Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 452 (2.4.1935)
- Date
- 1935-04-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 452 /,Jung*Theafer" und sein Leiter Brief aus Warschau Von Honoch Kon Nach der Blüteperiode der ,.W i 1 n a e r Trupp e", die ihren Höhepunkt mit der Aufführung des „D y b u k" von Anski eiTeichte, machte sich ein gewisser Rückgang im jüdischen Theaterleben Polens bemerkbar. Die „VVilnaer Truppe", die eine bedeutende Rolle gespielt hatte, büßte ihre charakteristische Physiognomie ein. Die besten Schauspieler verliefen sich, gingen nach New York, einzelne nahmen ..Star"-Allüren an und traten in aller Welt als Stars auf. Das große Kollektiv zersplitterte sich. Es entstanden immer neue Splittertruppen der Wilnaer, von denen jede behauptete, daß sie die e c h t e sei. Ein Chaos riß ein. Man wußte nicht, wo die „Wilnaer Truppe" spiele, ob in Warschau, in Wilna, in Riga oder gar in Wien. Das einzige Theater, das noch die alte traditionelle Linie einhielt, war das unter Führung von M a s o. Wegen der genannten Zersplitterung sah sich M a s o gezwungen, in sein Ensemble Schauspieler anderer Bühnen hereinzunehmen, die nicht die Wilnaer Schule mitgemacht hatten. Unbeschadet der Tatsache, daß nach dem ,,Dybuk" m noch verschiedene interessante Aufführungen gab, wie „Bei Nacht auf dem alten Markt" von J. L. Perez (Regie David Hermann), „Kiddusch Haschern" von Schalom Asch, „Herscheie Ostropoler" von M. Lipschütz u. a. (beide Stücke in der Regie von Dr. Michael Weichert, Musik von Henoch Kon), fühlte man doch, daß die Glanzzeit der „Wilnaer Truppe" zu Ende sei. Später würden verschiedene Versuche gemacht, Truppen mit künstlerischem Niveau zu schaffen, aber all diese Bühnen starben einen raschen Tod. Der erste, der auf die Idee kam, ein neues Theater zu schaffen, von Grund auf neu und anders als die bisherigen, war der bekannte Regisseur und Bühnenfachmann Dr. Michael Weichert, Mit ihm beginnt ein neues Blatt in der Geschichte des jüdischen Theaters Polens. Doktor Weichert, der mit europäischer Einstellung und Wiener Kultur beladen nach Warschau kam (er absolvierte die Wiener Universität als Jurist und Philosoph), gab sich der Idee hin, ein Theaterstudio im europäischen Sinn zu schaffen — Menschen auszubilden und sie mit den modernen Mitteln der Schauspielkunst bekannt zu machen. An diese Aufgabe ging er mit Ernst und Energie heran. Es fanden sich bald junge Leute, die sich mit Leib und Seele an die Arbeit machten. Klassen für Diktion, Deklamation, Rhythmik u. a. wurden eingerichtet, um den Rahmen des Studios möglichst weit spannen zu können. Dr. Weichert war mitten in seinem Element. Nach dreijähriger Arbeit konnte man bereits die Resultate sehen. Bei einer öffentlichen Probeaufführung waren drei Dutzend Eleven und Elevinnen zu sehen, welche drei Fragmente aufführten: 1. „Der Chelmer R a w" von J. L. Perez. 2. „Masse Mensch" von Ernst Toller. 3. „Sawe Jerucha" von Perez Hirschbein. Schon dieses erste Experiment bezeugte, daß man es hier mit einem ernsten Theaterleiter zu tun habe, der weiß, was er will. Aber bei diesem Experiment blieb Dr. Weichert nicht stehen, sondern führte seinen Plan weiter. Ungefähr ein Jahr nach der ersten Studiovorführung fand die erste reguläre Theatervorstellung statt. Zur Aufführung gelangte ein Reportagestück „Sacco und Vanzetti" von Blum; es war solch eine Ueberraschung. daß ganz Warschau ins Theater lief. Damit war der Durchbruch des Studios gelungen. Warschau hatte ein reguläres, tagtäglich .•spielendes jüdisches Theater mehr. Nach dem großen Erfolg von „Sacco und Vanzetti" trat Dr. Weichert an eine neue Aufgabe heran. Als zweite Aufführung gab es die Groteske ,,T v u p p e T a n n e nz a p f", eine Bearbeitung von Abraham Goldfadens „Die beiden Kuni L e m e 1", eine Meisterleistung, die einen Vergleich mit dem Moskauer Jüdisch-Akademischen Theater (Granuwsky-Theater, jetzt unter Leitung von Michoels) aushielt. Das Studio, das den Namen „J u n g - T h e a t e r" bekam, hatte sich durchgesetzt. Es machte volle Häuser und wurde in ganz Polen populär. Zu den interessantesten Aufführungen gehörte das Schauspiel „Krassin", worin Weichert die kompliziertesten Lichteffekte einführte, außerdem mit mechanischer Musik arbeitete und einzelne Szenen in verschiedenen Höhenlagen des Zuschauerraumes mit Zuhilfenahme einer Radioszenc zu unerhörter Wirkung brachte. Die Aufführung des „Krassin" zeigt bereits einen völlig neuen Stil, die Abwendung vom herkömmlichen Theater. Sie fand ihre Fortsetzung in „Napoleons Ojzer" (Napoleons Schatz) von Scholem Alechem, zu welchem der Autor dieser Zeilen die Musik komponiert hat. Scholem Alechems Komödie war ein Serienerfolg. Als nächstes gelangt das Stück „M i s s i s s i p i" von L. Melach (mit Musik von Henoch Kon) zur Aufführung. Mit der Aufführung der genannten Stücke hat das von Dr. Weichert geleitete ,,Jung-Theater" dem jüdischen Theater neue Wege gewiesen. Auswanderung — einzige Möglichkeit Aus Berlin: Im Kulturbund, vor tausenden Zuhörern, sprach der Berliner Itabbiner Dr. Joachim Prin x über das Thema „Jüdische Existenz — heute". Wir leben, sagte er, heute wieder im Ghetto. Man braucht unter Ghetto gar nicht den mittelalterlichen Zustand der Einzwängung in bestimmte Stadtviertel zu verstehen. Die Tatsache, daß wir in einem Lande leben, das unsere Existenz hier nicht w ünsc h t, schafft bereits den Ghetto-Tatbestand. Und der Zustand der deutschen Juden ist charakterisiert dadurch, daß sie keine Nachbarn haben, d. h. Menschen, die ihnen mit einem gewissen Wohlwollen gegenübertreten. Auf die Seele der Juden kann dieser Zustand nicht ohne Nachwirkung bleiben: das Land und die Menschen werden uns fremd. Die jüdischen Positionen in Deutschland, schloß Dr. Prinz, sind nicht zu halten; wir müssen uns darum darüber Idar sein, daß der größte Teil der jüngeren Menschen zur Auswanderung gezwungen sein wird. Die Aufgabe der jüdischen In s't a n z e n wird es sein, diese Auswanderung in systematische Bahnen zu leiten und auf etwa 10 bis 15 Jahre zu verteilen. Es kann in dieser Zeit keinen Streit mehr um Palästina geben, dessen Dasein für uns alle ein Glück bedeutet. Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs. Die Bezirksgruppe (osefstadt, I., Universitätsstraße, Cafe Arkade]], veranstaltet Mittwoch, den 10. April 1935, ' ■:: 9 Uhr abends, eine Maimonidcs-Gedenkfcier, bei welcher der jüdische Volksbildungsreferent der Gemeinde Wien, Se. Ehrwürden Rabbiner Prof. Dr. Karl Kupfer, über „Maimonides' Leben und Wirken" sprechen wird. Gäste willkommen. Die „Judäa" veranstaltet einen Vortragszyklus über das Thema: „Die geistigen Grundlagen der jüdischen Jugendbewegung". Der erste Vortrag findet Donnerstag, den 4. April, im „Judäa"-Heim, IX., Alserstraße 28, um 20 Uhr statt. Es spricht Dipl.-Kfm. Norbert Wand über „Kollektivismus und Führertum". Die komische Oper „Faust" gelangt im Rahmen eines Gesellschaftsabends des Touristik- und Skiklub „Hakoah" am Samstag, den 6. April a. c, um 20 Uhr in den Kunstspielen „Pan", I., Riemergasse 11, zur Aufführung. Anschließend Tanz. Vorverkauf: Hakoah, I., Wiesingerstraße 11, und an den Schaltern der Jüdischen Kunststelle. Nach Polen und Czernowitz veranstalten eine tatt* lige Oster-Sonderfahrt mit Sammelpaß die Reisebüros „Orbis", I., Kärntnerstraße 41 (Tel. R-26-1-43), und „Irut", I., Karlplatz 1 (Referent: S. Rosenkranz), Tel. U-44-5-79. Abfahrt 14. April, Rückkehr 1. Mai. -•- Verlangen Sie den Prospekt. Misrachi. IL, Praterstraße 60. Dienstag, den 2. April, abends >i9 Uhr, allgemein zugängliche Mitgliederve r s a m m 1 u n g, bei welcher Herr Malkiel Grünwald ein Referat über „Die Lage und Zukunftsaufgaben des Misrachi in Oesterreich" erstatten wird. Gäste willkommen! Freitag: ,,Alles für die Firma" Bekanntlich wurde das Wiener Großlustspiel „Alles für die Firma" von Regisseur Rudolf Meinert in Wien in deutscher und in holländischer Sprache inszeniert. Nach der vor einigen Tagen mit. stürmischem Erfolg etattgefundenen Uraufführung der holländischen Version in Amsterdam geht die Welturaufführung der deutschen Fassung diesen Freitag in Wien in Szene. Imperial-. Löwen-, Schwarzenbergplatz-, Wienzeüe-, Maria- Theresien-, Flieger-, Schloß- und Theater-Kino spielen diesen lustigen wienerischen Film, dessen Ensemble von Friedl Czcpa (in ihrer ersten Filmrolle), Oskar Karlweis, Felix Bressart, Otto Wallburg, Alfred Neugebauer, Fritz Imhoff, Greil Remdt, Annie Rosar und Hermine Sterler gebildet wird. Drehbuch: Paul Frank und Peter Herz nach dem vielgespielten Bühnenstück „Schottenring4' von Friedmann und Nerz. Musik: Artur Guttmann und Hanns J. Salter. Sen$&$a<Dn amS Sensation ♦ ♦ ♦ in puncto Billigkeit und Qualität stellt jedes einzelne Stück an Frühjahrs-Mänteln für Herren oder Damen, Kleidern, Anzügen, Schuhen, Hüten, Wäsche, Wasch-, Woll* vuxd Seidenstoffen in allen Farben und unglaublich vielen Dessins, Schirmen, Handtaschen, Strümpfen, Weekend- Artikeln, Vorhängen, Stores, Seiden-Steppdecken, Tigerdecken, Koffern etc. etc., dar. Ungeheure Sensation werden gewiß die Schlager-Artikel erwecken, von diesen einige Beispiele: Taft-Schotten-Bluse S 4.90, Covercoat- Mäntel, Einzelstücke, kurz, gefüttert S 15.—, Seiden- Zephir—Dirndl, Indanthren, per Meter S 1.38, Boucle*- und Noppenstoffe p. m. S 1.98, Damen-Basken-Kappen, Tellerfasson, 9R Groschen, Waschseidenstrümpfe, Markenware, Ib S 2.40, Leder-Handtaschen mit Lederfutter S 2.90, K.-Seiden-Schirm mit Modegriff S 5.90 und viele andere. Alle, die für weniger Geld mehr haben wollen, kommen wie alle Sparsamen zu Schiffmann, II., Taborstraßö Nr. 48. Wer früher kommt, hat die größere Auswahl! E $3&£?grxl* SS^^f ^e£<V^ u! ki?^^5**" 0r- g°-r*eecTer' p■ *« o 1-25 ^^«r^/' ***Wge, ■sr* IBlBlifiiw'i Afe'er s i9s JS^^^^ I! •**sia!-ss£ IS* ~ * __l ' bräun -£>e/Se n Sc^"-^fJ0 da/v ß°<"cM./nw ' ' ' s I'98 ^SK^?1^./« ^Cr^^io h*%"°he,l$,'»04ernesi, ' &' » nPde-PeDS b'e/f Flcch*- £.50 *S^e'*fc «-Wer ^Vt>i^-^«^■^o ^ef'enc,rca . nd p*'°- toa ■§vää^-.^ js^^A h?^SDZnrcl>>°Wone 7.fl, fjvunt.v/ete-o N:: » r ^^j&£F,rhQ'w FÜR ALL« %RSAtf1 LIPFm <^ h/> Hifs«; K4 58g Pmm m >/M K&l ,* * i§3S5^ft ^ss&sSls * r$«/tfe» » °> *ui* . *. ö^;^Ä;if,s|s ' 80W*-J»D»«Per o, S' f 7?m«».8asfc -Jü >*s f lJ*en <rZ k*n'Ko»: « ' AfÄ^se/«tonS:iA,ü''c'f.s^-ÖÄ h«£T'*&&!*** *7 ,ÄS^S 2 i I "««SeiH- " "0(l l'r,J, M ' ^^f""S f '•"«»'».« 5-»o mmm .38 •osi m Sm*& J^sr^iL^*-- f ß?«w.w:2 '». «ÄJWo/ „.'""»> mifi^he '"" s3f ~ Ht"e"-hm L^"mi,h jiu, h^-^ «w •" 6 ^SSh^ 9. y^r^ o halb g er,-0ei(/ns m (Se,cese; toten ¥ P?t><» I SSS^ f-Hü Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Druckerei- und Verlags-A.-G. ig»az Steinmann, beide Wieuu 6 «S< Universitätsstraße «-8.