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Die neue Welt · 1935-05-03 · Heft 460 (3.5.1935) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 460 (3.5.1935)
Date
1935-05-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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DIE NEUE WELT Nr. 460 jjkdtikft CästLuIdeu WßWWW PfWfVlfV ^|r¥VfrfffW|^Fr Der „Gottespoliziant" Sindrik hat eine Mikweh. Schließt Augen, Ohren und erst recht die Nase, wenn man von dieser Mikweh spricht! Eine Ruine, ein verkrachtes, verfallenes Gebäude stellte diese Mikweh dar. Drinnen ist alles — lassen wir das, wozu eine Schilderung über Unordnung und verpestete Luft! Und doch sind die Sindriker auf die Mikweh stolz. Erstens können sie dadurch viele heilige Vorschriften erfüllen, und zweitens — sogar der Polizeikommissär, der Gerichtscxekutor und viele andere Christen tauchen dort ihre Körper ein. Nur Reb Herschale, ein kleines Männlein mit einem dicken Bäuchlein, ist mit der Mikweh unzufrieden. Natürlich hat dies seinen Grund! Nicht, weil die Mkweh alt und schwach ist, auch nicht, weil dort viel Unrat zu finden ist oder weil eine große Unordnung herrscht. Nein, nur weil . . . Der beim Purimabend des Innsbrucker B. .T. F. mit großem Beifall aufgenommene HEBRÄISCHE TANGO „ZABAR" von Artur Bauer, Jerusalem, ist in einer Ausgabe für Klavier und Gesang bei Regina Alt, Innsbruck, Müllerstraße 9, erhältlich. Preis S 2.—, einschließlich Porto, gegen Nachnahme oder Vorauszahlung. Reb Herschale, ein frommer Jude, der sich beim Beten so sehr bewegt, als ob er auf einem Schaukelpferd oder Schaukelstuhl säße, der in der Synagoge immer „Schah! Schah!" ruft, der nicht leiden kann, daß ein anderer auch nur die geringste Sünde begeht und der deshalb immer und überall herumspioniert. Von ihm kann man erfahren, wer am Montag oder Donnerstag fastet oder gar Fleisch ißt, wer sich am Freitag die Nägel nicht abschneidet, wer mit oder ohne Jarmekl schläft, in wessen Heim die Ehebetten hart beieinander stehen, wer am heiligen Sabbat Flöhe tötet usw. Und ihr könnt euch kaum vorstellen, mit welcher Wut und mit welchem Ekel er über diese gottlosen und sündhaften Menschen sprach. Kurz, er war ein frommer Jude, den man „Gottespolizianten" nannte. Eine jede jüdische Stadt hat einen derartigen „Gottespolizianten". Aber, warum soll er, gerade er, der „Gottespoliziant", Reb Herschale, das kleine Männlein mit dem dicken Bäuchlein, gegen die Mikweh sein? Warum? Bitte, einen Augenblick! Es war an einem Samstag. Die Sonne wachte auf und Reb Herschale eilte zum Lobe Gottes in die Mikweh. Während sein kugelrundes Bäuchlein sieben Male im Wasser untertauchte, bemerkten einige Sindriker Juden, wie aus seinen Kleidern Zigaretten, Schinken, Geld und andere trefene Wochen- und Sabbatsachen herausfielen . . . Ein „Gottespoliziant" darf alles! Natürlich, solange er nicht erwischt wird. Wehe, wenn er einen anderen auch nur bei der geringsten .Sünde ertappt! Wehe! Wer kann sich vorstellen, was für einen Sturm dies bei den Sindriker Juden hervorgerufen hat? Die französische Revolution war diesem Samstag gegenüber ein Kinderspiel . . . * Der Schabbesgoi Bleiben wir bei der Mikweh. An einem Montag, als die Mikweh voll Frauen war, begann es plötzlich zu brennen. Das Feuer entstand in der Kleiderkabine und in einigen Minuten sah man das ganze Badehaus in eine Rauchwolke gehüllt. Was soll man machen? Die. Sindriker Juden waren verzweifelt, da niemand wagte, in die Mikweh einzudringen, um das Feuer zu löschen, denn kein frommer Jude — und die Sindriker sind ja fromm -— wollte durch den Anblick nackter Frauen eine Sünde begehen. Man lief um Rat zum Rabbi, dessen Frau gleichfalls in der Mikweh war. Er konnte keine Antwort geben, er blätterte in den heiligen Büchern nach und forschte, was man in so einem Falle machen darf. Inzwischen klagten und schrien die heiligen Männer. Das Feuer hatte um sich gegriffen und wenig Aussicht bestand, es zu löschen. Aber die Frauen? Diese erhoben ein Geschrei, daß die Luft erzitterte, ihr Weinen und Rufen um Hilfe war herzerschütternd, aber keine einzige Frau wollte hinauslaufen, um sich zu retten. Lieber in der Mikweh den Erstickungstod finden, als den nackten Körper allen Leuten zu zeigen! Ja, diese Weiber sind wert, die Frauen der frommen Sindriker zu sein! Endlich griff man zu einem Hilfsmittel. In der Eile wurden Leintücher und Decken zusammengerafft und der „Schabbesgoi Iwan" wurde gut bezahlt, damit er in die Mikweh hineingehe und dort den Frauen die Leintücher und Decken übergebe, so daß diese sich nicht zu schämen brauchten, hinauszugehen. Der „Schabbesgoi Iwan" durfte jüdische nackte Frauen, schöne und häßliche, sehen, ja er wurde noch dafür bezahlt. So rettete ein „Schabbesgoi" alle Sindriker Frauen — wenn in Sindrik kein „Schabbesgoi" wäre, so hätten sie den Feuertod gefunden und Sindrik wäre eine weiberlose, verlassene, ausgestorbene Stadt. Deshalb schätzen und ehren die Sindriker Juden alle „Schabbesgojim", und wenn jemand in Sindrik zu Ansehen gelangen will, wird, er ein „Schabbesgoi". 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