Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1935-03-05 · Heft 444 (5.3.1935) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 444 (5.3.1935)
Date
1935-03-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2711613-2712049-2712068--4927-2718475
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

186 FHWlS 10 GfOSCheil Jahrgang 9 Dienstag/ den 5* Mäix 1935 Nr* 444 V« b« b* Zeitung vom Verleger versendet „Journal expfidie par l'edlteur" DIE NEUE WELT ™. Universitätsbibliothek Wen, i. BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.60. vierteljährig Zloty 4.50: Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—. vierteljährig Dinar 40.—; BumKnlen monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.-. vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—. vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—i Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Franca 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, Tel. A-20-2-78 - Erscheint Dienstag iz. Freitag Kanzler Schuschnigg zur flsterr. Judenfrage Anläßlich seines Besuches in London, welcher in den politischen Kreisen aller Welt höchstes Interesse erweckte, hat der österreichische Bundeskanzler Dr. von Schuschnigg Gelegenheit genommen, In ausführlicher Weise zum jüdischen Problem in Oesterreich Stellung zu nehmen. Diesmal in besonders umfangreicher Art. Er hat fast alle für die Juden und ihr Verhältnis zum österreichischen Staat In Betracht kommenden Momente besprochen und vom politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Gesichtspunkt aus erörtert. Es muß anerkannt werden, daß der Bundeskanzler in sehr würdiger Form die Stellung der Juden besprach. Es ist auch anzuerkennen, daß er bemüht war, keiner wichtigen Frage auszuweichen. Seine Aeußerungen gingen über den Rahmen konventioneller Auslassungen, die bei Behandlung der jüdischen Frage leider allzu gebräuchlich sind, hinaus und ermöglichen eine gründliche Aus* Sprache. Und diese Aussprache ist notwendig, denn vieles, was der Bundeskanzler gesagt hat, erfordert nähere Aufklärung, Ergänzung, Berichtigung und Stellungnahme von jüdischer Seite. Besondere Beachtung verdienen jene Teile der Erklärung des Kanzlers, welche sich auf die wirtschaftliche und kulturelle Seite der Frage beziehen. Es verdient vermerkt zu werden, daß der Bundeskanzler die Bestrebungen des Jüdischen Volksbundes für Oesterreich und seinen Antrag auf Lösung der unleidlichen Zustände durch Errichtung eines natio alen jüdischen Schulwerkes hervorgehoben hat. Nachstehend sind im Auszug wesentliche Teile der Kanzlererklärung, welche der Londoner Vertretung der Jüdischen Telegraphen-Agentur übergeben und vonn dieser verbreitet wurden, wiedergegeben. Freie Berufe/ Handel, Bankwesen REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Infolge von Entwicklungen, deren Ursachen wohl bekannt sind; sind die österreichischen Juden in der Hauptsache in b e s t i m m t e n Tätigkeitsgebieten beschäftigt, in denen sie früher sogar die große Mehrh.ei.t ausmachten: in Handel, Bankwesen, , Rechtsleben, Medizin, Journalismus, wie im allgemeinen in den freien Berufen. Dieser Stand der Dinge wurde noch weiter unterstrichen durch die Tatsache, daß die. Karrieren in den anderen Betätigungsgebieten der nicht jüdischen Bevölkerung offenstanden. Die nichtjüdische Bevölkerung zog öffentliche Karrieren vor: man wurde Staats- oder städtischer Beamter, zog ein Unterkommen im Gerichtswesen oder Militär vor und hatte keinen Grund, den Lebensunterhalt in Handel, Bank- Wesen und freien Berufen zu suchen. Die Nachkriegszeit hat diese Situation geändert. Die Möglichkeiten für Karrieren im öffentlichen Leben wurden sehr herabgemindert. Sowohl das Einkommen der Beamten als auch ihre Chancen auf Beförderung haben sich vermindert. Die militärische Laufbahn ist eine fast verschlossene. Infolgedessen hat sich die nichtjüdische Bevölkerung in wachsendem Maße dem Rechtslöben, der Medizin und den anderen freien Berufen zugewandt; und als sie die Mehrheit der Positionen in diesen Berufen durch Juden besetzt fand» sah sie hierin eine Ungerrchtigkeit, sie wollte sich damit' nicht abfinden, daß die Juden in diesen Benifen zu 70 oder 80 Prozent vertreten sein sollten, wo die Christen 95 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, Öffentlicher Dienst Während der fünfzehn Jahre des sozialdemokratischen Regimes im Wiener Rathaus War es ein Prinzip, daß jeder, der eine Position oder eine städtische Anstellung zu erlangen wünschte oder sonst in irgend einer Weise in eine Beziehung zur Stadtverwaltung zu treten wünschte, der sozialdemokratischen Partei beitreten müsse. Als dann die Macht der Sozialdemokratie gebrochen war, versuchte das neue Regime, die Stadtverwaltung von diesen politischen Einflüssen zu befreien; dies der Grund, weshalb eine große Zahl von Beamten und Angestellten entlassen wurde. Zweifellos sind auch 3'üdische Aerzte in einer gewissen Anzahl von dieser Maßnahme betroffen worden; aber das geschah nicht aus religiösen Motiven, sondern hatte seine Ursache in der politischen Tätigkeit der Entlassenen. Die Tatsache, daß die Zahl jüdischer Angestellter in den öffentlichen Diensten sehr beschränkt ist, ist, wie bereits angedeutet, das Ergebnis historischer Entwicklung. Aber jenen Juden, die Anstellung in öffentlichen Diensten gefunden haJben, ist die Möglichkeit gegeben, gemäß ihrer Begabung und in Ansehung der von ihnen geleisteten DfeBSte ftoh«i & höchste Positionen zg erreichen. Es Wer^; einen Lebensunterhalt sucht, hat keine Geduld -zu historischen Erwägungen. So geschah es, daß mehrere Berufskörperschaften die Forderung nach Inkrafttreten eines Numerus clausus aufstellten. Es muß aber gesagt werden, daß die Schwierigkeiten in den'richterlichen und medizinischen Berufen in einem solchen Maße angewachsen sind, daß es sogar im Interesse der jüdischen Angehörigen dieser Berufe selbst notwendig gworden ist, den weiteren Zutritt zu diesen Berufen zu beschränken. Es wurden jedoch keine Maßnahmen ergriffen, die erworbene Rechte verletzt hätten. Auch im Bankwesen hatten Juden die große Mehrheit, der Positionen inne. Die Direktoren der Großbanken waren zum großen Teil Juden, die ihren Verwandten, Freunden und Bekannten Stellen verschafften; auf diese Weise haben Juden die Mehrzahl der höheren Posten bekleidet. Nach dem Zusammenbruch der Großbanken hat es die Regierung, die kein Risiko in der Verwaltung der das ganze Land berührenden öffentlichen Finanzen eingehen konnte, für notwendig gehalten, an die Spitze der großen Finanzinstitutionen neue Männer zu setzen, die früher führende Positionen nicht bekleidet hatten. Diese Erwägung hatte Personaländerungen im Gefolge, nie aber war das System der Auswahl von Erwägungen religiöser Natur inspiriert. Die Vereinfachung des österreichischen Banksystems und die Reduzierung des Beamtenstabes, die sie im Gefolge hatte, haben Juden und Christen in gleichem Ausmaße betroffen. ■— Ostjudenfrage gab und gibt immer noch jüdische Ministerialräte, sogar Direktoren verschiedener Aemter, denen die wichtigsten Agenden übertragen sind. Die Möglichkeit einer Vertreibung der „O s tj u d e n", die von mehreren Kreisen vorgeschlagen wurde, ist von der Regierung nicht ins Auge gefaßt worden. Es gibt viele Gründe, die eine solche Maßnahme als undurchführbar erscheinen lassen; es würde durch sie ein Teil der Bevölkerung betroffen werden, der seit zwanzig Jahren in Wien lebt und dort verwurzelt ist. Diese Menschen haben Verbindungen mit alteingesessenen Österreichischen jüdischen Famiüen angeknüpft, und. sie sind mit diesen in wirtschaftliche Beziehungen von einer Art getreten, daß ihre Vertreibung bedauerliche Rückwirkungen auf die gesamte österreichische Judenheit haben müßte. Ferner haben diese Juden auf ihre frühere Staatsangehörigkeit verzichtet und sind .staatenlos" geworden; somit würde ihre Vertreibung Komplikationen auf dem Gebiete des internationalen Rechts nach sich ziehen. Alle Gerüchte über die Durchführung solcher Maßnahmen entbehren darum jedweder Grundlage; Befürchtungen nach dieser Richtung sind absolut uBgerecktferügt, ludenst aaf spartet Österreichs Mittwoch, den 6. März 1935, im ZENTRALHEIM, Wien 1, Werdertorgasse 14, um halb 9 Uhr abends, VORTRAG Referent: MOSES LUTZKY Thema: Bericht Uber eine Palästina-Reise Donnerstag, den 7. März 1935, im Cafe" Mariahflf, VI., MariaMIfenstraße 89 a, um halb 9 Uhr abends VBßSAIIMLUXG Die Juden und die Sdfoule Ein im Herbst 1934 bezüglich der städtischen Schulen in Oesterreich verkündetes Dekret hat in gewissen jüdischen Kreisen ebenfalls Anlaß zu Befürchtungen und Klagen, die unberechtigt sind, gegeben. Das Reichsgesetz der alten österreichischen Monarchie sah mit Bezug auf städtische Schulen vor, daß die Schuldirektoren der Religion entnommen werden sollen, der die Mehrzahl der Schüler angehört Diese Bestimmung begünstigte die Ernennung jüdischer Schuldirektoren in jüdischen Schulzentren. Anderseits haben orthodoxe Juden oft den Wunsch geäußert, daß ihre Kinder in besonderen Schulen und Klassen unterrichtet werden, damit der Stundenplan so gestaltet werden könne, daß die Kinder am Samstag vom Schreiben und Zeichnen befreit werden können. Die Teilung von Klassen mit einer großen Schülerzahl in mehrere Parallelklassen unter Berücksichtigung der Religionszugehörigkeit der Schüler sollte nicht als die Absicht gedeutet werden, für die jüdischen Schüler ein „S c h u 1 - G h e 11 o" zu schaffen, sondern vielmehr als der Wunsch, eine praktische Organisation aufzubauen, die auch für die jüdischen Schüler von Vorteil ist. Man darf nicht vergessen, daß wichtige jüdische Gruppen eine angemessene jüdischeErziehung fordern, daß z. B. die orthodox-religiösen Schulgemeinden und der Jüdische Volksbund für Oesterreich die Schaffung nationaler jüdischer Schulen verlangt haben. Diese und ähnliche Maßnahmen sollten deshalb nicht als durch a n t isemitische Motive inspiriert beurteilt werden. Antisemitismus Verschiedene Kreise erheben Beschwerde über die in einem Teil , der Presse gegen Juden , und Judentum gemachten Angriffe. Aber es gibt auch eine jüdische Presse, so daß die Juden die Möglichkeit Die grollen, vorzüglichen salonscuui t „GAULEA", „GERUSALENNE". „PALESTINA" der direkten Eillinie TRI EST—JAFFA des LLOYD TRIESTINO verkehren jeden Mittwoch und jeden zweiten Freitag Fahrpreis in der ausgezeichneten Touristenklasse samt vier Mahlzeiten täglich bloß ca. ö. S 258—. Auskünfte: Lloyd Triestino, Wien, I., Kärntner ring 6

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.