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Die neue Welt · 1935-02-22 · Heft 441 (22.2.1935) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 441 (22.2.1935)
Date
1935-02-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite S DIE NEUE WELT Nr. 441 De* Sciwut du luvend (des Bundes Hatte) Von Perez S 'Schluß) Deutsch von Dr Mit einer Stimme, aus der mehr ein herzzerreißender Schmerz als verhaltene Wut herausklang, sprach er zu sich: „An wem soll ich mich denn zuerst rächen, sie sind ja alle treulos, verlogen, Mörder! Kann ich denn alle aus der Welt schaffen? Vater, die Wahrheit deiner Worte geht jetzt vor meiner Seele wie dieses Sonnenlicht auf. Du sähest bald deinen Irrtum ein, wir Toren aber fuhren fort, zu irren, und irrten sehr schwer. Ach, eint Faust, wer gibt uns eine starke Faust statt Recht? Einen eisernen Arm statt Redlichkeit? Hätten wir ihn, dann würde man auch unsere Stimme hören... Aber eine Faust hätten wir auch für uns selbst nötig, um uns selber ins Gesicht zu schlagen. Wir haben gefrevelt wie alle, anderen an uns, an unserem Volk: Unsere Väter durch falsche Unterweisung, unsere Mütter durch falsche Lehren, und wir, die Jugend, durch Uebermut, durch freventlichen Trotz. Wir sündigen an uns selbst schwerer als jene Fremden; jene berauben uns unserer irdischen, vergänglichen Güter, wir hingegen töten in uns alles mcraiische Gefühl und berauben uns der heiligsten £e>tigen Güter." In diese Gedanken verloren, seine Monologe immer wieder vor sich hinmurmelnd, kam er, ohne es zu merken, zur Stadt zurück, wo er mit einem Male mehrere Juden erblickte, die barfuß und gesenkten Hauptes, gleich Traiiernden, an ihm vorüberschritten. Dieser Anblick stört;- ihn aus seinem Gedankengang auf. Was, fragte er sich, hat man diese Menschen aus ihren Wohnungen gejagt und ihre Häuser zerstört? Aber dieser langsame Schritt ist nicht der von Fliehenden, da folgen ja noch andere und wieder andere. Immer nach derselben Richtung. Was hat sich denn zugetragen? Ein Trauerzug? „Ihr Unglücklichsten der Unglücklichen!" rief er ihnen nach. „Begreift ihr denn den ganzen Jammer eures Schicksals? Das hat ihr euren eigenen Kindern zu verdanken." Und weiter wandelte er ziellos in den Straßen herum, das Elternhaus meidend, um es nicht in früher Morgenstunde zu erschrecken. Er fürchtete überdies die erst unvermeidliche Aussprache mit seiner Mutter. Da hörte er plötzlich lautes Klagen, von heftigem Schluchzen unterbrochen. Einen Schmerzensschrei, der aus Hunderten von Kehlen, von zerrissenen Herzen hervorzudringen Sellien. Der Schmerzensschrei von Männern, Frauen und Kindern, deren Stimmen ineinanderflössen, um wie ein tiefverschlungener Jammerruf zum Himmel emporzusteigen! Ungar erbebte tief in seiner Seele. Eine Sekunde stand er wie vor einem Rätsel, schrie aber bald bestürzt auf: „Man schlachtet, man mordet. Es ist die Stimme meiner Brüder, die vor ihren Henkern knien. Hier bin ich! Rache den Feinden! Es geschehe was immer, ich will mit meinen Brüdern den Märtyrertod finden." Und als er so rief, stürzte er sich mit der ganzen wiedergewonnenen Kraft und wiedererwachten Wut in das Innere des Gebäudes, aus dem diese Stimmen drangen, die Tür gewaltsam aufreißend, um dann wieder bei dem sich ihm darbietenden Anblick jäh zurückzuprallen. Es war der innere Raum der Synagoge. Da saßen sie alle wie tief Trauernde auf der Erde. Alle barfuß, mit gesankten Häuptern, tränenden Augen und erschütternden Klugen. Er staunte dieses Bild eine Minute an. Er fragte Bich, ob er träume oder etwa geistesgestört wäre. Bald aber erwachte sein Bewußtsein in ihm. Er fühlte sich wie von einer geheimen, starken Hand erfaßt, warf sich ebenfalls auf die nackte Erde nieder, zog seine Schuhe rasch von den Füßen, sie weit von sich werfend, schlug beide Hände über seinem Kopf zusammen, um in ein Klagen auszubrechen, das durch seine Heftigkeit alle anderen eiiu; Minute übertönte, herzzerreißend, markerschütternd. Es war wie ein Kommandoruf, der die Kriegsstimmen auf dorn Sehlachtfelde weckt, denn gleich darauf ergossen Bich die klagenden Stimmen aller Anwesenden mit erneuter Heftigkeit und wogten gleich aufgepeitschten Fluten durch den weiten Raum. Der Sturm von Hunderten gebrochenen Herzen vereinte sich mit dem Sturm eines hundertfach gebrochenen Herzens und wurde zum rasenden Orkan. Das war der Schrei des mit Füßen getretenen, des ungestraft geschmähten Volke» Juda, der zum Himmel emporstieg. Dieses Klagen, das ihnen Erleichterung zu (schaffenschien, dauerte nun fort, selbst als Ungar verstummt war und, sein? Tränen herabwürgend, den Kopf zwi';ohei? beiden Händen zusammengepreßt hielt. Lange saß er so, wie vernichtet, da, vor sich hin- Btairend, als eine bekannte Stimme an sein Ohr schlug. „Wie soll mir Trank, ach, oder Speise munden, Bi'h' deinen Löwen ich zerfleischt von Hunden..." Diesn Stimme griff ihm ins Herz und machte ihn t'c-f erbeten. Die Stimme seine« Vaters war es, der heute dm neunten Ab zum erstenmal seit Jahren die Synagoge wieder aufgesucht hat. Jetzt schlug auch er das Buch der Klagelieder auf und begann das unsterbliche Zionslied Halevys zu lesen. Und wieder tropften ihm Tränen aus den Augen, die immer reichlicher, immer heftiger hcrvorflossen, bis sie den druckenden Alp von seinem Herzen lösten. Immer milder wurde sein Schmerz und Immer sanfter der Sturm in »einer Seele. molenskin . J. L. Landau*) Als er sich nun nach vollendetem Gebet erhob und um sich blickte, glaubte er eine andere, eine neue Welt vor sich erstanden zu sehen, worin Liebe, Brüderlichkeit und Freundschaft herrschen. Und bevor er noch in der Lage war, diesen neuen Gedanken zu Ende zu denken, trat sein Großvater in der ganzen majestätischen Würde seines Greisenalters an ihn heran, legte ihm die Hand aufs Haupt und sprach mit zitternder Stimme: „Gott segne dich, mein Sohn." Einige Tränentropfen perlten in seinen hell leuchtenden Augen, die bald über seinen silberweißen, lang herabwaüenden Bart sanft herniederflossen. Aus seiner Stimme klangen Trost, Hoffnung und Vergebung. Seine Worte weckten in allen Anwesenden, den Vätern und Söhnen, den Alten und Jungen, das Verlangen nach gegenseitiger Versöhnung, das Bedürfnis nach Liebe, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, so daß alle dieser Szene tief gerührt gegenüberstanden. Die Jünglinge baten ihre Eltern aufrichtig um Verzeihung und gelobten, zu ihrem Volk zurückzukehren, um von nun ab pflichtbewußte Juden zu sein. Und so hat sich der Trauertag für jene Unglücklichen in einen Festtag umgewandelt. Das sind ja überhaupt die schönen Tage unseres Volkes, das, trotzdem es nach allen Richtungen gejagt und gehetzt wird, gleich dem Staube getreten, und manche seiner Kinder erbarmungslos hingeschlachtet werden, in dem Gedanken Trost, frische Kraft und frischen Mut zu weiterem Martyrium findet, daß im Innern seiner Wohnstatt noch immer Treue, Hingebung und der Wille der Zusammengehörigkeit walten. Alle anwesenden jungen T.eute schlössen Freundschaft miteinander und gelobten, ihrem Volk treu zu bleiben. Und Ungar, von einem neuen Geist beseelt, rief: „Schwer habe ich gesündigt, und da ich nun zurückkehre, des großen Irrtums meines verflossenen Lebens mir bewußt, schwöre ich, meinem Volke auch ein Sühnopfer zu bringen. Ich kehre auch ins Land meiner Väter zurück. Das Land, das einst die Wiege unseres Volkes war und heute noch sein stolzer, hoffnungsvoller Gedanke ist. Dorthin will ich, dorthin." „Was meinst du, mein Sohn?", fragte der Vater, der bis jetzt in stummer Bangigkeit vor ihm stand. „Das werde ich nun tun", antwortete Ungar. „Rächen will ich mich an meinen Feinden. Rache habe ich ihnen geschworen. Das sei nun meine Rache. Einem fremden Volk habe ich früher mein Leben, meine Kraft, meine besten Gedanken geweiht; alle meine Wünsche und Strebungen gingen dahin, unsere Vergangenheit auszulöschen, um uns ihnen vollständig anzuschließen. Wir wollten somit unser Volk, wiewohl durch Liebe und Wohlwollen, vernichten. Da kamen sie, die alten Mordgessllen, um die alten Mord- und Raubszenen zu wiederholen, um diesen Vernichtungsprozeß durch Feuer und Blut zu beschleunigen. Ich weihe von heute an jeden meiner Atemzüge, jeden Tropfen meines Blutes der Wiederaufrichtung der Zionstrümmer und der Wiedergenesung meines armen Volkes. Jeder edle und tapfere Jüngling folge meinem Ruf und meinem Beispiel, daß nuii unsere Rache an ihnen nicht Gewalt, nicht frevlerische Faust, nicht Feuer und Eisen, sondern unser neuerwachter und neuerstarkter Geist unsere größte und stolzeste Rache sei. Unsere jetzige Verbrüderung, die Vereinigung unserer jungen Kräfte, zum Heile unseres Volkes, zum Helle Zions, sei des Bundes Rache!" *) Chief-Rabbi Dr. J. L. Landau ist ordentlicher Professor der Universität in Johannesburg (Südafrika). Ein Vergnügen erwarten ♦ ♦ ♦ auch ein Vergnügen! Tausende Feinschmecker freuen sich jetzt schon auf das Pessach-Fest, weil sie dann acht Tage hinduroh, fleißig die so delikaten „Schmidl-Mazzoth" schmausen werden. Andere, die noch klüger sein wollen, denken sich: Wozu warten ... man bekommt doch jetzt schon überall frische „Schmidl-Mazzoth" ... und naschen täglich von dieser so schmackhaften, bekömmlichen und doch so billigen Delikatesse! Mazzoth — dieses salzfreie Gebäck — ist bei jung und alt sehr beliebt. Kenner aus Erfahrung wissen ... „Schmidl-Mazzoth" sind besondere Leckerbissen! Darum herrscht schon jetzt eine rege Nachfrage nach „Schmidl-Mazzoth", die Kranken und Gesunden... so vorzüglich munden. Auch Sie sollen „Schmidl- Mazzoth" essen, die bei Zehntausenden als die besten gelten. Die besondere Beliebtheit der seit mehr als 40 Jahren, bekannten „Schmidl-Mazzoth" ist nicht nur darauf zurückzuführen, daß sie so schmackhaft sind. Der Inhaber der „Schmidl-Mazzoth"-Fabrik, Herr Nathan B.r o d e t z k y, den Wiener jüdischen Hausfrauen als der liebenswürdige und tüchtige Chef der großen Lebensmittelhandlung Leopoldsgasse 43 wohlbekannt, ist stolz darauf, daß die „Schmidl-Mazzoth"-Fabrik auch ein Muster an Reinlichkeit darstellt. 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Gibt es uns doch das Bild eines Mannes, der gleichsam vorahnend die Ereignisse des Jetztzeit kommen sah, der lange vor dem Weltkrieg dessen die Geschichte der Welt umwälzende Fol?,.mi seherisch prophezeite. 10 CHtt prompt U>trfciti>c£ fd)mcrjtfttHcttb;ä Wittel ift, roic über 6000 notariell beolctübiflie l(llcßutcufjten bemctfcH, Üoflal. <8cfd)U>erucn in bcii töelenfcu unb ©liebern, flicfjtifdic unb rr)eumattfcf)c s43efcf)n)crbcn, Äoppjmcracn werben nad) oorlicnenbeu Urteilen mit 'toci.alVtablettcn mit fllciujenbcm (grfola, befämpft. Xoflal ift in jeber Wpotljcfc ,}u rjaßcn. E Empfehlenswerte Firmen Hestaurants, Cafes etc. Ilotcl-ltestmuunt „Stephanie*', II., Taborstraße 12. Vorzügliche Wiener Kü.-he. Speisen am Rost. Menü ab S 1.60. Taglich frische Fische Restaurant Uillet, vorzügliche streng orthodoxe Küche, II.. Hammer-Purgntall-Gasse, bei Salztorbrllcke. Cafe-Kcstaiirant Kdisnn, VIII., Alseratraße t> Tel. B-43-0-47, B-13-0-86. Cnfc-Kcstutirnnt Espresso, i., Kotenturmsti'. .-'e l. 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Wochen-Kalender Februar 1935 TW ri*snri Adar 5695 breitag 22 19 Sabbateingang 5.20 Samstag- 23 20 Sabbatausgang 6.10 Sonntag 24 21 ■ ■ Montag 25 22 Dienstag 26 23 Mittwoch 27 24 Donnerstag 28 25 - Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Druckerei- und Verlags-A.-G. IgnM »teinmann beide Witt* IX,, TJniversitätsstraße d—8. '

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