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Die neue Welt · 1935-03-29 · Heft 451 (29.3.1935) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 451 (29.3.1935)
Date
1935-03-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite S DDE NEUE WELT Nr. 451 iiidistliP fiautßu WWW^Ww^^WWW^r m ^^r^Wl^rWW Von Dr. I. Z. K a nnor Die Veröffentlichung der ersten „jüdischen Figuren" in unserem Blatt hat uns eine Reihe von Zuschriften, zustimmend-kritischer und auch negativer Art, auf den Schreibtisch gebracht. Wir setzen den Abdruck der Artikelserie fort, vom Standpunkt ausgehend, daß sich nach einer gewissen Zeit die Basis für eine fruchtbare Auseinandersetzung ergeben und dem Stoff selbst nur dienlich sein kann. (D. Red.) ScUimuc^cc Es ist unser Vorzug, nicht allein unsere eigen gefotlnten Bettler und Lumpen, sondern auch unsere eigenen Schildbürger zu haben. Unter jüdischen Schildbürgern versteht man Menschen, die an sich körperlich wie geistiggesund sind, aber doch irgend eine intellektuelle Schwäche haben, die sie zu einem — Typ stempelt. Die jüdischen Schildbürger halten die Mitte zwischen Narren und Schlemihls, hart an der Grenze von beiden stehend. GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, 1. Bez., Seitenstettengasse 2, Iii Samstag XL. Zentraltriedhof, neb. d. 1. Tor. \\\ geschlossen Es gibt zwei Arten von Schildbürgern in der jüdischen Gasse: solche, die einen Eigennamen führen, und solche, die nach einer Stadt heißen. Menachem Mendel ist voller Lust und List, Menachem Naftali scheut vor kleinen „Danebengängereien" nicht zurück. Menachem Mendel ist eine humoristische Figur von Scholem Alechem, sprichwörtlich, ja klassisch geworden — den Typ eines mit Mutterwitz begabten, in seiner Phantasie ausschweifenden und dabei weltfremden jüdischen Händlers und Kleinbürgers und Vermittlers und sogar Spekulanten, darstellend. Sancho Pansa hat eine gewisse Aehnlichkeit mit ihm. Von Don Quichotte sind die jüdischen Figuren weit entfernt. Nur in Prag, der Stadt der jüdischen Späßemacher, gibt es das Unikum eines Hesch Bacherach. Besagter Hesch Bacherach ging einmal am Purim als Ritter verkleidet zu einem Maskenfest und fiel in der Dunkelheit in einen offenen Kanal. Als man ihm heraushelfen wollte, schrie er verzweifelt: „Laßt mich, laßt mich! Hesch Bacherach weiß als Ritter zu sterben!" Seither ist er so etwas wie eine legendäre Figur geworden und sein Name der Spitzname für einen, dessen Kleidung, bzw. Verkleidung nicht zum Charakter des Trägers paßt; für einen, der lieber sterben, als aus der Rolle fallen will. Einen jüdischen Münchhausen kennt nur der Talmud: es ist Raba bar bar Chana. Von emer übertrieben aufgetragenen Erzählung sagt man heute noch, daß sie aus seinem Mund stammen könne. Den Raba bar bar Chana heben auf der Seefahrt die Wellen so hoch, daß er selbst die kleinsten Sterne sieht und von ihrer Glut fast verbrannt wird. . . . Für „H ochstapler" gibt es verschiedene Ausdrücke wie Knacker, Macher, Schwitzer, Pfeifer, Pizepack. (Ein kleiner Gernegroß, ein Junge mit langen Hosen, wird J e h u p e z genannt.) Ein Typ des jüdischen Schildbürgers ist der Choisek; eine Narrenfigur, die vielleicht einmal gelebt hat. Choisek bedeutet nach dem Hebräischen „Der Starke", beim Narren wohl euphemistisch (ironisch!) angewendet. Im allgemeinen wird der Choisek in das Gebiet der Volksdichtung verwiesen. Man sieht im Ausdruck ,.Choisek" eine Anspielung auf den Einfältigen in der Pessach- Haggada, auf dessen Frage der Vater b'Choisek antwortet. Der Schildbürger Stadt ist C h e 1 m (Gouvernement Chelm (Gouvernement Chelm, östlich von Lublin), Linsk oder Brod. Brody in Galizien war damals eine Freistadt. Zollfrei konnte alles eingeführt werden, auch den — Schildbürgern und Narren war der Weg dahin offen. Von den Chelmer Schildbürgern erzählt man unzählige Anekdoten; sie erinnern an die Streiche der Abderiten im griechischen Altertum. Die Poan'er gelten als beschränkt. Man hat keinen Respekt vor ihnen. Sie überlassen das Regiment im Haus den Frauen. „In Poisen gejn di Frojn in hojsen. . . ." In Posen haben die Frauen die Hosen an. Der Lutwak (Litauer) ist bei den Galizianern und bei den anderen Ostjuden nicht gerade gut angeschrieben. Die lutwakische Abstammung dient den Galizianern als Zielscheibe der Verulkung. Der Lutwak — das ist der Trunkenbold und Aufschneider, insbesondere Aufschneider, so daß man von ihm sagen kann, daß er sogar das Amt der Amme übernimmt. Die jüdischen Kinder in Polen schreckt man damit, daß man ihnen zuruft, der „Lutwak" werde sie holen. Dafür revanchieren sich die Kinder, indem sie dem Lutwak „lechem" nachrufen,, d. i. die Anfangsbuchstaben von lutwak, cbaser, mamser. „L entscher ganuwim" gilt als Schimpfwort — die Einwohner des Städtchens Leczno in Polen sind nämlich als Diebe verrufen. Fragt man einen Lentschner nach seiner Vaterstadt, merkt er die Anspielung, fühlt sich beleidigt und antv/ortet mit einer Beleidigung. — Auch die Einwohner der Stadt Neutra (Nyitra, Ungarn) Bind als Diebe verrufen. Da man beim Sagen der Sch'ma die Augen schließt, um nicht von den Dingen des Alltags abgelenkt zu werden), lauft man in Neutra Gefahr, bei dieser Gelegenheit bcstohlcn zu werden. Daher die Redensart: In Neutra darf man kein „Sch'ma" sagen. Die Einwohner von Odessa nennt man in nicht gerade wohlwollendem Sinn „Odesser Scharlatanes". Sie gelten als irreligiös. Wer in ihre Nähe gerät, verfällt der Hölle. Odessa war nämlich Sitz der ruhigsten und populärsten Maskilim, Aufklärer. Mit Verachtung blickt die jüdische Gasse auf die „Dajtschen" herab, d. i. auf diejenigen, die sehr nobel tun, sich ihres jüdischen Namens schämen und ihn bei jeder Gelegenheit zu verbergen suchen. Das sind die dem jüdischen Milieu Entrinnenden, Menschen, die fast „Deutsch" sprechen, als die Sprache der Gebildeten und Aufgeklärten. Diese Haltung gibt die Möglichkeit zu Witz, Spott, Ironie. Auch das alt jüdische Schrifttum liebt es,, gewisse Typen einem bestimmten Ort oder einer bestimmten Stammeszugehörigkeit zuzuschreiben. Die Galiläer beispielsweise galten als Narren (Galila Schojte — Närrischer Galiläer). Den Em o r ä e r n schrieb man einen harten stählernen Charakter zu. Einen energischen, charakterfesten Mann nennt man daher: Emori. UtHsektotmpskues fikpMAästma Ab 1. April findet im Stadtkibbuz, II, Innstraße 4, ein SUfakotetegetkues ♦ statt. Anmeldungen täglich dortselbst von 10 bis 15 Uhr Wa§ Palä§lma liest Die Korrespondenz „Palnews" (Tel-Aviv), welche auch einen großen Zeitungsvertrieb leitet, macht folgende Angaben: Nur ein kleiner Teil der Einwanderung kommt als Leser für die hebräische Presse in Frage. Der größte Teil bleibt Leser ausländischer Zeitungen. Immerhin steigt die Zahl der Leser der hebräischen Presse unaufhaltsam, da der Nachwuchs und ein Teil der neuen Einwanderung eine Verstärkung des Leserpublikums mit sich bringt. Palästina drüftc wohl dasjenige Land in der Welt sein, in dem relativ am meisten ausländische Zeitungen gelesen werden. Die Gründe hierfür sind klar. Viele der Einwanderer beherrschen keine der Landessprachen oder wenigstens nicht so, daß sie Zeitungen lesen können; und auch diejenigen Leser, welche Hebräisch verstehen, lesen außerdem noch eine ausländische Zeitung, weil sie irgend eine Verbindung mit den Herkunfsländern haben und daran interessiert sind, von dort Zeitungen zu lesen. Es werden hier Zeitungen in allen Kultursprachen gelesen. Die Zahl der importierten ausländischen Zeitungen beträgt ungefähr 300. Das stärkste Kontingent stellen deutschsprachige Zeitungen und russische Zeitungen dar. Es gibt Zeitungen, die in einer Tagesauflage von 1000 Stück verkauft werden. Erst dann folgen jiddische und polnische Zeitungen. In viel größeren Abständen sind dann französische, englische, ungarische, rumänische und auch spaniolische Zeitungen zu nennen. Man geht wohl nicht fehl, wenn man die Zahl der ausländischen Zeitungen, die pro Monat hier in Palästina verkauft werden, auf 300.000 veranschlagt. Wertmäßig bedeutet das einen Umsatz von monatlich Pf. 3500.—, wie man sieht, ein ganz beachtlicher I mportf aktor. ■ Die Zeitungen kommen nicht, wie man häufig annimmt, mit Flugpost nach Palästina; das wäre viel zu teuer, sondern mit der Schiffspost. Auch da sind die Spesen außerordentlich hoch. Es ist zu beachten, daß Palästina außerhalb der Postkonvention steht und dadurch die Portospesen nach Palästina weitaus teurer sind als die Versandspesen beispielsweise nach Syrien. In manchen Fällen handelt es sich um eine Verdoppelung oder Verdreifachung der Spesen, wodurch praktisch die Einfuhr mancher Zeitungen nach Palästina zur Unmöglichkeit wird. Die Postzustellung in Palästina selbst läßt außerordentlich viel zu wünschen übrig und bedeutet eine schwere Schädigung des Zeitungswesens. Man muß beachten, daß Zeitungen eine Ware darstellen, deren Wert an den Tag gebunden ist. Eine veraltete Zeitung ist wertlos und wird nicht gekauft. Die palästinensische Post versagt im Zustellungswesen vollkommen. Verzögerungen von 3 bis 4 Tagen sind außerordentlich häufig. Es kommt vor, daß Teile von Zeitungen zugestellt werden und andere Pakete erst nach einigen Tagen. Noch schlimmer sind die Fälle, wenn Zeitungen eintreffen und dann nach 8 Tagen noch Zeitungen ankommen, die ein vorhergehendes Datum tragen. Das beweist, daß die Säcke an irgend einem Punkt liegengeblieben sind. Dadurch entstehen große Verluste, auch wird eine geordnete Zustellung der Zeitungen an die Kunden dadurch unmöglich gemacht. Ein Postzeitungsamt gibt, es In Palästina nicht. Die Verhältnisse in Tel-Aviv, Jerusalem und Haifa liegen besonders arg. Wir anerkennen durchaus die ernsten Bemühungen der Postbehördc In Tel-Aviv, zu tun, was möglich ist. Jedoch wird diese Bemühung durch den Mangel an Beamten und die gleichgültige Haltung der obersten Postverwaltung illusorisch. Die Post leidet unter Personalmangel. Trotz des großen Einnahmenüberschusses ist der Etatposten für die Postverwaltung in Tel-Aviv viel zu gering. Ohne genügend viel Beamten ist es natürlich unmöglich, geordnete Zustände herbeizuführen. JUsloüeotU Bidet 1^3 ßestrenomm ierte Küche yifö REICHHALTIGE MENÜS ä S 1.90 UND 2.60 SC1IWECHATER BRÄU ll,Hammer.Purgjtall-Gasse 3 CnärJist Sa!2torbrD*e) TcL Ä-41-0-25 Empfehlenswerte Firmen Restaurants, Cafes etc. Hotel-Restaurant „Stephanie", II., Taborstraße 12. Vori züglicho Wiener Küche. Speisen am Rost. Menü ab S 1.60. Täe» lieh frische Fische. Caf6-Restaurant Espresso, l., Rotenturmstraße 1. Inter* nationale kalte und warme Küche. Menüs zu billigen Preisen. rt „,. „ Cafö Schottentor, I.. Ring des 12. 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