bis zum heutigen Tage behandeln. Jüdisches im Radio Mittwoch, den 22. Mai bis 18.50 Uhr: Poste-Par Religiöse i s i e n der Volx Aussendung von Ircland (307,1 Meter); 18 30 (312,8 Meter): d'Lsracl. 19.30 Uhr: Northern Der Geiger Louis Godowsky. Donnerstag, den 23. Mai 17.50 bis 18.25 Uhr: Mor. Ostrava (269,5 Meter) : Hebräische Lieder. Gesungen von L. Ettinger. Wze orew. Olecho (Sulzer), Zadik Katomor (Levandowsky)., Haschkivenu (Loisenstamm), En Kelohenu (Sulzer), Weschonau (Rubin). Freitag, den 24. Mai 21.10 Uhr: Hilversum (301,5 Meter)-: Konzert, Nr. 1. Biblische Szenen von S. Meyer. Samstag, den 25. Mai 20 Uhr: Oslo (1154 Meter): N. 3. K. Andersen (Cello), Kol Nidrej von M. Bruch. 21.30 bis 22.00 Uhr: Northern Ireland (307,1 Meter): Esta Stein and her Yiddish Chauve Souris Company, Yiddische Volkslieder und Gedichte. >♦♦♦♦♦♦»♦♦♦»»♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦»♦♦♦♦♦♦»»»♦♦»»♦♦♦♦♦»♦♦♦»♦♦♦•> &m pmpwae< :^rmTWt>>t<r^ nUcrd^ne WiSarrwvenMJ^^ n cm&fj^ * i^^8^u:&Kxrid *ut3ör"gxo#e^ 6lu/> waM / r I I..TAB O RS TRASSE nirontUmer Verleger Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Druckerei- und Verlags-A.-G, Ignaz Steinmann, beide Wien, 5 w ' e ' ]$« Vaiversltätsstraße o—»,