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Die neue Welt · 1935-03-29 · Heft 451 (29.3.1935) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 451 (29.3.1935)
Date
1935-03-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 20 Groschen Iahff9Mg»9 ftcfetg, ifaa *»» März 1935 Nr« 451 V* b« b* Zeitung vom Verleger versendet „Journal exp€di6 par rediteur" REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.-—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—: Rumänien monatlich Lei 40.~, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Marie 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u, Verwaltung: IX, Universitätssir, 8, Tel. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u, Freitag fH&se* IfUwnöHules Von Rabbiner Dr. A. Kaminka Wie eine hochragende Säule ist aus der in weiten Kreisen sonst wenig bekannten jüdischen Religionsgeschichte nach Untergang des Staates die Gestalt des großen Denkers und philosophischen Erklärers der religiösen jüdischen Tradition, Moses Maimoni des, noch heute nach achthundert Jahren (er wurde am 30. März 1135 in Cordova geboren) von staunender Ehrfurcht umgeben. Im bürgerlichen Leben ein — wie man heute sagen würde — heimatloser Emigrant, aus Spanien wegen Judenverfolgung ausgewandert, in Nordafrika, vorübergehend auch in Palästina lebend und schließlich in Aegypten als sehr geachteter Arzt des Sultans Saladin landend, erlangte er merkwürdigerweise hauptsächlich als Theologe und Philosoph weit über, die Judenheit aller Weltteile. hinaus, die in ihm ihren größten Lehrer und Führer erkannte, auch in der Geistesgeschichte der Menschheit ein unangefochtenes Bürgerecht, . Zu den bereits genannten akademischen Wissensgebieten, die sich nach heutigem Maßstab auf drei Fakultäten verteilen, gehört noch eine souveräne Beherrschung der juristischen Wissenschaft, die ihn befähigte, das gesamte talmudische Recht abschließend zu kodifizieren, ferner ein umfassendes mathematisches, astronomisches und archäologisches Wissen, Die 'Aufzählung "der Von ihm. beherrschten Fächer könnte den- Eindruck erwecken,daß es" sich mir um eine -ungewöhnliche intellektuelle' -Kapazität handle, die besonders dadurch erstaunlich wäre, daß man nicht begreift, wann und wo dieser Riesengeist die Ruhe und die Gelegenheit, die Lehrer und die Behelfe fand, um sich all diese Kenntnisse anzueignen. Aber mehr noch als deren Umfang ist Gegenstand unserer Ehrfurcht die Macht der Konzentration und die Klarheit der philosophischen Zusammenfassung, mit der der Universalgelehrte es verstand, in den Mittelpunkt des gesamten, in kritischer Forschung errungenen Wissens die Beziehung des Menschen zu Gott, den Kontakt mit dem Ewigen zu setzen und die höchste "moralische Zielsetzung des Lebens mit der strengsten Observanz der religiösen Tradition des Judentums zu verbinden. Das große Werk des Philosophen Moses ben Maimon, das er in seinen Grundzügen schon als Jüngling in seinem Geiste konzipiert haben muß, da es bereits in seinem im Alter von 23 Jahren begonnenen Kommentar zur Mischna aus zahlreichen Glossen und eingeschalteten ethischen Abhandlungen als seine gewählte Aufgabe hervorleuchtet, bestand darin, daß er auf zwei grundverschiedene Fragen: die eine nur den Juden und sein exklusives Sonderdasein betreffend, das sich häufig genug als Quelle unsäglicher Leiden in dieser Welt erwiesen hat; die andere jeden denkenden Menschen bewegend, nach dem Sinn des Daseins und den höchsten Zielen geistiger und sittlicher Vervollkommnung — eine gemeinsame Antwort zu geben sich bemüht hat. Das Problem war weitaus sphwieriger als die Frage des Ausgleiches zwischen gläubigem Sinn und prüfendem Verstand überhaupt, eine Frage, die auch die mohammedanischen und die christlichen Theologen beschäftigte. Denn beim Juden handelte es sich nicht bloß um den Glauben und das Wissen irgend eines Individuums, sondern zugleich um das einzigartige historische Schicksal eines in der. Welt zerstreuten und nicht untergehenden Paul Heller"" * Installationen RADIO-NEUHEITEN . LUSTER . ELEKTRO-GERÄTE I, MCHTENSTIG 1 (Ecke Rotenturmatraßc 13) Telephon U-21-9-12 yyo Hotei Arras NIZZA 7 Avenue Baquis Aller Kuintori. Elegant«« Zunintr. Nahe am Meer und Kasino. Idealer Aufenthalt Komplette Pension: fFrcs.35.— Pension Irma Meister. Meran Idealer nanzJBhrlner Autenthalt, letzter Komfort, gerühmte *ü(*%: bwo. Tvfe wAQiwfttllci Ye*U*»es §1« Profiffctt« Volkes, anderseits um eine ideelle Gebundenheit an die in der Bibel überlieferte göttliche Offenbarung und die primäre Verantwortung für diese in die Weltgeschichte so stark eingreifende Heilslehre, die erst durch das Judentum den anderen monotheistischen Religionen erflossen und ihnen zum Eckstein ihrer sittlichen Macht in der Welt geworden ist. Der große Denker aus Cordova, der als Arzt des Sultans in Aegypten lebte und dabei als religiöser Führer von den jüdischen . Gemeinden aller Länder anerkannt wurde, versuchte dem Problem der Vereinbarkeit dieser metaphysischen Vorstellung mit den seit Aristoteles herrschenden logischen Regeln und dem naturwissenschaftlich erfaßten Weltbild eine Lösung zu geben. Er vermochte es durch seine vielseitige Gelehrsamkeit, indem er mit einer flammenden Begeisterung für das gesamte mosaisch-prophetische, durch die traditionelle, im Talmud erhaltene rabbinischc Auslegung bedeutend erweiterte Schrifttum einen ungewöhnlichen sittlichen Ernst und einen systematisch ordnenden philosophischen Geist verband. Dadurch gelang es ihm, dem Juden, und zwar auch dem durch kritische Reflexionen schwankend gewordenen gebildeten Juden seiner . Zeit und späterer Generationen, als stolzem Träger seiner uralten religiösen, XJeberliefferurig" und zugleich. als. .freiem,; Natur und Welt verstehenden Individuum,: einen festen Stand, eine geistige Heimat in der Menschheit zu schaffen. Schon in ganz jungen Jahren verfaßte er (in arabischer Sprache) eine Terminologie der Logik (eine lateinische Uebersetzung dieser Schrift wurde von Sebastian Münster 1527 herausgegeben; zu einer hebräischen Uebertragung hat Moses Mendelssohn einen Kommentar verfaßt). Zahlreiche Abhandlungen aus späterer Zeit sind medizinischen und astronomischen Inhalts. Aber die Hauptarbeit seines Lebens ist in drei großen theologischen Werken enthalten: in dem bereits erwähnten (arabischen) Kommentar zur Mischna, dann in einem Kodex der gesamten Religionswissenschaft, Jurisprudenz und der Sakral-Altertümer des Judentums, bekannt unter dem Namen ,,Jad Chasaka" („Die starke Hand", von ihm selbst „Chibbur", Zusammenfassung, genannt, im Sinne einer „Summa Theologiae"), und schließlich in dem Werk „More Nebuchim" (Führer der Schwankenden oder unklar Denkenden). Dieses in der Weltliteratur meistbekannte seiner Werke bietet zum Zwecke einer Läuterung des wahren Gottesbegriffes von den volkstümlichen anthropomorphistischen Vorstellungen eine philosophische Interpretation der dichterischen Rede- Ostern in Palästina Eine herrliche Sonderfahrt mit dem bekannten Riesenmotorschiff ,Salurnla( (36.000 Tonnen Deplacement 8. April ab Neapel, via Palermo, Athen und Rhodos 14. April an Haifa 22. April ab Haifa, via Santorin und Athen 27. April an Neapel. Hin- und Rückfahrpreis in 2- und 4-bettigen Kabinen S 588»— 50% Ermäßigung auf den ital. Bahnen, Gelegenheit zu einem Ausflug nach Aegypten. „ItDlia"-„Cosul!cli"WiEnl,KärntnErrjnS6 Wendungen und Bilder der Bibel sowie zahlreicher in den rabbinischen Werken enthaltener unverstandener Gleichnisse, ferner eine Erörterung des Verhältnisses der mosaischen Schöpfungsgeschichte zur aristotelischen Auffassung von der Ewigkeit der Materie, Gedanken über die Prophetie und die Offenbarung, eine Theorie der göttlichen Vorsehung und der Möglichkeit des Uebels in der Welt (dieser Teil wurde besonders von L e i b n i z stark benützt und in seiner Theodicee auch hervorgehoben), eine Klassifikation und kulturhistorische Erklärung der mosaischen Gesetze und Ideen über die höchsten Lebensziele. Das Buch, arabisch geschrieben, wurde zweimal ins Hebräische und zweimal ins Lateinische („Doctor Perplexorum"), in neuerer Zeit, seit Münks französischer Edition (1856 bis 1866) in fast alle Weltsprachen übersetzt. Es hat bereits wenige Jahrzehnte nach seiner Niederschrift einen großen Einfluß auch auf christliche Theologen geübt. Namentlich wurden seine Stellungnahme zu Aristoteles und seine psychologische Analyse prophetischer Visionen von Albertus Magnus, von Thomas von Aquino und anderen Scholastikern häufig zitiert. Um das Jahr 1290 hat der Papst Nikolaus IV., als der von orthodoxen Gegnern der Philpsophie gegen Maimonides' Schriften geführte Streit nicht zur Ruhe kam, in Rom eine Kundgebung verbreiten lassen, daß er selbst die Schriften gelesen und in ihnen eine Stärkung der Basis aller monotheistischen Religionen gefunden habe. Obwohl der Verfasser als Jude das Christentum ablehne, seien seine theologischen An- •schauungen eine Stütze des Glaubens, es sei daher jede abfällige Kritik seines Werkes und jede Hintanhaltumg seiner Verbreitung untersagt und werde mit einer Strafe von 100 Silberstücken belegt werden. Im Judentum hat der „Führer" bis in die neueste Zeit, vielfach kommentiert, zeitweilig von beschränkt denkenden, den Rationalismus fürchtenden Eiferern angefochten, dafür aber von allen Bildungsfreunden als kostbarster Schatz des Wissens verehrt, den' in altjüdischer Tradition aufgewachsenen Generationen als große Pforte für das Studium der Philosophie und als Leitfaden einer idealistischen Weltbetrachtung gedient. Man kann mit Sicherheit sagen, daß ohne Maimonides' „Führer" weder Spinoza (der allerdings manche große Gedanken des Meisters von der religiösen Verankerung losgelöst, aber auf dessen „Amor Dei intellectualis" nicht verzichten konnte) noch Mendelssohn erstanden wären. Der Einfluß dieses großen Theologen auf die Geister war um so größer, als er niemals aufgehört hat, zugleich in rein religiösen Dingen und auf allen Gebieten des mosaisch-talmudischen Rechtes eine entscheidende Autorität zu sein. Jede Redewendung in seinem Kompendium der Gesetze wurde wie ein Orakelspruch betrachtet und oft zum Gegenstand gelehrter Dissertationen gemacht. Dabei haben aber selbst, diejenigen, welche sein philosophisches Hauptwerk gar nicht kannten, schon in den religionsgesetzlichen Schriften aus den in den Einleitungen enthaltenen philosophischen Betrachtungen und auf Schritt und Tritt aus allgemeinen Reflexionen Hinweise auf die Macht des Ewigen' im Menschen und die universell geltenden ethischen Pflichten erhalten. So ist der große Gedanke Spinozas: „Die SeligkeitistnichtderLohn der Tugend, sondern die Tugend selbst, und man erfreut sich ihrer nicht, weil man die Lüste im Zaum hält, sondern weil man sich ihrer erfreut, kann man die' Lüste im Zaum halten; denn die Seligkeit besteht in der Liebe zu Gott" nur die Grundidee eines Exkurses im Mischna-Kommentar Maimonides', den er schon in seinen Jugendtagen studiert hatte, bevor er noch den „Führer" 5 pezialverkehr nach Palästina Gütertransporto. Liftvans, Ueborsied'ungen Ulimann, Rink & Co. Wien I, Kurrcntgasae >2 / Tg). U-22-2-54

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