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Die neue Welt · 1935-02-19 · Heft 440 (19.2.1935) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 440 (19.2.1935)
Date
1935-02-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seife 4 DIE NEUE WJEL1 HO Von den Juden in Tunis Am Sabbat Die in der Schilderung enthaltene Betrachtung über das Verhältnis zwischen Arabern und Juden hat durch die jüngste Pogrombewegung in Nordafrika eine traurige Bestätigung erfahren. Vor dem Feiertag konnte man die oft nur eine einzige Person aufnehmenden Winkelgassen der Judenstadt haum passieren. Das Haus wurde von unten bis oben geputzt, gewaschen und aller Kehricht auf die, Straßen geschafft. Aeußerlich übrigens der Hauptunterschied zwischen dem Ghetto und der Araberstadt.Oer Araber hält die Straße rein und das Haus schmutzig; der Jude umgekehrt. Dazu kommt, daß das Ghetto, oft rein afrikanisch-primitiv, auf hügeligem, verwahrlostem Terrain erbaut, man kann eher sagen: verfallen ist. Wie will man Sauberkeit in teils ungepflasterte Straßen bringen, in denen man knietief in Pfützen des Lehmbodens stolpert? Am Sabbat aber hat man, so gut es geht, den Kehricht fortgeschafft. Sonne sengt sehr weiß die leeren Straßen. Ich frage mich nach der ältesten Synagoge durch, die angeblich aus dem vierten Jahrhundert .stamec:; soll. Treppen führen zu ihr hinab; sie ist halb im Erdreich versunken. Drunten aber, statt der erwarteten rrrauverfaller.en Mauern, wirkt der klarblaue Farbton, in dem der ganze Innenraum gestrichen ist, überraschend festlich und h iter. Von vielen kleinen Säulen eines eigentümlichen 5 der an romantische und maurische Formen erinnert, we:..:i die niedrigen Rundbogen gestützt, und in dorn kleinen Vorhof unter offenem Himmel sitzt eine Anzahl kleiner Jungen, die unter Obhut ihres Lehrers mit aller erdenklichen Lungenkraft ihre Gebete aufsagen. Andere liegen in der warmen Sabbatstille auf Strohmatten und auf Wandbänken. Der größte und reichste Tempel zeigt im Hinterschiff die seltsame Anordnung von vier Säulenwänden hintereinander, in zartes Grün getüncht, und die Kuppel ist mit arabischen Buntkacheln gedeckt. Die meisten der eintretenden Männer tragen europäische Tracht; sehr seltn sieht man Burnus und Turban. Welcher Gegensatz aber zwischen ihnen und den sie vor der Haustür erwartenden Frauen! In den wildesten Farben, rein orientalisch, phantastisch stehen sie in den baufälligen Rundbogen. Das meist zitronengelbe seidene Kopftuch lallt stets in einem spitzen Zipfel über den lose hängenden Haarzopf in den Na.ck.en. Eine kurze, scharf blaurosa Bluse mit kleinen Puffärmeln sitzt über grasgrünen, enganschließenden Aermeln, da die Jüdin keine entblößten Arme zeigen darf. Die Bluse ist mit harten Gold- .oder Silberborten besetzt. Dazu werden entweder lange, weiße Leinenhosen mit Spitzen bis auf .die ringgeschmückten Knöchel oder gestreifte . Seidenröcke getragen. Noch seltsamer aber wirken die drei Frauen dort auf dem. trostlosen Schutthügel, der einzelne verfallene weiße Häuschen mit Gitterfensterchen wie ein Gefängnis trägt, die noch unverändert das alttestamentarische Gewand: den über den Kopf gezogenen Streifenmantel wie vor. über zweitausend Jahren, beibehalten haben. Schneeweiße Seide als Mantel mit enormen Pluderhosen sieht man am häufigsten bei den in der Stadt Tunis selbst geborenen Frauen. Die farbigen Kostüme gehören den aus ganz Tunesien dem Ghetto zugeströmten Jüdinnen zu. Etwas weiter die Schutthaufen hinab lehnt eine schön?, junge. Frau im Torbogen eines gut gehaltenen großen Hauses. Sie trägt zu einem goldgestickten roten Samtkleid ein weißes Mützchen und lädt mich mit einer Gc-te ein, einen Blick in das Innere ihres Hauses zu tun. Wie gebannt bleibe ich stehen: ein offener, viereckiger Hof, mehr ein Garten, von zauberhafter Stimmung. Die Wände und die ringsum laufenden Holzgalerien, an denen sich Wein voll emporrankt, sind in leuchtendem Türkisblau gestrichen, und die Sonne liegt, von violetten Schatten unter den Laubgalerien begrenzt, in breitem, strahlendem Orange auf dem roten Ziegelboden. Ueberau an Wänden, Türen und' Balken kehrt das charakteristische Symbol für die tunesischen Juden wieder:.die erhobene Hand und der Fisch. Auch die drei kleinen Mädchen, die in ihren wilden Farben mit den Haustieren tollen, tragen Seidenkleider, auf denen «ich überall als Borte der Fisch, und die Hand wiederholrn. Der Hausherr tritt hinzu. Er stammt aus der Oase Gaben und trägt arabische Tracht mit weißem Burnus und rot-weißen Turban. Nachdem ich meine Freude über die-. Schönheit und Sauberkeit seines Hauses ausgedrückt Im:<■/:. sprechen wir über die unmöglichen hygienischen Verhältnisse draußen.?;«: f t!: 11 i 111111111111111 ■ 1111 ■ 1111 ■ 111 ■ 111111 ■ ■ i ■ ■ I ■ 11111 ■ 1111111 ■ 11 ■ I Palästina - Reisen | E i, Einzelreisen jede Woche zu Original- S E preisen. S r 2. Gesellschaf tsreisen zu Purim, zur Makka- S biade und zu Ostern, darunter am ~ 8. März 1935 mit Dampfer „Rex" (51.000 t) E 5 und mit den Dampfern des Lloyd Triestino. E Reifeleitung: M. M. Racker Nordisches Reisebüro,Wien I,Graben 10,Tel.31 E =~t > m 11 a i n 111111; 111 f 11111111 n 111111111 m 111 n 1111111 > 11111111111111 n i r? ,,Es ist da viel versucht worden", meint er achselzuckend, „aber man müßte das Ghetto von Grund aus niederreißen und neu aufbauen. Gewiß, es ist nicht so malerisch und sauber wie drüben bei den Arabern. Aber trotzdem - wer dürfte von uns klagen? Es hat noch keiner im Ghetto gehungert. Unser Wohltätigkeitsfonds ist durch einen Glaubensgenossen so groß, daß die Kommune für alle Wohnung und Brot schaffen kann. Die Schule ist umsonst, und selb.it bei Eheschließungen erhält die Braut einen Heiratszuschuß in der Höhe, die dem Beruf des Mannes entspricht." Ich befragte meinen Wirt noch über das Verhältnis der Araber zu den Juden, Er hob, bitter lächelnd, Schulter und Hand. „Unüberbrückbare Gegensätze. Den arabischen Kindern erzählt man schon Schauermärchen, daß die Jüdinnen den arabischen Frauen die Zöpfe abschnitten, um sie dem Kus- Kus, dem Nationalgericht, als wohlschmeckende Beigabe zuzusetzen. Angeblich hat Mohammed die Juden ausgetilgt. Daß es trotzdem noch Juden gibt, schreibt sich einer Mitleidsregüng des Propheten zu, der den jammernden Jüdinnen ihre toten Männer aus dem Grabe noch für eine Nacht zugesandt hatte. — Verhetzung und Verleumdung im ganzen Volk. Teils religiöser Fanatismus, teils Mißgunst, daß wir die ersten sein konnten, die in Europa Filialen unserer Seidengeschäfte und Orientwaren aus den Souks gründeten. Freilich, wer es zu etwas gebracht hat, bleibt nicht im Ghetto. Die junge, wohlhabende Generation wohnt im modernsten französischen Viertel nahe dem Belvederepark, wo es Lift und Baderäume gibt. Aber um alles in der Welt tauschte ich mit ihnen nicht mein schlechtes, altes Haus gegen diese kalten, luxuriösen neuzeitlichen Wohnungen.!" Er sah sich um in seinem weinberankten, von Sonne überfluteten blauen Gartenhof, und sein Gesicht leuchtete auf. „Es ist nicht so schlimm, wie es von außen scheint, das Ghetto. Und wenn Sie wieder kommen, bleiben Sie nicht draußen, sondern treten Sie immer ein, bei mir, bei den anderen. Sehen Sie unsere Stadt von innen, dann vergeben Sie ihr vielleicht ein wenig die beschmutzten Schuhe und den nüchternen Eindruck!" Lotte Jonas. Auekdcleu tuqs im Jteiksäutd Dem jüdischen Volksmund entstammt eine lange Reihe witziger Anekdoten rings um das Haus Rothschild, von dessen Reichtum, karitativem Wirken"und großzügiger Lebensauffassung der Ruf bis in die fernste und ärmste Stube gedrungen ist. Rothschild — das'\Var '(und ist zum Teil hoch) der faszinierende' Name einer jüdischen Familie,- um den sich die YVuiischträume des-Weihen jüdischen Mannes ranken, Und ein Stück Stolz und Hoffnung in trüben' Tagen. -Wir' veröffentlichen im nachstehenden einige Rothschild-Anekdoten, in denen der Humor des „ialten" Rothschild und seiner „Schnorrer" zum Ausdruck kommt. Die Tolettldaye Anselm Freiherr von Rothschild war gestorben. Im Trauerzug geht der alte Levy. und,' weint h'erzzerbrechend. Man fragt ihn nach dem Grund seines unerschöpflichen Tränenstroms. „Ich weine nur, weil der reiche Baron Rothschild gestorben ist." „Das ist der einzige Grund? Sie waren doch gar nicht verwandt mit den Rothschilds." „Deshalb wein' ich doch . . ." Oh ßiwtotylUUec HleH&cU In Erledigung seiner Wohltätigkeitspflichten hatte der alte Baron täglich einen anderen armen Glaubensbruder zu Tisch. Eines Tages ist der krumme Berdach zu Gast, erscheint aber in Begleitung eines fremden Mannes beim Mittagessen. „Berdach, ich habe doch nur Sie allein zu Tisch geladen, und Sie bringen noch jemand mit?", sagte der Baron erstaunt. „Entschuldigen Sie, Herr Baron, aber jener ist bei mir in Kost!" Jlotfoduld Ut pleite* Zwei Schnorrer kommen zum Frankfurter Rothschild, um seine Mildtätigkeit in Anspruch zu nehmen. Der eine geht die Treppen der Villa hinauf, der andere wartet vor dem Haus das Resultat des Betteins ab. Schon nach wenigen Augenblicken erscheint der Genosse wieder. „Weshalb bist du schon zurück?" fragt der Wartende. „Du brauchst dich gar nicht hineinzubemühen, Rothschilds sind auch schon pleite." „Rothschilds pleite? Bist du verrückt?" „Ich hab' durch das Schlüsselloch bei der Tür geguckt und hab' gesehen, wie zwei gespielt haben auf einem Klavier." Du VecUwtyd Dem Berutsschnorrer Katz ist es endlich gelungen, bis ins Wohnzimmer des Barons Rothschild vorzudringen. In bewegten Worten schildert Katz seine Not. „Herr Baron, ich bin ein vom Unglück verfolgter Musiker. Was ich angreif in der Kunst immer nah' ich Pech!" ,,So, so, Sie sind Musiker?" ,,Ja und vom Pech verfolgt." „Was für ein Instrument spielen Sie denn?" „Fagott, Herr Baron." Da geht der Baron zu einer Vilrinr, entnimmt ihr ein Fagott und reicht es Katz mit den Worten: „Spielen Sie mir etwas vor!" Resigniert betrachtet Katz das Instrument und platzt dann heraus: „No, sehen Sic, Herr Baron, wie mich das Pech verfolgt? Ausgerechnet ein Fagott müssen Sie haben." Rothschild %iU einen Hat Ein jüdischer Kaufmann beklagt sich bei Rothschild, daß es ihm nicht möglich sei, von einem Schuldner 1000 Gulden zurückzubekommen. Als der Baron ihm riet, den Mann einzuklagen, gestand er, daß er kein schriftliches Anerkenntnis der Schuld besitze. „Schreiben Sic ihm", sagte der große Finanzmann, „er solle Ihnen umgehend die 1500 Gulden. zurückgeben." „Aber es v?ären doch bloß 1000 Gulden!" „Er wird Ihnen antworten, daß es nur 1000 Gulden waren, und Sie habtin das Anerkenntnis . der Schuld schriftlich in der Hand." Jüdische liltdrn! Der schlechte Fortgang Ihres Kindes ist lasch behoben. Wenden Sie sich daher an die „J ucl äa" (Gesamtverbancj, jüdischer Hochschüler Oesterreichs), die Ihnen unentgeltlich bewährte Lehrer in ullen Fächern der Mittelschule suwie in H e b r ä i s c h vermittelt. Auskünfte täglich von 2 bis 5 Uhr nachmittags, im Sekretariat, IX., Alserstraßc 26 oder Tel. A-25-2-2S. 1 - iiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiriiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiii SCHIFFMANN.1 'WtffMW »»• Seiden-Reste .nuuuimn 50 75 ■ einfarbig und imprimc (Mongol, Flamisof;. 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Eisrertümer Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. - DrucU: Druckerei- und Verlagg-A-a Ignaz Steinmann, beide Wien, ^* ' 0 IXyaiversJtätsßtraße 9,

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