Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 465 (21.5.1935)
- Date
- 1935-05-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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R- _ Ä _. ,Ä KEÄW1SBBDTNGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50. MM ■ ■ HB vierUHRhrlg Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, viertel- M V ■ ■ Bm jahrig Dinar 40.—: Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig U ■ ■ Marl; 3.—: Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; ^^^B Im Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. ^^P< e bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, Tel. A-20-2-78 - Erscheint Dienstag u. Freitag Judenklassen bleiben — Ohnmächtige Prote§f pola* ik Die Jüdische Telegraphen-Agentur (J. T. A.) meldet aus Wien: „Als im Vorjahre der sogenannte Parallelk 1 a s s e n e r I a ß in Oesterreich erschien, mit welchem die Absonderung der jüdischen Schüler von den nicht jüdisch en eingeleitet wurde, hatte diese Maßnahme, in der eine beabsichtigte Diskrimicrung der Juden erblickt wurde, sehr unliebsames Aufsehen hervorgerufen. Die Regierung sah sich veranlaßt, einen '/weiten Erlaß herauszugeben, dev eine gewisse Milderung in Aussicht stellte. Im großen und ganzen blieben die Parallelklassen jedoch weiter bestehen, was damit erklärt wurde, daß e» unmöglich sei, mitten in dem bereits begonnenen Schulbetrieb eine neuerliche Klasseneinteilung vorzunehmen. Man war daher in jüdischen Kreisea der Meinung, daß die Parallelklassen mit Schluß des laufenden Schuljahres aufgelassen werden. Wie man jedoch hört, ist von einer Auflassung der im vorigen Jahre eingerichteten Parallelklassen in den österreichischen Mittelschulen nicht dieRede. Es werden Vorbereitungen getroffen, um sowohl die Schüler Oer ersten Klasse als auch die nun in die zweite Klasse übertretenden Schüler nach dem konfessionellen Prinzip zu scheiden. Diese Tatsache erregt unter der jüdischen Elternschaft die Besorgnis, daß die diskriminierende Absonderung der jüdischen Kinder von den nichtjüdischen, ohne daß an die Einrichtung wirklich jüdischer Schulen geschritten wird, zur ständigen Einrichtung in Oesterreich werden soll." Die Meldung der Wiener Vertretung der J. T. A., welche in solchen Fällen ihre Information bei offiziellen jüdischen Stellen einzuholen pflegt, bestätigt nur,, was vorauszusehen war. Es war vorauszusehen, daß. der nun einmal auf den Hwrs der deutschchristlichen Erziehung der Jugend festgelegten Regierung auf die Klassenteilung nach religiösen Momenten nicht verzichten wird, da sie in ihr einen wesentlichen Bestandteil ihres Systems erblickt. Es war vorauszusehen, daß bloßes Protestieren nichts nützen wird. In Erkenntnis dieses Umstandes hat der „Jüdische Volksbund", in welchem die zum jüdischnationalen Programm stehende Judenschaft (Judenstaatszionisten, Revisionisten, Misrachisten und andere volkfbewußte Juden) organisiert ist, sofort nach Bekanntwerden des Planes der Klassenteilung seine Stimme erhoben, zu einem Protest u n d zu einem positiven Vorschlage. . Der „Volksbund" hat dagegen protestiert, daß man jüdische Kinder unter erniedrigenden Bedingungen von den anderen absondert. Er hat dagegen protestiert, daß man jüdische Kinder einfach aussondert und sie in getrennten Räumen von deutsch-christlichen, manchmal auch antisemitischen Lehrern in deutschchristlichem Sinne „erzieht". Er hat sich auf den Standpunkt gestellt, daß darin eine Verletzung der verfassungsmäßig festgelegten Gleichberechtigung der jüdischen Minorität in Oesterreich liegt. Er hat festgestellt, daß diese rein mechanische Absonderung des jüdischen Kindes in diesem selbst das Gefühl der Demütigung und in der nichtjüdischen Umwelt beleidigende Geringschätzung hervorrufen muß. Der „Volksbund" hat sich aber nicht mit diesem Protest begnügt, sondern positive Forderungen erhoben. Er hat das Recht der deutsch-christlichen Majorität und der von ihr eingesetzten Regierung, ihre Jugend in deutsch-christlichem Sinne und nach ihren Methoden zu erziehen, anerkannt. Er hat aber gleichzeitig das Recht der Judenschaft auf Erziehung ihrer Kinder in jüdischem Geiste betont. Wenn in Oesterreich das Prinzip der n$tional-reÜgi$een Erziehung nun einmal stipuliert wird, dann hat es auch für die Juden zu gelten. In diesem Sinne hat der „Volksbund" die Errichtung eines jüdischen Schulwerkes aus Mitteln des Staates und der Gemeinden gefordert, in welchem jüdische Kinder von jüdischen Lehrern in jüdischem Geiste zu guten Juden und guten Staatsbürgern erzogen werden. Weg mit dem Schul-Ghetto, mit den Judenklassen unter unjüdischem Zwange, welche Entjudung und Charakterlosigkeit züchten und die Judenschaft beleidigen und demütigen! Heraus mit der jüdischen Schule, in welcher der Jude, der es wünscht, sein Kind zu einem aufrechten Menschen, Juden und Staatsbürger erzogen sieht! # Die Forderung und ihre Begründung ist so gerecht, vernünftig und klar, daß ihr von selten der angerufenen Regierung nichts entgegengehalten werden konnte. Im Gegenteil, als Bundeskanzler Doktor Schuschnigg vor einiger Zeit in London wegen der ärgerniseregenden Absonderung der jüdischen Kinder in , eigene-Klassen interpelliert wurde, hat er der Forderung des „Jüdischen Volksbundes" ausdrücklich Erwähnung getan und auf sie als die Möglichkeit einer gedeihlichen Lösung der Schulfrage hingewiesen. Auf dieser Seite bestehen also keine unüberwindlichen Hindernisse. Wie ist es aber doch gekommen, daß man das abscheuliche jüdische Schul-Ghetto bestehen läßt, ohne das Problem des jüdischen Schulwerkes in Erwägung zu ziehen? Es muß festgestellt werden, daß die Schuld daran zu großem Teile auf jüdischer Seite liegt. Daß die auf dem Standpunkte der Assimilation stehenden Juden, wie etwa die Herren von der „Union österreichischer Juden", das jüdische Schulwerk ablehnen und über einen ohnmächtigen Protest gegen die Klassenteilung nicht hinauskommen können, war vorauszusehen. Da aber die Majorität der Judenschaft heute wohl nicht mehr im assimilatorischen Lager steht und dieser Umstand allgemein bekannt ist, ist der Widerstand von dieser Seite wohl als unerwünscht, aber nicht als ausschlaggebend anzusehen. Die Entwicklung geht über die jüdische Assimilation hinweg. Von viel schlimmerer Bedeutung jedoch ist die teils zögernde, teils widerstrebende Haltung jener „allgemeinen Zioniste n", welche, entgegen ihrem nationalen Programm, im Kampf um das jüdische Schulwerk bisher die Teilnahme versagt haben. Auf die Forderung nach Errichtung eines jüdischen Schulwerkes aus öffentlichen Mitteln, welche Oberbaurat Robert Stricker namens des „Jüdischen Volksbundes" der Regierung übermittelte, erfolgte eine öffentliche Kundgebung des Sprechers und Führers der „Allgemeinen Zionisten", Staatsrat Dr. Desider Friedmann, in welcher der an die Regierung gerichteten Forderung die Zustimmung versagt wurde. In der Teilnahme an den Arbeiten des „Jüdischen Volksbundes" im allgemeinen und aus seiner Schulforderung im besonderen abgesehen. Auch sie haben sich auf die im Namen der Wiener Kultusgemeinde vorgebrachten wirkungslosen Proteste gegen die Klassenteilung beschränkt. Es ist nicht zu leugnen, daß die Haltung dieser Gruppe, welche mit ihrem nationalen Programm nicht in Einklang zu bringen ist, der jüdischen Schulsache schweren Schaden zufügt. Das Resultat: Man ist nicht um einen Schritt aus der unheilvollen Situation hinausgekommen. Allen Protesten zum Trotz bleibt das schmachvolle Schul- Ghetto, bleiben die „Judenklassen" bestehen. Die jüdischen Kinder werden weiterhin unter den demütigendsten, vom menschliehen und pädagogischem Standpunkte gleicherweise zu verurteilenden Bedingungen belassen, der nationalen und menschlichen Ver» Zfi'oiustenlcongreß am 27* August in Luzern Aus London: Das Zionistische Zentralbüro teilt mit: Die Exekutive der Zionistischen Organisation hat nach Beratung mit dem Präsidium des Aktionskomitees beschlossen, den 19. Zionisten-Kongreß für den 27. August 1935 nach Luzern einzuberufen. krüppelung preisgegeben. Weiterhin wird sich der Bürgermeister der Stadt Wien dessen rühmen können, daß nur mehr deutsch-christliche Lehrer angestellt werden. Weiterhin wird der Zustand bestehen, daß unter 5000 Lehrpersonen in Wien kaum sechs oder sieben Juden zu finden sind, die übrigens in nächster Zeit auch verschwinden dürften. So stellt sich die Lage dar und es erweist sich klarer denn je, daß die Errichtung eines jüdischen Schulwerkes aus öffentlichen Mitteln die einzige Lösung darstellt. Aber die Lösung muß rasch erfolgen, weil sonst die Verwüstung, welche das jetzige System unter der jüdischen Jugend anrichtet, unheilbar werden könnte. Wenn das ganze nationale Judentum Oesterreichs sich hinter die Forderung nach dem jüdischen Schulwerke stellen wird, dann wird sie erfüllt werden. Darum ist es höchste Zeit, daß die „Allgemeinen Zionisten" der ohnmächtigen Politik des bloßen Protestierens entsagen und, getreu ihrem alten Programm, in die nationale Schulfront eintreten: Weltpolitik dir Woche 20. Mai 1935. Die letzten Ereignisse haben gegenüber den früheren nichts an dramatischer Wucht eingebüßt. Stück für Stück politischen Geschehens reihte sich zwar ein wenig langsamer aneinander, aber der Atem der Welt war angespannt — zumeist in Sorge um die künftigen Tage. Es gibt politische Kreise, die von der bevorstehenden Rede Hitlers eine Klärung in den Beziehungen der Weltmächte zu Deutschland erwarten. Sie werden zweifellos enttäuscht werden. Der deutsche Nationalsozialismus hat nichts Neues zu sagen. Die Geste der friedensbereiten Hand und die Drohung der kriegsbereiten Faust können auf Staatsmänner „mit geschichtlichen Kenntnissen" keinen Eindruck mehr machen. Den Versuch, sich als bedroht hinzustellen und — welche Ironie! — von England Schutz gegen diese Bedrohung auf Grund der" Verträge, insbesondere des Locarno-Vertrages, zu verlangen, diesen Versuch mag Hitler wohl unternehmen, aber man wird ihm darauf nicht hereinfallen. Nicht das ist wichtig, was Hitler am Dienstag, den 21. Mai, als Willensmeinung des nationalsozialistischen Deutschland deklarieren wird. Wichtig ist die englische Unterhausdebatte, die Mittwoch, den 22. Mai, beginnt. (Die „interessante" Unterredung Lavais mit Göring in Krakau anläßlich des Begräbnisses des Marschalls Pilsudskis braucht niemanden nervös zu machen.) Aus dieser Debatte, in der es gewiß scharf gegen den Außenminister Sir John Simon gehen wird, werden die Festlandsmächte gewichtigere Schlüsse ziehen als aus Erklärungen der reichsdeutschen Führung. Man wird sehen, welche Umstellung der britischen Politik der französischrusssisc he Pakt mit sich bringen wird, insbesondere auf dem Gebiet der Rüstungspolitik. Da Deutschland den Pakt zweifellos mit einer Verstärkung seiner Rüstungen beantworten wird, bezw. bereits beantwortet, wird England, irritiert durch den Schreckensschrei Lord Rothermeres von den 10.000 Kampfflugzeugen Hitler-Deutschlands, sich ganz dem Aufrüstungsproblem zuwenden. Die Friedensreden tönen durch den Aether, der Rüstungslärm dröhnt durch die Fabriken. England, dessen Außenminister Simon sich von den Deutschen bluffen ließ, wird seinen Platz zugunsten eines weitsichtigeren Politikers räumen müssen — eine Tatsache, die wir bereits vor mehreren Wochen prognostiziert haben. * In Frankreich hat der Abschluß des französisch sowjetrussischen Paktes alljj^meine Befriedigung auf»