Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 448 (19.3.1935)
- Date
- 1935-03-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 448 Attet Hmm (Aus den Geschichten eines Purim-Rabbi) Von J. L. P e r e z. Ich stand bei der schmutzigen Weichsel, dort, wo die Berge Mist emporragen, die das kluge und weltgewandte Warschau ausspeit. Dort sammeln die alten dürren Weiber den schmierigen alten Kram: Blechstücke, Kupfer und allerlei Fetzen. Die Sonne war untergegangen und das graue Ufer, die schmutzig-gelbe Weichsel und der braun und blau verweinte Himmel verwoben sich zu einem wunderlichen, düsterfarbenen Tuch, auf dem gebückte, knochendürre Weibergespenster hin- und herhuschten und im Miste wühlten, die einen mit Eisenstäben, andere mit den Händen. Vor jedem Weiberirrwisch lag ein offener Sack, in dem der alte Kram verschwand . .. Die Nacht sank herab. Eine nach der anderen nahm ihren Sack auf die Schulter und verschwand im Licht der Stadt. Nur eine blieb, die häßlichste, die grausigste. Ein feuchter Mond ging auf, zwei Reihen Lichter zuckten empor und blickten zitternd in die Weichsel. Die Alte wühlte weiter. Jetzt erst bemerkte ich, daß sie nicht sammelte wie die anderen Weiber. Sie warf nicht alles, was sie in die Hand bekam, in den Sack, suchte nicht nach Metall oder Kohlen, sondern nach Fetzen, bunten Lappen und Fetzen. Ich ging hin und fragte sie: ,,He, Alte! Wozu brauchst du die Lappen!" „Wirst es noch zeitig genug erfahren!", antwortet sie mit einer knarrenden, harten Stimme und in den tiefliegenden Augen leuchtete ein Blitz von Zorn und Spott zugleich". Nun war sie fertig; sie band den Sack zu und warf ihn über die Schulter. „Wohin gehst du, Alte?" „Wirst es noch zeitig genug erfahren!" t Ich ging ihr nach. Ich hatte damals sonst nirgends hinzugehen ... Also: ich ging ihr nach und plötzlich ward alles um mich verändert. Kein Warschau, keine Weichsel mehr zu sehen, nur Sand, öder Sand, Wüste. .. und darüber ein öder Himmel ohne Mond und ohne Sterne; und vor mir geht mit kleinen Schritten die alte Hexe, den braunen Sack auf den Schultern. Tiefe Stille ... Ich höre nicht einmal meine Schritte im Sand. Von Zeit zu Zeit scheint es mir, als blicke mich das Weib vor mir über die Achsel an und lache still, ganz leise über die welken Lippen des zahnlosen Mundes. Ich ging ihr nach; ich fühlte mich bitter elend. Ich gehe ja gar nicht, meinte ich, sie zieht mich an einer unsichtbaren Schnur! ... Plötzlich verschwindet mir die Hexe in die Erde ... Was ist das?.Ich gehe einige Schritte vorwärts und sehe eine Höhle. Furchtsam springe ich nach in die Höhle; denn ich will nicht in der grausig-stummen Wüste allein bleiben. In der Höhle herrscht schweres Dunkel und schrecklich leuchtet aus der Finsternis das Gesicht der Alten. Es leuchtet gelb. In dem gelben Flecken zittern einige helle Strahlen. Bei ihrem Schein sehe ich, was die Alte tut: sie wäscht die Lappen, die sie aus dem Mist gesammelt, in zwei Eimern. Ich blicke schärfer hin und sehe: der eine Eimer enthält eine rote, der andere eine durchsichtige Flüssigkeit... „Wozu wäschst du die Fetzen?" fragte ich. „Wirst es noch zeitig genug erfahren." „Was ist in dem Eimer da?" Ich zeigte auf den Eimer mit der durchsichtigen Flüssigkeit. „Tränen!" antwortete die Alte. „Tränen von deinesgleichen, Menschentränen!" und mit singender Stimme fügte sie hinzu: „Einsame Tränen und Tränenbäche, niedergewürgte, verschluckte Tränen." „Alle Tränen?" „Nein, das wären Meere! . .. Das sind nur reine Tränen, die Tränen armer Verfolgter, die Tränen um Gottes Verbannung, Tränen ob jenes Lebens, das im Leben erstarrte, stumpf ward und elend erstickte. .." „Und im andern Eimer?" „Blut... Rotes, reines Menschenblut. .. vergossen zur Unzeit, umsonst... Blut, das die Erde nicht mag, denn es zeitigt ihr doch keine Frucht! .. . Reine3, heiliges, junges Blut!" „Und darin wäschst du?" „Die alten Lappen, wie du siehst! . . ." Das Werk der Alten schreitet vor meinen Augen vorwärts ... Die Fetzen, die in Blut und Tränen gewaschen sind, werden rein, blinkend, hell. .. Auch in der Höhle wird e3 heller.. - Lichter und lichter und jünger wird der Alten Antlitz... Die Röte um die Augen verschwindet, ein holdes Lächeln zieht über ihr Gesicht und die alten Augen leuchten mit samtweichem Blick... Je reiner die Lappen werden, desto mehr erhellt sich die Höhle, desto mehr leuchtet das Antlitz, desto strahlender glänzen die Augen... Auch ihre Gestalt strafft sich und wird gerade, schlank und biegsam, jung ... Die alten Lumpen fallen von ihrem Leib und sie steht da in göttlich-strahlender, hüllenloser Schönheit. „Um Himmels willen!" schreie ich auf. „Wer bist du?" „Wir3t es noch zeitig genug erfahren." Die Wäsche war zu Ende. Die alten Lappen waren »in und blitzten und blinkten in allen Farben... und die alte Hexe war blühend jung, als ginge sie erst dem urjungen, saftigen Leben entgegen. Sie nahm die Lappen und verfertigte daraus mit Hilfe kleiner Stäbchen gar schöne kleine Fähnehr r. . .,, F.ine Menge Fähnlein!... Die nahm sie alle und gmg damit am der l-K-hb hinavs. Ich folgte ihr . . . Jetzt war mein hritt £?an-'. anders als früher. Tch ging nicht wie gezogen an einer Schnur, jetzt schritt ich dahin, als weise mir ein goldener Stern den Weg oder das Glück selbst . . . Wieder veränderte sich das Bild: Die Sandsteppc ward heller und heller; aber dunkle Schatten schwebten über dem Sand in wunderlich-häßlichen Gestalten .. . Sternbesät der Himmel, und zwischen Himmel und Erde schwebten Milliarden von zarten Schneeflocken . . . Das schöne junge Weib blieb stehen und blickte zum Himmel . . . „Was ist das dort, zwischen Himmel und Erde?" fragte ich. „Das sind Seelen!" „Warum fliegen sie nicht in den Himmel?" „Gott sandte sie auf die Erde." „Warum senken sie sich dann nicht herab?" „Sie fürchten sich ... die Schatten schrecken sie, die ihrer hier über dem Sande schwebend harren." „Wozu?" „Um sich mit ihnen zu vereinen. Eine Seele ist nämlich ein heller, reiner Himmelstrahl. Erst ein Strahl und ein Schatten wird ein Mensch . .." „Und sie wollen nicht herniedergehen?" „Sie müssen!" Ein strahlender Blick glänzte aus den Augen des Weibes. Während sie sprach, warf sie ein Fähnchen in die Höhe. Das Fähnchen flog auf, eine Seel« faßte es und flatterte damit zur Erde. .. Die Schöne. Junge warf abermals ein Fähnchen, dann ein zweites, ein drittes, und jedes fängt eine Seele auf und fliegt damit: zur Erde. Mit jeder Seele, die ein Fähnchen trug, flatterten Hunderte von kleineren Seelenflöckchon herab. Und jede Seele saugte einen Schatten ein. Immer weniger wurdcp der Flocken und weniger der Schatten .. . Und die Seelen, welche die Fahnen trugen, und die, welche ihnen folgten, einten sich alle mit den Schatten und stoben fort in allr> Winde der Welt als Parteien. Mit leeren Händen blieb das Weib unter dem klargestirnten Himmel auf der hellsanüigen Weite. Ein leises Lächeln zog über ihre zarten Lippen, es sah wie Spott aus und einte sich mit einem bösen Blick. „Wer bist du?" fragte ich erschrocken. „Das Leben." „Was soll dein Tun?" „Ich treibe mein tägliches P u r i m s p i c 1!" antwortete sie hart und entschwand. „Auf Wiedersehen am Abend auf dem Mist!" klang es mir aus der Höhe. Ja, meine lieben Leute! Auch das Leben führt ein. Purimspiel auf! Das Leben ist ein altes Waschweib. Es wäscht Tag für Tag den alten Kram — und daraus werden neue Fähnchen, neue Parteien. Eine Seele faßt ein Fähnchen, einen bunten Lappen, gewaschen in Blut und Tränen, saugt einen Schatten ein und wird ein Mensch, ein Führer! Andere saugen nur den Erdenschatten auf und werden Parteileute. Und das Purimspiel dauert ewig, ewig! Glaubt aber nicht, daß nur Fetzen alter Kram sind. Auch Steine sind alter Kram, urewiger, alter Kram, den man nicht neuwaschen kann... Da helfen n^cht Tränen, da hilft kein Blut... %-^m^ Tm^Ma /Un^lblau , hiuar* " 11 oder '»»l 'gt* «s» Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. IX., UnivcröltätssU-Äße ~ Druck: Druckerei- und Verlags-A.-G, Iguaz Steinmajm, beide Wien,