Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 452 (2.4.1935)
- Date
- 1935-04-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 10 Groschen Jahrgang 9 Dienstag/ den 2* April 1935 187 Nr« 452 V« b. b. Zeitung vom Verleger versendet „Journal expediö par rediteur" T'üf«iverai(4t9W REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50. vierteljährig Eloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar vlmeljährig Dinar 40.—; Bnmänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—: Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz unä die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Franc3 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u.Verwaltung: IX, Universitäfsstr.8, Tel. A-20-2-78 - Erscheint Dienstag u. Freitag plllllllllUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIUIIIlll«^ Judenstaatspartei Oesterreichs Mittwoch, den 3. April 1935, 7,9 Uhr abends im Zentralheim, Wien I, Werdertorgasse 14 800 Jahre Maimonides REDNER: RABBINER Dr. M. ZIKER Gäste willkommen! ^iimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin Weltpolitik der Woche 1. April 1935. Heute vor zwei Jahren hat für das deutsche Judentum eine neue Aera begonnen. Der 1. April 1933 zeigte dem deutschen Juden das wahre Gesicht des Galuth-Daseins und somit auch dem ganzen jüdischen Volk, soweit es noch "licht ven der zionistischen Erkenntnis erfaßt war, die Unhaltbarkeit seiner Position im bisherigen Sinne. Darum ist dieses Datum von symbolhafter Kraft für uns alle; mit diesem Datum beginnt eine neue Betrachtungsweise des jfcüschen Schicksals in der Welt. Nicht allein die politischen und wirtschaftlichen, sondern auch die moralischen und seelischen Grundlagen der jüdischen Existenz sind verändert worden, so daß von nun ab eine neueBasis des jüdischen Leibens gesucht werden mußte. Die deutsche Judenheit tat das, was das Natürlichste war — sie stellte sich in ihrer Mehrheit um und suchte ein Zentrum für ihr neugeschaffenes Gemeinschaftsgefühl: Es war dies die Rückkehr zum jüdischen Volk und der Drang nach dein jüdischen Palästina. Diese beiden Tendenzen blieben in voller Wucht bestehen, denn der deutsche Nationalsozialismus gab in seinem Unterdrückungsgewicht gegenüber den Juden nicht nach. Aber das Hakenkreuz hatte auch außenpolitische Ziele: die Wiedergewinnung der Macht und im letzten Ende die Hegemonie in Europa. Auf dem Weg dahin stieß es auf den Widerstand der Kulturmächte. Den äußeren Anlaß bot die Aufrüstung. Kaum trat diese auch offiziell in Erscheinung, durch die Erklärung der deutschen Regierung vom 16. März, als die europäische Diplomatie mit dem Versuch einsetzte, die wirklichen Absichten des wiederbewaffneten Deutschland zu erfahren. Englands Außenminister, Sir John Simon, fuhr nach Berlin. Seine Unterhaltung mit Hitler ergab, daß Deutschlands Appetit so groß sei wie die Verblüffung Simons über den Mangel jeglicher Zurückhaltung. Simons Bericht vor dem englischen Unterhaus ließ zwischen den Zeilen die völlige Disharmonie zwischen den deutschen und englischen Aspirationen erkennen. Der englische Lordsiegelbewahrer Eden, der Simon nach Berlin begleitet hatte, fuhr naen Moskau weiter. Seine mit dem Kennzeichen westlicher Konvenienz ausgestattete Aufnahme und seine Unterredungen mit den führenden Männern Sowjetrußlands, mit dem Außenminister Litwinow, dem Kriegsminister Molotow und dem Regierungschef Stalin, ergaben zufolge der veröffentlichten Kommuniques eine restlose Uebereinstimmung in Dingen der Friedenspolitik bezüglich des Ostens und bezüglich Europas. Diese Feststellung ist wichtig. Sie läßt durchblicken, daß der •eine Gefahrenherd, Ostasien, im Lichtkegel einer gemeinsamen sowjetrussisch-britischen Politik zu aktueller Besorgnis nicht berechtigt. Der andere Gefahrenherd, Deutschlands Nachbarzonen, soll durch gewisse Mittel beseitigt werden. Es entspricht durchaus Englands Politik, den Völkerbund als Organ der Friedenssicherung zu benützen. Wenn nun die beiden Völkerbundstaaten, das konservative England und das bolschewistische Rußland, die gleichen Methoden zur Herstellung einer Ordnung angewendet sehen wollen, so bedeutet das eine völlige Abkehr der beiden Staaten von der bisherigen Praxis — hervorgerufen einzig und allein durch Hitler-Deutschland. Damit soll nicht gesagt sein, daß Hitler-Deutschland im gegenwärtigen Augenblick unbedingt den Krieg will. Vielmehr Versucht es, durch Betonen seiner Waffenstärke eine JüdfscheJ^ Zur Generalversammlung des Jüdischen Volksbundes ■ Dienstag, den 26. März, fand im Hakoah-Klubheim die Generalversammlung des Jüdischen Volksbundes statt. Sämtliche Räume des Klubheims waren tiberfüllt. Das Interesse für diese Organisation, die als einzige den Kampf um die jüdischen Rechte in Oesterreich führt, war überaus groß. Unter dem Vorsitz der Herren Dir. Reich und Dr. Lilienfeld erstattete Oberbaurat Robert Stricker als Präsident des Jüdischen Volksbundes das Hauptreferat, das im wesentlichen folgendes besagte: In einer Zeit, da das Schicksal der deutschen Juden die labile Lage der Judenheit in den einzelnen Ländern klar enthüllte, kam in Oesterreich bei gewissen Kreisen der Gedanke zum Durchbruch, eine jüdische Organisation zu schaffen, die den Rechten und Wünschen der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs Rechnung tragen sollte. Der starke, Eindruck, den der Zusammenbruch der deutschen Emanzipation allenthalben machte, konnte keine andere Lösung befürworten als die Sammlung aller national gesinnten jüdischen Gruppen Oesterreichs. Die Jüdische Volkspartei Oesterreichs, später in „Jüdischer Volksbund" umbenannt, war der Kristallisationspunkt dieser Tendenzen. Die Gründung des Jüdischen Volksbundes reinigte;sehr rasch die Atmosphäre der Verzweiflung und Panik, in die die österreichische Judenheit durch die Vorgänge in Hitler-Deutschland geraten war. Man empfand die Existenz des Jüdischen Volsbundes als Notwendigkeit zum Schutz der jüdischen Interessen, dejüdischen Ehre. Die Voraussetzungen, unter denen die Initiatoren des Jüdischen Volksbundes diesen in die Welt gesetzt hatten fanden allso gleich ihre Bestätigung. Der Volksbund sah sich unmittelbar nach seiner Gründung vor die schwersten aktuellen Aufgaben gestellt. Die Neuordnung des österreichischen Staates, d. i. der Uebergang vom. Parlamentarismus zum autoritären Regime, verlangte von der Judenheit höchste Aufmerksamkeit. Die für den Neubau Oesterreichs bereiten Kräfte fanden sich in der Vaterländischen Front zusammen, die offiziell den christlich-deutschen Kurs propagierte und betätigte. Es gingalso darum, die jüdische Bevölkerung Oesterreichs in den Strom des Geschehens derart einzugliedern, daß ihre staatsbürgerlichen Rechte, d. h. die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung, unangetastet blieben. Die österreichische Regierung, im Begriff, die neue, auf ständischer Grundlage beruhende Verfassung zu schaffen, deklarierte mehrmals durch den Mund ihrer führenden Männer, daß es im neuen Oesterreich keinerlei Diskrimination eines österreichischen Bürgers wegen seiner nationalen, religiösen oder rassischen Zugehörigkeit geben werde. Auch wurde nach außenhin dieser Standpunkt dadurch gewahrt, daß je ein jüdischer Vertreter in den Burgerrat, in den Staatsrat und in den Kulturrat berufen wurde. Nichtsdestoweniger sah sich die jüdische Bevölkerung, die am Aufbau Oesterreichs mit allen ihren Kräften mitzuarbeiten bereit und fähig ist, vor schwere Sorgen gestellt. Trotz der erwähnte» loyalen Erklärungen war nämlich ein Prozeß der Zurückdrängrunl des jüdischen Elements im österreichischen Staat bemerkbar. Behördliche Maßnahmen schnürte» den Existenzradius vieler jüdischer Gewerbetreibender;, Händler und Agenten ein. Deutlich sichtbar wurde die systematische Ausschaltung der Juden aus den akademischen Berufen. Ein Verelendungsprozeß setzte ein und hatte um so empfindlichere Folgen, als das staatliche Berufsreservoir, für die Nichtjuden in jedem Ausmaß offen, dem jüdischen Bewerber verschlossen blieb. Hier ist ferner an die Trennung der jüdischen Schulkinder von den nichtjüdischen, an die Errichtung der sogenannten Judenklassen zu erinnern. Die Regierung kam zu dieser Methode im Wege des Christ lieh-deutschen Schillwerks, das — selbstverständlich mit staatlichen Mitteln — zu errichten sie daranging, ohne den Kindern jüdischer Eltern ein jüdisches Schul« werk, ebenfalls aus staatlichen Mitteln, zu gewährleisten« Auch moralischen Angriffen war die Judenheit Oesterreichs ausgesetzt, vornehmlich durch eine gewisse Sorte antisemitischen Schrifttums und antisemitischer Presse, die in brutal-aggressiver Weise die jüdischen Staatsbürger Oesterreichs beleidigte und verleumdete, wobei die einzige staatliche Abwehr darin bestand, daß bis- Kriegspanik zu erzeugen und so seine erpresserischen Absichten durchzuführen. Um diesem Zustand ein Ende zu bereiten, gibt es nach Ansicht der europäischen Kabinette nur zwei Möglichkeiten: Deutschland durch ein begrenztes Maß von Entgegenkommen in ein Sicherheitsabkommen einzugliedern, dessen Teilnehmer fast alle Nachbarn Deutschlands sind, England und die Kleine Entente eingeschlossen, oder Maßnahmen zu treffen, die geeignet sind, Deutschland die Lust an kriegerischen Abenteuern zu verderben. An der Spitze des ersten Modus stand bisher England. Die zweite Medizin verordnet Mussolini. Darum wird man zweifellos vor der Konferenz von S t r e s a, bei der England, Frankreich und Italien ein geeignetes Paktsystem d&rchbesprechen werden, keine Uebersicht über die weltpolitische Lage gewinnen können. Denn man darf nicht vergessen, daß auch die kleineren Staaten, wie beispielsweise die Tschechoslowakei und auch Polen, das einen Nichtangriffspakt mit Deutschland besitzt, bei Verschiebung der Machtverhältnisse auch eine Verschiebung ihrer politischen Stoßrichtung vornehmen müssen. Eines ist klar: die sogenannten Siegermächte und die Staaten der Kleinen Entente sowie die mitteleuropäischen Staaten bedürfen zur Befriedigung ihrer politischen Aspirationen keiner kriegerischen Auseinandersetzung. Im Fernen Osten ist es J a p a n, dessen unaufhaltsamer Drang (so lautete der Ausspruch eines japanischen Führers!) gegen China, also gegen Rußlands Nachbarn, zu einer Explosion führen kann. Aber hier, bei Japan, handelt es sich nicht um die praktische Durchführung einer Ideologie, sondern bloß um die Befriedigung vitaler Triebkräfte. Anders in D e ut s c h 1 a n d. Das heutige Deutschland aspiriert auf Machtzuwachs nicht etwa aus Gründen eines natürlichen Entwicklungsprozeßes. Es verlangt die Hegemonie über seine Nachbarn aus dem Wahn heraus, daß es als Führer und Exponent der germanischen Rasse Anspruch auf diese Ueber- und Vormacht habe. Darum wird es mit rationalistischen Gründen und Motiven der Sittlichkeit und Gerechtigkeit, der unverletzbaren Völkeryechtsgrundsätze nicht zu bändigen sein. Wenn es wieder wie anno 1914 säbelrasselnd von einer schimmernden Wehr faselt, dann muß man ihm zur Abwehr die gewappnete Faust zeigen. Im Jahre 1914 war der Krieg, die Kriegführung zu übersehen. Die Mittel der Technik erlaubten ein hohes Maß richtiger Einschätzung. Die Kräfteverhältnisse beruhten auf der Zahl der Bajonette, Kanonen, Flugschiffe, Unterseebote. Die Operationsbasis war gegeben'. Die diplomatischen Zusammenhänge erlaubten — von gewissen Ueberraschungen abgesehen — eine Prognose des kriegerischen Ablaufes. Heute stehen wir vor einer anderen Situation. Die Technik der Kriegsmittel hat sich derart verändert, beziehungsweise „verfeinert', daß die Kriegshandlungen in ihrer Art und in ihrem Tempo nicht mehr zu übersehen sind. Die Kriegsaktionen sind nicht abzuschätzen. Es gibt keinen Maßstab mehr für die Berechnung der potentiellen Stärke eines Staates, keinen Maßstab mehr für die Dauer einer kriegerischen Auseinandersetzung, keine Grenze für die Wirkungskraft der Mittel. Alles ist unsicher. Alles ist in den Schleier des Geheimnisses gehüllt. Die Gesetze der kriegerischen Mathematik gelten nicht mehr. Diese Tatsachen sind die Kräfte, welche bisher den Ausbruch eines Krieges verhindert haben. Man, kennt nicht den Einsatz, man kennt nicht den Gewinn. Wer sich diese Situation vor Augen führt, wird es nicht wagen, die Verantwortung für einen Krieg auf sich zu nehmen. Das nationalsozialistische Deutschland, das in seinem Rassen- und Expansionswahn bisher keine Hemmung kannte, bietet keinerlei Gewähr dafür, daß es die erwähnten Argumente zum Ausgangspunkt seiner politischen Handlungsweise macht. Es ist ihm zuzumuten, daß es die bestehenden Spannungen, hemmungslos und brutal und engstirnig, wie es ist, mit Gasen und Bomben aus der Welt schaffen will. Hier liegt die Gefahr. Darum bedeutet die kommende Konferenz von Stresa (Italien) für das nationalsozialistische Deutschland und für Europa ein Entweder — Oder. o. r.